Die Situation für die gesamte Wirtschaft ist extrem gefährlich, dramatisch wie 2008

http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/portugal_ist_als_naechstes_an_der_reihe_1.13088109.html

Griechenland ist erst der Anfang: Charles Wyplosz, Wirtschaftsprofessor am Genfer Graduate Institute, rechnet mit weiteren Zahlungsausfällen europäischer Staaten. Die Bankenkrise sei so dramatisch wie 2008, erklärt er in einem Interview mit der NZZ am Sonntag.

Interview: Sebastian Bräuer

NZZ am Sonntag: Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker hat am Samstag erklärt, dass die Banken auf einen grossen Teil ihrer Forderungen gegenüber Griechenland verzichten müssen. Werden sie das freiwillig tun?
Charles Wyplosz*: Die Banken würden nie freiwillig einer Massnahme zustimmen, die für sie ernstzunehmende Verluste zur Folge hat. Der Schuldenschnitt Griechenlands wird verpflichtend sein müssen.
Im Juli hatten einige Banken signalisiert, sich auch an einem freiwilligen Forderungsverzicht zu beteiligen.
Damals war von einer Reduzierung der griechischen Schulden um 21% die Rede, und der Beitrag der Banken wäre letztlich sogar noch tiefer ausgefallen. Das Ganze wäre eher eine Hilfsaktion für die Banken gewesen als für Griechenland. Es war beschämend. Jetzt ist von einem Schuldenschnitt von 50 bis 60% die Rede, das ist realistischer.
Warum ist ein solch hoher Verzicht durch die Gläubiger notwendig?
Der Ansatz von Europäischer Union (EU) und Internationalem Währungsfonds (IMF), dem Land immer strengere Sparmassnahmen vorzuschreiben, kann nicht funktionieren. Anfang 2010 hatte Griechenland eine Schuldenlast von 140% des Bruttoinlandprodukts (BIP). Jetzt, nach all den Streichungen und Entlassungen, sind wir bei fast 200%. Trotzdem sagen IMF und EU, streicht noch mehr, entlasst noch mehr. Sie haben es noch nicht verstanden.
Der Schuldenschnitt bedeutet auch, dass Kreditausfallversicherungen (CDS) ausbezahlt werden müssen. Eine weitere Gefahr für das Finanzsystem?
Diese Problematik wurde von Politikern unverhältnismässig aufgebauscht. Es gibt Schätzungen, dass im Falle Griechenlands netto kaum mehr als 3 Mrd. $ fällig werden. Banken werden Verluste machen. So spielt das Leben. Sie werden aber nicht sehr hoch sein.
Wird Griechenland das einzige europäische Land bleiben, das seine Schulden nicht begleichen kann?
Nein, es wird weitere Zahlungsausfälle geben. Portugal ist als Nächstes an der Reihe. Dort werden exakt die gleichen Fehler gemacht wie in Griechenland. Auch in Spanien und Italien dürfte es in diese Richtung gehen. Wenn diese beiden Länder ihre Forderungen nicht komplett begleichen können, werden Frankreich und wohl auch Belgien folgen. Wir stehen erst ganz am Anfang eines langen, schmerzlichen Prozesses.
Alle genannten Länder haben im Verhältnis zu ihrer Wirtschaftskraft eine tiefere Verschuldung als Griechenland.
Das stimmt, aber bei Italien liegt die Schuldenlast beispielsweise seit zehn Jahren unverändert im Bereich von 110% des BIP. Die Politik war zu schwach, die Verschuldung jemals zu senken. Die Frage lautet, ob in den nächsten zehn Jahren eine Wendung zum Positiven zu erwarten ist. Lautet die Antwort Nein, kommt der Schuldenschnitt auch bei Italien.
Warum soll der Schuldenstand, nachdem er sich jahrelang nicht verändert hat, jetzt nicht mehr verkraftbar sein?
Das entscheiden nicht wir, sondern die Märkte. Sobald dort der Eindruck entsteht, dass Italien auf einen Zahlungsausfall zusteuert, wird es auch so kommen. Möglicherweise ist dieser «point of no return» bereits erreicht.
Obwohl sich Italien bisher zu deutlich besseren Konditionen Geld leihen kann als Griechenland, Portugal oder Irland?
Auch diese drei Länder hatten Anfang 2009 noch günstige Zinsniveaus. Nachdem sie 5% überschritten hatten, spitzte sich die Krise sehr abrupt zu.
Für Italien wäre der Rettungsfonds EFSF zu klein. Wer kann einspringen?
Die italienischen Schulden sind mit 1900 Mrd. € so hoch wie das deutsche BIP. Das kann niemand stemmen. Am Ende wird es an der Europäischen Zentralbank hängenbleiben.
Deutschland ist strikt dagegen, die EZB weiter zu belasten.
Deutschland war auch gegen den Zahlungsausfall Griechenlands. Sie waren dagegen, dass die EZB Staatsanleihen kauft. Anfangs wollten sie nicht einmal den IMF um Hilfe bitten. Schritt für Schritt mussten sie ihre Fehler revidieren.
Also werden sie letztlich auch Frankreich zustimmen, den EFSF mit einer Bankenlizenz auszustatten, damit er sich Geld von der EZB leihen kann?
Wenn nicht beim Gipfel am Mittwoch, dann vielleicht in zwei Monaten.
Die Europäische Bankenaufsicht beziffert den zusätzlichen Kapitalbedarf im Bankensektor auf 90 bis 100 Mrd. €. Stimmen Sie zu?
Eine bisher unveröffentlichte Studie unabhängiger Ökonomen kommt zum Schluss, dass es eher 200 bis 400 Mrd. € sind. Das ist realistischer.
Solche Summen könnten sich die Banken nicht auf dem freien Markt besorgen. Woher soll das Kapital kommen?
Die nationalen Regierungen sollten die Aufgabe übernehmen, die Banken zu stützen. Wer dazu nicht in der Lage ist, sollte das Geld vom EFSF leihen.
Wie akut ist die Bankenkrise? Droht der Kollaps einer Grossbank?
Seit Wochen ist zu beobachten, wie der Interbankenmarkt einfriert. Das erinnert an 2008, die Situation ist ebenso dramatisch. Ich erwarte eine ähnliche Abfolge von Bankkrisen und Rekapitalisierungen. Die Situation ist extrem gefährlich.

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