Historische Wende in der Industrieentwicklung: Pharmakonzern Novatis setzt 270 Forscher auf die Strasse, streicht erstmals Stellen in der Forschung und verlagert die Arbeitsplätze, trotz gleichzeitiger Milliardengewinne

30. Oktober 2011, NZZ am Sonntag

Schweizer Forscher schlagen nach Stellenabbau Alarm

Erstmals streicht ein Schweizer Pharmakonzern auch in der Forschung Stellen

Proteste und Alarmstimmung in Basel: Angestellte von Novartis und Gewerkschafter protestieren gegen die Entlassungen beim Pharmakonzern. (Bild: Keystone/Georgios Kefalas)ZoomProteste und Alarmstimmung in Basel: Angestellte von Novartis und Gewerkschafter protestieren gegen die Entlassungen beim Pharmakonzern. (Bild: Keystone/Georgios Kefalas)

Der Basler Pharmakonzern Novartis hat mit der Streichung von 270 Stellen in der Forschung ein Tabu gebrochen.

Gordana Mijuk, Theres Lüthi

In Basel haben gestern Samstag 1000 Personen gegen die Massenentlassung bei Novartis protestiert. Der Pharmakonzern plant, in der Schweiz 1100 Stellen abzubauen, und hat diese Woche gleichzeitig Milliardengewinne ausgewiesen. Erstmals überhaupt streicht die Firma Stellen in Forschung und Entwicklung. 270 Wissenschafter werden auf die Strasse gestellt, viele Stellen in die USA nach Boston ausgelagert. Damit bricht Novartis ein Tabu: In der Schweiz galten Stellen in der Forschung bisher als sicher.

Basel ist mit 22 590 Beschäftigten der grösste Standort von Life Sciences in Europa, und die Schweiz war lange der führende Forschungsplatz. Doch im Bereich der klinischen Studien mit Patienten etwa hinkt man dem Ausland hinterher. Es dauert zu lange, bis die Ethikkommission und das Heilmittelinstitut Swissmedic Studien bewilligen und ein erstes Medikament verabreicht werden kann. Dies beweist eine Untersuchung von 21 Ländern der European Organisation for Research and Treatment of Cancer. In Belgien erhalten Forscher die Bewilligung durchschnittlich innert 29 Tagen, in Deutschland nach 53. Abgeschlagen in der Rangliste ist die Schweiz mit 135 Tagen. Vor zehn Jahren war sie noch vorne dabei.

«Dass die Schweiz teuer ist, wird uns verziehen», erklärt Beat Thürlimann, Präsident der Schweizerischen Arbeitsgruppe für Klinische Krebsforschung. «Doch Langsamkeit ist das Schlimmste für eine innovative Industrie.» Für viele internationale Pharmafirmen ist darum die Schweiz neuerdings uninteressant geworden. Die Folgen sind fatal, machen doch die Life Sciences in Basel einen Viertel der wirtschaftlichen Wertschöpfung aus.

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