Gründe für den Aufbruch der arabischen Jugend: Freiheitswillen, Perspektivlosigkeit, Facebook und Twitter

Junge Initiatoren des arabischen Frühlings: «Es ist, wie wenn du dein ganzes Leben lang unter Wasser gedrückt wurdest und du plötzlich auftauchen darfst, um einen tiefen, befreienden Atemzug zu holen – du willst mehr davon.»

 

http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/ein_leben_vor_und_nach_der_diktatur_1.13122097.html

26. Oktober 2011, Neue Zürcher Zeitung
Ein Leben vor und nach der Diktatur
Aktivisten des arabischen Frühlings über ihren Freiheitskampf
Der Libyer Loay al-Magri und die Ägypterin Sondos Asem gehören zur arabischen Jugend, welche auf die Strasse gegangen ist, um für Freiheit und Demokratie zu kämpfen. Dieser Kampf veränderte ihr Leben und weckt neue Hoffnungen.

Nicole Anliker

«Es ist, wie wenn du dein ganzes Leben lang unter Wasser gedrückt wurdest und du plötzlich auftauchen darfst, um einen tiefen, befreienden Atemzug zu holen – du willst mehr davon.» Das sei das Gefühl, das die Menschen in verschiedenen arabischen Ländern während der Proteste erlebt hätten und das sie zu Freiheitskämpfern gemacht habe, erklärt der Libyer Loay al-Magri im Gespräch in Bern. Er ist einer der jungen Aktivisten aus Nordafrika und dem Nahen Osten, welche die Politische Abteilung IV des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten für ihre Jahreskonferenz eingeladen hat. Er gehört, ebenso wie die Ägypterin Sondos Asem, zu jenen arabischen Jugendlichen, die die Despoten in ihren jeweiligen Ländern das Fürchten gelehrt haben und sich heute als freie Bürger bezeichnen können.
Entschlossen standgehalten

Al-Magri hatte diesen Frühling eigentlich sein Architekturstudium beenden wollen, doch dann kam die Revolution dazwischen, und er schloss sich den Rebellen in Benghasi an, welche Ende August Tripolis unter ihre Kontrolle brachten. Asem agierte als politische Aktivistin der ersten Stunde auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Beiden wurde das oppositionelle Gedankengut in die Wiege gelegt. Die Despoten, Ghadhafi sowie Mubarak, sind innerhalb ihrer Familien schon immer verabscheut worden. Sie hätten nicht gezögert, ihre Stimme zu erheben und, in al-Magris Fall, zu den Waffen zu greifen. Für das Streben nach Würde und Menschenrechten kämpfe jeder, sagt die Journalistikstudentin Asem.

Die Unruhen Anfang 2011 waren weder in Ägypten noch in Libyen neue Phänomene. Und so verliefen auch die repressiven Reaktionen der beiden Regime nach altem Muster. Anders war jedoch das Handeln der Demonstranten, welche sich nicht mehr vertreiben liessen. Sie waren entschlossen, diesmal standzuhalten. Die Gründe, weshalb die Angst vor den Machtapparaten ausgerechnet im Frühling 2011 überwunden werden konnte, sind laut al-Magri und Asem in Ägypten und Libyen sehr ähnlich. Zum einen seien die Aufstände vom Sturz Ben Alis in Tunesien inspiriert worden; zum anderen hätten die sozialen Netzwerke wie Facebook und Twitter sowie der unabhängige arabische Fernsehsender al-Jazira den Protestierenden ermöglicht, der Welt zu zeigen, wie repressiv die beiden Regime seien. Danach habe es kein Zurück mehr gegeben, sagt al-Magri.

Wie wichtig die sozialen Netzwerke für den Verlauf der Umwälzungen in Libyen und Ägypten waren, erklären al-Magri und Asem anhand verschiedener Beispiele: Man habe sich virtuell organisieren und Menschen mobilisieren können, wie es im realen Leben kaum möglich gewesen wäre. Diese Online-Bewegung habe zudem eine bedeutende mündliche Propaganda ausgelöst, welche wiederum die unteren Gesellschaftsschichten ohne Internetzugang mobilisiert habe. Nicht zu unterschätzen sei jedoch auch die Tatsache, dass viele in Libyen und Ägypten keinen anderen Ausweg mehr gesehen und darum mutiger agiert hätten.

Der Hauptgrund dafür, dass die Proteste in Libyen in einen Krieg zwischen Aufständischen und Ghadhafi-Loyalisten mündeten und der Diktator nicht wie in Ägypten nach 18 Tagen Volksaufstand gestürzt werden konnte, liegt laut al-Magri in Ghadhafis Eigensinnigkeit. Ghadhafi sei sich seiner Macht sicher gewesen und habe nie damit gerechnet, jemals als Verlierer dazustehen. Für den grundsätzlichen Unterschied zwischen den Entwicklungen in Libyen und Ägypten ist laut Asem das Militär verantwortlich, das in Ägypten unabhängiger agieren konnte als in Libyen, wo Ghadhafi auch Oberbefehlshaber der Streitkräfte war und seine Familie mitmischte.
Neue Hoffnung

Al-Magri glaubt nicht, dass er jemals wieder zur Waffe greifen muss, ein Rückschlag sei ausgeschlossen, da ist er sich sicher. Er stimmt jedoch der Meinung Asems zu, dass es künftig vielleicht wieder nötig sein werde, auf die Strasse zu gehen, um die eine oder andere Forderung durchzusetzen.

Wie der arabische Frühling ihr Leben verändert habe? Massgeblich, meint Asem nachdenklich. Vor der Revolution habe sie keine Hoffnung auf eine Änderung gehabt und deshalb auswandern wollen. Ihr Name sei zudem als Regimekritikerin auf einer Liste figuriert, was ihr jegliche berufliche Möglichkeiten verwehrt habe. Heute habe sie viel mehr Ambitionen, sie wolle das neue Ägypten mitgestalten und sehe es in zehn Jahren als fortschrittliches Land. Al-Magri sagt, er fühle sich wie neugeboren. Es sei immer sein Traum gewesen, all die architektonischen Ideen aus seinem Studium in Libyen zu verwirklichen. Das könne er jetzt tun. Nun sei alles anders. Für die Libyer gebe es ein Leben vor und eines nach Ghadhafi.

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