Hochschulabschluss online im ostafrikanischen Flüchtlingslager: Lebensfreude und Hoffnung stecken an, trotz des Elends: Kinder und Jugendliche sitzen einfach in den Zelten: Doch sie haben ein Recht auf Bildund und Ausbildung

8. November 2011, 07:09, NZZ Online
Hochschulabschluss im Flüchtlingslager
Längerfristige Hilfe für junge Menschen in Ostafrika
Flüchtlinge im Lager Kakuma, die im Zentrum des JRS studieren. (Bild: Angelika Mendes / JRS)
Flüchtlingshilfe bedeutet nicht nur Nahrung und Sicherheit, sondern mittelfristig auch neue Perspektiven. Eine Hilfsorganisation am Horn von Afrika ermöglicht jungen Flüchtlingen einen Studienabschluss. Ein Gespräch mit dem Ostafrika-Direktor des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes in Nairobi, Pater Frido Pflüger, der jetzt in Zürich zu Gast war.

Interview: Stefan Reis Schweizer

NZZ Online: Sie sind Jesuitenpater und ausgebildeter Lehrer, zuletzt waren Sie Schulleiter im Osten Deutschlands – wie kamen Sie dazu, sich in der Flüchtlingsarbeit am Horn von Afrika zu engagieren?

Pater Frido Pflüger: Ich wollte einfach etwas tun für die Leute am anderen Ende der Skala. Ich habe mich dann beim Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) beworben und konnte 2003 im Norden Ugandas anfangen, 2008 wurde ich dann JRS-Regionaldirektor für Ostafrika in Nairobi.

Gibt es überhaupt Gemeinsamkeiten zu dem, was Sie vorher in Deutschland gemacht haben?

Auch in meiner jetzigen Arbeit geht es viel um Bildung.

«Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf längerfristiger Hilfe.»

Aber in der Flüchtlingsarbeit geht es doch zunächst einmal um Nahrung und um ein Dach über dem Kopf?

Darum kümmern wir uns nicht so sehr, denn das können die grossen Hilfswerke in der Regel besser. Der Schwerpunkt beim JRS liegt eindeutig auf längerfristiger Hilfe.

Bei Flüchtlingslagern denken viele zunächst an Provisorien. Warum setzen Sie denn auf solche nachhaltigen Angebote?

Nach Uno-Statistiken ist die mittlere Lebensdauer eines Lagers etwa 20 Jahre. So alt ist mittlerweile auch das Lager Kakuma im Nordwesten Kenyas, in dem wir unter etwa 80’000 Flüchtlingen unsere Arbeit tun. Dort gibt es mittlerweile Läden, einen Markt, sogar ein äthiopisches Restaurant. Unser neuestes Projekt in Kakuma ist eine Universität für Flüchtlinge.

Wie funktioniert das genau?

Wir arbeiten mit amerikanischen Jesuiten-Universitäten zusammen, die Flüchtlinge aus dem Lager als Studenten aufnehmen. Die Betreuung erfolgt ausschliesslich online. Die erforderlichen Computer stehen in unserem Zentrum im Lager.

Dort werden die Studenten durch Mentoren betreut, eingeschrieben sind sie aber zum Beispiel an der Regis University in Denver im amerikanischen Staat Colorado. Die Chance auf einen Hochschulabschluss treibt die Flüchtlingsstudenten sehr an. Jedes Jahr können auf diese Art rund 150 Leute studieren.

«Sie sitzen einfach in ihren Zelten, drumherum ist nur Sand und Felsen.»

Wie Sie es beschreiben, ist Kakuma in Kenya ein Lager mit gewachsenen Strukturen. Wie sieht die Lage in neueren Lagern aus?

Der JRS beginnt gerade in Dollo Ado im Süden Athiopiens mit der Arbeit, wo zur Zeit mehrere neue Lager mit etwa 130’000 somalischen Flüchtlingen entstehen. Während in Kakuma eine durchmischte Altersstruktur herrscht, ist das in Dollo Ado anders, 80 Prozent der Flüchtlinge sind Kinder und Jugendliche. Die sitzen einfach in ihren Zelten, drumherum ist nur Sand und Felsen, sonst nichts. Das ist wirklich ein Drama.

Pater Frido Pflüger mit somalischen Flüchtlingen im Übergangslager in Dollo Ado im Süden Äthiopiens. (Bild: PD)

Diese Kinder haben ein Recht auf Ausbildung, auf ein sinnvolles Leben. Darum wollen wir in Melkadida, einem der Lager dort mit etwa 40’000 Flüchtlingen, ein Begegnungszentrum errichten, in dem Sport, Musik- und Theaterkurse oder auch traditionelle Tänze angeboten werden.

Ausserdem wird eine Bibliothek gebaut für die, die lesen können. Wir werden dort auch Berater ausbilden, die im Lager Lebensberatung anbieten und Konflikte schlichten helfen. Schon heute betreiben wir Zentren mit ähnlichen Aufgaben für Flüchtlinge in den Millionenstädten Nairobi und Addis Abeba.

Was motiviert und was beeindruckt an ihrer Arbeit in Ostafrika?

Zunächst einmal fällt es auf, dass wir es bei den Flüchtlingen praktisch nur mit religiösen Menschen zu tun haben. Das erleichtert uns als einer christlichen Organisation den Zugang zu den Leuten. Denn wir wollen ja nicht missionieren, sondern in dieser schlimmen Sitution einfach helfen. Wir brauchen aber dieses für sie wichtige Thema nicht auszusparen – das verbindet und motiviert.

Und gerade aus ihrem Glauben heraus schöpfen die Menschen auch die Kraft zum Überleben. Mich beeindrucken zum Beispiel in Dollo Ado besonders die Kinder, ihre Widerstandskraft gegen das ganze Elend und ihre Lebensfreude. Das ist sehr ansteckend.
Zur Person

Pater Frido Pflüger ist Regionaldirektor des Flüchtlingsdienstes der Jesuiten (JRS) im östlichen Afrika mit Sitz in der kenyanischen Hauptstadt Nairobi. Der 64-jährige Deutsche stammt aus dem Ort Albbruck im Landkreis Waldshut direkt an der Grenze zur Schweiz. Ausser Philosophie und Theologie hat der Ordensmann Mathematik und Physik studiert und war vor seinem Einsatz in Afrika 20 Jahre lang im Schuldienst tätig. Zuletzt leitete er das St.-Benno-Gynasium in Dresden. Der JRS Ostafrika ist für die Länder Uganda, Kenya, Äthiopien, Sudan und Süd-Sudan zuständig.

 

http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/ostafrika_fluechtlinge_1.13248343.html

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