Die Privatwirtschaft bekommt immer mehr Einfluss an den Universitäten: Gefährliche Folgen für Wissenschaft und Lehre

Wissenschaft
Mit der Wirtschaft im Nestlé
Universitäten und ETHs rücken immer näher mit der Privatwirtschaft zusammen. Die Hochschulen begrüssen das – doch die Entwicklung birgt Risiken.

Syngenta zahlt der ETH Zürich zehn Millionen Franken für eine neue Professur, Interpharma stiftet der Uni Basel einen Lehrstuhl für Gesundheitsökonomie, Nestlé lädt an die ETH Lausanne zu einer Medienkonferenz: Wissenschaft und Wirtschaft kommen sich näher. Das freut die Wissenschaftspolitiker, denn so kommt die Schweiz zu Forschung, die die öffentliche Hand wenig kostet. Und es freut die Wirtschaftspolitiker, denn es garantiert kurze Wege von der wissenschaftlichen Entdeckung zur ökonomischen Verwertung. Es stellt sich dabei allerdings die Frage: Sind Forscher wirklich frei, wenn sie immer stärker von Geldern aus der Privatwirtschaft abhängig werden?

Donald Tillman sucht im Namen der Wissenschaft professionell private Geldgeber. Er ist Geschäftsführer der ETH Zürich Foundation, die vergangenes Jahr Zusagen über 75 Millionen Franken einholte – darunter die zehn Syngenta-Millionen für den Lehrstuhl für nachhaltige Agrarökosysteme. «Warum soll jede Beziehung eines Forschers zu einer Firma gleich einen Konflikt darstellen?», kommentiert Tillman Fragen nach der Freiheit der Wissenschaft. Die Forscher wollten ihre Arbeit möglichst gut machen, die Geldgeber seien an unabhängiger Forschung interessiert, und die Verträge sicherten die akademische Freiheit. Kein Problem sieht auch Patrick Aebischer, Präsident der ETH Lausanne und so etwas wie der Vorzeige-Wissenschaftsfunktionär der Schweiz. Er hält die Rede von Interessenkonflikten für «Journalistengeschwätz», wie er dem «NZZ Folio» erklärte.
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Die Beeinflussung geschieht oft subtil

Aebischer sollte es besser wissen. Denn Forschung über die Forschung hat nachgewiesen: Es ist statistisch viel wahrscheinlicher, dass beispielsweise eine Studie Handystrahlen als ungefährlich erkennt, wenn sie von Telekomgesellschaften finanziert ist, als wenn der Geldgeber neutral ist.

Es kommt immer wieder zu Verstössen gegen die Unabhängigkeit der Forschung – auch in der Schweiz. Vor acht Jahren etwa wurde der Fall jenes Genfer Professors für Präventivmedizin bekannt, der seine Beziehungen zum amerikanischen Zigarettenhersteller Philip Morris verheimlicht hatte. So konnte er als unabhängiger Experte den Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs herunterspielen.

Das sind jedoch Ausnahmefälle. Vielfach geschieht die Beeinflussung subtiler. «Vollkommen integre Personen können in heikle Situationen geraten, ohne sich der Gefahr bewusst zu sein», heisst es in den ETH-internen Richtlinien zum Umgang mit Interessenkonflikten. Unterzeichnet hat sie: Patrick Aebischer.

Was bedeutet es nun, wenn ein Schweizer Agrochemiekonzern einen Lehrstuhl für nachhaltige Agrarökosysteme mitfinanziert? Syngenta ist nicht gerade dafür bekannt, dass sie wissenschaftlichen Aussagen, die ihr nicht in den Kram passen, tolerant gegenübersteht. Das illustriert der Konflikt um eine Studie des Weltlandwirtschaftsrats IAASTD. Darin wurde alles verfügbare Wissen zur Frage zusammengetragen, wie sich die wachsende Weltbevölkerung langfristig ernähren lässt. Syngenta vertrat im Rat die Industrie. Als sich 2007 abzeichnete, dass der Bericht den möglichen Beitrag gentechnisch veränderter Pflanzen kritisch beurteilt, kündigte Syngenta die Mitarbeit unter Getöse auf.

ETH-Spendensammler Tillman sieht im Syngenta-Beitrag trotzdem kein Problem. Schliesslich habe der Konzern die akademische Freiheit vertraglich zugesichert. Ausserdem sei das Profil des Lehrstuhls von der ETH-Leitung festgelegt worden – erst danach habe man sich auf die Suche nach Geldgebern gemacht. Zudem erhalte Syngenta nur einen Sitz in der 16-köpfigen Berufungskommission. Kritikern indes ist dieser Sitz einer zu viel: «Syngenta redet in der Berufungskommission ja nicht einfach zu einem Sechzehntel mit», sagt François Meienberg von der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern. «Die Meinungsbildung in solchen Kommissionen läuft auch informell ab, in den Kaffeepausen etwa. Und alle wissen: Von dem kommt das Geld.»

Dass der Syngenta-Vertreter eine Sonderstellung hat, ist auch per Vertrag garantiert: Der Agrokonzern darf gegen einen vorgeschlagenen Bewerber Bedenken anmelden, was der ETH-Präsident bei seinem Entscheid dann «berücksichtigen» müsse.
Kein Bewusstsein für Interessenkonflikte

Problematisch ist auch die Nähe der ETH Lausanne zum Nahrungsmittelkonzern Nestlé. Die ETH gründete 2006 ein Institut, das die Wirkungen der Ernährung auf Hirnerkrankungen erforscht; Nestlé unterstützte das Institut mit 25 Millionen Franken. Dieses Jahr nun hat Nestlé eine Tochtergesellschaft gegründet: Nestlé Health Science. Deren Forschungszentrum wird auf dem ETH-Areal errichtet; und die ETH forscht in die genau gleiche Richtung, seit sie mit Nestlé zusammenarbeitet. ETH-Präsident Aebischer sitzt im Verwaltungsrat, der Forschungschef ist ein langjähriger Mitarbeiter Aebischers.

Lehrstühle, bei denen es zu Interessenkonflikten kommen kann, sind nicht grundsätzlich des Teufels. Wirklich heikel wird es nur, wenn das Bewusstsein für solche Konflikte gänzlich fehlt. Und das sei in der Schweiz weitgehend so, sagt die grüne Nationalrätin Maya Graf. In der Wissenschafts- und Bildungskommission des Nationalrats versuchte Graf immer wieder, eine Debatte darüber anzustossen. Ihre Bedenken würden als «ideologisch» abgetan. Und erst 2008 gaben sich die Akademien der Wissenschaften Schweiz überhaupt Richtlinien zum Umgang mit Sponsoringgeldern, um so äusseren Einfluss auf Forschungsresultate zu minimieren.

Doch die Wirtschaft beeinflusst nicht nur die Resultate, sondern auch die Fragestellungen. Wieso etwa erforscht die ETH Lausanne ausgerechnet jetzt die Wirkungen der Ernährung auf die Gesundheit? Und wieso eröffnet sie genau zu jenem Zeitpunkt eine neue Forschungsstätte, da die Nahrungsmittelindustrie ihre grössten Wachstumschancen in Gesundheitsdiäten sieht? Nestlé drängt in diesen Markt, dessen Potential es auf bis zu 150 Milliarden Dollar pro Jahr schätzt. Das ETH-Institut, das nur gut 20 Kilometer vom Nestlé-Hauptsitz in Vevey entfernt liegt, scheint dafür wie massgeschneidert.

Wie die Privatwirtschaft die Agenda der öffentlichen Forschung konkret beeinflusst, wurde in der Schweiz bisher nie ­untersucht. Doch dürfte auch hierzulande gelten, was die britische Organisation GeneWatch 2010 für die Forschung im biomedizinischen Bereich in der EU festgestellt hat. Helen Wallace zeigt in ihrer Studie auf, wie sich die Idee einer «innovationsbasierten (Bio-)Industrie» innerhalb der letzten 30 Jahre langsam in forschungspolitischen Strategiepapieren festgesetzt hat. Investitionen in diesen Wissenszweig hatten zum Ziel, nach dem Vorbild des Silicon Valley europäische Unternehmenskomplexe zu bilden.

(Klicken Sie auf die Grafik, um diese vergrössert darzustellen.)
Kampf um wirtschaftliche Vormachtstellung

Welche Disziplinen aber profitieren in der Schweiz von privaten Sponsoren? Das meiste Geld fliesst in die Wirtschaftsfakultäten. So zum Beispiel wird das Swiss Banking Institute der Uni Zürich fast ausschliesslich von Geld aus der Finanzwirtschaft getragen. Die grösste Unterstützung unter den Naturwissenschaften erhalten Informatik, Nanotechnik und Biomedizin, vor allem molekular- und neurobiologische Forschung. Sie gelten heute als die Leitdisziplinen der Wissenschaften, so wie das vor 50 Jahren einmal Kybernetik, Atomphysik und Raumfahrt waren.

Der Grund, warum sie als «Leitwissenschaften» betrachtet werden, ist jedoch der gleiche geblieben: das Streben nach Vorherrschaft. Zur Zeit des Kalten Krieges verfolgte man eher militärische Ziele, heute stehen wirtschaftliche im Vordergrund. Auch in der Schweizer Forschung.

http://www.beobachter.ch/natur/forschung-wissen/technologie-innovation/artikel/wissenschaft_mit-der-wirtschaft-im-nestle/

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