Re-Occupy Wall Street: Die Räumung des Zucotti-Parks in New York hat Occupy Wall Street mehr Bekanntheit und Sympathien gebracht; Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman: „Mit seinem miesen Verhalten hat Bloomberg es leicht gemacht zu erkennen, wer nicht ehrlich ist und keinen offenen Diskus führen kann“ – Aktivistin Kat Mahaney: „Man kann die Menschen und auch ihre Sachen einfach wegschaffen, aber eben nicht die Idee, die dahinter steht.“

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Die Räumung des Zucotti-Parks in New York hat Occupy Wall Street mehr Bekanntheit und Sympathien gebracht. Das Problem der Bewegung ist jedoch ihre wachsende Zersplitterung.

© dpa

Protestierende der Occupy-Bewegung in New YorkProtestierende der Occupy-Bewegung in New York

Vielleicht wäre das eine Lösung, wie die Demonstranten von Occupy Wall Street doch weiter im Zuccotti Park leben können. „Was haltet ihr davon, Jakpaks anzuschaffen?“, ruft eine Protestlerin mit tiefer, eindringlicher Stimme in die Menge. Verständnislose Gesichter. „Ein Jakpak ist eine Jacke, die gleichzeitig ein Schlafsack ist und ein Zelt“, erklärt die dunkelhäutige, junge Frau mit Brille und Glatze. In die fragenden Mienen drängt sich ein Schmunzeln.

Das Problem, vor das die Demonstranten kurz zuvor gestellt wurden, klingt ebenso kurios: Ein New Yorker Richter hatte am Dienstagabend entschieden, dass die in der vorangegangenen Nacht aus dem Zuccotti Park vertriebenen Kapitalismus-Kritiker dort nicht wieder mit Zelten und Schlafsäcken anrücken dürfen. Kurz darauf wurde der tagsüber abgesperrte Platz, eigentlich ein Privatgrundstück, aber trotzdem wieder öffentlich zugänglich gemacht – ganz im Sinne des Eigentümers Brookfield Properties, der nach eigener Aussage „das Recht aller Bürger auf eine friedliche Versammlung und Meinungsfreiheit“ unterstützt. Bürgermeister Michael Bloomberg blieb – auch angesichts des enormen öffentlichen Drucks – kaum etwas anderes übrig, als Liberty Plaza, wie der Platz auch genannt wird, möglichst rasch wieder freizugeben.

Die nächtliche Räumung mit rund 200 Festnahmen und die paradoxe Lage im Nachhinein werfen allerdings auch die Frage auf, wie es mit Occupy Wall Street weitergehen wird. Mittlerweile ist die Protestwelle auf zahlreiche andere Städte in den USA übergeschwappt. Auch in Europa gibt es viele Demonstrationen gegen die Macht der Banken. Bislang fehlen der Bewegung jedoch eindeutige Forderungen und ein nennenswerter Erfolg.

Der Zuccotti Park in New York ist aufgeräumt und wieder offen für die Demonstranten. Zelte sind allerdings nicht mehr erlaubt. [Video kommentieren]

Zunächst erscheint es so, als hätte die ganze Aufregung der vergangenen Stunden der knapp zwei Monate alten Bewegung aus New York umso mehr Bekanntheit und Sympathien eingebracht: Auf dem frisch gereinigten Platz drängten sich in der Nacht zum Dienstag noch einmal bedeutend mehr Menschen als an den meisten Tagen zuvor. Sie unterscheiden sich zudem teilweise erheblich von der üblichen Klientel, von vielen als lausige Hippies verhöhnt. Mit den sauberen, im Boden eingelassenen Leuchtstäben erinnerte die Atmosphäre bisweilen gar eher an eine Vernissage als eine Demonstration. Wenn nicht zwischendurch immer wieder die Sprechchöre der Demonstranten aus den verschiedenen Ecken schallen würden. Jetzt erst recht, liegt es in der Luft.

„Man kann die Menschen und auch ihre Sachen einfach wegschaffen, aber eben nicht die Idee, die dahinter steht“, sagt Aktivistin Kat Mahaney. „Auch wenn der Park die ganze Zeit über das Zentrum der Bewegung gewesen ist, so ist die Gemeinschaft nicht an ihn gebunden.“ Die junge Frau selbst etwa hat dort nie übernachtet und ist trotzdem sehr aktiv in mehreren Arbeitsgruppen. Sie betont, dass Occupy Wall Street schließlich auch andere Räume für Treffen und Veranstaltungen nutze, Bildungsinstitutionen und Kirchen etwa. „Das ist nun auch eine gute Möglichkeit für uns sich auszuweiten“, fügt ihr Mitstreiter Greg Zucker hinzu.

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Krugman kritisiert Räumung

Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman meint, dass Occupy Wall Street von der Räumung und der damit verbundenen Aufmerksamkeit vielmehr profitiere: „Mit seinem miesen Verhalten hat Bloomberg es leicht gemacht zu erkennen, wer nicht ehrlich ist und keinen offenen Diskus führen kann“, schrieb er am Dienstag in seinem Blog. Der Bürgermeister habe, so Krugman weiter, die Protestbewegung auf diese Weise außerdem vor ihrem womöglich größten Problem bewahrt: der Perspektive, dass sie sich mit voranschreitender Zeit und kälter werdenden Tagen langsam in Luft auflösen könnte. In den vergangenen Wochen war es – zumindest in den Medien – ziemlich ruhig geworden um die Belagerer des Zuccotti Parks.

Auch der Politikberater Jeff Madrick macht keinen Hehl daraus, dass er von der Aktion des New Yorker Bürgermeisters wenig hält: „Das war eine dumme Entscheidung von Bloomberg.“ Davon werde sich die Bewegung nicht aufhalten lassen. Im Gegenteil: „Sie werden weiter marschieren und wahrscheinlich sogar noch mehr Unterstützer anziehen“, sagt er. Der frühere Kolumnist der New York Times hat zahlreiche Bücher über die Entwicklung des Kapitalismus in den USA geschrieben, sein jüngstes erschien im Frühjahr 2011 unter dem Titel Age of Greed. Die Demonstranten hatten Madrick und seinen Kollegen und guten Bekannten Joseph Stiglitz noch ganz am Anfang der Proteste in New York um Nachhilfe zum Thema Wirtschaft gebeten. Seitdem hat er immer wieder bei den Kapitalismus-Kritikern vorbeigeschaut, mit einigen ihrer Wortführer steht er in ständigem Austausch. Der Ökonom hat einen Einblick in die Proteste wie kaum ein anderer. „Ich höre eine Menge Ideen“, sagt er. „Einige davon sind sehr unkonventionell, einige auch sehr interessant: Sie könnten die Bewegung noch lange antreiben“.

Ein Problem von Occupy Wall Street jedoch, das auch nach zwei Monaten immer noch nicht überwunden worden ist, bleibt bestehen: Es gibt viele verschiedene Splittergruppen, die sich alle darin versuchen, einen Plan zu entwickeln. So auch jetzt wieder, nach der Räumung des Platzes und mit den neuen Regeln, gibt Madrick weiter zu Bedenken. Zudem steht der bitterkalte New Yorker Winter vor der Tür. Dann wird es zweifelsohne schwerer, die Massen zu mobilisieren. „Aber sie werden sich trotzdem nicht einfach in Luft auflösen“, meint Madrick.

Für Donnerstag, dem zweimonatigen Bestehen von Occupy Wall Street, ist erst einmal ein Protestmarsch mit Studenten geplant, nach wie vor. Er sollte größer werden als alle vorangegangenen, das war jedoch vor der plötzlichen Zerstörung der bisherigen Infrastruktur. Nun wird er wohl zur ersten Bewährungsprobe von „Re-Occupy Wall Street“.

http://www.zeit.de/gesellschaft/2011-11/Occupy-new-york/seite-2

 

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