Samira wurde vom ägyptischen (von den USA wesentlich bezahlten) Militär gefoltert, aber nicht gebrochen: Sie fordert ein Verbot der Folter und will, dass die (säkulären, nicht islamistischen!) Generäle bestraft werden für dass, was sie den ägyptischen Frauen antun!

Ägyptisches Folteropfer
Samiras Feldzug gegen die Generäle

Samira Ibrahim: „Sie ist eine echte Kriegerin und liebt ihr Land“

Samira Ibrahim demonstriert gegen Ägyptens Militärrat, sie wird verhaftet und erniedrigt: Ein Offizier führt unter dem Gejohle Umstehender einen „Jungfrauentest“ durch. Doch statt beschämt zu schweigen, wie viele andere Opfer, wehrt sich Samira – und erzwingt ein Verbot dieser Foltermethode.

Samira Ibrahim als streitbar zu beschreiben, ist eine Untertreibung. Die 25-jährige Ägypterin erzählt ihre Geschichte voller Zorn, sie strotzt vor Kampfeslust. Wer immer die Idee hatte, sie zu demütigen, hätte sich das besser überlegen sollen. Denn nun hat das ägyptische Militär Samira am Hals, und sie denkt nicht daran, die Generäle ungeschoren davonkommen zu lassen.

„Sie sollen zahlen“, sagt Samira.

Am 9. März wurde Samira zusammen mit 172 anderen jungen Ägyptern in der Innenstadt von Kairo verhaftet. Sie hatten dort gegen den Militärrat demonstriert, der seit dem Sturz des Dauerpräsidenten Husni Mubarak regiert: So lange eine Junta von Generälen das Land regiert, so lange Militärgerichtshöfe über Zivilisten urteilen dürfen, habe die ägyptische Revolution ihr Ziel nicht erreicht, so die jungen Leute.

Samira und die anderen – unter ihnen 17 Frauen – wurden zu einem Kasernengelände gefahren, dort mit Wasser übergossen, mit Elektroschockern traktiert. „Essen gab es keines, nur Schläge.“

„Am zweiten Tag haben sie uns Frauen dann in zwei Gruppen geteilt, nach verheiratet und unverheiratet“, erzählt Samira in einem Café in der Kairoer Innenstadt. Die Unverheirateten wurden ins Erdgeschoss der Kaserne geführt. „In einen Raum mit deckenhohen Fenstern, richtigen Panoramascheiben.“

Während sich draußen immer mehr Soldaten einfanden, um zu gaffen, befahl ein Militärarzt Samira, sich auszuziehen. Er wolle prüfen, ob sie noch Jungfrau sei. Samira protestierte, das sei illegal, doch der Arzt ließ nicht mit sich reden. Samira bat darum, doch wenigstens von einer Frau und ohne Zuschauer untersucht zu werden. Der Arzt in Uniform befahl ihr, sich auf eine Liege zu legen, und hatte dann „seine Hände fünf Minuten lang da unten“.

Vor dem Fenster zückten lachende Soldaten ihre Handys, sie filmten und fotografierten das Spektakel. „Ich wollte sterben“, sagt Samira. „Es war wie eine Vergewaltigung.“

Samira kontaktiert Menschrechtsgruppen

Nach weiteren zwei Tagen in Haft wird Samira von einem Militärgericht wegen Angriffs auf Sicherheitskräfte, Teilnahme an einer nicht genehmigten Demonstration und Bruch der Sperrstunde zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt und entlassen.

Ihr erster Anruf gilt ihrer Familie im oberägyptischen Suhadsch: Ihr Vater saß unter Mubarak wegen seiner politischen Überzeugungen mehrfach im Gefängnis. „Er sagt immer, ich habe meine große Klappe von ihm geerbt“, erzählt Samira. Die 25-Jährige, die in Suhadsch einen Kosmetikladen führte, bevor sie im Januar nach Kairo kam, um Vollzeit Revolution zu machen, berichtet, was ihr widerfahren ist. Bestärkt von ihren Eltern beschließt sie, sich zu wehren. Sie kontaktiert ägyptische Menschenrechtsgruppen, gleich fünf nehmen sich ihres Falls an, beraten die junge Frau, stellen ihr Anwälte.

Der Arzt, die Gaffer, diejenigen, welche die Erniedrigung der Demonstrantinnen anordneten: Sie alle gingen wie selbstverständlich davon aus, dass die Frauen schweigen würden. „Die wollten uns mundtot machen, uns Angst machen, damit wir nie wieder für die Freiheit auf die Straße gehen“, sagt Samira. In sexuellen Dingen ist Ägypten zutiefst konservativ, zudem frauenfeindlich: Sexuelle Belästigung ist im Alltag gang und gäbe, und wer sich wehrt, wird schnell bezichtigt, selbst schuld zu sein an der Attacke. Das Mädchen habe sich doch sicher aufreizend benommen, heißt es dann. Also schweigen die meisten Opfer sexueller Gewalt.

Sie geht in die Talkshows, gibt Interviews – und zieht vor Gericht

Samira ist zwar beschämt, schweigt aber nicht. Sie zieht durch Talkshows, gibt Interviews. Und sie klagt vor dem Militärgerichtshof darauf, dass der Arzt zur Rechenschaft gezogen wird. Und beim Obersten Verwaltungsgericht dagegen, dass in Militäreinrichtungen „Jungfrauentests“ durchgeführt werden dürfen. Sogenannte „Jungfrauentests“, bei denen per Hand überprüft wird, ob die Frau auch blutet, sind medizinisch wertlos und werden von Amnesty International als Folter angeprangert. Außerdem verlangt Samira die Aufhebung ihrer Bewährungsstrafe: Sie und viele Oppositionsgruppen in Ägypten sprechen den Militärgerichtshöfen das Recht ab, über Zivilisten zu urteilen.

„Sie ist eine echte Kriegerin und liebt ihr Land“, sagt Rascha Abdelrahman über Samira. Sie war zusammen mit ihrer Freundin verhaftet worden, auch sie musste den Test über sich ergehen lassen. Die Schneiderin bewundert Samira, nachtun will sie es ihr aber nicht. Sie habe seit dem Vorfall emotionale Probleme und würde einen Prozess nicht durchstehen, sagte Rascha bei einer Pressekonferenz gegen die Militärjustiz.

Samira ist gegen einen mächtigen Gegner ins Feld gezogen: Selbst ihre Anwälte halten es für unwahrscheinlich, dass die Armee einen der ihren eines Übergriffs für schuldig befinden werde. „Samiras Chancen, vor Gericht zu gewinnen, sind sehr, sehr klein“, sagt Adel Ramadan von der Ägyptischen Initiative für Bürgerrechte. Die Justiz setze darauf, dass Samira keine Zeugen findet, vor allem aber verschleppe sie den Fall. Samira sieht das gelassen. „Ich komme gerade vom Gericht, sie haben die Anhörung wieder vertagt, auf Ende Dezember“, sagt sie. „Macht nichts. Ich habe Zeit.“

Der Militärrat lenkt ein

Trotz aller Widerstände werde sich der Kampf auszahlen, sagt Samira. Tatsächlich hat der an ihr und ihren 16 Leidensgenossinnen durchgeführte „Jungfrauentest“ im prüden Ägypten einen ausgewachsenen Skandal ausgelöst. Auf keiner Demo gegen den SCAF genannten Militärrat fehlen fortan die Plakate, auf denen „Keine ‚Jungfrauentests‘ für Ägypterinnen“ gefordert wird. Unterstützer twittern „Wir sind alle Samira“.

Doch nicht allen gefällt deren aufgeschlossene Art. Auf Internetseiten ziehen vor allem Männer über die junge Frau her. Das grell pinkfarbene Kopftuch, der knallblaue Lidschatten sage doch alles: Samira sei eine „Nutte“, habe die Untersuchung „genossen“. Feinde Ägyptens hätten sie rekrutiert, um mit ihrer Klage dem Ansehen der Armee zu schaden, heißt es auf Anti-Samira-Blogs.

Tatsächlich hat Samira das Militär in die Bredouille gebracht. Denn dessen erste Reaktion, alles abzustreiten, schlug fehl. Je länger Samira für ihre Sache trommelte, desto mehr wuchs auch bei unpolitischen Ägyptern die Empörung. Schließlich musste der SCAF klein beigeben. Einer der 18 im Rat sitzenden Generäle räumte gegenüber CNN ein, es habe die Tests gegeben – jedoch nur, damit keine der Verhafteten später behaupten könne, sie sei vergewaltigt worden.

Im Juni dann sagte der Chef des ägyptischen Militärgeheimdiensts, Abdel Fattah al-Sisi, Amnesty International zu, die Jungferntests an Gefangenen einzustellen: ein kleiner Sieg für Samira, zumindest auf dem Papier. Denn ob Frauen in Haft seitdem tatsächlich in Ruhe gelassen werden, ist unklar.

Vielleicht schweigen die Opfer auch nur – so wie es alle taten, bis Samira kam.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: