Nach jahrzehntelangem Krieg leiden etwa 60 Prozent der Afghanen unter psychischen Krankheiten! Die bittere Armut drückt zusätzlich auf die Stimmung

19. Oktober 2011, Neue Zürcher Zeitung

Ein schwer traumatisiertes Land ohne Psychiater

Nach jahrzehntelangem Krieg leiden etwa 60 Prozent der Afghanen unter psychischen Krankheiten, doch kaum jemand spricht darüber

Zu den schlimmen Kriegserlebnissen kommt in breiten Bevölkerungsschichten der Hunger hinzu. (Bild: Keystone/AP)ZoomZu den schlimmen Kriegserlebnissen kommt in breiten Bevölkerungsschichten der Hunger hinzu. (Bild: Keystone/AP)

Nach Jahrzehnten des Krieges sind viele Afghanen traumatisiert. Die bittere Armut drückt zusätzlich auf die Stimmung. Professionelle Hilfe gibt es bis jetzt jedoch kaum. Einige Nichtregierungsorganisationen versuchen dies zu ändern.

Andrea Spalinger, Delhi

Deljan leidet unter schweren Depressionen. Nicht dass sie wüsste, was eine Depression ist, doch ihre Beschreibung der Symptome trifft ins Schwarze. «Ich bin oft sehr traurig und muss weinen», sagt sie. «Manchmal wäre ich am liebsten tot.» Seit vier Wochen kommt die 38-jährige Mutter von vier Kindern einmal wöchentlich zur Gruppentherapie in das von der afghanischen Nichtregierungsorganisation Hosa geführte Zentrum im Kabuler Stadtteil Kart-e Sakhi. An diesem Morgen sitzt sie mit fünf anderen Patientinnen und einer Beraterin im Kreis am Boden und spricht über ihre Probleme und Ängste.

Überforderte Ärzte

Das kleine Trauma-Zentrum ist eines von ganz wenigen im Land. Der Bedarf an psychiatrischer und psychologischer Hilfe wäre freilich enorm. Konkrete Studien gibt es keine, doch Experten vermuten, dass rund 60 Prozent der afghanischen Bevölkerung an psychischen Krankheiten leiden. Über dreissig Jahre Krieg haben tiefe Spuren hinterlassen. Fast jeder im Land hat Angehörige verloren. Viele Männer sind kriegsversehrt oder traumatisiert durch jahrelanges Kämpfen, Gefangenschaft und Folter. Auch viele Frauen haben schlimmste Formen der Gewalt erlebt, nicht erst unter dem Terrorregime der Taliban, sondern schon vorher unter brutalen Warlords. Depressionen, Angstzustände, Konzentrationsschwierigkeiten, Obsessionen und Aggressionen sind entsprechend weit verbreitet.

Gesprochen wird darüber kaum, nicht einmal in der Familie. Auch an professioneller Hilfe mangelt es. In ganz Kabul gibt es gerade einmal 40 Psychiater, und diese sind laut Emal Jabarkhel völlig überfordert mit der ungeheuren Aufgabe. Der 38-jährige Arzt arbeitet in der Abteilung für Psychiatrie und Neurologie am staatlichen Aliabad Hospital in Kabul. «Hier geht es allein darum, eine Diagnose zu stellen und die Patienten mit Medikamenten zu versorgen», erklärt er. «Längerfristige Betreuung und Psychotherapie wären in vielen Fällen nötig, doch dafür haben wir schlicht keine Kapazitäten. Wir haben viel zu wenig Ärzte, und die Zahl der Patienten steigt mit jedem Tag.» Auf dem Land, wo die wenigsten Zugang zu medizinischer Versorgung haben, sieht es noch düsterer aus.

Die Psychiatrie habe einen schlechten Ruf in Afghanistan, sagt Jabarkhel, der an der medizinischen Universität in Kabul unterrichtet. Niemand wolle sich auf dem Gebiet spezialisieren. Wenn man als Arzt in die psychiatrische Abteilung geschickt werde, komme dies einer Strafversetzung gleich, meint er schmunzelnd. Psychiater würden als Spinner angesehen, die mit Wahnsinnigen arbeiteten. Auch er sei ursprünglich hier gelandet, weil sein Chef ihn nicht gemocht habe. Inzwischen habe er aber erkannt, wie wichtig Psychiatrie in einem Land wie Afghanistan sei.

Für die Regierung ein «Luxus»

Auch die Regierung scheint sich dessen bewusst geworden zu sein. Die stellvertretende Gesundheitsministerin, Nadera Hayat Burhani, sagt, man habe einen Aktionsplan ausgearbeitet, um die psychologische und psychiatrische Betreuung zu verbessern. Künftig solle diese zum Grundangebot an jedem staatlichen Spital gehören, sagt Burhani, die selbst ausgebildete Ärztin ist. Ihr Ministerium sehe sich allerdings mit ungeheuren Herausforderungen konfrontiert. In der Tat hat ein Grossteil der Bevölkerung bis heute keinen Zugang zu medizinischer Versorgung, und die Rate der Mütter- und Kindersterblichkeit ist eine der höchsten weltweit.

Wenn sich Afghanistan den «Luxus» psychiatrischer Behandlung leisten wolle, sei es auf Hilfsgelder angewiesen, erklärt Burhani. Bereits heute werden jedoch 94 Prozent des Gesundheitsbudgets vom Ausland finanziert, und Experten befürchten, dass die Geldströme in den nächsten Jahren deutlich zurückgehen werden. Burhani gibt sich dennoch zweckoptimistisch. Sie hofft insbesondere, dass sich die EU, die schon heute zahlreiche Projekte im Bereich psychischer Krankheiten unterstützt, künftig noch mehr engagieren wird.

Sinnvoll wäre solche Hilfe auf jeden Fall. Farestha, eine junge Ärztin, die für die afghanische Nichtregierungsorganisation Ipso arbeitet, die mehrere Beratungszentren im Norden des Landes führt und Psychologen zum Einsatz in den Provinzen ausbildet, sagt, viele Patienten, die mit physischen Symptomen zum Arzt kämen, hätten psychosomatische Probleme. Mit Gesprächstherapie könnte ihrer Ansicht nach ein beträchtlicher Teil der Krankheiten im Land kuriert werden.

Bittere Armut

Man brauche allerdings sehr viel Zeit und Geduld, wenn man Afghanen zum Sprechen bringen wolle, fügt die junge Ärztin hinzu. In dieser Kultur zähle nichts mehr als die Ehre der Familie. Selbst wenn Männer gefoltert, Frauen vergewaltigt und Kinder misshandelt worden seien, werde dies totgeschwiegen. Unterdrückte Traumata hätten dazu geführt, dass vier Fünftel der Familien nicht mehr richtig funktionierten.

Bei den Ärzten in den Provinzen sei man zu Beginn auf einigen Widerstand gestossen, sagt Farestha. Doch habe sich gezeigt, dass viele Patienten auf psychologische Beratung gut ansprechen würden, gerade weil sie sonst mit niemandem reden könnten. Auch im Zentrum von Hosa in Kabul ist nach ersten Anlaufschwierigkeiten die Nachfrage gross. Das Stadtviertel Karta-e Sakhi war während des Bürgerkriegs fast vollkommen zerstört worden, und neben den Kriegstraumata drücken auch die bittere Armut und der tägliche Überlebenskampf auf die Stimmung.

Ihr Mann verdiene als Hilfskraft in einem Büro 60 Dollar im Monat, sagt die Patientin Deljan. Das reiche nicht, um ihre sechsköpfige Familie zu ernähren. Deljan hat deshalb angefangen, als Wäscherin in reicheren Haushalten zu arbeiten. Sie ist froh, etwas zum Lebensunterhalt beisteuern zu können, doch ist sie deswegen bei den Nachbarn in Verruf geraten. In der konservativen afghanischen Gesellschaft wird es als unschicklich angesehen, wenn Frauen allein das Haus verlassen und bei Fremden arbeiten.

Die Gespräche mit der Therapeutin hätten ihr sehr geholfen, sagt Deljan. Sie wisse nun, dass es richtig sei, was sie tue. Die vierfache Mutter ist Analphabetin, und ihr grösster Wunsch ist, dass alle ihre Kinder die Schule besuchen können und einmal ein besseres Leben haben werden als sie selber.

Deljan gehört der ethnischen Minderheit der Hazara an. Als die Taliban Mitte der neunziger Jahre in Kabul die Macht übernahmen, wurde ihr ärmliches Lehmhaus geplündert und niedergebrannt. Die Familie flüchtete erst in die zentralafghanische Provinz Ghazni und später nach Pakistan. Nach dem Sturz der Taliban 2001 kehrten sie zurück nach Kabul. Ihr Mann sei unter den Taliban gefangen genommen und gefoltert worden, sagt Deljan und kann die Tränen nicht zurückhalten. Seither sei er sehr aggressiv und schreie sie und die Kinder ständig an.

In der Runde ist verständnisvolles Murmeln zu hören. Häusliche Gewalt sei für sie alle ein Problem, sagen die Frauen mit gesenktem Blick. «Unsere Männer sind im Krieg gebrochen worden und wir bekommen ihre Frustration ab», sagt die 55-jährige Reza Gul trocken. «Mein Mann hat als Mujahed gegen die sowjetischen Besetzer gekämpft und ist dabei verletzt worden. Er kann nicht damit umgehen, invalid zu sein, und verprügelt mich deshalb regelmässig.»

Wie alle anderen Frauen im Raum ist Reza Gul von ihren Sorgen gezeichnet und sieht sehr viel älter aus, als sie ist. Sie habe kein einfaches Leben gehabt, nicht nur wegen der Launen ihres Mannes, sagt die achtfache Mutter. Einer ihrer Söhne sei im Kampf gegen die Taliban gefallen. Danach sei sie selbst streitsüchtig geworden, und die Beziehung zu ihrer Schwiegertochter und den Enkelkindern habe darunter gelitten. Die Beratung hier habe ihr sehr geholfen, sagt Reza Gul. Sie habe gelernt, mit ihrer aufgestauten Wut umzugehen, und sei ein besserer Mensch geworden.

Die junge Therapeutin Abeda war früher Lehrerin und arbeitet seit acht Jahren bei Hosa. Sie liebe ihren Job, sagt sie. Am Anfang sei es schwierig gewesen, sich all die traurigen Lebensgeschichten anzuhören. Doch habe sie gelernt, damit umzugehen. Insgesamt betreue sie derzeit Hunderte von Frauen, die mehr oder weniger regelmässig in das Zentrum kämen, das an einem belebten Markt im ersten Stock über einem kleinen Gemüseladen liegt. In dem kärglichen Raum findet sich ausser ein paar alten Sitzkissen nichts. Die Frauen scheinen sich dennoch wohl zu fühlen. «Dieses Zentrum ist mein Zufluchtsort, ich fühle mich hier, als ob ich im Paradies wäre», sagt die 45-jährige Parween, die regelmässig vor ihrem jähzornigen Ehemann hierherflüchtet.

Gesellschaftliche Schranken

Einige Frauen kämen zur Gruppentherapie, andere zu Einzelsitzungen, sagt die Therapeutin. Meistens dauere es aber mehrere Sitzungen, bis die Patientinnen Vertrauen fassten und über schlimme Erlebnisse sprechen könnten. Es koste die Frauen einigen Mut hierherzukommen, fügt sie hinzu. Die meisten kämen im Geheimen, ohne die Zustimmung ihrer Ehemänner.

Der Lösungsansatz von Hosa ist mehr als bescheiden. Im Westen würde wohl jeder Psychologe diesen Frauen raten, ihre gewalttätigen Männer zu verlassen. Doch für die Frauen hier kommt eine Scheidung nicht in Frage, sind sie doch auf Gedeih und Verderb von ihren Ehemännern abhängig. Als alleinstehende Frau eine Wohnung zu mieten oder sich mit Arbeit durchzuschlagen, ist in Afghanistan schlicht nicht möglich. Die einzige Alternative wäre, ins Elternhaus zurückzukehren. Dies ist aber oft auch unerwünscht, weil die Familien ihre Ehre nicht durch eine geschiedene Tochter beschmutzen wollen.

Bei der Therapie gehe es nicht darum, die Lebenssituation zu ändern, meint Abeda nüchtern. Kultur und Tradition würden das nicht zulassen. In erster Linie tue es den Frauen gut, sich auszusprechen und zu sehen, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine seien. Dann versuche man, die Situation zu analysieren und herauszufinden, wie die Frauen Konflikten zu Hause aus dem Weg gehen könnten, sagt die Therapeutin. Das klingt deprimierend. Den meisten hier scheint es aber zu helfen. «Wir sollten uns weniger auf die Schwierigkeiten in unserem Leben fokussieren als auf das Positive», sagt Parween. «Wir haben alle unter schwierigsten Umständen Kinder grossgezogen, und wenn wir unser Schicksal auch nicht ändern können, so sollten wir zumindest versuchen, unseren Töchtern ein besseres Leben zu ermöglichen.»

Männer tun sich schwerer

Abedas Ehemann, Ustad Arif, betreut in dem Zentrum die männlichen Patienten. Er hat deutlich weniger zu tun als seine Frau, da sich die Männer viel schwerer damit tun, über ihre Gefühle zu sprechen. Der Therapeut bestätigt, dass Gewalttätigkeit ein grosses Problem darstelle. Seine Erfahrung sage ihm, dass die meisten Männer in Afghanistan ihre Frauen verprügelten. Nur wenige würden aber erkennen, dass sie krank seien, und Hilfe suchen.

Afghanistan sei ein rückständiges Land und die Gesellschaft sehr machistisch, erklärt der Therapeut. Frauen hätten hier traditionell wenig zu sagen und seien ihren Männern schutzlos ausgeliefert. In dreissig Jahren Krieg sei eine Kultur der Gewalt herangereift. Viele Männer hätten Schreckliches erlebt und ihre Aggression sei eine Antwort auf Unsicherheit und Depressionen, meint Arif. Hinzu kämen wirtschaftliche Not und die Tatsache, dass das männliche Familienoberhaupt oft für über ein Dutzend Personen verantwortlich sei und unter enormem Druck stehe. Wenn ein Mann invalid oder arbeitslos sei und seine Familie nicht über Wasser halten könne, sehe er sich selber als Versager.

Jawat kann davon ein Lied singen. Er ist erst 15-jährig. Als sein Vater bei einem Anschlag ums Leben kam, wurde er als einziger Sohn für seine Mutter und seine Schwestern verantwortlich. Jawat geht noch zur Schule, und die Familie lebt momentan von den Almosen Verwandter. Doch der Teenager weiss, dass er so bald wie möglich Geld verdienen muss. Schon heute fällt er wichtige Entscheide für die Familie, und das überfordert ihn gewaltig. Er ist hierhergekommen, weil er vor ein paar Tagen einen Knaben in der Schule spitalreif geschlagen hat. «Seit dem Tod meines Vaters raste ich oft aus und ich weiss, dass das nicht gut ist», sagt er bedrückt.

Auch Wazir Khan ist oft aggressiv. Er sei manchmal sehr traurig und trage sich mit Selbstmordgedanken, sagt der 28-Jährige. Wenn ihn jemand darauf anspreche, schreie er die Leute an. Wazir hat in der Therapie herausgefunden, woher die Wut kommt. Er sei unter den Taliban gross geworden und habe nicht zur Schule gehen können, sagt er. Deshalb habe er das Gefühl, das Leben verpasst zu haben. In der Zwischenzeit hat der junge Mann zwar Lesen und Schreiben gelernt und studiert islamisches Recht. Er hat aber grosse Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und nicht ständig in eine Depression zu fallen. Früher dachte er, er sei verrückt. Doch Arif hat ihm erklärt, dass er krank sei und dass viele andere Männer ähnlich empfänden. Das habe ihm sehr geholfen, sagt Wazir, scheu lächelnd.

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