China kommt den USA in Afrika in die Quere und soll jetzt militärisch zurückgedrängt werden: Nach Libyen kommen die nächsten Länder dran

Der Sohn Afrikas greift nach den Kronjuwelen dieses Kontinents

von John Pilger

24.10.2011 — Luftpost Kaiserslautern – LP 189/11 – 24.10.11

Am 14. Oktober (2011) gab Präsident Barack Obama bekannt, dass er US-Spezialtruppen nach Uganda entsandt hat, die in den dortigen Bürgerkrieg eingreifen sollen. In den kommenden Monaten werden US-Kampftruppen auch in den Süd-Sudan, in die Demokratische Republik Kongo und in die Zentralafrikanische Republik geschickt. Obamas Ankündigung, sie würden nur „zur Selbstverteidigung“ von ihren Waffen Gebrauch machen, kann nur als Satire aufgefasst werden. Nachdem man sich Libyen gesichert hat, ist jetzt die Invasion des afrikanischen Kontinents in Vorbereitung.

Obamas Entscheidung wird in der Presse als „sehr ungewöhnlich“, „unerwartet“ und sogar als „seltsam“ beschrieben. All das ist sie keineswegs, sie passt genau in die Logik der US-Außenpolitik seit 1945. Fangen wir mit Vietnam an. Damals ging es darum, den Einfluss Chinas, eines imperialistischen Rivalen, zu begrenzen und Indonesien „zu schützen“, das Präsident Nixon als „den reichsten Hort an Bodenschätzen in der ganzen Region, … den größten Gewinn“ bezeichnete. Vietnam war nur im Weg; das Abschlachten von mehr als drei Millionen Vietnamesen und die Verwüstung und Vergiftung ihres Landes waren der Preis dafür, dass die USA ihr (damaliges) Ziel erreichten. Wie bei allen nachfolgenden Invasionen der USA, die eine Blutspur von Lateinamerika über Afghanistan bis in den Irak gezogen haben, dienten als Vorwand immer nur „Selbstverteidigung“ oder „humanitäre Gründe“ – zwei Begriffe, die ihres in Wörterbüchern definierten Inhalts längst beraubt wurden.

In Afrika will Obama mit einer „humanitären Mission“ der Regierung Ugandas helfen, die Lord’s Resistance Army / LRA (die Widerstandsarmee des Herrn, s. Lord’s Resistance Army) zu besiegen, die „in Zentralafrika zehntausende Männer, Frauen und Kinder ermordet, vergewaltigt und gekidnappt hat“. Das ist eine exakte Beschreibung der LRA, deren Vorläufer auch im Auftrag der USA schon zahlreiche Gräueltaten begangen haben; bereits in den 1960er Jahren haben sie nach dem von der CIA arrangierten Mord an Patrice Lumumba – dem ersten legal gewählter Ministerpräsidenten, der den Kongo in die Unabhängigkeit geführt hatte (s. Patrice Lumumba) – ein Blutbad angerichtet und den von der CIA inszenierten Staatsstreich durchgeführt, der Mobutu Sese Seko, den käuflichsten Tyrannen Afrikas, (s. Mobutu Sese Seko) an die Macht brachte.

Auch Obamas andere Rechtfertigung – (der Afrika-Einsatz diene dem) Schutz der nationalen Sicherheit der USA – hört sich wie eine Satire an. Die LRA verrichtet ihr schmutzige Arbeit nun seit 24 Jahren, und das hat die USA bisher kaum interessiert. Heute hat sie weniger als 400 Kämpfer und ist schwächer als jemals zuvor. Wenn von der „nationalen Sicherheit der USA“ die Rede ist, geht es meistens darum, ein korruptes und repressives Regime zu kaufen, das etwas hat, was Washington gern hätte. Ugandas „lebenslangerPräsident“ Yoweri Museveni“ erhält bereits den größeren Teil der 45 Millionen Dollar USMilitärhilfe – inklusive Obamas Lieblingsdrohnen. Das ist sein Bestechungsgeld dafür, dass er einen Stellvertreterkrieg gegen den letzten islamischen Phantom-Feind der USA führt, gegen die zusammengewürfelte Gruppe Al Shabaab in Somalia (Infos dazu unter al-Shabaab (Somalia)). Der (afrikanische TV-Sender) RTA wird wieder die Propagandatrommel rühren und westliche Journalisten mit seinen ständigen Horrorgeschichten (von den eigentlichen Absichten der USA) ablenken.

Der Hauptgrund für den Einfall der USA in Afrika unterscheidet sich nicht von dem, der den Vietnam-Krieg auslöste. Dieser Grund war und ist China. In der Welt der sich ständig erneuernden, bereits institutionalisierten (US-)Paranoia, die rechtfertigt, was David Petraeus, der frühere US-Kommandeur und jetzige CIA Direktor, verkörpert, herrscht ein dauernder Kriegszustand; jetzt wird gerade die bisher angeblich die USA bedrohende Al-Qaida durch China ersetzt. Als ich im letzten Jahr Bryan Whitman, einen Staatssekretär im Pentagon, interviewte, bat ich ihn, die gegenwärtige Bedrohung der USA zu beschreiben. Sichtbar um Worte ringend, wiederholte er mehrmals: „Asymmetrische Bedrohungen … asymmetrische Bedrohungen.“ Damit versuchte er die überbordenden Staatsausgaben für ein riesiges Waffenarsenal, die größte Militärmacht und das höchste Kriegsbudget der Geschichte zu rechtfertigen. Nachdem Osama bin Laden (und seine Al-Qaida) ausgelöscht sind, übernehmen jetzt die Chinesen deren Rolle.

Afrika war bisher Chinas Erfolgsgeschichte. Während die US-Amerikaner nur Drohnen und Destabilisierung bringen, bauten die Chinesen Straßen, Brücken und Dämme. Dafür wollten sie Bodenschätze, besonders fossile Brennstoffe. Mit Afrikas größten Ölreserven war Libyen unter Muammar Gaddafi einer der wichtigsten Öllieferanten Chinas. Als der bewaffnete Aufstand ausbrach und die NATO mit der erfundenen Geschichte, Gaddafi plane in Bengasi einen „Völkermord“, Stimmung für die „Rebellen“ machte, musste China seine 30.000 in Libyen beschäftigten Arbeiter evakuieren. Warum (der Westen) die Resolution des UN-Sicherheitsrates durchsetzte, die ihm ein „humanitäres Eingreifen“ (in Libyen) ermöglichte, wurde durch eine kurze Erklärung des Nationalen Ãœbergangsrates / NTC der „Rebellen“ deutlich, über die im letzten Monat in der (französischen Zeitung) Libération Folgendes zu lesen war: Als Gegenleistung für eine „umfassende und dauerhafte“ Unterstützung des NTC erhält Frankreich 35 Prozent der libyschen Erdölproduktion. Als US-Botschafter Gene Cretz letzten Monat im „befreitem“ Tripolis wieder die Stars and Stripes (die US-Fahne) hisste, verriet er: „Wir wissen, dass die Ölvorkommen die Kronjuwelen unter den libyschen Bodenschätzen sind!“

Die De-Facto-Eroberung Libyens durch die USA und ihre imperialistischen Partner kündigt eine moderne Version des „Wettlaufs um Afrika“ an, der Ende des 19. Jahrhunderts schon einmal stattgefunden hat (s. Wettlauf um Afrika).

Wie bei dem „Sieg“ im Irak haben Journalisten auch in Libyen bei der Aufteilung der Libyer in wertvolle und wertlose Opfer eine wichtige Rolle gespielt. Auf der Titelseite der (britischen) Zeitung The Guardian war kürzlich ein Foto abgedruckt, das einen verängstigten „Pro-Gaddafi-Kämpfer“ und seine ihn wütend anstarrenden Gegner zeigte, die, das stand unter dem Bild, seine Gefangennahme „feierten“. General Petraeus erklärte, dort finde jetzt ein „Krieg der Bilder“ statt, der über die Nachrichten-Medien geführt werde.

Seit mehr als einem Jahrzehnt versuchen die USA ihr (immer noch in Stuttgart) angesiedeltes) Regionalkommando AFRICOM auf dem afrikanischen Kontinent zu installieren; bisher wurden sie immer wieder von Regierungen (afrikanischer Staaten) abgewiesen, weil die sich vor (durch die US-Präsenz zu erwartenden) regionalen Spannungen fürchteten. In Libyen und jetzt auch in Uganda, im Süd-Sudan oder im Kongo rechnen sie sichnun große Chancen aus. Aus von WikiLeaks veröffentlichten Depeschen und der Nationalen US-Strategie zur Terrorbekämpfung geht hervor, dass die USA im Rahmen eines globalen Planes auch in Afrika 60.000 Soldaten ihrer Special Forces, stationieren wollen, die dort auch als Killertrupps agieren sollen; sie operieren bereits in 75 Ländern, und bald werden es 120 sein. Dick Cheney hat schon in den 1990er Jahren in seiner Verteidigungsstrategie ausgeplaudert, dass die USA einfach nur die Welt beherrschen wollen.

Dass ihm jetzt ausgerechnet Barack Obama, der „Sohn Afrikas“, dieses Geschenk machen will, ist doch eine Ironie (der Weltgeschichte), oder etwa nicht? Schon Frantz Fanon hat in (seinem 1952 erschienenen Buch) „Black Skin, White Masks“ (Schwarze Haut unter weißer Maske, s. Black Skin, White Masks) darauf hingewiesen, dass es weniger auf die Hautfarbe ankommt, als auf die Macht, der man dient, und auf die Millionen, die man verrät.

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(Wir haben die Anklage John Pilgers komplett übersetzt und mit Ergänzungen und Links in Klammern versehen. Informationen über den Autor sind aufzurufen unter John Pilger. Anschließend drucken wir den Originaltext ab.)

John Pilger John Pilger ist ein berühmter und mit zahllosen Journalismus-Preisen ausgezeichneter australischer Journalist und Dokumentarfilmer. Von 1963-86 war Pilger Leiter der Auslandsredaktion des „Daily Mirror“. Seitdem arbeitet er als freier Journalist. Er drehte mehr als 50 Filme und hat in seiner Karriere für viele bekannte englischsprachige Zeitungen geschrieben (z. B. „The Independent“, „The Guardian“ und „The New York Times“).

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