„Religion ist eine persönliche Angelegenheit“ Rachid Ghannouchi von der Nahda Partei, der Wahlgewinnerin in Tunesien: Arbeitslosigkeit ist die größte Herausforderung!

20. November 2011, 09:27, NZZ Online

«Religion ist eine persönliche Angelegenheit»

Gespräch mit Rachid Ghannouchi, dem Chef der tunesischen Nahda-Partei

Rachid Ghanouchi in einer Aufnahme vom 25. April 2011. (Bild: Keystone)ZoomRachid Ghanouchi in einer Aufnahme vom 25. April 2011.(Bild: Keystone)

Der Anführer der tunesischen Wahlsiegerin an-Nahda wird einerseits als gemässigter Islamist gelobt. Andere misstrauen ihm aufgrund früherer Aussagen. Im Gespräch versichert er, dass Tunesien ein offenes Land bleiben werde.

bol. Tunis «Die Revolution in Tunesien hat mir ein neues Leben geschenkt», sagt Rachid Ghannouchi in feinem Hocharabisch vor einer Gruppe deutscher Journalisten. Der ältere Herr, der nach 22 Jahren Exil aus London in sein Land zurückgekehrt ist, war vom tunesischen Regime Ben Alis terroristischer Aktivitäten bezichtigt worden. Zunächst Mitglied der Nasseristen, einer säkularen panarabischen Partei, hatte er sich 1968 nach dem Sechstagekrieg dem politischen Islam zugewandt, der angesichts des Scheiterns säkularer Regimes einen Aufschwung erlebte. In den achtziger Jahren begann er auch vermehrt, sich mit demokratischen Ideen auseinanderzusetzen. Im Golfkrieg 1991 rief er zum Kampf gegen die USA und Saudiarabien auf. Unter anderem die USA, Saudiarabien und Frankreich belegten ihn mit einem Einreiseverbot.

Wandel zum Pragmatiker?

In Tunesien wird erzählt, dass an-Nahda Geld aus dem Ausland erhalten habe, unter anderem von Katar. Ghannouchi weicht der Frage aus und verweist auf Mitgliederbeiträge von 5 Prozent des Einkommens, viel Freiwilligenarbeit und grosszügige Beiträge von Geschäftsleuten. Beweise gibt es bisher keine; für die Untersuchung unzulässiger Finanzierung aus dem Ausland ist die Wahlkommission zuständig. Laut einem ausländischen Beobachter ist eine solche aufgrund der Vernetzung der Partei im Ausland aber naheliegend.

Ghannouchi ist eine umstrittene Persönlichkeit – aufgrund früherer Aussagen werfen ihm manche vor, dass er sich zwar als Demokrat gebe, jedoch einen Religionsstaat anstrebe. Zahlreiche der Aussagen, die ihm in den Mund gelegt wurden, können aber nicht nachgewiesen werden. Immer mehr Analysten und Diplomaten argumentieren, dass er zum Pragmatiker geworden sei und man ihm eine Chance geben müsse. Im Gespräch wirkt er eher wie ein Intellektueller als wie ein Politiker. Er hat denn auch erklärt, dass er für kein politisches Amt antreten wolle. Im Hintergrund wirken werde er aber trotzdem.

Islam als moralische Grundlage

Im Islam sieht Ghannouchi heute eher eine Art moralisch-ethische Grundlage für Gesellschaft und Politik, als ein Regelwerk, dass es in Gesetzbüchern umzusetzen gilt. So meint er, dass der Glaube zu mehr Aufrichtigkeit in der Politik und einer Verminderung der Korruption verhelfen könne. «Im Islam liegt viel verborgenes Potenzial, das wir ausnützen wollen», meint er im Hinblick auf die jahrzehntelange Unterdrückung islamischer Praktiken in Tunesien. Ausserdem verweist er darauf, dass es im Islam anders als im Christentum keine Kirche und somit keine zentrale Deutungshoheit gebe, sondern miteinander konkurrierende Interpretationen. Daher gebe es auch keine Grundlage, um eine bestimmte Auslegung des Islam allen aufzuzwingen.

«Religion ist eine persönliche Angelegenheit. Die Aufgabe des Staates ist es, für das Wohlergehen der Bürger zu sorgen», sagt Ghannouchi. Für das Kopftuch dürfe es keinen Zwang geben – aber auch nicht dagegen. Unter Ben Ali war es in öffentlichen Institutionen nicht erlaubt, das Kopftuch zu tragen. Extremistische Formen des Islam seien nicht gerechfertigt, meint Ghannouchi etwas vage auf die Frage nach radikaleren Strömungen innerhalb seiner eigenen Partei. Sie seien entstanden, als die Nahda im Exil war, durch Einflüsse von aussen und die Unterdrückung. Mit der Überwindung der Diktatur aber würde ihnen der Nährboden entzogen, ist er überzeugt. Auf die Frage, ob die nicht zugelassene Partei der Salafisten legalisiert werden soll, meint er, dass niemand ausgeschlossen werden dürfe, solange er keine Gewalt für die Umsetzung seiner politischen Ziele anwende.

Nationaler Dialog

Für die nahe Zukunft hält der Scheich die Arbeitslosigkeit in Tunesien für die grösste Herausforderung. Auch spricht er von einem nicht näher definierten «nationalen Dialog», um den Übergang zur Demokratie zu bewältigen. «Wir sind die ersten Gewinner freier Wahlen in Tunesien und haben eine grosse Verantwortung.» Wenn seine Partei, die keine Mehrheit hat, nicht scheitern wolle, müsse sie mit den anderen kooperieren. In Europa sieht er einen wichtigen Partner für das demokratische Projekt in Tunesien. Und er betont, dass Tunesien entsprechend seiner Tradition und geografischen Lage ein offenes Land bleiben werde.

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