«Sparmassnahmen» drücken in Spanien Konsum und Wirtschaftswachstum: Rezession droht und damit noch höhere Defizite. Im Kampf gegen das Defizit waren Steuern erhöht, Löhne gesenkt und Investitionen gestoppt worden. Jetzt sollen noch radikalere Kürzungen für die Bürger kommen um „die Märkte zu beruhigen“

12. November 2011, Neue Zürcher Zeitung

Stagnation in Spanien

Furcht vor einer Rezession und vor der Verfehlung der Defizitvorgabe

Ein Blick auf die Plaza de España in Sevilla vermittelt nicht den Eindruck grosser Regsamkeit. (Bild: Imago)ZoomEin Blick auf die Plaza de España in Sevilla vermittelt nicht den Eindruck grosser Regsamkeit. (Bild: Imago)

Die Entwicklung der spanischen Wirtschaft hat im dritten Quartal stagniert. Die Reduktion der öffentliche Ausgaben hat Auswirkung auf die Inlandnachfrage.

Cornelia Derichsweiler, Madrid

Spaniens schwächelnde Wirtschaft hat im dritten Quartal 2011 laut offiziellen Angaben vom Freitag lediglich ein Bruttoinlandprodukt (BIP) auf dem Niveau des Vorquartals erzielt. Nachdem die Periode April bis Juni noch ein bescheidendes BIP-Wachstum von 0,2% gebracht hat, stagniert die Wirtschaft nun also – wobei im Vergleich mit dem Vorjahresquartal jüngst immerhin noch ein Plus von 0,8% resultierte. In den Monaten Juli bis September prägte vor allem die nachlassende Binnennachfrage die Wirtschaftsentwicklung.

Verfehlen der Defizitziele

So drücken die von der Regierung eingeleiteten «Sparmassnahmen» im öffentlichen Sektor zunehmend auf den Konsum. Im Kampf gegen das Defizit waren Steuern erhöht, Löhne gesenkt und Investitionen gestoppt worden. Dies hat dazu beigetragen, dass die Binnennachfrage im dritten Quartal um 0,8% nachgab. Ausgeglichen wurde dieser Rückgang allerdings durch eine regere Auslandnachfrage, die um 0,8% zulegte. Spaniens Wirtschaft expandierte vor allem im Warenexport, aber auch der Tourismus trug im Berichtsquartal einen entscheidenden Teil zum BIP bei. Laut Angaben des spanischen Industrieministeriums gehört dieser Bereich zu den wenigen Sektoren, die inzwischen wieder ein Einkommensniveau ausweisen, das mit Werten aus der Zeit vor der Krise vergleichbar ist.

Zwar ist Spanien, anders als etwa Italien, vorläufig aus dem Schussfeld der Märkte geraten, weil das Land bereits viel früher notwendige Konsolidierungsmassnahmen eingeleitet hatte. Mit der jüngst beobachteten Wachstumsschwäche aber wird es immer weniger wahrscheinlich, dass die Regierung in Madrid das Haushaltsdefizit 2011 wie geplant von 9,3% auf 6% des BIP senken kann. Die Furcht vor einem Rückfall in die Rezession ist im Land in den letzten Wochen gewachsen. Auch internationale Institutionen wie die EU-Kommission sagen Spanien für das vierte Quartal eine Schrumpfung von 0,1% voraus. Demnach dürfte das Land im Jahr 2011 nur ein Wachstum von 0,7% erreichen. In Madrid war man bisher von einer Expansion um 1,3% ausgegangen. Auch für 2012 sieht die EU Spanien noch in bedrängter Lage. So dürfte die Wirtschaft im kommenden Jahr ebenfalls nur um 0,7% wachsen und so ein weiteres Mal das gesteckte Defizitziel verfehlen. Die Arbeitslosigkeit soll zudem laut Prognose 2012 weiterhin bei über 20% liegen.

Regierung im Dilemma

Um den Vorgaben aus Brüssel dennoch gerecht zu werden, wären allein 2012 zusätzliche Mittel in der Höhe von 16 Mrd. € und damit weitere Einschnitte notwendig. Der neuen spanischen Regierung, die aus den Parlamentswahlen vom 20. November hervorgehen wird, steht eine schwierige Aufgabe bevor: Sie muss einerseits dem von der EU auferlegten Sparzwang zur Haushaltskonsolidierung gerecht werden und anderseits gleichzeitig das zur Konjunkturerholung dringend notwendige Wachstum ankurbeln.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: