Polens Rechtskonservative laufen Sturm gegen eine neue Bewegung von Links: Die Partei Ruch Palikota steht für eine säkulare Politik und eine progressive Gesellschaft. Eines ihrer Aushängeschilder ist die transsexuelle Politikerin Anna Grodzka.

3. November 2011, 10:33, NZZ Online
«Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich»
Die erste transsexuelle Abgeordnete bringt Polens Katholiken in Aufruhr
Anna Grodzka, die erste transsexuelle Abgeordnete im polnischen Parlament, an ihrem neuen Arbeitsplatz. (Bild: Keystone / EPA)
Polens Rechtskonservative laufen Sturm gegen eine neue Bewegung von Links: Die Partei Ruch Palikota steht für eine säkulare Politik und eine progressive Gesellschaft. Eines ihrer Aushängeschilder ist die transsexuelle Politikerin Anna Grodzka.

Alice Kohli

«Schrecklich! Sodomisten und Transvestiten im Sejm!» Pater Tadeusz Rydzyk verhehlt seine Abneigung gegen das bunte Grüppchen der neuen Partei Ruch Palikota im polnischen Parlament nicht. Und Rydzyk ist kein aufgebrachter Dorfpfarrer, sondern Chef des reaktionären christlichen Radiosenders Radio Maryja.

Die Kirche ist in Polen nach wie vor eine mächtige Institution. Nach dem Staat ist sie die zweitgrösste Grundbesitzerin. Mit rund 300 Presseerzeugnissen und etwa fünfzig Radio- und Fernsehsendern verfügt sie ausserdem über ein nicht zu unterschätzendes Medienimperium, das besonders in ländlichen Gegenden auf ein geneigtes Publikum stösst.

Rydzyks Aufruf, Kinder und Jugend zu retten und rechtskonservativ zu wählen, kommt zu spät: In den letzten Wahlen haben zehn Prozent der Polen die Liste der linksliberalen Bewegung des charismatischen Politikers Janusz Palikot eingelegt. Darauf stand auch der Name Anna Grodzka. Sie wurde mit dem Erdrutschsieg von Ruch Palikota (Bewegung Palikots) ins Parlament gewählt und ist damit die erste Transsexuelle im polnischen Sejm.
«Ania» musste sterben

Einem kleinen Kreis war der Name Anna Grodzka schon früher bekannt. In einem Videointerview sprach sie im Juli vergangenen Jahres mit dem stellvertretenden Chefredaktor der polnischen Zeitung «Gazeta Wyborcza» über ihr Leben. Aus den vier Videosequenzen entstand ein bewegendes Porträt über eine Frau, die ihre wahre Identität lange vor der Gesellschaft verstecken musste.

Anna Grodzka wurde 1954 in Otwock als Krzysztof Grodzki geboren. Schon im Kindesalter spielte der Knabe am liebsten mit Puppen und trug gerne mädchenhafte Kleider. In der Mittelschule bekam Krzysztof ein sowjetisches Aufklärungsbuch in die Hände, in welchem Transsexualität neben abartigen Sexualpraktiken aufgeführt war. Der Text suggerierte eine «Heilung» durch Elektroschocktherapie. Krzysztof liess sein Alter Ego «Ania» symbolisch sterben.

Der junge Psychologe war erpicht darauf, ein gesellschaftskonformes Leben zu führen. Er heiratete seine Jugendliebe und zeugte einen Sohn. Doch eine Krebserkrankung erschütterte dieses selbstgezimmerte Trugbild einer «normalen» Familie für Krzysztof Grodzki. Er entschied er sich nach seiner Genesung, sein Leben endlich so zu führen, wie er es selbst für richtig hielt. 2009 liess er in Bangkok eine geschlechtsangleichende Operation durchführen.
Ein konservatives Pflaster

Die Ehe zerbrach, doch zu ihrem Sohn wollte Anna Grodzka ein gutes Verhältnis bewahren. «Ich will, dass er ein offener Mensch wird», sagt sie im Interview. Der Abbau von Vorurteilen ist auch das Ziel der Organisation Trans-Fuzja, die Grodzka noch vor ihrer Operation gründete. Trans-Fuzja setzt sich für die Rechte und Belange von Transsexuellen ein.

Die Kandidatur als Abgeordnete der Partei Ruch Palikota war für die engagierte Gesellschaftsaktivistin naheliegend. Überraschend ist, dass Anna Grodzka tatsächlich gewählt wurde. Ihr Wahlkreis Krakau –  die Wirkungsstätte von Karol Wojtyla, dem späteren Papst Johannes Paul II. – gilt gemeinhin als konservatives Pflaster.
Die polnischen Parlamentswahlen

awk. Die Wählerbeteiligung an den letzten Parlamentswahlen in Polen waren vergleichsweise hoch: Etwa die Hälfte aller Wahlberechtigten schritten zur Urne. Das Resultat war keine Glanzleistung für die rechtskatholische Partei PiS (Prawo i Sprawiedliwosc, etwa: Recht und Gerechtigkeit). Die Partei von Jaroslaw Kaczynski verlor neun Sitze in der grossen Kammer, dem Sejm.

Die liberale Bürgerplattform PO des amtierenden Ministerpräsidenten Donald Tusk bleibt mit 207 Sitzen die grösste Fraktion im polnischen Parlament. Einen Überraschungserfolg feierte die neue Partei Ruch Palikota – sie eroberte auf Anhieb 40 Sitze in der grossen Kammer. Die Bewegung Palikots wurde erst im Juni 2011 gegründet – also rund vier Monate vor den Wahlen. Der Gründer Janusz Palikot gehörte von 2005 bis 2010 der Bürgerplattform PO an und vertrat dort den antiklerikalen Flügel. Palikot wurde durch seine provokativen Aktionen bekannt. So trat er beispielsweise in einer Pressekonferenz zu einem Vergewaltigungsfall in Lublin mit einem Silikonpenis und einer Pistole in der Hand auf.
Dem Klerus weht eine frische Brise entgegen

Es ist das erste Mal, dass in Polen eine antiklerikale Bewegung derartige Erfolge feiern kann. Viele progressive Parteien, so auch die liberale Bürgerplattform des amtierenden Ministerpräsidenten Donald Tusk, distanzierten sich während der Regierungstätigkeit von ihren laizistischen Grundideen.

Das zeigt sich auch im gegenwärtigen Kreuzstreit in Warschau: Parteigründer Janusz Palikot forderte – kaum im Sejm angekommen – die Entfernung des Holzkreuzes aus dem Parlamentssaal. Rechtskonservative Politiker hatten dieses 1997 in einer Nacht- und Nebelaktion angebracht. Der liberale Politiker Donald Tusk bekämpfte die Forderung Palikots.

Lange galt die katholische Kirche in Polen als unantastbar. Sei es wegen ihrer finanziellen Potenz, ihrem Einfluss auf die Wählerschaft oder ihrer wichtigen Rolle in der jüngeren Geschichte Polens – die in der Verfassung festgeschriebene Trennung von Staat und Kirche lässt sich im polnischen Parlament nur zögerlich durchsetzen.
Heisse Eisen

Ob es die Partei Ruch Palikota schafft, die Einflüsse der Kirche in die Gesetzgebung zu brechen oder sie zumindest offenzulegen, werden die kommenden vier Jahre zeigen. Als drittgrösste Fraktion im polnischen Parlament dürfte sie zumindest einige heisse Eisen anpacken. Zum Beispiel die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen oder die Legalisierung von Abtreibungen.

Anna Grodzka hat in ihren ersten Tagen als Abgeordnete genau das getan. Sie setzt sich für einen ehrlichen Aufklärungsunterricht in den Schulen ein, für die Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln und für eine frauenfreundliche Abtreibungspolitik.

Die Stimmen, die Anna Grodzka als Freak verschreien, scheinen immer mehr zu verstummen. So wunderte sich auch ein polnischer Feuilletonist über die zahlreichen wohlwollenden Artikel in den Boulevardmedien. «Was ist mit den Tabloids passiert?», fragt er sich. «Bisher schrieben sie höchstens von Transsexuellen, wenn es um Skandale und Widernatürlichkeiten ging.»

«Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.» Das Zitat von Mahatma Gandhi ist der neuste Blogeintrag von Anna Grodzka.

 

http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/zuerst_ignorieren_sie_dich_dann_lachen_sie_ueber_dich_1.13186375.html

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