Jemen vor großen Herausforderungen auf dem Weg zum Frieden: Hier erwachte der arabisch Frühling noch vor Tunesien

24. November 2011, 11:06, NZZ Online

Kaum Hoffnung auf friedlichen Wandel

Jemen dürfte auch nach dem Abgang von Präsident Saleh nicht zur Ruhe kommen

Bewohner der jemenitischen Hauptstadt Sanaa feiern den Machtverzicht von Präsident Saleh. (Bild: Keystone / AP)Zoomg n
Bewohner der jemenitischen Hauptstadt Sanaa feiern den Machtverzicht von Präsident Saleh. (Bild: Keystone / AP)

Noch ist nicht klar, ob Jemens langjähriger Herrscher Saleh wirklich die Macht abgibt. Doch selbst wenn seine Gegner triumphieren können, dürfte Jemen noch lange nicht zur Ruhe kommen. Stabilität scheint schon allein wegen der demographischen Entwicklung unerreichbar zu sein.

bbu. Der arabische Frühling hat nun auch Jemen erreicht. So lauteten viele Kommentare, als die Nachricht vom Machtverzicht des langjährigen jemenitischen Machthabers Saleh am Mittwoch bekannt wurde. Dabei verhält es sich eigentlich ganz anders: Die ersten Massenproteste gegen ein autoritäres Regime in der arabischen Welt fanden nämlich im letzten Januar in Sanaa, der Hauptstadt Jemens statt – noch bevor die Bürger Tunesiens auf die Strasse gingen.

Alte Machtstrukturen nicht beseitigt

Allerdings erwies sich der seit drei Jahrzehnten herrschende Saleh als ausgesprochen hartnäckiger Techniker der Machterhaltung. Auch nach blutigen Unruhen und einem Anschlag auf seine Person, bei dem er verletzt wurde, brachte er es fertig, seine Gegner immer wieder hinzuhalten und seinen Abgang stets aufs Neue hinauszuschieben. Auch nun scheinen die alten Machtstrukturen keineswegs weggeschwischt: Nachfolger wird sein langjähriger Vizepräsident, und Mitglieder seiner Familie verbleiben offenbar bis auf weiteres in wichtigen Positionen, so etwa sein Sohn als Befehlshaber einer Elitetruppe der Armee, von den Stammesherrschaften in den Gebieten fern der Hauptstadt ganz zu schweigen.

Bilderstrecke: Ali Abdullah Saleh

  • Präsident Ali Abdullah Saleh (r.) empfängt König Abdullah II. von Jordanien in Sanaa (3. Juli 1999).

Ali Abdullah Saleh ist seit 1990 Präsident der Republik Jemen. Am 1. Januar 2011 legte er Verfassungsänderungen vor, die eine Aufhebung der Amtszeitbeschränkungen zum Inhalt hatten. Dies löste Proteste der Opposition aus. Ende Januar 2011 demonstrierten mehrere Tausend Menschen in der Hauptstadt Sanaa und forderten Saleh auf, seine Macht abzugeben. Nach über zehn Monaten der Unruhen erklärte der jemenitische Staatschef am 23. November 2011 in Saudiarabien schriftlich seinen Verzicht auf die Macht.

Innere Zerrissenheit

Jemens Hypothek ist seine Geschichte, seine innere Zerrissenheit und seine Lage als einziges Land auf der arabischen Halbinsel ohne nennenswerte eigene Ölvorkommen bei gleichzeitig sehr hoher Bevölkerungsdichte. Bis Ende der sechziger Jahre bestand Jemen aus zwei völlig unterschiedlichen Teilen: Der Norden war bis dahin von der Moderne fast vollkommen abgeschnitten und der Süden stand unter britischer Kolonialherrschaft. Nach Abzug der Briten etablierte sich im Süden zunächst das einzige marxistische Regime im arabischen Raum.

Fünf Demonstranten in Jemen erschossen

(sda/Reuters/dpa) Auch nach dem Abgang von Präsident Saleh kehrt im Jemen kein Frieden ein. Am Donnerstag schossen mutmassliche Anhänger des alten Regimes auf Teilnehmer einer Protestkundgebung in der Hauptstadt Sanaa. Nach Angaben von Augenzeugen forderten die Demonstranten, Saleh müsse vor Gericht gestellt werden. Lokale Medien sprachen von fünf Toten und 22 Verletzten.

Am Vortag hatte Jemens Präsident Saleh ein Abkommen zur Machtübergabe unterzeichnet. Es sieht vor, dass Saleh nach 33 Jahren an der Spitze des Jemens all seine Befugnisse auf seinen Stellvertreter Abd-Rabbu Mansur Hadi überträgt. Dieser soll dann zusammen mit der Opposition eine neue Regierung bilden. Innerhalb dreier Monate soll dann ein neuer Präsident gewählt werden. Bis ein Nachfolger feststeht, behält Saleh seinen Titel.

Unterdessen wurden in der Provinz Lahdsch eine französische IKRK-Delegierte, ihr jemenitischer Fahrer und ein Angehöriger des jemenitischen Roten Halbmondes freigelassen, die zwei Tage zuvor entführt worden waren. Das teilte das IKRK in Genf mit.

Erst 1990, kurz vor der Auflösung der Sowjetunion, kam es zu einer Vereinigung von Nord- und Südjemen unter Präsident Saleh. Wegen der Vorherrschaft des Nordens im neuen Staat, der Misswirtschaft und der Zentralisierungspolitik der Regierung in Sanaa brach aber schon 1994 ein erster Bürgerkrieg aus, an dessen Ende der Widerstand des Südens gegen den Norden mit Gewalt gebrochen wurde. Seither stand die «Arabische Republik Jemen» auch immer wieder im Verdacht, Rückzugsgebiet für Terroristen der al-Kaida zu sein, da die Regierung wegen der weiter bestehenden Autonomie der Stämme weite Teile des Landes nicht wirklich kontrolliert.

Bevölkerungsexplosion

Hintergrund der chronischen inneren Konflikte ist vor allem die extreme Bevölkerungsentwicklung: Das kleine und arme Land Jemen hat heute rund 24 Millionen Einwohner, während der flächenmässig viel grössere und ölreiche Nachbar Saudiarabien weniger als halb so viele Einwohner zählt. Die Demographen gehen davon aus, dass Jemens Bevölkerung in den nächsten fünfzig Jahre sogar auf bis zu 84 Millionen Einwohner anwachsen könnte.

Vor allem aber eine Zahl belegt den ungeheuren Druck, dem sich Jemen durch die Demographie ausgesetzt sieht: Fast die Hälfte der Jemeniten ist heute nämlich jünger als 15 Jahre. 30 Prozent der männlichen Bevölkerung ist zwischen 15 und 29 Jahre alt. Migration bietet sich unter diesen Umständen fast als einzigen Ausweg an. Doch als sich Saleh 1990 nach der Besetzung Kuwaits durch den Irak auf die Seite Saddam Husseins schlug, wurden über 800’000 jemenitische Gastarbeiter von Saudiarabien und den Golfstaaten in ihr Heimatland ausgewiesen und stürzten Jemen damit in eine tiefe Wirtschaftskrise.

Düstere Zukunftsaussichten

Für ein Land, in dem selbst die Ressource Wasser knapp ist und die Verteilungskämpfe notgedrungen noch zunehmen werden, stellen diese Verhältnisse eine fast nicht zu bewältigende Herausforderung dar. Stabilität dürfte unter diesen Vorzeichen ein fast unerreichbares Ziel bleiben. Die Schwäche des Staates und die andauernde Macht von archaischen Stammesstrukturen lassen erwarten, dass das jemenitische Ringen eher in einen neuen Bürgerkrieg mündet, der auch die Nachbarländer nicht unberührt lassen wird.

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