Auf der Suche nach den Landminen: Erstmals seit 2004 sind in diesem Jahr wieder mehr Landminen eingesetzt worden. Verantwortlich dafür waren laut dem Bericht der Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen (ICBL) Israel, Myanmar, Libyen und Syrien. Gleichzeitig ging die weltweite Räumung dieser Kriegswaffen voran

Reportage von der irakisch-iranischer Grenze

Auf der Suche nach den Landminen

Erstmals seit 2004 sind in diesem Jahr wieder mehr Landminen eingesetzt worden. Verantwortlich dafür waren laut dem Bericht der Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen (ICBL) Israel, Myanmar, Libyen und Syrien. Gleichzeitig ging die weltweite Räumung dieser Kriegswaffen voran: 2010 stand dafür mehr Geld bereit als je zuvor, und es wurden so große Flächen wie noch nie geräumt – so auch an der irakisch-iranischen Grenze.

Von Ulrich Leidholdt, ARD-Hörfunkstudio Amman, zzt. Schamiran – an der irakisch-iranischen Grenze

Minenräumer im Irak (Foto: REUTERS)Großansicht des BildesEin Minenräumer im Irak“Wir sind hier in dem Abschnitt, den unsere Leute von Minen befreien“, erklärt Salaam Mohammed. „Da sehen wir ihre Metall-Detektoren und Werkzeuge. Jetzt machen sie den Funktionstest und das da ist die Schneise, die sie zu räumen haben.“

Wir sind im Kurden-Gebiet im Nordosten Iraks, in Schamiran, nur fünf Kilometer weg von der Grenze zum Iran. Die Landschaft ist hügelig, eher karg. Hier und da wuchert niedriges Buschwerk. Salaam Mohammed trägt wie alle Männer am Hang Schutzkleidung, bestehend aus einer vom Hals über den Unterleib reichenden Splitterweste, Helm mit Gesichtsschutz und Spezialschuhen.

Audio: Landminenbericht: Irak als positives Beispiel

00:00:00   00:00:00
00:00:00   00:00:00

AudioUlrich Leidholdt, ARD-Hörfunkstudio Amman23.11.2011 03:16 | 3’30

  • Download Download der Audiodatei:

Tödlicher Überbleibsel aus Kriegen und Konflikten

Farbige Pflöcke markieren Wege, die man betreten darf. Andere trennen Areale ab, in denen noch Minen und Munition verborgen sind. „Während des Golfkriegs 1980-88 wollten iranische Truppen dieses Gebiet oberhalb vom Darbandikhan-Staudamm erobern. Im Fall seiner Zerstörung wäre Bagdad überflutet worden. Hier gab es schwere Kämpfe.“

Salaam Mohammed arbeitet für die internationale Minenberatung MAG. Die humanitäre Organisation hilft seit mehr als 20 Jahren weltweit bei der Räumung und Entschärfung tödlicher Überbleibsel aus Kriegen und Konflikten. Seit 1992 auch im Irak, der wie hier im Grenzgebiet zum Iran großflächig minenverseucht ist.

Mohammed berichtet: „Lagepläne der irakischen Armee für die Minenfelder fehlen. Dorfbewohner und lokale Experten haben selbst versucht, die Dinger zu sprengen – natürlich mehr schlecht als recht.“

Ulrich Leidholdt und Salaam Mohammed Großansicht des BildesUlrich Leidholdt und Salaam Mohammed im Kurden-Gebiet im Nordosten Iraks, in Schamiran.

Ein explosives Erbe

Erst legte die irakische Armee in den 80er-Jahren Minen, um so den Iran zu stoppen. Kurz nach Kriegsende verließ sie dann den Norden des Landes auf Druck der USA, der Schutzmacht der Kurden. Zurück bliebt ein explosives Erbe. „Die Minen wurden vor Jahrzehnten verlegt, bis zu zehn Zentimeter tief, nur wenige kann man erkennen“, erklärt Mohammed.

Nach Möglichkeit versuchen die Kommandos Minen, Blindgänger und Munition fortzuschaffen, um sie sicher zu entsorgen. Das ist aber nicht immer möglich. „Was wir nicht transportieren können, wird am Ort gesprengt“, erzählt Mohammed. Um Lebensgefahr für Dorfbewohner, besonders Kinder, möglichst zu vermeiden, läuft parallel zur Minenräumung eine intensive Aufklärung über die verborgenen Risiken.

Aufklärung in Schulen und Gotteshäusern

Dabei werden alle Möglichkeiten genutzt, auch am muslimischen Feiertag in der Moschee. „Die Geistlichen machen den Dorfbewohnern beim Freitagsgebet die Gefahren von Minen klar. Für die Schulkinder gibt es ein spezielles Unterrichtsprogramm.“ In Schamiran kann ein Gebiet, groß wie 25 Fußballfelder, wieder genutzt werden, dank der Anstrengung kurdischer Minenräumer unter Anleitung internationaler Experten.

Auch Deutschland unterstützt diese Arbeit. Auf der Fläche von Feld 34 sollen ein Mobilfunkmast und dazu eine Wachstation errichtet werden. Doch bis zur Freigabe des Geländes dauert es noch. „Wir gegen langsam, aber systematisch vor. Das hat den Vorteil, dass wir den Leuten letztendlich ein garantiert sicheres Gelände zurückgeben können“, betont Mohammed.

Landminen

Nach Angaben der Internationalen Kampagne zum Verbot von Landminen gibt es weltweit noch in 70 Ländern Minen. Die Sprengsätze sind schnell ausgelegt, ihre Beseitigung nimmt jedoch Jahre in Anspruch.

Im vergangenen Jahrzehnt sind nach Angaben der Organisation Millionen der heimtückischen Sprengsätze sicher beseitigt worden. Seit 1999 sei etwa die zehnfache Fläche der Stadt München von Landminen befreit worden: Auf einer Gesamtfläche von 3200 Quadratkilometern wurden 2,2 Millionen Anti-Personen-Minen, 250.000 Anti-Fahrzeug-Minen und 17 Millionen weitere Sprengsätze beseitigt, teilte die mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Organisation in ihrem Jahresbericht 2009 mit.

Die Unterzeichnerstaaten des Vertrags zum Verbot von Landminen aus dem Jahr 1997 sind verpflichtet, Minen auf ihrem Staatsgebiet zu beseitigen.

Von der Royal Air Force zu Mienenräumer

Andi hat 30 Jahre lang bei der britischen Royal Air Force gedient. Seit zwei Jahren hilft er den MAG-Teams mit seinen Kenntnissen beim Aufspüren und Entschärfen explosiver Hinterlassenschaften: „Es braucht  praktische Erfahrung und da lernst du draußen täglich Neues, um den Job besser zu machen.“ Und darauf sei er stolz betont Andi.

Ebenso stolz sind die kurdischen Minenräumer. Oft nehmen sie zweistündige An- und Abfahrtszeiten für den nicht besonders gut bezahlten Job auf sich. Geld, versichert Salaam Mahammed, sei auch nicht die Hauptsache für ihre Motivation: „Die Leute lieben ihren Job, wollen ihren Dörfern helfen. Als ich damit anfing, sollten es drei Monate werden. Tatsächlich bin ich jetzt seit Jahren dabei. Wir retten Menschenleben und geben neue Hoffnung. Wenn wir ein Minenfeld geräumt haben, dann ist jeder von uns stolz.“

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: