Deutsche Welthungerhilfe: Macht Druck auf Volksbanken, Sparkasse und Genossenschaftsbanken, sich und ihre Kunden nicht mehr an Spekulationen mit Lebensmitteln zu bereichern: Diese „guten Banken“ sind massiv dabei und das kostet vielen Menschen das Leben!

Die „Hungermacher“ Banken und ihre unmoralischen Lebensmittel-spekulationen

Sie gelten als „Hungermacher“ – Banken, die mit Spekulationsgeschäften die Preise für Nahrungsmittel hochtreiben und dadurch den Hunger in der Welt verschärfen. Den Volksbanken, Raiffeisenbanken, Sparkassen oder Landesbanken traut man solch fragwürdige Zockerei mit Lebensmitteln kaum zu. Doch ausgerechnet sie mischen über Tochtergesellschaften im Geschäft mit Nahrungsmitteln mit.

Autor: Hendrik Loven, Josef Streule Stand: 08.11.2011

Protest gegen die Macht der Banken. Empörung über Spekulanten. Die Occupy-Bewegung macht auch gegen spekulative Geschäfte mit Nahrung mobil.

In einer Werbeanzeige stellen sich die Volks- und Raiffeisenbanken auf die Seite der Demonstranten – und erwecken den Eindruck, zu den „guten“ Banken zu gehören.

Doch ausgerechnet auch die Genossenschaftsbanken zocken mit Nahrungsmitteln, wie uns der Finanzexperte Alexander Berger zeigt: So haben die Volks- und Raiffeisenbanken gleich Dutzende Zertifikate für Weizen im Angebot. Damit lässt sich spekulieren.

Alexander Berger, Fondsmanager: “Wenn ich davon ausgehe, dass der Weizenpreis weiter auch steigt, dann kaufe ich hier ein Weizenzertifikat, dann setze ich als Anleger darauf, dass der Weizenpreis auch steigt, der Weizenpreis teuerer wird, also die Lebensmittel in dem Bereich sich verteuern.“

Wetten auf höhere Nahrungsmittelpreise: Der unabhängige Fondsmanager Alexander Berger lehnt solche Spekulationsgeschäfte grundsätzlich ab.

Alexander Berger, Fondsmanager: “Ich möchte nicht beteiligt sein an der Verknappung der Lebensmittel, dass einfach auch Leute auf der Welt aufgrund der teureren Preise, die dadurch auch stattfinden, Hunger leiden.“

Die Weltbank schätzt: Wegen steigender Nahrungsmittelpreise mussten allein 2010 zusätzlich 40 Millionen Menschen Hunger leiden. Schuld daran sind oft Ernteausfälle, zunehmend aber auch Spekulanten.

Denn Finanzanleger überschwemmen mit immer mehr Geld die Rohstoffbörsen. Dabei wollen sie Agrarrohstoffe aber nicht wirklich kaufen. Die Spekulanten setzen einfach darauf, dass die Preise in Zukunft steigen. Das Problem dabei ist: Wenn viele solche Wetten auf den Terminmärkten laufen, treibt das die Preise offensichtlich nach oben.

Daten der amerikanischen Aufsichtsbehörde über die Warenterminmärkte zeigen: Gehen die Investitionen der Spekulanten in Agrarrohstoffe in die Höhe, dann ziehen die Nahrungsmittelpreise ebenfalls an.

Wir wollen wissen, wie stark ist dieser Effekt?

Der Bremer Professor Hans Bass hat eine aktuelle Studie über die Verschärfung des Hungers durch Spekulanten verfasst. Dabei hat er errechnet: Finanzinvestoren sind für 15 Prozent der Preissprünge von Nahrungsmitteln verantwortlich. Die Auswirkungen sind dramatisch.

Prof. Hans-Heinrich Bass, Hochschule Bremen: “Bei den Wetten auf dem Nahrungsmittelmarkt geht es nicht um Hunderte von Betroffenen, da geht es um Tausende, wenn nicht sogar um Hunderttausende von Betroffenen. Wenn sich also eine Familie statt der zwei Mahlzeiten am Tag, weil auf die Tatsache gewettet wurde, dass der Preis für Lebensmittel doppelt so hoch ist wie vor einem Jahr – wenn sich eine Familie also dann nur noch eine Mahlzeit am Tag leisten kann, dann denke ich, ist das ein unethischer Wettgegenstand.“

Zocken mit dem Hunger. Hinweise für Spekulation mit Nahrungsmitteln finden wir auch bei den Sparkassen.

So bietet die Deka-Bank, der Fondsanbieter der Sparkassen, einen Rohstofffonds an, der kräftig in landwirtschaftliche Produkte investiert.

Die Deka-Bank will sich vor der Kamera dazu nicht äußern. Schriftlich teilt sie uns mit:

“Der Fonds kopiert die Preisbewegung eines breit gestreuten Index (…) mehr oder weniger passiv. Er spekuliert nicht auf steigende oder fallende Preise.“ Was soll das heißen?

Auch die Landesbank Baden-Württemberg argumentiert ähnlich.

Sie hat ebenfalls einen Rohstofffonds im Angebot. Hier können Anleger nicht nur auf Getreide setzen – sondern auch auf Lebendrinder und Magerschweine.

Trotzdem teilt die Bank schriftlich mit: “Der Fonds ‘LBBW Rohstoffe 1‘ (…) investiert nicht direkt in Rohstoffe.“ Stimmt das?

Bankeninsider Thomas Heidorn erklärt uns: die vermeintlich indirekten Geschäfte sind in Wahrheit direkte Nahrungsmittel-Zockerei. Denn ein raffiniertes Konstrukt mit sogenannten Tausch-Partnern führt letztlich dazu, dass Rohstoffe wirklich gekauft werden.

Prof. Thomas Heidorn, Frankfurt School of Finance & Management: “Am Ende der Kette ist vermutlich jemand, der sich absichert, und der kauft dann eben physischen Weizen, das heißt irgendwo, wenn ich jetzt Weizen kaufe, sehr viel später irgendwo im System wird einer auf die Idee kommen, sich gerne abzusichern, und der würde tatsächlich dann den Rohstoff Weizen kaufen und einlagern.“

Die Banken nehmen somit billigend in Kauf, dass Nahrungsmittel zeitweilig verknappt – und somit teurer werden.

Die Volks- und Raiffeisenbanken mischen auch mit Fonds der Tochter Union Investment mit: Hier finden wir Rohstoffspekulationen, die auf steigende Preise bei Nahrungsmitteln laufen.

Wir haken nach und bekommen zur Antwort, die Volksbanken-Tochter gehe verantwortlich mit möglichen Problemen um: “Gerade in Zeiten ‘überschießender‘ Preise halten wir uns mit Investitionen zurück bzw. bauen Positionen tendenziell ab.“

Doch die Fondsmanager von Union Investment selbst schreiben in einem aktuellen Bericht: “In den letzten Wochen setzte das Fondsmanagement bei Mais und Zuchtvieh mit Erfolg auf steigende Notierungen und konnte in diesen beiden Sektoren von den Wetterkapriolen in den USA profitieren.“

Profit aus Missernten schlagen, Spekulationsgewinne auf Kosten der Armen: Was hält die deutsche Welthungerhilfe davon?

Wolfgang Jamann, Generalsekretär Deutsche Welthungerhilfe e.V.: “Es wäre schon wünschenswert, dass die Bundesregierung, die ja Anteile hält an diesen Banken, oder auch die Kommunen und Länder, dass die ihren Einfluss ausüben darauf, dass diese Banken auf die Spekulation mit Nahrungsmitteln verzichten, oder dass sie sie zumindest zurückschrauben und nicht mehr aggressiv bewerben.“

Der Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly sitzt für die deutschen Städte im Vorstand des Sparkassen- und Giroverbandes. Nach Beratung mit der Deka-Bank räumt er ein:

Ulrich Maly, Oberbürgermeister Nürnberg, Vorstand Deutscher Sparkassen und Giroverband: “Das hat die Deka-Bank von sich aus angekündigt, und sie sagt, wenn sich herausstellen sollte, dass wir hier unwissentlich Kollateralschäden verursacht haben, etwa in Form von Nahrungsmittelverknappung, dann werden wir sofort unsere Konsequenzen ziehen, und die können nur heißen, solche Geschäfte werden nicht mehr gemacht.“

Hoffentlich. Denn eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass Banken keine Geschäfte zu Lasten Hungernder machen.

http://www.br.de/fernsehen/das-erste/sendungen/report-muenchen/lebensmittelspekulationen100.html

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