Gewalt tötet vor allem in den armen Ländern: Hoffnungslosigkeit bringt massive Kriminalität: Von jährlich 526.000 Gewaltopfern sterben 90 Prozent nicht in Kriegen und durch Terror

An Gewaltdelikten sterben jährlich  weltweit 526 000 Menschen, „nur“ 55 000 von ihnen sterben in Krisengebieten oder bei Terrorattacken. In armen Ländern ist Gewalt weit verbreitet und bildet ein schweres Entwicklungshindernis. An der Spitze steht El Salvador mit 62 Gewaltopfern pro 100 000 Einwohner, vor dem Irak mit einer Mordrate von 60 und Jamaica mit einer von 58. Im Durchschnitt aller Länder liegt die Rate bei 7,9, in der Schweiz bei 0,8. Jugendarbeitslosigkeit, die Konzentration des Reichtums in den Händen einiger weniger, die Marginalisierung breiter Bevölkerungsschichten, all diese Faktoren in Verbindung mit frei verfügbaren Waffen führten häufig zu einer eigentlichen Gewaltspirale, zu noch grösserer Armut und zum Zerfall der Regierungsautorität

28. Oktober 2011, Neue Zürcher Zeitung

Bewaffnete Gewalt behindert die Entwicklung

Kriminalität fordert mehr Opfer als Kriege und bewaffnete Konflikte

Bewaffnete Bewohner von Castanas, Guatemala, durchsuchen Passanten nach Waffen. (Bild: Reuters)ZoomBewaffnete Bewohner von Castanas, Guatemala, durchsuchen Passanten nach Waffen. (Bild: Reuters)

An Gewaltdelikten sterben weltweit mehr Opfer als in Kriegen und bewaffneten Konflikten. In armen Ländern sei Gewalt weit verbreitet und bilde ein schweres Entwicklungshindernis, berichtet eine Genfer Organisation.

bau. Genf ⋅ Dass die Welt ein gefährlicher Ort zum Leben ist, weiss man spätestens, seit Einstein das Bonmot prägte. Wo es heute besonders gefährlich ist, darüber gibt der neueste Bericht des Sekretariats der Genfer Erklärung über bewaffnete Gewalt und Entwicklung Auskunft. An der Spitze steht El Salvador mit 62 Gewaltopfern pro 100 000 Einwohner, vor dem Irak mit einer Mordrate von 60 und Jamaica mit einer von 58. Zum Vergleich: Im Durchschnitt aller Länder liegt die Rate bei 7,9, in der Schweiz bei 0,8 (siehe Tabelle).

Kleinkriminelle und Banden

Wider Erwarten sind bewaffnete Konflikte keineswegs die wichtigste Ursache für tödliche Gewalt. Jährlich werden weltweit 526 000 Menschen umgebracht, aber «nur» 55 000 von ihnen sterben in Krisengebieten oder bei Terrorattacken. 83 Prozent der Opfer sind Männer. Morde an Frauen werden eher in der Privatsphäre verübt. Am meisten Gewaltopfer verzeichnen die Länder in Südamerika (92 000), in Südasien (75 000) und in Ostafrika (41 000). Die meisten sterben als Folge von kleinkriminellen Taten aller Art, vor allem aber bei Auseinandersetzungen zwischen gewaltbereiten Banden des organisierten Verbrechens. Im mexikanischen Gliedstaat Juárez, wo sich der Kampf zwischen verschiedenen Drogenkartellen zuspitzt, liegt die Mordrate bei über 170 pro 100 000 Einwohner. Im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan ist sie ähnlich hoch.

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Von Gangs und Jugendbanden (Maras) betroffen sind vor allem Guatemala und Honduras. In Kingston oder Rio de Janeiro verwandeln Banden vorher Stadtviertel in Schlachtfelder. Selbstjustiz ist verbreitet in Liberia oder Osttimor, Ländern, die noch bis vor kurzem interne Konflikte austrugen. Hohe Mordraten gab es in Côte d’Ivoire oder in Kenya als Folge von umstrittenen Wahlresultaten.

Am meisten Gewaltopfer in Bezug auf die Gesamtbevölkerung verzeichnen die am wenigsten entwickelten Län der. Endemische Gewalt vermindert die Entwicklungschancen gerade jener Länder, die es am meisten nötig hätten. Gefährdet ist das Erreichen der Millenniums-Entwicklungsziele. Die Verbesserung der Lebensverhältnisse rückt in immer weitere Ferne, wenn die der Gewalt zugrundeliegenden Ursachen nicht erkannt und ausgemerzt werden.

Genfer Erklärung

Jugendarbeitslosigkeit, die Konzentration des Reichtums in den Händen einiger weniger, die Marginalisierung breiter Bevölkerungsschichten, all diese Faktoren in Verbindung mit frei verfügbaren Waffen führten häufig zu einer eigentlichen Gewaltspirale, zu noch grösserer Armut und zum Zerfall der Regierungsautorität, sagte Sara Sekkenes vom Uno-Entwicklungsprogramm (UNDP) bei der Vorstellung des Berichts, der unter dem Titel «Die globale Bürde bewaffneter Gewalt» erscheint.

Die breit angelegte Studie ist die zweite ihrer Art. Sie stützt sich auf Daten aus den Jahren 2004–2009 und bildet die Grundlage für eine Ministerkonferenz, die sich nächste Woche in Genf der Frage der verhängnisvollen Wechselwirkungen zwischen bewaffneter Gewalt und mangelnder sozioökonomischer Entwicklung widmet. 2006 organisierten die Schweiz und das UNDP eine erste Konferenz, an der die Genfer Erklärung über bewaffnete Gewalt und Entwicklung zur Unterzeichnung aufgelegt wurde. Die unterzeichnenden Länder verpflichten sich, bis 2015 messbare Massnahmen zu ergreifen, um dem Gewaltphänomen beizukommen. Bis heute haben über 100 Länder die Erklärung unterzeichnet.

http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/bewaffnete_gewalt_behindert_die_entwicklung_1.13141538.html

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