Während mehr als fünf Millionen Menschen in Äthiopien hungern, züchtet eine indische Firma dort auf riesigen Plantagen Rosen für Europa

von Michael Bünker. „Rosen statt Getreide“ – vom Hunger in der Welt

„Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet“, stellt der Schweizer Soziologe Jean Ziegler fest. Während mehr als fünf Millionen Menschen in Äthiopien hungern, züchtet eine indische Firma dort auf riesigen Plantagen Rosen für Europa.

Das ist kein Einzelfall: Agrarunternehmen aus Industrie- und Schwellenländern weichen wegen der hohen Bodenpreise in ihrer Heimat zunehmend in Entwicklungsländer aus, auch ans Horn von Afrika. Derweil leidet die Bevölkerung dort unter einer Hungersnot epochalen Ausmaßes. Diese Ernährungskrise geht auf Dürre und Krieg zurück. Hunger gehört am Horn von Afrika zum Alltag, während er in Europa seine Schrecken verloren hat.

Der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker spricht anlässlich des evangelischen Reformationstages über den Hunger in der Welt als Herausforderung und Anfrage an all jene, die von diesen ungerechten Strukturen profitieren.
Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer.

Reformationstag. Als Martin Luther vor dem Kaiser gefragt wurde, ob er widerruft, sagt er nein, sein Gewissen sei im Wort Gottes gefangen. Stark und mutig, sich so allein hinzustellen und aller Welt standzuhalten. Eine Haltung, die auch heute dringend gebraucht würde. An die Nachrichten, dass am Horn von Afrika mehr als 11 Millionen Menschen akut unter Hunger leiden und unzählige Kinder sterben, hat man sich fast schon gewöhnt. Das Gewissen ist ruhig. Nur langsam sind die internationalen Hilfsaktionen angelaufen, obwohl diese Katastrophe bereits seit Langem vorausgesehen wurde. Die notwendigen Maßnahmen, von allen Fachleuten seit Jahren gefordert, sind über zwanzig Jahre nur halbherzig angegangen worden. Dazu gehört die nachhaltige Stärkung der lokalen kleinbäuerlichen Strukturen, verbessertes einheimisches Saatgut, Bodenschutz durch Aufforstung, Regenwassersammelbecken und vieles mehr. Die Dürrekatastrophe mag ein Schicksal sein – der Hunger ist es nicht.

Jean Ziegler fordert einen „Aufstand des Gewissens“. Er berichtet immer wieder von einem Erlebnis, das ihn in den frühen 1960er Jahren auf einen neuen Weg geführt hat. Er war als Mitglied einer internationalen Delegation im Kongo. Am Abend gab es in einem der wenigen noblen Hotels einen Empfang. Man stand beisammen und hatte gut zu Essen und zu Trinken. Jean Ziegler berichtet, dass er ans Fenster trat um in den Abend hinauszusehen und da die Gestalten sah, die von allen Seiten auf das Hotel zukamen. Es waren die Hungerleider der Stadt, die an die Abfälle wollten. Darunter viele Kinder. Trotz aller verzweifelten Anstrengung gelang es ihnen nicht, die Barrieren, die das Hotel abschirmten, zu überwinden. „Da beschloss ich“ – so Jean Ziegler – „nie wieder auf der Seite der Henker zu stehen“. Die Verantwortung lässt sich nicht abschieben. Es kommt auf jeden und jede an, da ist niemand, der nicht einen entscheidenden Beitrag leisten könnte.

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