Töten ohne Gerichtsverfahren wie Gaddafi oder Bin Laden: Das darf nur der Westen! Bei den anderen verstößt es gegen Demokratie und kann ein Kriegsgrund sein

Kolumne
Der Nahe Osten und der bedauernswerte Westen

Es gibt Zeitgenossen hierzulande, denen leuchtet partout nicht ein, wieso der Westen in Teilen des Nahen und Mittleren Ostens so skeptisch beäugt wird. USA und Europa stünden doch für Freiheit! Menschenrechte! Frieden! Und trotzdem schlüge ihnen besonders in islamischen Ländern, deren Bürger sich nach alledem sehnten, viel Misstrauen entgegen.

Ferdos Forudastan

Wer so denkt und spricht, den würde ich manchmal gerne mit Menschen wie meiner alten Freundin Farzaneh zusammen bringen. Sie lebt in Iran; wir kennen uns seit unserer Jugend, die ich dort verbracht habe.

„Warum lächeln bei Euch alle, wenn sie über den Tod von Muammar al-Gaddafi sprechen?“ Das fragt Farzaneh, die viel amerikanisches und europäisches Fernsehen schaut, mich in dieser Tage in einer Mail. „Sie lächeln natürlich, weil sie sich darüber freuen, dass ein außerordentlich grausamer Diktator kein Unheil mehr anrichten kann“, antwortete ich. „Das ist klar“, setzt Farzaneh nach, „aber Gaddafi ist doch wahrscheinlich hingerichtet worden – und zwar unter den Augen der Nato-Truppen; dabei betont Ihr immer, wie wichtig es ist, dass auch die größten Verbrecher das Recht auf ein faires Gerichtserfahren haben. Und ihr verurteilt Länder wie Iran weil, was schlimm ist, die Verfahren gegen mutmaßliche Gesetzesbrecher hier nicht fair sind.“ Dagegen lässt sich wenig einzuwenden.

Warum misst man im Westen mit zweierlei Maß? Diese Frage beschäftigt Farzaneh oft und mich, wenn wir uns schreiben oder miteinander telefonieren, mit. Als sie vor einiger Zeit überlegt, für ein paar Wochen nach Deutschland zu kommen, frage ich scherzhaft , ob sie hier dann mal ausnahmsweise ihr Kopftuch ablegen werde. „Solange ich Haare habe, bleiben sie bedeckt“, gibt sie lachend zurück – und fügt die ernste Frage an, warum hier so viele Menschen ein Problem mit dem Kopftuch hätten. „Weil sie es als ein Symbol für die Unterdrückung der Frau, für die Missachtung ihrer Freiheitsrechte betrachten“, antworte ich. „Und was“, fragt Farzaneh, „ist mit den Frauen, die sich freiwillig verhüllen und nicht, weil ihre Männer oder Regierungen sie dazu zwingen? Ist ihre Freiheit, sich für das Tuch zu entscheiden, weniger wert? Es gibt doch nicht eine gute und eine schlechte Freiheit?“ Auch das kann man nur schwer kontern.

Farzaneh lebt in Isfahan, nahe den Atomanlagen also, um die seit Jahren ein heftiger internationaler Streit tobt. Sie ist gegen Kernkraft, findet es unsinnig, dass ein sonnenreiches Land wie Iran auf diese gefährliche Technologie setzt und traut dem Teheraner Regime zu, dass es irgendwann daraus Waffen baut. Farzaneh verurteilt das, hadert aber damit, dass vornehmlich Iran am Pranger steht. „Warum“, fragt sie, „hat man in den USA aber auch in einem Land wie Deutschland kein Problem mit Atomwaffen auf pakistanischem oder israelischem Boden? Ist der Frieden in einer Region nur dann gefährdet wenn eine missliebige Regierung die Kernkraft auch zu unfriedlichen Zwecken nutzen kann?“ „Nein“, müsste die ehrliche Antwort auf diese rhetorische Frage lauten.

Farzaneh hasst das Teheraner Regime. Sie sehnt sein Ende herbei. Auf Unterstützung aus dem Westen setzt sie dennoch nicht. „Wie sollen wir ihnen trauen? Sie sprechen mit gespaltener Zunge“, sagt sie über die USA und ihre Verbündeten in Europa. Es klingt bedauernd.

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