Ein ehemaliger Neo-Nazi-Anführer erzählt vom Innenleben der Szene: Wir rekrutierten Jugendliche – was erschreckend gut funktionierte. Glatze und Bomberjacke war nur Anfang der 90er-Jahre aktuell. Das wird heute in den Medien oft noch falsch rübergebracht: Neonazi ist gleich Glatze. Davon hatten wir uns in Berlin gelöst. Anfangs nur Sympathie für ausländerfeindliche Aktionen wie Angriffe auf Asylheime. Ab 16 immer mehr gesellschaftliches Bewusstsein. Ich lehnte die ganze multikulturelle Gesellschaft ab. Das Feindbild wechselte vom einzelnen Migranten zum System, das so was zulässt. Die Ideologie ist gewalttätig. Wenn nichts geht und die Wand, gegen die man läuft, keinen Riss bekommt, gibt es Leute, die sagen: Ok, dann müssen wir eben zu anderen Mitteln greifen. Verbindungen zur NPD: Die Übergänge sind sehr fließend. Ich bin sehr freiheitsliebend und das war mit dem Gruppendruck immer schwerer vereinbar. Mit 28 habe ich gemerkt, dass Freiheit in dieser Ideologie keine Chance hat.

Der Kontakt ist schwierig: Da Neonazis Aussteiger auch nach Jahren mit Mord bedrohen, bleiben dem Interviewer Name und Aussehen des Gesprächspartners verborgen – erst recht, wenn es sich um einen ehemaligen Anführer handelt. Fünf Jahre nach dem Ausstieg des heutigen „Mittdreißigers aus Westberlin“ kommen seine Antworten reflektiert und routiniert. Der frühere Insider spricht im KURIER-Interview über …

… Sozialisation: Ich bin in der Schule über die üblichen Wege in die Szene gekommen: Fankurve im Stadion, Subkulturen wie Konzerte. Meine Hauptbezugsperson war mein Großvater, der die von ihm erlebte Nazizeit oft thematisierte und beschönigte.

… Neonazi-Karriere: Bis 16 war ich Mitläufer, danach hab‘ ich viel gelesen und mich als Nationalsozialisten gesehen. Mit 20 bin ich in die organisierte Neonazi-Szene und da kam dann auch eine neue Orientierung am linken Flügel der NSDAP. Ich war sehr aktiv im Osten, in Brandenburg und bundesweit vernetzt. Ich habe eine Organisation mitgegründet, die 2005 verboten wurde: Wir rekrutierten Jugendliche – was erschreckend gut funktionierte. In den sechs Jahren habe ich viel Organisatorisches gemacht, Busse gemietet, Demos angemeldet, Ordnerdienste. Da bin ich steil nach oben gestiegen in der Hierarchie und wurde auch bekannt bei den „Antifas“ und den Behörden, klar.
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… Auftreten: Glatze und Bomberjacke war nur Anfang der 90er-Jahre aktuell. Das wird heute in den Medien oft noch falsch rübergebracht: Neonazi ist gleich Glatze. Davon hatten wir uns in Berlin gelöst: Wir sahen uns nicht als einfache Schläger oder Alkoholiker. Wir wollten in die Mitte der Gesellschaft, gaben uns einen anderen Anstrich, passten uns an in Musikgeschmack, Kleidung. Versuchten Szenen zu unterwandern, etwa die Linksautonomen mit der schwarzen Kluft. Die was zu sagen hatten wie ich, ließen das aber meistens weg und kamen zivil zu Demos.

… Lebensunterhalt: Hauptsächlich vom verhassten Staat, daneben gab ein paar kleinere Arbeiten und Geschäfte.

… Straftaten: Gab es natürlich die ganze Zeit, gezielt, in Form schwerer Gewalttaten, aber auch anderer Delikte. Daher bin ich auch vorbestraft wegen schwerer Körperverletzung in zwei Fällen.

… politische Aktionen: Anfangs nur Sympathie für ausländerfeindliche Aktionen wie Angriffe auf Asylheime. Ab 16 immer mehr gesellschaftliches Bewusstsein. Ich lehnte die ganze multikulturelle Gesellschaft ab. Das Feindbild wechselte vom einzelnen Migranten zum System, das so was zulässt. Im Umfeld versuchten Leute, Ausländer zu verunsichern, damit sie keinen Nachzug wagten. Sie errichteten „Angstzonen“, den „Raumkampf“, wo für Migranten keine Sicherheit besteht, vor allem am Land. Und Präsenz zeigen, damit die linke Szene und die Institutionen wissen: Wenn wir hier reingehen, sind die Nazis aktiv, die kämpfen um die Stadt.

… Waffen: Kleinwaffen bis Gaspistolen hatte ich, Schusswaffen nicht. Weil bundesweit vernetzt, traf ich Leute, wenn auch nicht ganz nah, die jetzt genannt werden. Da wurde mit Chemikalien usw. für Bomben hantiert. Da ist die Frage, wo beginnt Terrorismus. Die Leute, die das groß ‚rumposaunt haben, habe ich als Maulhelden nicht ernst genommen. Die wirklich Konspirativen hat man auch in den Netzwerken nicht immer gleich wahrgenommen.

… die „NSU“-Zelle: Mir war immer klar, dass die Szene dazu neigt und auch fähig ist. Die Ideologie ist gewalttätig. Man muss sich als 24-Stunden-Aktivist tagtäglich motivieren. Man sieht das teilweise sogar als Aufopferung. Wenn nichts geht und die Wand, gegen die man läuft, keinen Riss bekommt, gibt es Leute, die sagen: Ok, dann müssen wir eben zu anderen Mitteln greifen. Und da ist die Schwelle schon sehr niedrig, wo es nicht nur um einen Faustschlag, sondern ins Terroristische geht. Mitleid mit Opfern gibt es sowieso nicht. Jede Distanzierung, die Sie jetzt hören, ist rein strategisch. Ich glaube, dass die Szene nun gespalten ist. Ich halte es für wahrscheinlich, dass die Täter bei Jungen einen Märtyrerstatus bekommen. Die anderen verstehen, dass die Taten der Bewegung im Ansehen auf Jahre hinaus schaden und den Verfolgungsdruck enorm verstärken.

… Verbindungen zur NPD: Die Übergänge sind sehr fließend, die Vernetzung ist je nach Bundesland unterschiedlich. Ich selbst war mit dem militanten Flügel der NPD in Verbindung.

… seinen Ausstieg: Ich bin sehr freiheitsliebend und das war mit dem Gruppendruck immer schwerer vereinbar. Mit 28 habe ich gemerkt, dass Freiheit in dieser Ideologie keine Chance hat. Zwei Außenstehende haben mir vor fünf Jahren den Anstoß für den Ausstieg gegeben. Der Prozess dauerte ein Dreivierteljahr, bei dem „Exit“ sehr wichtig war. Heute habe ich einen Beruf und studiere.

http://kurier.at/nachrichten/4462693.php

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