Schwenken die amerikanischen Evangelikalen vom rechten ins progessive Lager um: Das könnte die politische Machtbalance in den USA fundamental verschieben!

CHRISTENTUMDie neuen Evangelikalen

Amerikas reaktionärste Christen vollziehen eine linke Wende und entdecken das Christentum für sich.

Lange waren die evangelikalen Christen in den Vereinigten Staaten der Prügelknabe der Nation. Anscheinend setzten sie die Regierung unter Druck, um einer ansonsten fortschrittlichen Gesellschaft ihre Lesart der Heiligen Schrift aufzuzwingen. Sie favorisierten eine neoliberale Wirtschaftspolitik und einen schlanken Staat nach dem Gusto der Tea Party. Sie traten auf als Kreationisten und eifernde Schwulenfeinde. Kurz: Es schien sich beim evangelikalen Christentum um eine Mischung aus Fundamentalismus und Dummheit zu handeln.

In den letzten sechs Jahren jedoch hat Amerikas religiös-politische Landschaft einen gigantischen Umbruch erlebt. Der evangelikale Theologe Scot McKnight selbst spricht von dem »bedeutendsten Wandel der evangelikalen Bewegung im 20. Jahrhundert hin zu einer neuen Art von sozialem Gewissen«.

Tatsächlich gibt es neue Evangelikale (wie Richard Cizik, Präsident der Neuen Evangelikalen Partnerschaft für das Gemeinwohl sie nennt), die sich von der religiösen Rechten abgewandt haben. Sie öffnen sich für antimilitaristische, konsumkritische Thesen. Sie setzen auf Armenhilfe, Umweltschutz, Reform der Einwanderungsgesetze und Aussöhnung zwischen den Rassen und Religionen. Zwar ist die religiöse Rechte nicht von der Bildfläche verschwunden. Doch wo zuvor eine einstimmige Bewegung zu sein schien, herrscht nun Vielstimmigkeit.

Zu den neuen Evangelikalen gehören Männer wie Robert Andrescik, PR-Chef einer Megakirche in den Südstaaten. In seinem Büro sieht man kein Kreuz, dafür ein großes Obama-Poster. Außerdem gibt es Bildschirmschoner mit Captain Kirk, Science-Fiction-Magazine hinter Glasrahmen und Bücher über Philosophie. Andresciks Kirche gibt im Jahr anderthalb Millionen US-Dollar für Projekte zur sozialen Gerechtigkeit aus.

Mittlerweile finden sich neu-evangelikale Tendenzen in allen Teilen der USA. Eine Megakirche im Mittleren Westen präsentiert in ihrem Willkommensfilm als eines der ersten Mitglieder einen Transsexuellen. Ihre sozialen Programme widmen sich Drogenabhängigen, Waisenkindern, Obdachlosen. Die Kirche ist stolz auf Essen- und Kleiderspenden, Altenfürsorge, Gefängnisseelsorge, Resozialisierungsmaßnahmen und sozialen Wohnungsbau. In Übersee engagiert sie sich für Umweltschutz und Unternehmensentwicklung, Ausbildung und medizinische Versorgung.

Der Wandel macht sich auch in den Medien bemerkbar. Randall Balmer, Redakteur der führenden evangelikalen Monatszeitschrift Christianity Today, watscht jetzt die religiöse Rechte ab: »Der evangelikale Glaube meiner Kindheit wurde von rechten Fanatikern gekapert.« Die neuen Evangelikalen sind natürlich nicht neu, sondern Teil einer langen Tradition, die eine »innere« Beziehung zu Jesus suchte, die das Kreuz als Symbol des Dienens sah und ein System moralischen Handelns predigte. Protestantischer Kern all dessen bleibt aber das Priestertum aller Gläubigen.

Nein, die Evangelikalen waren nicht immer reaktionär. Ihre Betonung des Individuellen machte sie in früheren Epochen zu antiautoritären Verteidigern der Gewissensfreiheit. Sie engagierten sich in der Populistenbewegung gegen Banken und Hauseigentümer und sahen sich als Fürsprecher des kleinen Mannes. Vor dem amerikanischen Bürgerkrieg gründeten sie viele zivilgesellschaftliche Vereine, und bis ins frühe 20. Jahrhundert kämpften sie aufseiten der Arbeiterschaft gegen den Laisser-faire-Kapitalismus. Gleich dreimal (1896, 1900 und 1908) unterstützten sie den Präsidentschaftskandidaten William Jennings Bryan mit seinem arbeiter- und farmerfreundlichen Wahlprogramm.

Die neuen Evangelikalen sind für eine Trennung von KIrche und Staat

Zweimal vollzogen die Evangelikalen im 20. Jahrhundert eine konservative Wende. Die zweite, in den 1960er Jahren, war eine Reaktion auf die von ihnen so empfundene moralische Feigheit in der Außenpolitik. Sie fühlten sich provoziert von linken Antikriegsprotesten und der mangelnden Bereitschaft, den Kommunismus zu bekämpfen. Mit dieser Kehrtwende reagierten sie auch auf die Innenpolitik Lyndon B. Johnsons, dessen Bürgerrechtsprogramme und Armutsbekämpfung sie als falsche »Almosen« ansahen. Als dann noch die grellen Hippies kamen, schlossen sich die Evangelikalen vollends den Republikanern an, um die Nation vor dem moralischen Abstieg zu bewahren.

Die neuen Evangelikalen heute sind natürlich immer noch evangelikal. Sie betonen aus ihrem Glauben heraus einen antiautoritären, staatsskeptischen, eigenverantwortlichen Aktivismus. Doch hat er ein breiteres Spektrum an Zielen. Das liegt an einer jungen Generation idealistischer Evangelikaler, die die Ansichten ihrer Eltern verwerfen. Ein weiterer Grund ist, dass sich seit den 1960er Jahren der Umgang mit Sexualität ebenso gewandelt hat wie das Verhältnis zur Umwelt und die Mittel globaler Vernetzung. Vielen Jungen erscheint die religiöse Rechte, die vor 35 Jahren einmal in der politischen Mitte angesiedelt war, heute realitätsfremd. Und schließlich ist da noch ein moralischer Grund für den Wandel. Der Militarismus und die Folterungen der Bush-Jahre haben dazu geführt, dass viele Evangelikale sich fragen, wie weise es eigentlich ist, mit der Macht zu paktieren.

Drei zentrale Merkmale kennzeichnen die gegenwärtigen »neuevangelikalen« Aktivitäten. Erstens: die Befürwortung der Trennung von Kirche und Staat. »Niemand darf Zweifel hegen«, verlautbarte das »Evangelikale Manifest« im Jahr 2008, »dass wir uns entschlossen gegen jeden Versuch wenden, unserer pluralistischen Gesellschaft einen Gottesstaat aufzuzwingen.« Zweitens: Volksbildung, Lobby-Arbeit, Koalitionsgespräche, Verhandlungen. »Denn in einer Demokratie gewinnt niemand immer«, sagte Rick Warren, der das Gebet zu Obamas Amtseinführung sprach. Drittens: Kritik an der Regierung.

Aus diesen drei Gründen engagieren sich Amerikas neue Evangelikale lebhaft für soziale und wirtschaftliche Belange. Ein Positionspapier derNational Association of Evangelicals (NAE) fordert gar eine gerechtere Wirtschaftsordnung, »in der Dauerarmut nicht toleriert wird«. Sie wollen nicht nur fromme Wohltätigkeit, sondern strukturelle ökonomische Veränderungen.

Auf überkonfessioneller Ebene unterstützt das christliche Hilfswerk World Vision 100 Millionen Menschen in fast 100 Ländern mit jährlich 2,6 Milliarden US-Dollar. Private Spenden kommen von 4,7 Millionen Amerikanern, und allein das Mikrokreditprogramm der Organisation fördert über 440.000 Projekte in 46 Entwicklungsländern. Die Hauptarbeit dabei wird von Ehrenamtlichen gemacht. Fast alles erledigen die Mitglieder lokaler Kirchen, die auch die Spenden sammeln. So gründete Shane Claiborne – der Elvis der jüngeren Evangelikalen – die Simple-Way-Gemeinschaft in Philadelphia, die den hilfsbereiten »christlichen Untergrund« vernetzt: von Handwerkern, die leer stehende Wohnungen für Bedürftige renovieren, bis hin zu Technikern, die unautorisierte Stromgeneratoren in Armenvierteln installieren. Rick Warrens P.E.A.C.E.-Programme verbinden die Kirchen der Industrieländer mit ihren Schwesterkirchen in den Entwicklungsländern.

Die kritische Haltung der neuen Evangelikalen zur Regierung hat durchaus theologische Gründe. Sie sehen in den Politikern, deren Macht sie nicht für gottgegeben halten, fehlbare Menschen, die durchaus zu Gier und Korruption neigen – und wollen sie auf den Pfad der Tugend führen. Die Kirche habe die »prophetische Rolle«, eben nicht an der Macht zu sein, sondern »den Mächtigen die Wahrheit ins Gesicht zu sagen«. So veröffentlichte die NAE 2007 eine auf die Bush-Regierung zielende »Evangelikale Erklärung gegen die Folter« und forderte eine Einwanderungsreform, an der sich viele Republikaner stoßen.

Wenn man die Regierung kritisieren will, darf man nicht von ihr abhängig sein. 2005 wandte sich die enorm einflussreiche Zeitschrift Christianity Today ausdrücklich gegen jede Verschmelzung von biblischen Wahrheiten und republikanischen Werten. Das »Evangelikale Manifest« von 2008 ging noch weiter. Es rief die Gläubigen dazu auf, sich von der Parteipolitik zu distanzieren, damit »Christen nicht zu ›nützlichen Idioten‹ für diese oder jene politische Partei werden«. Im Präsidentschaftswahlkampf von 2008 bildeten sich evangelikale Lobbygruppen wie das Matthäus-25-Netzwerk, um Obama zu unterstützen.

In Sachen Kreationismus gibt es keinen Konsens

Diese wachsende politische Unabhängigkeit stellt allerdings viele neue Evangelikale vor ein Dilemma. Wegen ihrer Abtreibungsfeindlichkeit beispielsweise neigen sie den Republikanern zu, während der Umweltschutz ein demokratisches Thema ist. Die meisten entscheiden sich von Fall zu Fall: sind eher demokratisch in Umweltfragen, eher republikanisch in der Abtreibungsfrage, eher unabhängig in Wirtschaftsfragen. Doch in politischen Wahlen, wenn man sich zwischen Parteien entscheiden muss, treten die inneren Spannungen zutage. Zwar stimmten 2008 acht Prozent aller weißen und 30 Prozent der unter 30-jährigen Evangelikalen für Obama, aber in den Kongresswahlen von 2010 wählten sie zu 75 Prozent republikanisch und schwenkten wie der Rest der Nation nach rechts. Die meisten Evangelikalen werden wohl 2012 – aufgrund ihrer Haltung zur Abtreibung und wegen ihrer Selbstverantwortungsethik – die Republikaner wählen, obwohl das ihrem Anliegen der sozialen Gerechtigkeit widerspricht.

Manche glauben, dass sich dieser Widerspruch ausgerechnet durch ein demokratisches Programm zur Senkung der Abtreibungszahlen auflösen lässt. Da 73 Prozent aller Abtreibungen in den Vereinigten Staaten aus ökonomischen Gründen erfolgen, würden die Zahlen deutlich sinken, wenn neben der nachgeburtlichen Tagesbetreuung bereits in der Schwangerschaft medizinische, finanzielle und emotionale Unterstützung gewährt würde. Käme es zu einem solchen Programm, dann sähen sich die evangelikalen Christen nicht mehr unbedingt genötigt, republikanisch zu wählen. Wenn Evangelikale, Säkulare und Feministinnen gemeinsam für eine Senkung der Abtreibungszahlen stritten, dann könnte sich die Polarisierung eines langen Kulturkampfs entschärfen. Ohne das Thema Abtreibung als Wählerkitt verlören die Republikaner womöglich einen Teil ihrer Basis. Dann müssten sie ein neues Anliegen suchen, um Evangelikale an sich zu binden.

Anders als die Abtreibungsfrage bieten sich weder Kreationismus noch Homosexuellenehe als verbindendes Thema zwischen Republikanern und Evangelikalen an. Die NAE stellt fest, dass es unter ihren 45.000 Kirchen keinen Konsens in der Frage gebe, ob die biblische Genesis als wissenschaftlicher Fakt gelehrt werden soll. Und eine Mehrheit der Evangelikalen unter 35 ist für die Schwulenehe, während die Mehrheit der Älteren eingetragene Lebenspartnerschaften für Homosexuelle befürwortet.

Die Republikaner müssen sich also etwas Neues einfallen lassen, um auch die neuen Evangelikalen an sich zu binden. Vielleicht genügt kurzfristig noch ihr Eintreten für einen schlanken Staat. Bleiben die neuen Evangelikalen im republikanischen Lager, dann werden sie sich jedoch kritisch in Wirtschafts- und Umweltfragen einmischen. Schwenken sie zu den Demokraten um, dann müssen sie über Abtreibung streiten. Einen idealen Präsidentschaftskandidaten gibt es für sie derzeit nicht. Darin liegt die Gefahr für die Republikaner: Ihre alte Verbindung zu den Evangelikalen könnte bröckeln – falls neue Evangelikale, Feministen und Sekularisten zusammen für die Reduzierung der Abtreibungszahlen streiten. Dann könnten die Republikaner einen Teil ihrer Basis verlieren. Und das könnte die politische Gleichung in Amerika verändern. Es ist eine Möglichkeit, vor der den republikanischen Strategen graut.

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