Nazi-Aussteiger Bauer: Politik und Gesellschaft müssen hinsehen, was in der rechtsextremen Szene abgeht. Das ist eine tickende Zeitbombe. Der Staat weiß doch gar nicht, wie viele Rechtsextreme im Untergrund aktiv sind. Ich weiß aus meiner eigenen Erfahrung, dass es viel mehr Kameradschaften gibt, als der Staat auch nur ahnt.Das Problem Rechts wurde vernachlässigt. Der Staat hat sich auf Islamisten und Linksterroristen konzentriert.Es gibt Ausbildungslager, in denen Rechtsextreme auf Gewalt getrimmt werden. Es gibt Anleitungen wie beispielsweise Veranstaltungen der Sozialdemokratischen Partei gezielt gestört werden können.

„Rechtsextreme Szene ist tickende Zeitbombe“
Ex-Neonazi im heute.de-Interview: Aussteiger unterstützen

Die Mordserie einer Neonazi-Zelle hat Deutschland wachgerüttelt. Wie gefährlich ist die rechtsextreme Szene und was kann der Staat tun? Die Szene ist eine „tickende Zeitbombe“, warnt der Neonazi-Aussteiger Manuel Bauer im heute.de-Interview.

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17.11.2011

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Video log in kompakt: Auf rechtem Auge blind?

heute.de: Die Zwickauer Terrorzelle hat vermutlich mindestens zehn Menschen innerhalb von sieben Jahren ermordet, ohne dass der Staat auf sie aufmerksam wurde. Hat Sie das überrascht?

Bauer: Nein. Der Staat weiß doch gar nicht, wie viele Rechtsextreme im Untergrund aktiv sind. Ich weiß aus meiner eigenen Erfahrung, dass es viel mehr Kameradschaften gibt, als der Staat auch nur ahnt. Er kann das auch gar nicht wissen. Die Strategie innerhalb der Szene ist doch die: Was der Staat nicht kennt, kann er auch nicht bekämpfen. Gerade wenn es um Mord geht, halten sich die Täter zurück und prahlen nicht mit ihren Taten. Auch in der rechtsextremen Szene war die Zwickauer Terrorzelle wenig bekannt.

Infobox

Zur Person

Manuel Bauer war jahrelang in der rechtsextremen Szene aktiv. Vor fünf Jahren ist er mit Hilfe der Initiative „Exit“ ausgestiegen und engagiert sich gegen Rechtsextremismus.

heute.de: Der Staat setzt auf V-Leute, um an Informationen zu gelangen. Ist das die richtige Strategie?
Zitat
„Viele V-Leute liefern bewusst Falschinformationen.“
Bauer

Bauer: V-Leute in der Szene sind Rechtsextremisten, denen eine Straftat vorgeworfen wird oder bereits nachgewiesen wurde. Der Verfassungsschutz geht dann auf diese Leute zu und bietet ihnen einen Deal an: Wenn du für uns arbeitest, bekommst du ein geringeres Strafmaß. Das Problem ist aber, dass der Verfassungsschutz nicht sicher sein kann, ob die dann richtige Informationen liefern. Viele V-Leute liefern bewusst Falschinformationen. Die sind ja teilweise schon jahrelang in der Szene, also emotional und ideologisch tief verstrickt.

V-Leute: Spitzel im Untergrund (16.11.2011)

heute.de: Hat der Staat denn andere Möglichkeiten, an Informationen über die rechtsextreme Szene zu kommen?

Bauer: Nein, er ist auf die V-Leute angewiesen. Aber deren Rolle muss man kritisch betrachten.

heute.de: Denken Sie, die rechtsterroristische Mordserie ist eine Ausnahme?

Aktuell:
Offenbar bis zu 100 V-Leute in der NPD aktiv

MEDIATHEK
Video Rechtsterror: Wie sieht die Zukunft aus?

Bauer: In diesem Ausmaß schon. So etwas hat es bislang nicht gegeben, das waren ja geplante Morde über Jahre hinweg. Ich denke aber auch, dass es Mordanschläge in absehbarer Zeit wieder geben kann, ohne dass der Staat davon im Vorfeld weiß. Das hat mit dem Gewaltpotential innerhalb der rechtsextremen Szene zu tun. Die putschen sich auf mit Alkohol und der entsprechenden Musik und ziehen dann los.

heute.de: Hat der Staat die Gefahr, die von Rechtsextremisten ausgeht, verharmlost?
Zitat
„Das Problem wurde vernachlässigt.“
Bauer

Bauer: Verharmlost nicht, aber das Problem wurde vernachlässigt. Der Staat hat sich auf Islamisten und Linksterroristen konzentriert. Politik und Gesellschaft müssen hinsehen, was in der rechtsextremen Szene abgeht. Das ist eine tickende Zeitbombe.

heute.de: Inwiefern?

Bauer: Es gibt Ausbildungslager, in denen Rechtsextreme auf Gewalt getrimmt werden. Es gibt Anleitungen wie beispielsweise Veranstaltungen der Sozialdemokratischen Partei gezielt gestört werden können, auch mit Gewalt. Dazu Waffenhandel, ein Markt für rechtsextreme Musik. Das ist eine parallele Welt.

heute.de: Was muss die Politik tun?

Bauer: Straftaten müssen konsequent verfolgt werden. Außerdem müssen Rechtsextreme, die aussteigen wollen, unterstützt werden. Nur durch die Unterstützung von außen konnte ich 2006 aus der Szene aussteigen. Damals hat man mir ganz klar signalisiert, dass ich nicht allein gelassen werde.

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