Viele Afrikaner freuen sich nicht über Gaddafis Vertreibung sondern kritisieren die Nato als Imperialisten

http://www.fr-online.de/meinung/auslese-gaddafi-als-maertyrer,1472602,11059376.html

Gaddafi als Märtyrer

Zu Freudenfesten anlässlich des Todes Muammar Gaddafis kam es in Afrika verblüffend selten – genaugenommen blieben sie auf die Heimat des Revolutionsführers selbst beschränkt.

Johannes Dieterich ist Korrespondent der Frankfurter Rundschau in Afrika.

Schon im Nachbarland Tunesien, dem Geburtsort des arabischen Frühlings, wurden triumphalistische Schlagzeilen wie der Titel der Tageszeitung Al Watan („Libyen von seinem Tyrannen befreit“) von wesentlich nachdenklicheren Tönen wie dem Kommentar der Zeitung La Presse verdrängt: „Der Totalsieg über das groteske Gaddafi-Regime ist ein kleiner Sieg verglichen mit der titanischen Aufgabe, die das libysche Volk nun mit dem Aufbau eines demokratischen Systems erwartet.“

Je weiter entfernt vom Ort des Geschehens über den Tod des selbst ernannten „Königs aller Könige“ räsoniert wird, desto bitterer fallen die Kommentare aus. „Die libysche Revolution endet mit einem gallischen Geschmack“, befindet die ivorische Fraternité Matin: „Viele Länder südlich der Sahara werden den Tod ihres großzügigen Financiers noch bitter bereuen.“ Er gehöre zu dem „einen Prozent“ der Weltbevölkerung, die Gaddafis Tod nicht feiere, zitiert die New York Times den Hausmeister einer von dem Revolutionsführer gestifteten Moschee in der ugandischen Hauptstadt Kampala.

Mit nicht mehr zu überbietender Deutlichkeit äußert sich schließlich die Jugendorganisation des Afrikanischen Nationalkongresses am Kap der Guten Hoffnung. Der „anti-imperialistische Märtyrer“ Gaddafi sei von den Handlangern der Nato auf „brutalste Weise umgebracht“ worden, wird der Sprecher der ANC-Jugendliga Floyd Shivambu vom Johannesburger Mail&Guardian zitiert: „Auch wir werden wie Oberst Gaddafi unseren wirtschaftlichen Befreiungskampf bis zum bitteren Ende führen.“ Habe der libysche Coup auch „einen Diktator umgebracht“, so könne „sein Tod doch ohne weiteres zur Geburtsstunde eines Märtyrers“ werden, gibt Le Républicain in Mali zu bedenken.

Verantwortlich für diese Metamorphose sind nicht allein die gruseligen Umstände des Gaddafi-Todes, die nach den Worten des Friedensnobelpreisträgers Desmond Tutu „das noble Unternehmen untergraben, in Libyen eine Kultur der Menschenrechte und der Demokratie zu schaffen.“

Für viele Afrikaner war bereits die Tatsache suspekt, dass der 42 Jahre lang herrschende afrikanische Ölscheich mit westlicher Hilfe aus dem Amt gefegt wurde: Ein weiteres Beispiel für die „neokolonialen Ambitionen“, die nach Auffassung des guineischen Internetdienstes Conakry Info wieder zunehmend das Verhältnis zwischen dem Westen und Afrika bestimmen. „Ungeachtet aller seiner Fehler war Muammar Gaddafi ein Nationalist“, sagt Ugandas Präsident Yoweri Museveni stellvertretend für viele: „Ich ziehe Nationalisten den Marionetten ausländischer Interessen vor.“

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