IWF-Berater rechnet damit, dass die Probleme der Finanzwirtschaft noch Jahre dauern werden, dass ein Nein Griechenland vielleicht bessere Bedingungen bringen wird; aber auch andere Euroländer sind betroffen, eine Pleite Griechenlands könnte das ganze Weltfinanzsystem beeinträchtigen, eine massive Wirtschaftskrise ist möglich

Athen schockt Eurozone
Griechenland ist erst der Anfang
Interview | Regina Bruckner, 02. November 2011 13:18

Griechenland pfeift aus aus dem letzten Loch – die Eurozone allerdings auch.

Guntram Wolff: Wenn es ein Nein zu diesem Referendum gibt, wird es möglicherweise zu einem neuen Deal kommen.

Mit dem griechischen Referendumsbeschluss und einer damit drohenden Pleite steht die Eurozone laut Ökonom Guntram Wolff wieder am Start

Vergangene Woche schien die Eurozone wieder halbwegs im Lot. Die Politik verständigte sich auf ein umfassendes Maßnahmenpaket, um die Währungsunion zu stabilisieren. Die Märkte zeigten sich zufrieden. Bis zur überraschenden Ankündigung des griechischen Premierministers am Montag: Zu Beginn der Woche schockierte Giorgos Papandreou Europa und den Rest der Welt mit der Ankündigung eines Referendums zum vergangene Woche beschlossenen EU-Hilfspaket. Was der Schritt für Europa und Griechenland bedeutet, erklärt Guntram Wolff, Wissenschaftler der Brüsseler Denkfabrik Bruegel und Berater des Internationalen Währungsfonds im Interview.
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derStandard.at: Jetzt haben wir gedacht, mit den Beschlüssen auf den vergangenen Gipfeln wären die Wogen geglättet. Nun hat der griechische Ministerpräsident eine Volksabstimmung über das Sparpaket angekündigt. Welches Kalkül kann ihn dabei antreiben?

Guntram Wolff: Ich würde erstmal sagen, bevor man zu einem Gipfel fährt, sollte man bereits die politische Unterstützung zu Hause haben, denn sonst macht der Gipfel ja keinen Sinn. Die deutsche Bundeskanzlerin ist zum Beispiel am Tag vor dem Gipfel vor den Bundestag getreten und hat eine sehr lange Rede gehalten und ihre Handlungen begründet. Insofern finde ich es schon etwas merkwürdig, dass man nach den Gipfelbeschlüssen aus heiterem Himmel ein Referendum einfordert.

derStandard.at: Es wird immer wieder an der Verlässlichkeit der Griechen, was die Umsetzung der Sparvorgaben etc. betrifft, gezweifelt. Sehr vertrauensbildend ist dieser Schritt wohl nicht?

Wolff: Ich bin nicht in der Position über die politische Situation in Griechenland zu urteilen. Etwa inwieweit Herr Papandreou in Schwierigkeiten gekommen ist, weil Leute seiner Partei ihn unter Druck gesetzt haben.

derStandard.at: Nach der Stimmung in Griechenland zu schließen, könnte bei dem Referendum ja sehr gut ein Nein der Griechen herauskommen. Wäre damit die unkontrolllierte Pleite, die die Eurozone nun so zäh und dauerhaft mit allen Mitteln verhindern möchte, unausweichlich?

Wolff: Wenn es ein Nein zu diesem Referendum gibt, wird es möglicherweise zu einem neuen Deal kommen. In neuen Verhandlungen könnten die großen Eurozonen-Länder mehr Geld und bessere Bedingungen für Griechenland bereit stellen. Damit könnte der griechische Premier vor sein Volk treten und sagen: Ihr habt zwar mit Nein gestimmt, aber jetzt habe ich einen besseren Deal. Damit wäre eine unkontrollierte Pleite abgewendet.

derStandard.at: Ein Nein der Griechen würde also nicht auf jeden Fall eine Pleite bedeuten?

Wolff: Genau. Entweder der Rest der Eurozone lässt sich auf einen besseren Deal für Griechenland ein oder er sagt: Nein, wir haben einen Pakt ausgehandelt und das ist es. Und dann wird der griechische Premier sicherlich an sein Referendum gebunden sein. Er wird letztendlich sagen, ich unterschreibe diesen neuen Deal nicht und damit gäbe es dann einen unkontrollierten Default.

derStandard.at: Das hätte wohl jede Menge Folgen inner- und außerhalb von Griechenland?

Wolff: Erstens würde der griechische Staat aufhören, seine Staatsanleihen zu bedienen, damit wäre der Default da. Zweitens müssten in Griechenland über Nacht die Ausgaben den Einnahmen entsprechen, weil der Staat ja keinen Zugang zu neuem Kapital mehr hat. Um das zu erreichen müsste man wahrscheinlich Löhne, Gehälter, Pensionen im Staatsdienst etc. um rund 20 Prozent kürzen. Drittens hätten wir ein komplett bankrottes griechisches Bankensystem und wir hätten einen noch stärkeren Run auf die griechischen Banken als wir sowieso schon haben.

derStandard.at: Für Griechenland würde es also schon einmal nicht sehr schön. Wie sähen die Konsequenzen für den Rest des Euroraums aus?

Wolff: Wir haben dann wahrscheinlich ein massives Problem im Eurozonen-Finanzsystem, weit über das hinausgehend, was wir jetzt sehen.

derStandard.at: Die Vorkehrungen für die Aufstockung des Rettungsschirms in der Eurozone sind ja getroffen, um genau für den Fall der Fälle Ansteckungseffekten auf andere Euro-Schuldenstaaten wie Spanien oder Italien entgegen wirken zu können. Sind wir damit nicht abgesichert?

Wolff:  Der Druck, die Details dieses Rettungsschirms in trockene Tücher zu bringen, wird jedenfalls steigen. Der Rettungsschirm muss klar definiert sein, damit man eben die größten Ausfälle verhindern kann. Was man aber jetzt braucht, sind sehr genaue Pläne, welche Banken und Versicherungen im Euro-Raum wie stark getroffen werden.

derStandard.at: Der Fahrplan der Euro-Länder sieht ja die Kapitalstärkung der Banken vor, damit diese den letzte Woche angekündigten Schuldenschnitt von 50 Prozent ertragen. Was passiert, wenn das alles jetzt durcheinander gewirbelt wird?

Wolff: Was wir da beobachtet haben, ist vergleichsweise überschaubar. Es geht nur um ungefähr 100 Milliarden. Wenn wir jetzt von einem Default von Griechenland ausgehen, würden erstmal 200 Milliarden nicht bedient. 200 Milliarden sind ungefähr noch in der Hand der privaten Banken, das ist also erstmals ein Schock für die Bilanzen aller, die das halten. Sie haben aber dann noch die ganzen Zusatzeffekte durch eine unkontrollierte Pleite. Es würden vielmehr Institutionen betroffen sein und es gibt noch ganz viele andere indirekte Effekte, siehe CDS-Markt, Versicherungen etc. Das Finanzsystem als Ganzes wird betroffen sein.

derStandard.at: Die Eurozone hat Gipfel über Gipfel angestrengt und letzte Woche endlich – so hat es ausgesehen – Nägel mit Köpfen gemacht. Trotzdem bewegt uns wieder die Frage: Was passiert, wenn Griechenland pleite geht. Bewegen wir uns hier in einem Perpetuum Mobile?

Wolff: Ich würde das so sehen: Wir sind mehr oder weniger am Anfang der ganzen Geschichte. Das wird auch noch mehrere Jahre dauern, da muss man sich keinen Illusionen hingeben. Griechenland ist nur der Anfang, wir haben auch ganz massive Probleme in anderen Ländern des Euroraums. Diese Probleme werden in den nächsten ein, zwei Jahren nicht leichter werden. Wir werden noch mehrere Jahre verschiedene Gipfel kommentieren dürfen.

derStandard.at: Wie soll nun die Eurozone mit Griechenland verfahren?

Wolff: Auf dem G-20-Gipfel versucht man ja nun mit dem griechischen Premier zu sprechen. Was dabei rauskommt, ist unklar und ich glaube auch nicht, dass die Europäer da viel erreichen werden. Das heißt, wir werden jetzt mindestens vier Monate warten müssen bis zu dem Referendum. Man kann hoffen, dass die politische griechische Situation in der Zeit zur Vernunft kommt. Aber in dieser Zeit wird die Unsicherheit überall enorm sein, nicht nur im Euroraum, sondern auf der ganzen Welt. Wir werden vermutlich eine massive Rezession bekommen. Tut mir leid, dass ich keine besseren Nachrichten geben kann. (Regina Bruckner, derStandard.at, 2.11.2011)

Guntram Wolff ist Wissenschaftler der Brüsseler Denkfabrik Bruegel und Berater des Internationalen Währungsfonds. Wolff war zuvor in der Generaldirektion Wirtschaft und Finanzen der europäischen Kommission tätig. Er arbeitete als Ökonom für die deutsche Bundesbank, wo er die Forschungsgruppe zur Fiskalpolitk leitete.

http://derstandard.at/1319181785047/Athen-schockt-Eurozone-Griechenland-ist-erst-der-Anfang

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