Angelo Soliman: Ein versklavter Afrikaner, der zum Schachpartner des österreichischen Kaisers aufstieg, zum Lehrer für Fürstenkinder und dessen Leichd dann brutalst staatlich geschändet wurde!

7. November 2011

Das Wien-Museum widmet dem legendären Wiener «Hofmohren» Angelo Soliman (1721–1796) eine Ausstellung
Längst ist Angelo Soliman ein fester Bestandteil der Wiener Stadtmythologie – Porträt von Johann Gottfried Haid (nach Johann Nepomuk Steiner), um 1750. (Bild: Wien Museum)

Georg Renöckl

So weit nach oben schafft es im heutigen Wien kaum jemand mit Migrationshintergrund, noch dazu mit afrikanischem: Der 1721 in Westafrika geborene Angelo Soliman spielte mit Kaiser Joseph II. Schach und war als «Meister» einer elitären Freimaurerloge an der Spitze der Gesellschaft äusserst einflussreich. Aber so tief wie er fällt heute auch niemand mehr: Nach seinem Tod wurde Solimans Haut ausgestopft und im kaiserlichen Naturalienkabinett ausgestellt. Längst ist Angelo Soliman Teil der Wiener Stadtmythologie. Das Wien-Museum zeichnet das Leben des berühmten afrikanischstämmigen Wieners in einer Sonderausstellung nach und erklärt die Entstehung des Mythos um den Wiener «Hofmohren».

Afrika war für Mitteleuropäer des 18. Jahrhunderts ein Reich der Phantasie. Exotische Tiere und pittoreske Eingeborene mit Federröckchen und -krone zierten die Portale von Spezialitätenläden, die Zucker, Reis oder Kaffee verkauften. Ein Beispiel dafür ist das farbenfrohe Geschäftsschild der «Spezereihandlung Zum Schmeckenden Wurm» in der Wollzeile, das die Besucher des Wien-Museums empfängt. Weitere Exponate zeigen die Beliebtheit von Mohrenköpfen und -statuen als Dekorationselemente: Sie dienten als Kerzenständer, verzierten Porzellangeschirr, Degenknäufe oder Helme. Wer es sich leisten konnte, hielt sich «echte» dunkelhäutige Knaben als Diener.

So auch der österreichische Fürst Lobkowitz, der 1734 einen 13-jährigen, von seinen Vorbesitzern getauften Knaben namens Angelo Soliman geschenkt bekam. Lobkowitz war habsburgischer Militärgouverneur in der sizilianischen Stadt Messina, einem Zentrum des heute kaum noch bekannten mediterranen Sklavenhandels. Zwanzig Jahre begleitete Angelo Soliman seinen Herrn und nahm als Offizier an dessen Kriegszügen teil. Ab 1754 stand der begabte und gebildete Soliman in den Diensten des in Wien residierenden Fürsten Liechtenstein.

Die Ausstellung zeigt Wien um 1750 als erstaunlich bunte Stadt: Mit 230 000 Einwohnern war die habsburgische Residenz die viertgrösste Stadt Europas, die im Lauf des 18. Jahrhunderts noch zusätzliche 100 000 Zuwanderer anzog. Griechen, Türken, Armenier und Perser sorgten für ein ganz alltägliches Völker- und Sprachgemisch. Auf Kupferstichen mit Alltagsszenen sind immer wieder auch Menschen mit dunkler Hautfarbe zu sehen. Angelo Soliman wagt in diesem kosmopolitischen Wien den Schritt in die Unabhängigkeit. Er heiratet 1768 und wird daraufhin entlassen, kauft ein Haus, verarmt aber zusehends. 1773 tritt er wieder in die Dienste des Hauses Liechtenstein, als Erzieher des jungen Fürsten Alois I. – eine Stellung, die das hohe Ansehen Solimans beweist. Er hat Kontakt mit Kaiser Joseph II. und wird «Meister» in der elitären Freimaurerloge «Zur wahren Eintracht», wo er auch Mozart kennenlernt.

Solimans Aufstieg an die Spitze der Gesellschaft gilt als Beleg für den Erfolg der Aufklärung. Doch bereits unter dem übernächsten Kaiser, Franz II., schlug das Pendel in die andere Richtung aus: Als Soliman 1796 im hohen Alter von 75 Jahren an einem Schlaganfall starb, wurde sein Körper ohne Wissen seiner Tochter Josephine seziert und gehäutet, die Haut zu einem «Stopfpräparat» verarbeitet. Verzweifelte Proteste Josephines, die auch vom Wiener Erzbischof unterstützt wurden, blieben erfolglos: In exotischer Szenerie und mit Feder- und Muschelschmuck ausstaffiert, wurde die Haut des Toten zur Schau gestellt. Für das Wien-Museum hat der Kurator Philipp Blom einen angemessenen Weg gefunden, das unwürdige Spektakel zu zeigen, ohne es zu wiederholen: Die exotische Szenerie wurde nachgebaut, Federschmuck, Lendenschurz und Muschelkettchen schmiegen sich scheinbar an einen Körper an – der aber unsichtbar ist. Die Puppe mit Solimans Haut, die in den Revolutionswirren von 1848 verbrannte, bleibt eine Leerstelle.

Wer Zweifel daran hegt, dass es sich bei der Häutung um eine Leichenschändung handelt, kann sich im weiteren Verlauf der Ausstellung einen Film ansehen, in dem die Herstellung von Tierpräparaten genau gezeigt wird. Ein guter Magen ist dafür allerdings Voraussetzung. Für ein wohligeres Bauchgefühl sorgt zunächst die Geschichte des Exotismus, die im Anschluss aufgerollt wird: Altvertraute Plakate und Kaffeewerbungen wecken Kindheitserinnerungen – und führen vor, wie sehr heute noch rassistische Klischees Teil des Alltags sind, von Hatschi Bratschis Luftballon über das Logo des Wiener Feinkost-Tempels Meinl bis zum «Mohren im Hemd» im Eisregal, an dem eine Sprecherin der Marke Eskimo im Interview nichts Schlechtes finden kann.

Den Abschluss der Ausstellung machen Videointerviews mit heute in Wien lebenden Afrikanern. Die Aufforderung, eine Frage an Angelo Soliman aus heutiger Sicht zu formulieren, beantwortet ein Asylbewerber des Jahres 2011 folgendermassen: «Ich würde gerne wissen, wie er in Österreich überleben konnte.»

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