Occupy nutzt neue Strategien: Aktivisten belagern U-Bahnen oder Museen, sie unterbrechen Wahlkampfauftritte von Politikern oder Brunchtermine offizieller Würdenträger. Jedes Mal, wenn die Polizei auf friedliche Versammlungen mit Verhaftungen und Pfefferspray reagiert hat, bekam die Occupy-Bewegung mehr Zulauf. Wir wollen eine fundamentale Neuausrichtung. Es muss dringend gehandelt werden. Umweltfragen spielen eine Schlüsselrolle.

Protest
„Occupy hat ein neues Stadium erreicht“

Geräumte Parks und Polizeigewalt bedeuten nicht das Ende der Occupy-Bewegung – im Gegenteil, meint Michael Levitin, Chefredakteur des Occupied Wall Street Journal, im Interview.

ZEIT ONLINE: Nach der Zwangsräumung des Zuccotti Parks dürfen sich die New Yorker Occupy-Aktivisten inzwischen wieder dort versammeln, aber keine Zelte mehr aufschlagen. Wie ist die Stimmung dort?

Michael Levitin: Es herrscht ein gewisses Chaos. Die Menschen, die im Park gelebt haben, müssen einen anderen Ort finden. Die Zwangsräumung war eine konzertierte Aktion. 18 Bürgermeister quer durch die USA haben gemeinsam über Räumungen entschieden, von Oakland bis Portland. Ich habe mit einem sehr gut vernetzten Aktivisten in New York gesprochen, der meinte, die Räumungsaktion habe sogar etwas Positives. Wenn jetzt neue Orte besetzt werden, kann das ein guter nächster Schritt sein. Wir haben ein neues Stadium in der Occupy-Bewegung erreicht.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Levitin: Der Park hat sowieso immer mehr an Bedeutung verloren. Die meisten Aktionen finden nicht dort statt. Ganz Amerika und die Medien tun aber so, als ob die Parks das Wesentliche seien. Dabei sind die physischen Orte nur die Schale der Bewegung, aber nicht ihr Kern.

ZEIT ONLINE: Das Besetzen öffentlicher Orte gehört aber doch zum Konzept.

Levitin: Stimmt. Aufgrund des vor der Tür stehenden Winters mussten aber sowieso neue Strategien und Orte in Betracht gezogen werden. Die Besetzungen werden weitergehen, aber die entscheidende Frage ist, ob die Besetzung von Parks gegenüber anderen Aktionen nicht an Bedeutung verliert. Aktivisten belagern U-Bahnen oder Museen, sie unterbrechen Wahlkampfauftritte von Politikern oder Brunchtermine offizieller Würdenträger. Das wird noch mehr werden.
Das Occupied Wall Street Journal ist online unter http://www.occupiedmedia.org.

Levitin: Jedes Mal, wenn die Polizei auf friedliche Versammlungen mit Verhaftungen und Pfefferspray reagiert hat, bekam die Occupy-Bewegung mehr Zulauf. Ich denke, dass die Unterstützung durch die Öffentlichkeit heute größer sein wird als je zuvor. Viele Gewerkschaften, die durch die Occupy-Bewegung hochgradig mobilisiert wurden, werden sich an diesem Aktionstag beteiligen. Studenten und Lehrer werden ihre Klassen verlassen und auf die Straße gehen. Wir werden in den verschiedenen Stadtteilen U-Bahnen besetzen. Das geht am frühen Morgen los mit dem Versuch, die Wall Street zum Erliegen zu bringen, indem man die Leute daran hindert, die New Yorker Börse zu betreten. Es soll zudem einen Marsch zum Foley Square geben und Aktivisten werden versuchen, die Brooklyn Bridge zu überqueren. Ich rechne mit vielen Verhaftungen.

ZEIT ONLINE: Gleichzeitig sind Aktionen in anderen US-Städten, in Spanien, Belgien und Deutschland geplant. Werden die jeweiligen Aktionen koordiniert?

Levitin: Wir sind im Kontakt mit anderen Occupy-Organisatoren, aber letztlich gestalten die Aktivisten den Tag jeweils sehr unabhängig. Das ist ja gerade der Punkt bei unserer Bewegung. Jeder kann alles machen. Die Gemeinsamkeit ist, dass Menschen in der ganzen Welt, in Europa, Asien, Afrika, Amerika, hintergangen wurden. Studenten fehlt das Geld, um zu studieren. Arbeiter verdienen nicht genug, um würdig leben zu können; sie bezahlen Steuern, die Konzerne selbst nicht zahlen müssen. Das politische und wirtschaftliche Establishment macht aber keine Anstalten, die Situation zu verbessern. Bei Occupy geht es nicht um Protest, sondern um Teilnahme. Es geht auch nicht um eine gemeinsame Forderung wie etwa: Ändert das Gesetz! Oder: Rettet diesen Wald!

Der Zuccotti Park in New York ist aufgeräumt und wieder offen für die Demonstranten. Zelte sind allerdings nicht mehr erlaubt. [Video kommentieren]

ZEIT ONLINE: Aber wie kann eine Bewegung ohne konkrete Ziele bestehen?

Levitin: Dies ist kein Protest nach dem Motto: Ändert ein paar Dinge in der Gesetzgebung und dann sind wir zufrieden. Wir wollen eine fundamentale Neuausrichtung. Ich glaube, die Menschen wissen, dass dringend gehandelt werden muss. Wir haben einfach nicht mehr die Zeit, unsere Ressourcen weiter zu verschwenden. Umweltfragen spielen eine Schlüsselrolle. Die großen Konzerne machen so lange weiter, bis der Planet am Ende ist. Die Occupy-Bewegung ist der Versuch, diese Entwicklungen zu stoppen. Wir können nicht verlieren, und wir werden nicht verlieren.

ZEIT ONLINE: Die Bewegung nimmt für sich in Anspruch, 99 Prozent der Bevölkerung zu vertreten. Auf der Straße sieht man aber vor allem junge Menschen.

Levitin: Es ist eine Bewegung von Leuten in den Zwanzigern, aber sie sprechen auch die Arbeiter und die Mittelschicht an. Menschen aller Hautfarben gehen auf die Straße und auch eine Menge älterer Leute. Rentner, die mit 100 oder 200 Dollar vom Staat auskommen müssen. Und wir bekommen viel Unterstützung von Veteranen; Marines und anderen Militärangehörigen, die aus den kriminellen Kriegen zurückkommen und sagen: „Wir sind die 99 Prozent.“

ZEIT ONLINE: Braucht Amerika mehr direkte Demokratie?

Levitin: Auf jeden Fall. Wir haben hier keine Demokratie. Unsere Politiker geben vor, uns in Washington zu repräsentieren, aber sie gehen nicht auf unsere Interessen ein, sondern auf die der Unternehmen. Das verstehen wir nicht unter Demokratie. Wir haben Obama gewählt, damit er diese Dinge verändert. Aber er hat es nicht geschafft, weil er nicht die Macht dazu hat. Washington wird durch die Wall Street regiert. Die Politiker sind nur Marionetten.

ZEIT ONLINE: Aber tragen nicht auch die Bürger Verantwortung, die jahrelang auf Kredit gelebt haben?

Levitin: Ja, viele Menschen haben in dieser Krise Fehler gemacht. Sie müssen auch selbst Verantwortung übernehmen. Aber das ganze System arbeitet gegen die Menschen, um ihnen ununterbrochen Schulden aufzuhalsen. Das fängt schon an beim Studenten, der sich hoch verschuldet, um auf die Universität zu gehen.

ZEIT ONLINE: Sie sind Chefredakteur des Occupied Wall Street Journal, Journalist und Aktivist in einer Person. Wie geht das zusammen?

Levitin: Ich habe die Vorstellung von Objektivität aufgegeben. Was hat uns dieser objektive Journalismus in Amerika gebracht? Eine 20 Jahre andauernde Debatte darüber, ob der Klimawandel überhaupt stattfindet. Journalisten haben es verpasst, darüber zu berichten, was sie wussten.

ZEIT ONLINE: Was soll Ihr Blatt bewirken?

Levitin: Das Occupied Wall Street Journal ist ein Kanal mehr, um Menschen zu erreichen, die neugierig sind, die den Ärger der Occupy-Aktivisten intuitiv verstehen, aber mehr Fakten brauchen. Die Zeitung ist eine Plattform, aber kein offizielles Organ. Jedes Mal, wenn eine neue Ausgabe auf die Straße kam, gab sie der Bewegung neuen Antrieb. Sie ist der sichtbare Beweis, dass die Bewegung mehr ist als eine Gruppe demonstrierender und schreiender Menschen. Wir arbeiten alle ehrenamtlich, in Kürze erscheint die erste nationale Ausgabe in verschiedenen Städten der USA. Mit exklusiven Texten renommierter Autoren, etwa Adam Hochschild oder Matt Taibbi.

ZEIT ONLINE: Wann haben Sie selbst das letzte Mal im Zuccotti-Park geschlafen?

Levitin: Vor zwei Monaten, ganz zu Beginn der Bewegung. Ich wollte in dieser Zeit gerade zu einer Reise nach Berlin aufbrechen, es war Samstag und mein Flug war für Montag gebucht. Aber als ich zum Park ging, um mich für einige Wochen zu verabschieden und sah, dass dort etwas Neues seinen Anfang nahm, sagte ich meinen Flug ab und schlief selbst auf der Straße. Als wir mit dem Occupied Wall Street Journal loslegten, hörte ich auf damit. Ich liebe es, zu demonstrieren und mit einer Gruppe von 500 oder 10.000 Menschen meine Stimme zu erheben. Das ist das Amerika, zu dem ich gehören will.

 

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