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Archiv für den Monat Oktober 2011

Milizen aus Misrata terrorisieren Zivilisten
Anti-Gaddafi-Kämpfer haben diesen Wegweiser nach Tawergha mit „Misrata“ übermalt.
Kämpfer verweigern Einwohnern Stadt Tawergha die Rückkehr in ihre Häuser

Anfang Oktober besuchte eine Delegation der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) mehrere libysche Städte. Der am Sonntag veröffentlichte Bericht erhebt schwere Vorwürfe gegen Milizen aus Misrata: Zivilisten sollen an der Rückkehr in ihre Häuser gehindert worden, einige sogar gefoltert oder ermordet worden sein. Vertreter des Übergangsrats sprechen sich für eine Umsiedlung der Einwohner der 30.000-Einwohner-Stadt Tawergha aus.

Ibrahim Beitelmal, Sprecher des Militärrates von Misrata, forderte im Gespräch mit AP, die Stadt zu zerstören: „Wenn es nach mir ginge, will ich diese Stadt nie mehr sehen, sie sollte nicht mehr existieren“. Beitelmals 19-jähriger Sohn starb im Kampf um Misrtata.

Laut HRW liegen glaubhafte Berichte vor, dass auf unbewaffnete Menschen aus Tawergha geschossen werde, zudem gebe es willkürliche Festnahmen und Gefangene würden brutal geschlagen. Die Milizen werfen den ehemaligen Einwohnern Tawerghas demnach vor, an der Seite von Gaddafis Truppen in Misrata Gräueltaten wie Vergewaltigungen und Morde verübt zu haben. Viele Bewohne der Stadt stammen von afrikanischen Sklaven ab.

Plünderungen

Bei ihren Besuch in der Stadt Anfang und Ende Oktober sahen die Mitglieder der Delegation, wie Milizen Häuser in Brand steckten und mit Lastwagen Möbel und Teppiche abtransportierten.

Die Stadt galt als Hochburg von Gaddafi-Anhängern und diente seinen Truppen auch als Basis für Angriffe auf Rebellen in Misrata. Als die Aufständischen Mitte August ihre Offensive in Richtung Tripolis ausweiteten, flohen die meisten der rund 30.000 Einwohner. Wer nicht freiwillig ging, wurde von den Milizen vertrieben.

HRW zitierte einen Milizenvertreter mit den Worten, den Vertriebenen dürfe „niemals die Rückkehr“ nach Tawergha erlaubt werden. Auch Ibrahim Yusuf bin Gashir, laut HRW Mitglied des Übergangsrates, sprach sich für eine Umsiedlung aus: „Man sollte sie nach Tripolis, Bengazi oder in den Süden bringen und sie für ihre Verluste in Tawergha entschädigen“, sagte er der Delegation, „diese Fälle können nicht vergeben werden, es wäre besser, sie weit weg anzusiedeln.“

Folter und Mord

Die Vertreter der Menschenrechtsorganisation sprachen mit zahlreichen Gefangenen, die von Übergriffen der Milizen aus Misrata berichteten. So sei ein 42-jähriger Müllwagenfahrer so lange geschlagen worden sein, bis er gestand, dreißig Frauen und ein achtjähriges Mädchen vergewaltigt zu haben. Später erlag der Mann seinen Verletzungen. Ein psychisch Kranker wurde 45 Minuten lang mit einer Pferdepeitsche geschlagen, bis er tot war.

Im Wahda-Gefängnis in Misrata  sahen die Besucher, wie verletzte  Häftlinge spätnachts auf den Knien über den Hof rutschen mussten. Ein Wärter bezeichnete dies als „Abendsport“.

Der stellvertretende Vorsitzende des Stadtrats von Misrata, Sedik Bashir Bady, sagte der Delegation, man habe angeordnet, die Misshandlungen umgehend einzustellen – allerdings hielten sich die Kämpfer an keine Befehle: „Sie tun was sie wollen“.

Keine Behandlung für Bewohner Tawerghas

Im Spital von Misrata wurden laut mehreren übereinstimmenden Augenzeugenberichten Patienten die Behandlung verweigert, weil sie aus Tawergha stammen. Banken verweigern laut HRW Auszahlungen, wenn in den Ausweispapieren des Kunden der Name der Stadt eingetragen ist.

Kollektivstrafen

Bei der Belagerung Misratas im Mai und April beschoss die libysche Armee die Stadt mit Mörsern und Raketen und setzte Streubomben ein. Die Racheaktionen an den Bewohnern Tawerghas und die Deportationen stellen laut HRW aber Kollektivstrafen dar und sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

HRW erklärt, derlei Racheakte gefährdeten das „Ziel der libyschen Revolution“. Menschen aus Tawergha, denen Verbrechen vorgeworfen würden, müssten „gemäß dem Gesetz“ und nicht in Selbstjustiz zur Verantwortung gezogen werden. HRW rief die neue Regierung in Libyen dazu auf, die noch verbliebenen zahlreichen Bewaffneten in Misrata unter ein einheitliches Kommando zu stellen.

Der Aufstand gegen Gaddafi hatte Mitte Februar seinen Anfang genommen. Am 20. Oktober wurde er in seiner Geburtsstadt Sirte gefangen genommen und starb anschließend unter bisher ungeklärten Umständen. (red/APA)

http://derstandard.at/1319181617502/Milizen-aus-Misrata-terrorisieren-Zivilisten

Die schleichende Katastrophe: Jeder siebte Mensch hungert
VON MAXIMILIAN PLÜCK – zuletzt aktualisiert: 31.10.2011 – 02:30

Düsseldorf (RP). Im April 2008 brennen auf den Straßen von Port au Prince die Barrikaden. Nachdem die Nahrungsmittelpreise auf Haiti innerhalb von nur einem Monat um mehr als 50 Prozent angestiegen sind, bricht in der Hauptstadt und in anderen Orten auf der Karibikinsel eine Revolte aus. Autoreifen brennen, marodierende Banden ziehen plündernd durch die Straßen. Nur mit Mühe gelingt es den Sicherheitskräften nach Tagen, die Ordnung wiederherzustellen. Haiti ist nur ein Beispiel von rund 40 Ländern, die das Frühjahr 2008 in einen Gewaltstrudel stürzt: Im Zuge der damaligen Nahrungsmittel-Preisexplosionen kommt es zu Aufständen etwa in Guinea, Mauretanien, Marokko, Usbekistan, und Jemen. Der Hunger ist längst sicherheitspolitischer Faktor, Auslöser sozialer Unruhen und gewaltsamer Konflikte geworden.

Begreifen, wie brisant die Lage ist, lässt sich in einer Wohlstandsgesellschaft wie der unseren nur schwer. Aufgerüttelt wird die westliche Öffentlichkeit höchstens, wenn es zu Gewaltausbrüchen kommt oder aber zu akuten Hungerkatastrophen wie derzeit am Horn von Afrika. Der ununterbrochene, schleichende Tod dagegen, der sich überwiegend auf der südlichen Erdkugel abspielt, bleibt weitestgehend unbeachtet.

Deshalb bemüht die Autorin Tanja Busse in ihrem Buch „Die Ernährungsdiktatur“ ein Beispiel: den globalen Mittagstisch. Die gesamte Welt nimmt an diesem Tisch Platz, um für eine Stunde zu Mittag zu essen. Von den sieben Milliarden Menschen, die sich um den Tisch scharen, würden zwei Milliarden zu viele Kilos auf die Waage bringen, vier Milliarden Menschen könnten als normal ernährt angesehen werden. Dem gegenüber säße eine Milliarde Menschen, die hungern – jeder Siebte am Tisch. Dauert das Essen nur eine Stunde, würden 4000 Unterernährte tot von ihren Stühlen sinken. Denn nach Angaben des World Food Programme der Vereinten Nationen (WFP) rafft der Hunger jährlich mehr Menschen dahin als Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen. Das Paradoxe: Niemals zuvor wurde so viel Nahrung produziert, gab es so viele dicke Menschen – und so viele hungernde.

Bei dieser Katastrophe handelt es sich nicht ausschließlich um eine Folge von Naturgewalten wie Dürren oder Überschwemmungen. Das WFP konstatiert: „Es gibt genügend Nahrung auf der Welt, um jedem ausreichend Nahrung zur Verfügung zu stellen.“ Es handelt sich um ein Versagen der Marktkräfte. Während der Norden insgesamt zu viel produziert, stellt der Süden zu wenig her. Zudem macht der Autor Wilfried Bommert in seinem Buch „Kein Brot für die Welt“ „ein unglückliches Zusammenspiel mehrerer Triebkräfte“ als Ursache aus, darunter die hohen Ölpreise, den ansteigenden Fleischkonsum in China und Indien sowie Spekulationen.

Ein zentrales Problem bleibt dennoch der Klimawandel. Nach Schätzungen des WFP werden 2050 durch ihn zusätzlich 24 Millionen Menschen von Hunger betroffen sein. Dürren, Überschwemmungen, Zyklone – sie sorgen schon heute dafür, dass die Landwirtschaft in den betroffenen Regionen immer schwieriger, teils sogar unmöglich wird. Nach einer Prognose des UN-Weltklimarats werden ausgerechnet die Länder von extremer Witterung betroffen sein, die zu den Entwicklungsländern zählen und ohnehin durch ihre wachsende Bevölkerung Schwierigkeiten bei der Versorgung haben. Das betrifft insbesondere die Gebiete südlich der Sahara.

Doch auch indirekt sorgt der Klimawandel dafür, dass sich der Hunger verschärft – und zwar von Menschenhand. Die Rede ist von der immer stärkeren Fokussierung auf regenerative Energien. Ethanol und Biodiesel, einst als klimafreundliche Alternative zur endlichen Ressource Erdöl gepriesen, geraten zunehmend in Verruf. Die einfache Gleichung der Kritiker wie Wilfried Bommert: Klimafreundlicher Sprit wird durch leere Teller erkauft. Denn auch die Anbaufläche ist eine begrenzte Ressource. Jedes Stück Land, das für Mais, Raps, Soja, Palmöl und Zuckerrohr zur Herstellung von Biosprit genutzt wird, fehlt zur Produktion von Nahrungsmitteln. „Ackerland wird zum Spekulationsobjekt des 21. Jahrhunderts“, meint Bommert. Noch beschränkt sich der Anbau überwiegend auf Europa und die USA. Allerdings sind die Biosprit-Ziele der Industrienationen so ehrgeizig, dass sie die Rohstoffe für ihren Sprit bald importieren müssen. Das Nachsehen haben die Kleinbauern. 85 Prozent der heute 525 Millionen Bauernhöfe weltweit haben weniger als zwei Hektar Land. Die Welthungerhilfe warnte jüngst bei einer Anhörung im Bundestag vor dem sogenannten „Landgrabbing“. Der Begriff bedeutet nichts anderes, als dass die Kleinbauern enteignet werden. Problem nur: Derzeit sind die Kleinbauern laut UN für 70 Prozent der Nahrungsmittelproduktion verantwortlich.

Und es droht noch von anderer Seite eine Verschärfung: durch die wachsende Fleischnachfrage. Aufstrebende Nationen wie China und Indien passen sich den westlichen Gebräuchen an: Fleischverzehr als Statussymbol. Konnten die Landwirte bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts fast gänzlich auf das Füttern von Getreide verzichten, hat sich dies mit der Hochleistungstierzucht geändert. Nahrungskonkurrenz zwischen Tier und Mensch.

Trotz all dieser Probleme reißen die Bemühungen im Kampf gegen den Hunger nicht ab. 2000 folgten zahlreiche Delegationen der Einladung des damaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan, um mit den „Millenniumszielen“ die Welt zu verbessern. Die Delegierten versprachen, bis 2015 den Anteil der Unterernährten an der Weltbevölkerung auf zehn Prozent zu drücken. Kaum jemand glaubt heute angesichts von 14,3 Prozent noch daran, dass sich dieser Wert erreichen lässt. Erst im Februar kletterten die Nahrungsmittelpreise nach Angaben der Welternährungsorganisation über den Höchstwert der Lebensmittelkrise von 2008.

http://nachrichten.rp-online.de/politik/die-schleichende-katastrophe-jeder-siebte-mensch-hungert-1.2534716

  • 31.10.2011

US-Soziologin über Occupy-Bewegung

„Niemand will Arbeiterklasse sein“

Die neue Protestbewegung ist ein Mittelschichtphänomen. Noch. Die US-Soziologin Frances Fox Piven über echte Armut, alte und neue Feindbilder und innovative Strategien des Protests.Interview Dorothea Hahn

„Die extreme Ungleichheit in den USA wächst seit mehr als 30 Jahren.“ Bild: reuters

taz: Frau Fox Piven, Sie schreiben schon lange, dass die USA politisches Engagement und eine Mobilisierung der Armen brauchen. Ist das der Moment, auf den Sie gewartet haben?

Frances Fox Piven: Es ist auf jeden Fall der Moment des Protests von sehr großen Teilen der Bevölkerung. Aber es ist noch unklar, ob die 50 Millionen Armen in den USA mitmachen werden. Bislang sind sie zwar einbezogen, aber spielen keine herausragende Rolle.

Wovon hängt das ab?

Der Widerstand gegen Zwangsvollstreckungen könnte die Aufmerksamkeit auf jene lenken, denen es am schlechtesten geht. Ich hoffe, dies gelingt. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die Proteste die Sprache vergangener Jahrzehnte wiederholen. Die Mittelschicht stand im Zentrum, und die Armen wurden weiter marginalisiert.

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Warum ist die Mittelschicht und ihr „amerikanischer Traum“ so zentral?

Wir sind eine sehr verbraucherorientierte Gesellschaft. Die Zugehörigkeit zur Mittelschicht geht einher mit einem hohen Konsumniveau. Die Leute imitieren die Wohlhabenden in ihrem Konsumentenverhalten. Das ist in den USA möglich, weil massenproduzierte Güter relativ billig sein können. Die USA sehen sich gern als eine sehr mobile Gesellschaft.

FRANCES FOX PIVEN, 79, lehrt Soziologie an der City University in New York. Ihr Forschungsschwerpunkt sind soziale und Jugendbewegungen, Armut und Sozialpolitik in den USA. Die US-Amerikanerin ist Mitglied der Democratic Socialists of America. 1966 hat Fox Piven zusammen mit ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann in einem viel beachteten Aufsatz die Abschaffung der Armut mithilfe eines Mindesteinkommens für Arme vorgeschlagen.

Für radikale Rechte ist diese „Piven-Cloward-Strategie“ fast ein halbes Jahrhundert später immer noch ein rotes Tuch. Im vergangenen Winter hetzte der TV-Journalist Glenn Beck gegen die Verfassungsfeindin“ und „Kommunistin“, worauf Fox Piven anonyme Morddrohungen bekam.

Ist diese Mobilität nicht real?

Es gehört zum kulturellen amerikanischen Mythos, dass Leute als Hausierer beginnen und als Eigentümer von Handelsketten enden. Tatsächlich gibt es bei uns heute keine größere vertikale Mobilität als in den wohlhabenden europäischen Gesellschaften. Und auch in der Vergangenheit sind in den USA nur wenige tatsächlich die Leiter nach oben gestiegen.

Die Occupy-Bewegung spricht von sich selbst als den „99 %“. Das signalisiert Offenheit nach fast allen Seiten. Birgt es auch die Gefahr der Verwässerung?

Es gibt ein gewisses Risiko, und der Slogan ist auch nicht ganz akkurat. Denn tatsächlich ist es den „Top 10 Prozent“ sehr gut ergangen. Aber mich beunruhigt mehr, dass die Unbekümmertheit und sprachliche Aufgeschlossenheit von jenen ablenken könnte, die am stärksten leiden. Andererseits ermöglicht der Slogan, die Hand nach allen möglichen Unterstützern auszustrecken. Nach Leuten, die nur ein mittleres Einkommen haben oder weniger und die sich selbst mit den 99 Prozent identifizieren können. In den USA will niemand Arbeiterklasse sein.

Schließt der Slogan „Wir sind die 99 %“ auch die Mitglieder der rechten Tea Party ein?

Auf der Liberty Plaza (Zuccotti Park) in New York sind mehrfach Tea-Party-Leute aufgekreuzt. Aber ihnen geht es definitiv besser als den durchschnittlichen amerikanischen Familien.

Sie sehen keine Parallelen zwischen Tea Party und Occupy-Bewegung?

Die Bewegungen sind sehr unterschiedlich: demografisch, ökonomisch wie kulturell. Tea Party-Leute sind weiß, älter und in der Regel Eigentümer ihres Hauses. Die meisten wuchsen in einer Zeit auf, als die USA sich als weiße Nation verstanden und die US-Flagge über weiten Teilen der Welt flatterte. Diese Leute sind ängstlich. Aber ihre Ängste sind nicht wirtschaftlicher Natur.

Die Protagonisten der Occupy-Bewegung sind zur Zeit des Mauerfalls und des Zusammenbruchs der Sowjetunion zur Welt gekommen. Ergibt das Verschwinden des alten Feindbildes neue Freiheiten in den USA?

Jetzt haben wir dafür Terroristen, die unter jedem U-Bahn-Sitz lauern. Nach 9/11 haben die Überwachungs- und Sicherheitsmaßnahmen in den USA enorm zugenommen. Sie werden jetzt dafür eingesetzt, Proteste zu überwachen.

Die Occupy-Bewegung reagiert auf ökonomische und soziale Ungleichheiten, die seit Jahren existieren.

Die extreme Ungleichheit in den USA wächst seit mehr als 30 Jahren. Aber im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts hat sich diese Tendenz beschleunigt. Die Armut hat stärker zugenommen. Dann kam die Rezession dazu, die in Wirklichkeit mit einer finanziellen Panik begann. Als Erstes hat Wall Street ein großes Rettungspaket verlangt – und bekommen. Als Zweites begann eine Austeritätspolitik sowie die Konzentration auf die Schulden. Dann stellten die Leute fest, dass die Steuern für Unternehmen und insbesondere für finanzielle Transaktionen in den vergangenen 40 Jahren kontinuierlich gesunken sind.

Wieso ist die Protestbewegung gerade in diesem Herbst entstanden?

Schwer zu sagen. Aber für mich wäre es noch überraschender gewesen, wenn nichts passiert wäre. Alle Zeichen stehen auf Sturm: Auf der einen Seite wächst das wirtschaftliche Elend. Eine unglaubliche Anzahl von Häusern stehen „under water“ [haben einen geringeren Marktwert als die Hypotheken, die auf ihnen lasten, d. Red.]. Die mittleren Löhne sinken. Und die Arbeitslosigkeit rangiert in zweistelliger Größenordnung. Andererseits haben die Banken ihre Verluste vom Anfang der Finanzkrise nicht nur ausgeglichen, sondern sie machen jede Menge Profit. Das ist Elend, kombiniert mit der Ungerechtigkeit bei der Verteilung des Elends. Es kommt hinzu, dass die Leute auf eine bestimmte Gruppe weisen können, die verantwortlich ist und sowohl die Wirtschaft als auch das politische System bestimmt.

Welche Rolle spielt die Präsidentschaft von Barack Obama bei der Genese der Proteste?

Wenn überhaupt, dann hat Obamas Präsidentschaft das Ausbrechen der Proteste verzögert. Die Leute haben sehr viel von ihm erwartet. Doch er erwies sich als ein Politiker, der sehr schnell dem Druck nachgegeben hat. Und der teilweise diesen Druck sogar selbst erzeugt hat, indem er sich mit Republikanern und mit Clintonites umgab, deren Orientierung nichts mit den Versprechen seiner Kampagne zu tun hat. Obama war eine Enttäuschung. Insbesondere für junge Leute. Und für Minderheiten.

Wie stark haben die Proteste von Ägypten bis Spanien die Occupy-Bewegung in den USA beeinflusst?

Protestbewegungen in verschiedenen Nationen haben sich immer gegenseitig beeinflusst. Schauen Sie sich 1968 an: Das gab es weltweit. Aber ich denke, es hätte in den USA auch ohne Tunesien und ohne Ägypten Proteste gegeben. Was Tunesien und Ägypten hingegen beeinflusst haben, ist die Strategie der Proteste. Platzbesetzungen sind eine gute Neuerung bei Protesten. Es ist einfach für die Obrigkeit, eine Demonstration oder eine Kundgebung auszusitzen. Aber es ist schwer, eine Besetzung auszusitzen.

Würden Sie diese Bewegung revolutionär nennen, wie manche Besetzer behaupten?

Sie wollen nicht zu den Waffen greifen oder Barrikaden bauen, sondern die Gesellschaft total umgestalten. Viele Protestbewegungen denken an eine Umgestaltung und bekommen Reformen. Wie umfassend die Umgestaltung wird, hängt davon ab, wie die amerikanischen Eliten auf diese Bewegung antworten. Und das ist extrem schwer vorherzusagen. Die amerikanische Oberschicht ist so individualistisch geworden, so unzusammenhängend und zersplittert. Es scheint, als würde sie nicht einmal mehr dafür sorgen wollen, die Institutionen zu reproduzieren, die sie zu der Führungsschicht gemacht haben. Es ist unglaublich, dass man Schulen und Lehrer mit enormen Haushaltskürzungen attackiert. Eine Führungsschicht, die auf ein langes Leben für sich, ihre Kinder und Enkel in diesem Land hofft, würde nicht so kurzsichtig und räuberisch sein.

Wie ordnen Sie die Bewegung ideologisch ein?

Als radikale Demokraten und Postanarchisten. Sie praktizieren direkte Demokratie. Das ist langwierig und mühsam. Aber sie tun es. Daraus kann ganz gewiss nur Gutes entstehen. Ich schätze das sehr. Auch wenn ich selbst nicht diesen Weg wählen würde, weil ich ihn schwierig und frustrierend finde.

Wird der Winter die Besetzungen beenden?

Die Bewegung muss ihre Taktiken ändern.

Wie lange kann sie durchhalten?

Die Bürgerrechtsbewegung hat 14 bis 15 Jahre gedauert. Die Arbeiterbewegung, die sich 1933/ 34 explosionsartig ausbreitete, hat ebenfalls rund ein Dutzend Jahre angehalten. Bewegungen haben eine Lebenszeit. Zum Teil, weil Leute etwas von dem bekommen, was sie verlangen, und zum Teil, weil die Energie, die eine Bewegung erfüllt, schrumpft. Wenn wir diese Bewegung zehn oder zwölf Jahre hätten, wäre das ein Segen.

Im November 2012 wählen die USA einen neuen Präsidenten. Welchen Einfluss werden die „99 %“ haben?

Wahlen sind Propagandaschlachten. Sie hängen von Kampagnen-Beiträgen ab. Und von allen möglichen Scharaden. Aber diese Bewegung hat schon jetzt die Debatte verschoben. Das Hauptthema ist jetzt die wirtschaftliche Ungleichheit. Das ist eine echte Leistung.

Ist die Occupy-Bewegung eine Unterstützung oder eine Bedrohung für Barack Obama?

Beides. Obama muss sich nach links bewegen. Um seine Kernwählerschaft zu halten. Und das wird wiederum viel Skepsis gegen ihn auslösen. Die Bilanz ist vermutlich eher positiv für ihn. Aber es ist heikel. Und ich bin sicher, er wäre froh, würde das alles aufhören.

Iran legt Beschwerde gegen Mordkomplott-Vorwürfe der USA ein (sda/ddp) Iran hat sich offiziell über Vorwürfe der USA beschwert, er sei in ein Mordkomplott gegen den saudiarabischen Botschafter in Washington verwickelt. Eine entsprechende diplomatische Note sei am Freitag eingegangen, verlautete am Sonntag aus Regierungskreisen in Washington. Sie sei über die Schweizer Botschaft in Teheran zugestellt worden, welche amerikanische Interessen für die USA im Iran wahrnimmt. Zurückgewiesen hatte die iranische Regierung die Vorwürfe bereits.

http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/iran_mordkomplott-vorwuerfe_1.13169018.html

Taliban strafen US-Militärs Lügen
30. Oktober 2011 19:57

Anschlagswelle in Kabul steht im Gegensatz zu optimistischen Lageberichten

Neu-Delhi/Kabul – Malt die Nato die Lage in Afghanistan rosiger als sie ist? Die Serie spektakulärer Anschläge in Kabul reißt nicht ab. Erneut gelang es den Taliban, mitten in der schwer gesicherten Hauptstadt zuzuschlagen und einen Militärbus der Schutztruppe Isaf in die Luft zu jagen. 17 Menschen starben – zwölf US-Soldaten, ein kanadischer Soldat und vier Afghanen. Es war angeblich die tödlichste Attacke auf die Isaf in Kabul seit dem Sturz der radikalislamischen Taliban im Jahr 2001.
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Der Selbstmordattentäter hatte am Samstag seinen mit 700 Kilogramm Sprengstoff beladenen Wagen in einen Isaf-Bus gerammt. Der Anschlag ereignete sich auf der Darulaman Straße, die die Nato-Basen in der Innenstadt mit dem militärischen Trainingszentrum verbindet und oft von der Isaf benutzt wird. Der schwergepanzerte, 13 Tonnen schwere Bus vom Typ RhinoRunner wurde durch die Wucht der Detonation meterweit weggeschleudert.

Isaf-Kommandant General John R. Allen zeigte sich erschüttert über die Opfer, deutete den Anschlag aber als Verzweiflungstat der Militanten. Diese wollten „die Tatsache vertuschen“, dass sie an Boden verlören, meinte Allen.

Diese Ansicht wird allerdings von den wenigsten Afghanen geteilt. Immer weniger glauben noch, dass die Strategie der Nato aufgeht, die Taliban mit Militärgewalt in die Knie zu zwingen. Und es war nicht der einzige Anschlag an diesem Tag. In der Provinz Kandahar erschoss ein afghanischer Rekrut drei australische Soldaten. In der Provinz Kunar sprengte sich eine Selbstmordattentäterin in einer Burka vor dem Büro des Geheimdienstes NDS in die Luft. Vier Menschen wurden verletzt.

Bereits in den Vormonaten war Kabul immer wieder Ziel von Terrorattacken geworden. Die Anschlagswelle steht in krassem Kontrast zu den eher optimistischen Lageberichten der US-Militärs, die erst jüngst verkündet hatten, dass die Zahl der Attacken seit Mai sinke. Und sie nährt Zweifel am Abzugsplan des Westens. Dieser will die Verantwortung für die Sicherheit schrittweise den Afghanen übertragen, damit die meisten ausländischen Soldaten bis Ende 2014 abziehen können.

Experten warnen, die afghanischen Sicherheitskräfte seien nicht reif für diese Aufgabe und von den Taliban infiltriert. Der Anschlag zeigte auch erneut, wie schlecht die Beziehungen zwischen Kabul und Washington inzwischen sind. So bedauerte Präsident Hamid Karsai zwar den Tod der vier Afghanen. Die US-Todesopfer erwähnte er aber mit keinem Wort. Vergangene Woche hatte Karsai in einem Interview sogar gewarnt, falls die USA Pakistan angriffen, werde Kabul aufseiten Islamabads stehen. (Christine Möllhoff, DER STANDARD-Printausgabe, 31.10./1.11.2011)