Ein Hoffnungsschimmer: Über die Jahrhunderte betrachtet gehen Gewalt und Gewalttätigkeit immer mehr zurück: Kreuzüge kosten eine Millionen Juden und Muslimen das Leben, im Mittelalter freuten sich die Menschen an den größten Grausamkeiten, Krieg galt noch bis in den ersten Weltkrieg für viele als wünschenswert, Friede erst nach 1945 als erstrebenswert!

Aber die tagtäglichengrausamen Berichte über Krieg und Gewalt geben trotzdem keinen Grund zur Zufriedenheit

Gewalt

Steven Pinkers neue Geschichte der Menschheit

Beim Hören der Weltnachrichten will man nicht so recht glauben, was Steven Pinker in seinem neuen Buch, „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“ behauptet: dass es heute viel friedlicher zugeht als früher. Dem Kognitionsforscher der Universität Harvard in den USA ist freilich bewusst, dass die meisten Leute vom Gegenteil überzeugt sind.
Rückgang der Gewalttätigkeit

„Menschen kalkulieren Risiko auf der Basis von leicht abrufbaren Beispielen“, meint Steven Pinker. „Diese werden von einer immer effizienteren Medienmaschinerie in Form von Videos über Terrorangriffe, Kriege und Genozide aus aller Welt geliefert. Diese Bilder brennen sich also ins Gedächtnis ein und beeinflussen unsere Einschätzung.“

Doch tatsächlich gehe Gewalt und Gewalttätigkeit seit Jahrhunderten stetig zurück: „Ich hörte von historischen Kriminologen, dass Mordraten in jedem europäischen Land, wo es Statistiken gibt, massiv zurückgegangen sind. Ich hörte von Politikwissenschaftlern, die meinten: Den Leuten sei kaum bewusst, dass westeuropäische Staaten einander nicht mehr bekriegen. Früher brachen durchschnittlich drei neue Kriege pro Jahr aus. Jetzt ist die Zahl in Europa Null.“ Steven Pinkers gewichtiges Buch steckt voll solcher Zahlen.
Zahlen in Relation zur Bevölkerung

Der Kognitionsforscher weiß, dass ihm einiges an Überzeugungsarbeit bevorsteht, um einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, was vielen Historikern klar ist: Gewalt nimmt ab. In Dutzenden Grafiken versucht er den Trend von den frühesten Gesellschaften der Jäger und Sammler bis heute zu belegen. Die Kurve beginnt links oben und fällt – mit gelegentlichen, teils recht steilen Zacken – nach rechts unten ab. Seien es nun Morde in Westeuropa vom späten Mittelalter bis heute, die Zahl der Kriege zwischen Großmächten ab 1500, oder Tote auf dem Schlachtfeld in zwischenstaatlichen Kriegen von 1946 bis 2008.

Steven Pinker vergleicht dabei nicht absolute, sondern relative Zahlen. Er stellt sie also ins Verhältnis zur jeweiligen Weltbevölkerung. „Absolute Zahlen sind bedeutungslos, weil die Weltbevölkerung ja zugenommen hat“, sagt er. „Das bedeutet: Für die höhere Zahl von Todesopfern gibt es auch mehr Leute, die an Unfällen oder an Krankheit sterben. Es gibt auch mehr Leute als früher, die sich ihres Lebens freuen. Man muss also die Lebenden mit den Toten gegenrechnen, und das erfordert, dass man Gewaltopfer anteilig berechnet.“
Genozide quer durch die Geschichte

Auf Basis seiner Kalkulationen präsentiert Steven Pinker beispielsweise eine Liste der 20 schlimmsten Taten, die Menschen je einander angetan haben. Der Holocaust taucht – in relativen Zahlen gerechnet – nicht in den Top 20 auf.

„Genozide ziehen sich durch die Geschichte“, so Pinker. „Während der Kreuzzüge wurden eine Million Juden und Muslime getötet. Die Weltbevölkerung betrug damals ein Sechstel der heutigen. Wenn man das multipliziert, kommt man auf 6 Millionen. Die Invasion von Dschingis Khan, der afrikanische Sklavenhandel, der Fall des Römischen Reiches – all diese Ereignisse kosteten ungeheuer viele Todesopfer. Damit will ich keineswegs den Holocaust verniedlichen, aber es wäre irreführend zu behaupten, dass Menschen nie zuvor in Massen getötet wurden.“
Wenig Empathie im Mittelalter

Die meisten Rezensenten akzeptieren Steven Pinkers etwas makaber anmutende Berechnungen. Eine der wenigen Ausnahmen: Ein Psychologe im Magazin „Scientific American“, der meint, relativer Rückgang sei wohl kein Grund zum Jubeln. Andere Kritik richtete sich dagegen, dass der Autor wirtschaftliche Faktoren als Ursache von Gewalt unterbewertet.

Doch Steven Pinker geht es nicht nur um reine Zahlen, sondern auch um das ehemals akzeptierte Ausmaß von Grausamkeit: „Man muss den Leuten bewusst machen, dass die gute alte Zeit so gut auch wieder nicht war. Die Aufklärung schaffte mittelalterliche Strafpraktiken ab, wie beispielsweise Rädern, bei lebendigem Leib die Gedärme herausreißen, am Scheiterhaufen verbrennen oder ein siebenjähriges Mädchen zu hängen, weil es ein Kleid gestohlen hatte.“

Diese, nach heutigen Begriffen, beispiellosen Grausamkeiten amüsierten die mittelalterlichen Bürger kolossal. Die Frage ist nun: Was verdarb den Menschen schließlich den Spaß an solchen Spektakeln? Den Menschen wuchs keineswegs aus dem Nichts ein Empathie-Modul im Gehirn, meint Pinker, Mitgefühl hatten sie immer empfunden. Doch die Frage ist: Für wen? Ursprünglich war Empathie nur für Freunde und Familie reserviert.
Steigende Empathie dank Zivilisierungsprozess

In der Aufklärung passierte, was der australische Philosoph Peter Singer als die Ausweitung des Kreises bezeichnet. Dieser ist nämlich elastisch und lässt sich beliebig auf mehr Menschen als den allerengsten Klan ausdehnen. Die logische Fortsetzung heute sind etwa UNO-Konventionen, wie beispielsweise jene gegen Kinderarbeit, die für alle Kinder auf der ganzen Welt gilt.

Und noch etwas hat sich ausgedehnt: was als Grausamkeit gilt. Noch vor zehn Jahren hätte beispielsweise kaum jemand Mobbing als Gewaltakt betrachtet.

Dieser Prozess, immer mehr Menschen quasi als Empathie-würdige Brüder zu betrachten, ist für Steven Pinker eine Folge des Zivilisierungsprozesses. Dieser verlief in Europa im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit grob beschrieben so: Aus dem Flickenteppich von Fürstentümern entstanden Königreiche – mit Infrastruktur, einem zentralen Justizsystem und regem Handelswesen. Diese institutionellen Veränderungen zogen psychologische nach sich.

„Die Menschen entwickelten mehr Selbstbeherrschung“, findet Pinker. „Sie ließen sich gewalttätige Impulse weniger oft durchgehen, weil sich die Gesellschaft verändert hatte. Ansehen war nicht mehr daran geknüpft, dass man sich als der brutalste, unerbittlichste Macho-Ritter gebärdete. Koopartives Verhalten lohnte sich viel mehr. Denn dann florierte das Geschäft mit den Nachbarn, und der König war einem wohlgesonnen.“

Komplexität in der staatlichen Organisation ging also mit einem Rückgang von Gewalt einher.
Ein Grund zur Hoffnung

Krieg galt bis ins frühe 20.Jahrhundert für viele Zeitgenossen als wünschenswert, sagt Steven Pinker. Der romantische Militarismus ist erst in den Senfgasschwaden des Ersten Weltkrieges zugrunde gegangen, und Friede – als erstrebenswerter Wert – hat sich erst nach 1945 etabliert.

Dass Gewalt und Gewalttätigkeit natürlich noch längst nicht abgeschafft sind, vermitteln die täglichen aktuellen Nachrichten. Der rückläufige Trend, über viele Jahrhunderte betrachtet, ist jedoch für Steven Pinker ein Grund zur Hoffnung.

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