2011 ist das Jahr des Pfeffersprays – Wenn Demokratien gegen Demonstranten vorgehen, greifen sie zu dem Reizgas, das harmlos aussieht, aber töten kann: Pfefferspray: was nach harmlosem Gewürz klingt, ist ein hoch konzentrierter chemischer Kampfstoff. 63 Todesfälle nach Pfefferspray-Einsätzen sind in USA dokumentiert; Gefährlich vor allem in Wechselwirkung mit Drogen oder Medikamenten

Polizeigewalt in Demokratien
Pfefferspray – Der neue Wasserwerfer
Pfefferspray-Einsatz gegen Atomkraftgegner im deutschen Niedersachsen am Wochenende.
Pfefferspray gegen die 84-jährige Dorli Rainey in Seattle.
Pfefferspray an der UC Davis vor zehn Tagen.
Ein Opfer des Einsatzes in Kalifornien.
Pfefferspray gegen Demonstranten in La Paz, Bolivien.
Pfefferspray im Westjordanland.
2011 ist das Jahr des Pfeffersprays – Wenn Demokratien gegen Demonstranten vorgehen, greifen sie zu dem Reizgas, das harmlos aussieht, aber töten kann

„Wir leben im Zeitalter des Pfeffersprays, nicht im Zeitalter der Kugeln“, bringt der US-Popkulturforscher Robert Thompson in der New York Times ein Phänomen auf den Punkt, das sich in diesem Krisenjahr so geballt beobachten lässt wie bisher noch nie. Pfefferspray gegen deutsche Atomkraftgegner, Pfefferspray gegen #occupy-Demonstranten im New Yorker Zuccotti-Park, Pfefferspray gegen die Blockierer der serbisch-kosovarischen Grenze: wo auch immer demokratische Staaten anno 2011 ihre Macht gegen delinquente Demonstranten einsetzten, mit Wasser gebundenes Reizgas war fester Bestandteil der Szenerie.

So auch vor zwei Wochen, als der US-Polizist John Pike eine Sitzblockade demonstrierender Studenten am Campus der Universität von Kalifornien in Davis mit einem gezielten Strahl aus seiner Pfefferspraypistole auflöste. Weltweite Empörung war die Folge. Kamran Loghman, ein US-Unternehmer, der in den 80er-Jahren gemeinsam mit der US-Bundespolizei FBI den Einsatz von Pfefferspray als Polizeiwaffe in die Wege leitete, sieht sich seit dem Vorfall um sein Lebenswerk betrogen. „Ich habe bis dahin noch keinen so regelwidrigen Einsatz gesehen.“

Pfefferspray: was nach harmlosem Gewürz klingt, ist ein hoch konzentrierter chemischer Kampfstoff. Der Wirkstoff Oleoresin Capsicum, kurz OC, ist ein Extrakt des synthetischen Chili-Wirkstoffs Capsaicin, bis zu 5,3 Millionen so genannte Scoville-Grade scharf. Zum Vergleich: einer handelsüblicher Tabascosauce wohnen knapp 3.000 Scoville-Grade inne. Mit Ethanol und Wasser vermischt, reizt OC Augen und Schleimhäute, macht kampfunfähig – oder tötet sogar.

Neu ist diese Erkenntnis nicht. John Mendelson, Suchtmediziner am renommierten California Pacific Medical Center in San Francisco wies 2009 durch Tierversuche nach, dass OC in Kombination mit Drogenkonsum oder der Einnahme von Psychopharmaka wie Beruhigungsmitteln häufig tödlich wirkt.

Dutzende Tote

Schon 2003 hat das US-Justizministerium, damals vom Republikaner John Ashcroft geführt, eine Studie veröffentlicht, in der 63 Todesfälle nach Pfefferspray-Einsätzen in den USA dokumentiert sind. Die meisten davon, so die Behörde, litten an Asthma oder reagierten aufgrund ihrer Drogensucht so stark auf das Reizgas, dass sie starben. Alleine in Kalifornien sind nach Angaben einer Bürgerrechtsbewegung in den ersten beiden Jahren nach der Aufnahme von Pfefferspray in das Waffenarsenal der US-Cops Mitte der 90er-Jahre 26 Menschen ums Leben gekommen. Auch in diesen Fällen waren es Wechselwirkungen mit anderen Drogen oder Medikamenten.

Exzessiver Einsatz von Pfefferspray ist freilich keineswegs eine Domäne der US-Polizei. Allein 2010 soll die Polizei des deutschen Bundeslandes Niedersachsen, in dem das Atommüllendlager Gorleben liegt, 2.200 Kanister Pfefferspray verbraucht haben. Zu Recht, ist sich die deutsche Polizei sicher. „Pfefferspray verhindert den Einsatz schärferer Mittel“, sagt der Polizeigewerkschafter Rüdiger Reedwisch.

Während Pfefferspray für seine Verteidiger ein gelindes Mittel zur Durchsetzung polizeilicher Maßnahmen darstellt, sehen Kritiker darin einen gefährlichen Kampfstoff, der die Hemmschwelle eines Beamten, Gewalt auszuüben, sinken lässt. Ana Yanez-Correa von der Anti-Pfefferspray-NGO Texas Criminal Justice Coalition sagte jüngst dem US-Magazin Wired, dass „Polizisten ihr restliches Training vergessen, wenn sie in einer Gefahrensituation einen Pfefferspray am Gürtel hängen haben.“

Eine andere Studie ergab, dass US-Polizisten um ein Drittel öfter Gewalt einsetzen, wenn ihnen das Reizgas als Waffe zur Verfügung steht. 45 Prozent der US-amerikanischen Polizeieinheiten dürfen als Reaktion auf passiven Widerstand, etwa bei Sitzblockaden oder Demonstrationen, zum Pfefferspray greifen. „Das ist eine neue Generation der Unterdrückung“, sagt US-Professor Thompson.

Eine Untersuchungskommission der Stadt New York empfahl deren Polizisten schon 2000, keinen Pfefferspray gegen „emotional belastete Personen“ zum Einsatz zu bringen. In der Praxis sei diese Unterscheidung freilich nur schwer durchzuführen, sagt Rüdiger Reedwisch. „Wir können nicht jeden fragen, ob er irgendwelche Medikamente nimmt. Wer sich ordnungsgemäß verhält, kriegt kein Pfefferspray ab.“ (flon/derStandard.at, 28.11.2011)

http://derstandard.at/1319184003095/Polizeigewalt-in-Demokratien-Pfefferspray—Der-neue-Wasserwerfer

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