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White House Renews Military Spending Bill Veto Threat over Indefinite Detention

The White House appears to be standing by a threat to veto a military spending bill for its inclusion of a controversial provision expanding the use of indefinite detention. The measure would authorize the military to jail anyone it considers a terrorism suspect without charge or trial anywhere in the world, including the United States. The Senate approved it last week as part of the larger National Defense Authorization Act. On Friday, White House Press Secretary Jay Carney said President Obama’s advisers will recommend a veto, but stopped short of saying a veto is assured.

http://www.democracynow.org/2011/12/5/headlines#10

4. Dez 2011 | Bolivien | Politik | Wirtschaft
Evo Morales: Lateinamerika muss sich von USA und EU lösen

04.12.2011 12:03

Evo Morales im Interview mit Telesur (Quelle)

Caracas. Boliviens Präsident Evo Morales hat am Ende des Gründungsgipfels der Gemeinschaft lateinamerikanischer und karibischer Staaten (Celac) in der venezolanischen Hauptstadt Caracas für einen Ausbau der Wirtschaftskontakte des Staatenblocks plädiert. Die bislang starke Abhängigkeit der krisenbelasteten Märkte der USA und der EU brächten auch die Stabilität Lateinamerikas und der Karibik in Gefahr, sagte Morales in einem Interview mit dem lateinamerikanischen Fernsehsender Telesur. Zugleich plädierte der bolivianische Staatschef dafür, dass sich die Celac an den Forderungen der sozialen Bewegungen der Mitgliedsstaaten orientiert.

Die Gründung der Celac – der nun zweitgrößten Regionalorganisation neben der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) – bezeichnete Morales als „Hoffnung für die Völker Lateinamerikas und der Karibik“. Inmitten der andauernden Weltwirtschaftskrise hätten sich „die vom Imperium (gemeint sind USA, d. Red) gespaltenen und ausgebeuteten Staaten zusammengetan“. In der Celac werde man sich für gemeinsame Ziele einsetzen und die ideologischen Differenzen untereinander respektieren, so Morales.

http://amerika21.de/meldung/2011/12/42455/morales-celac

Gründungsgipfel der CELAC in Caracas

Amerika-Allianz ohne die USA und Kanada

Die Länder Lateinamerikas und der Karibik üben den Schulterschluss – ohne die USA und Kanada. Bei einem historischen Gipfel in Venezuela wurde der Staatenbund CELAC gegründet – eine Art Gegenmodell zur Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), in der die USA großen Einfluss haben.

Von Martin Polansky, ARD-Hörfunkstudio Mexiko

Venezuelas Präsident Hugo Chavez genoss seinen Auftritt zum Beginn des Gipfels sichtlich. Jeden einzelnen Staats- und Regierungschef auf dem Podium in Caracas begrüßte er. Und fast alle sind gekommen aus den 33 Ländern mit gut 500 Millionen Einwohnern. Das Bündnis CELAC soll der Weltregion Lateinamerika und Karibik mehr Gewicht verleihen.

Die Erwartungen sind bei manchen groß, etwa bei Kubas sozialistischem Staatschef Raul Castro: „Zum ersten Mal in der Geschichte werden wir eine Organisation unseres Amerikas haben. Wenn sie erfolgreich ist, kann man dies als das größte Ereignis der letzten 200 Jahre betrachten.“

Die 33 Staats- und Regierungschefs beim CELAC-Gründungsgipfel in Venezuela (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes Die 33 Staats- und Regierungschefs beim CELAC-Gründungsgipfel in Venezuela

Die CELAC – eine Art Gegenmodell zur seit langem bestehenden Organisation Amerikanischer Staaten OAS. Dort haben die USA großen Einfluss und 1962 den Ausschluss Kubas aus der Organisation durchgesetzt. Nun sind die Vereinigten Staaten außen vor beim Bündnis CELAC, ebenso wie Kanada.

Audio: Gründungsgipfel der CELAC in Caracas

AudioMartin Polansky, ARD-Hörfunkstudio Mexiko City03.12.2011 06:50 | 3’07

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Chavez: CELAC gegen OAS

Und wenn es nach Venezuelas Präsident Chavez geht, soll die neue Organisation die OAS absehbar ersetzen. Der linksgerichtete Politiker propagiert seit langem die Einheit Lateinamerikas und versucht die Region gegen die USA in Stellung zu bringen. Chavez sieht die CELAC nun als ersten Schritt: „Wir legen hier den Grundstein der Einheit. Lasst uns voranschreiten für die Entwicklung Lateinamerikas. Nur die Einheit macht uns frei und unabhängig.“

Unklar ist allerdings, wie weit die neue Einigkeit reicht. Chavez weiß verbündete Länder wie Nicaragua, Bolivien oder Kuba zwar hinter sich. Die rechtsgerichteten Präsidenten Mexikos, Chiles oder Kolumbiens stehen dem Comandante aus Caracas aber äußert distanziert gegenüber, auch wenn sie ebenfalls eine verstärkte Zusammenarbeit in der Region anstreben. Und der Wirtschaftsriese Brasilien beansprucht seit langem eine Führungsrolle für sich, schon wegen der schieren Größe des Landes.

Lateinamerika voller verschiedener Interessen

Hugo Chavez und Cristina Fernandez (Foto: dapd) Großansicht des Bildes Argentiniens Präsidentin Ferneandes und Venezuelas Präsident Chavez Der politische Analyst Carlos Alberto Montaner hat daher Zweifel, dass die CELAC tatsächlich sehr viel Gewicht haben kann: „Ich glaube, die OAS wird noch lange bestehen, die CELAC kann nicht an ihre Stelle treten. In Lateinamerika gibt es Blöcke. Mexiko oder Kolumbien haben ganz andere Positionen als etwa Venezuela und Kuba. Es gibt keine gemeinsame Vision. Und nur wenige Länder sind bereit, Venezuela und Hugo Chavez eine Führungsrolle zuzusprechen.“

Diplomatisch reagierte der Chef der OAS, Jose Miguel Insulza. Er begrüßte die Gründung des neuen Bündnisses. Die CELAC werde den Dialog in der Region bereichern.

Eigentlich hätte der Gründungsgipfel bereits im Juli stattfinden sollen. Damals wurde er aber abgesagt, weil Venezuelas Staatschef Chavez kurz zuvor an Krebs erkrankt war. Nun sieht sich der Comandante wieder gestärkt – sowohl gesundheitlich als auch politisch.

 

http://www.tagesschau.de/ausland/celac102.html

 

In Caracas sind 33 Staatschefs zur Gründung der Lateinamerikanischen und Karibischen Staatengemeinschaft, CELAC, zusammen gekommen.

Gastgeber Hugo Chavez empfing unter anderem Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff, Raul Castro aus Kuba und Argentiniens Staatspräsidentin Cristina Fernandez de Kirchner.

Hugo Chavez, der sich gerade von den Folgen einer Chemotherapie erholt, zeigte sich blendender Laune:

“US-Präsident Jefferson sagte, dass die USA dazu bestimmt seien, eine ehemalige spanische Kolonie nach der anderen zu schlucken. So wurden die Vereinigten Staaten geboren. Das liegt in ihrer Natur. Hoffen wir, dass sich das eines Tages ändert.”

Der neue entstandene Staatenbund, der ausdrücklich die USA und auch Kanada ausschließt, umfasst 600 Millionen Menschen mit einem Bruttoinlandsprodukt von umgerechnet 4,5 Billionen Euro.

http://de.euronews.net/2011/12/03/chavez-ruft-staatenbund-aus/

Keith Cormier fand im Museum ein Bild seiner Vorfahren: William und Madeleine Prosper vor ihrem Wigwam 1923.

Der jahrelange Kampf der indigenen Bevölkerung von Neufundland um Anerkennung und Hilfe zeitigt Erfolg

Nach Zusagen der kanadischen Regierung entdecken nun immer mehr Menschen ihre indianischen Wurzeln.
Die ostkanadische Insel Neufundland galt bisher außerhalb Irlands als die irischste Insel der Welt. Doch nun entdecken immer mehr Einwohner ihren indigenen Stammbaum. Zehntausende Weiße wollen plötzlich Indianer sein. Hintergrund: Jahrzehntelang hatte die Regierung Indianer in Kanadas jüngster Provinz nicht anerkannt, weil nie ein Vertrag abgeschlossen wurde. Deshalb erhielten diese Eingeborenen auch keine finanzielle Hilfe wie die anderen kanadischen Indianer. Doch jetzt will Ottawa endlich das historische Versäumnis nachholen und spendabel werden.

Im September wurde sogar ein neuer Indianerstamm gegründet: Der Qalipu-Stamm ist das Sammelbecken von Mi’kmaq-Indianern und jetzt auch von Bleichgesichtern, durch deren Adern indianisches Blut fließt, wenn auch nur verdünnt. Der Zulauf ist enorm: Bereits mehr als 29.000 Neufundländer haben sich als Mitglieder beworben. Qalipu-Häuptling Brendan Sheppard ist begeistert: „Die Qalipu könnten der größte Indianerstamm Kanadas sein, wenn die Anmeldefrist im November 2012 ausläuft.“

Der Finanzberater Keith Cormier aus Corner Brook hätte sich nie träumen lassen, dass er eines Tages auf der Bühne ein Weihnachtslied in der Sprache der Mi’kmaq-Indianer singen würde. Aber eines Tages hatte ihn ein Cousin besucht und ihm eröffnet: „Du bist ein Indianer.“ Der 60-jährige Cormier war verblüfft. Neufundland, ungefähr so groß wie Bayern, galt nicht gerade als Indianerland, woran wiederum die Bleichgesichter schuld sind.

Der Stamm der Beothuk-Indianer wurde im 19.Jahrhundert durch die Besiedlung vonseiten der Europäer ausgelöscht. So blieb nur noch ein Häufchen Mi’kmaq-Indianer. Doch als Neufundland 1949 als letzte Provinz zu Kanada stieß, taten die Weißen so, als gehörte ihnen die Insel. Die Mi’kmaq wurden im Abkommen mit der kanadischen Regierung nicht erwähnt. „Sie wurden aus der Geschichtsschreibung getilgt“ , sagt die Anthropologin Angela Robinson aus Corner Brook.

Bildung und Arztkosten

Seither kämpften diese Indianer darum, von der Regierung in Ottawa als Stamm – in Kanada „First Nation“ genannt – anerkannt zu werden und Unterstützung zu erhalten. Kanadischen Indianern bezahlt die Regierung beispielsweise Universitäts- oder Arztkosten.

Vor vier Jahren machte Kanadas Regierungschef Stephen Harper den ersten Schritt Richtung Anerkennung. Damals rechneten die Behörden mit rund 8700 Indianern in Neufundland. Heute sind aber schon mehr als 21.000 Bürger als Mitglieder des neuen Qalipu-Stammes genehmigt. Bedingung: indianische Vorfahren, die nachweislich vor 1949 in Neufundland lebten. Die Regierung in Ottawa rechnet bereits mit Mehrkosten von mindestens 37 Millionen Euro jährlich.

Für Keith Cormier geht es aber gar nicht ums Geld. Er schlägt die Trommel und nimmt an Pow-Wows teil. „Für mich hat sich eine völlig neue Welt aufgetan.“ (Bernadette Calonego aus Vancouver/DER STANDARD, Printausgabe, 3.12.2011)

http://derstandard.at/1322531761540/Das-grosse-Pow-Wow-auf-Neufundland

«Brasilien hat nichts Neues erfunden»
Der angehende FAO-Direktor José Graziano da Silva über die Bekämpfung des Hungers
José Graziano da Silva gilt als einer der Architekten des Programms Fome Zero. Ab Januar wird der Brasilianer die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Uno leiten.

José Graziano da Silva, die Erdbevölkerung hat die Grenze von 7 Milliarden überschritten. Pessimisten befürchten einen Nahrungsmittel-Kollaps.
Die Kapazitäten reichen für 7 Milliarden Menschen aus. Die Frage ist, wie wir die Nahrungsmittelproduktion erhöhen, ohne dabei die Umwelt zu zerstören. Immer wichtiger werden in dieser Frage die Erfahrungen der Schwellenländer. In Argentinien zum Beispiel werden heute bereits 90 Prozent allen Getreides mit einer Technik angebaut, die auf das Pflügen verzichtet. Beispiele wie dieses stimmen mich zuversichtlich, dass mit neuen Technologien die Verlängerung der «grünen Revolution» in der Landwirtschaft möglich ist.
Ernährt ist die Welt damit noch nicht.
Das grosse Problem liegt im Zugang. Während der grossen Krisen mangelte es nie an Nahrungsmitteln, doch konnten sich viele diese nicht kaufen. Glücklicherweise ist sich die Welt zusehends einig darin, dass jedem Menschen ein Minimum an Nahrungsmitteln garantiert sein sollte. Immer bedeutender werden Geldtransfer-Programme, die armen Familien ermöglichen, lokal Nahrungsmittel zu kaufen.
Welches Herausforderung birgt der Vormarsch der grossen Schwellenländer?
Die Schwellenländer dürfen hinsichtlich ihres Konsums nicht dem Beispiel der Industrieländer folgen. Der Nährwert der meisten Fertigprodukte steht oftmals in keinem Verhältnis zum Energieverbrauch für deren Herstellung. So ist es auch beim Fleisch, dessen Produktion Unmengen von Getreide und Wasser benötigt. Die Zukunft liegt im Konsum von frischen und lokal produzierten Lebensmitteln und in einer ausgewogenen Ernährung.
Haben die internationalen Organisationen beim Erreichen des Milleniumsziels, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren, versagt?
Den grössten Fehler sehe ich darin, dass sich die internationale Gemeinschaft nicht verbindlicher zur Umsetzung der Ziele verpflichtet hat. Von den reichen Ländern müsste mehr Engagement kommen, stattdessen geht die internationale Hilfe zurück. Andererseits sollten sich die internationalen Organisationen stärker auf die Entwicklungsziele fokussieren.
Lässt sich das Modell Fome Zero globalisieren?
Nach seiner Wahl 2002 setzte sich Präsident Lula da Silva nicht die Halbierung, sondern die Ausrottung des Hungers in Brasilien zum Ziel. Die Verpflichtung der Regierung war damit viel grösser. Dieser politische Wille kann globalisiert werden. Was die spezifischen Programme zur Hunger- und Armutsbekämpfung angeht, so hat Brasilien im Grunde nichts Neues erfunden, sondern lediglich die bestehenden Programme und Erfahrungen auf lokaler Ebene geschickt zu einem nationalen Plan zusammengefügt. Fome Zero kann nicht auf andere Länder übertragen werden, das Vorgehen Brasiliens jedoch schon.
Und als Direktor der FAO werden Sie wohl genau das tun?
Das ist die grosse Herausforderung. Der FAO mangelt es nicht an Kompetenz. Wir sind heute in 140 Ländern vertreten und erreichen 95 Prozent der an Hunger und Armut leidenden Menschen. Wenn es der FAO gelingt, die Erfahrungen aller Länder mit dem politischen Willen der Regierungen und den internationalen und lokalen Ressourcen zu vereinen, werden wir die Entwicklungsziele bis 2015 nicht nur erreichen, sondern übertreffen.

Grenzen der Weltbevölkerung

zz. ⋅ Kürzlich hat die Uno erklärt, dass die Weltbevölkerung die Schwelle von 7 Milliarden Menschen überschritten hat. Demografen erwarten eine Stabilisierung erst um die Mitte des laufenden Jahrhunderts bei über 9 Milliarden. Wird die Erde dieses Wachstum verkraften können? Einzelne Staaten und Gesellschaften stellen sich ganz unterschiedlich auf die Zunahme – oder das Schrumpfen – der Bevölkerung ein. In lockerer Folge berichten unsere Korrespondenten über Probleme und Chancen des Bevölkerungswachstums.

http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/brasilien_hat_nichts_neues_erfunden_1.13497936.html

Brasiliens würdevolles Wachstum
Hungerbekämpfung als Basis für den sozialen Wandel in Brasilien

Brasiliens Bevölkerung wächst heute kaum noch. Dafür sind Millionen der Armut entflohen. Das einstige Entwicklungsland gilt als Beispiel für die Hunger- und Armutsbekämpfung.

Tjerk Brühwiller, Salvador da Bahia

Leben mit sieben Milliarden Menschen

Verschwunden sind die um Essen bettelnden Mütter und Kinder am Rande der Nationalstrasse BR-116 im Hinterland des Gliedstaates Bahia. Zehn Jahre ist es her, dass sich ihre verzweifelten Blicke in die Erinnerung des Durchreisenden gebrannt haben. In der Zeit dazwischen hat sich vieles verändert in Brasilien. Die Armut ist zurückgegangen und mit ihr der Hunger, die Unterernährung und die Kindersterblichkeit.

Laut den Statistiken sind 28 Millionen Brasilianer seit 2003 der Armut entflohen. Der Anteil Kleinkinder mit einem für Unterernährte typischen Wachstumsrückstand hat sich zwischen 1996 und 2009 von 13,4 auf 6 Prozent reduziert. Und die Kindersterblichkeit ist zwischen 1990 und 2008 von 53,7 auf 22,8 Promille gesunken.
Kampf dem Hunger

Brasilien gehört zu den wenigen Schwellenländern, die das erste Millennium-Entwicklungsziel erreichen werden: den Anteil der Hungernden an der Bevölkerung und der in extremer Armut lebenden Menschen zwischen 1990 und 2015 zu halbieren. Brasiliens Fortschritte gehen mit dem wirtschaftlichen Aufschwung einher. Sie sind aber vor allem auch auf den politischen Willen zurückzuführen – allen voran jenen des früheren Präsidenten Lula da Silva. Dem aus armen Verhältnissen stammenden Lula, der als Kind selbst Hunger gelitten hatte, ging die Halbierung von Hunger und Armut zu wenig weit. Kein Brasilianer solle hungern, versprach er vor seiner Wahl. Kaum im Amt, lancierte er 2003 das Programm Fome Zero («Null Hunger»). Ein Jahr später schuf er das Ministerium für soziale Entwicklung und Hungerbekämpfung, das eine Reihe von Sozialprogrammen koordiniert und dessen Budget sich in acht Jahren von 11,4 auf 38,6 Milliarden Reais (19,8 Milliarden Franken) erhöht hat.

Schon vor Lula existierten Programme zur Hungerbekämpfung auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene. Fome Zero übernahm die funktionierenden Projekte, kombinierte sie und weitete sie aus. Das Resultat war ein Paket aus über 30 nationalen Programmen, die den Zugang zu Nahrungsmitteln verbesserten und Produktionsanreize für Kleinbauern schufen. Ein Beispiel zeigt, wie die Programme ineinandergreifen: In etlichen Städten hat die Regierung öffentliche Kantinen für Einkommensschwache eingerichtet. Versorgt werden sie von Kleinbauern, was diesen dank Abnahmegarantien und fairen Preisen eine würdige Existenz ermöglicht. Von 2003 bis 2009 hat die Regierung 2,7 Milliarden Reais für den Kauf von rund 2,6 Millionen Tonnen Lebensmitteln in über 2300 Gemeinden ausgegeben.
Aufstieg der Armen

Das Flaggschiff von Fome Zero ist inzwischen allerdings ein wesentlich einfacher gestricktes Programm namens Bolsa Família, was sinngemäss übersetzt «Familien-Stipendium» bedeutet. Das Programm garantiert armen Familien ein minimales Einkommen und damit den Zugang zu Lebensmitteln. Über die Bolsa Família erhalten Mütter Direktzahlungen von 22 bis 200 Reais pro Monat, abhängig von der Anzahl Kinder und dem Monatseinkommen der Familie, das 140 Reais (72 Franken) nicht übersteigen darf. Im Gegenzug müssen sich die Mütter dazu verpflichten, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Heute profitieren 12,8 Millionen Familien in Brasilien von der Bolsa Família, die den Staat 2010 rund 13,4 Milliarden Reais (6,8 Milliarden Franken) gekostet hat. Laut Studien hat die Bolsa Família wesentlich zur Reduktion der Armut und der Unterernährung beigetragen. Gleichzeitig hat sich die Schulzeit erhöht. Konnten vor 10 Jahren 11,4 Prozent der 10-Jährigen nicht lesen, so sind es heute 6,5 Prozent.

Der Effekt der Bolsa Família geht jedoch weiter. Vom Programm profitieren nämlich nicht nur die Begünstigten. Das Geld, das der Staat umverteilt, gelangt unverzüglich wieder in den Umlauf. Das kommt nicht nur dem lokalen Gewerbe zugute, sondern der ganzen Wirtschaft. Wenngleich die Bolsa Família umstritten ist, beschweren sich in Wirtschaftskreisen die wenigsten darüber.

Zusammen mit den steigenden Minimallöhnen und vielen neuen Arbeitsplätzen hat die wirtschaftliche Einbindung der Armen dem Land nicht nur durch die Krise geholfen, sondern eine regelrechte soziale Umschichtung ausgelöst. 2003 gehörten noch rund 55 Prozent der Bevölkerung den zwei untersten Einkommensschichten an. Heute machen diese noch 37 Prozent aus. Mehr als 50 Prozent der Brasilianer zählen sich heute zum unteren Mittelstand, dem 2003 rund ein Drittel der Bevölkerung angehörte.

Der zunehmende Wohlstand hat auch dazu geführt, dass die Brasilianerinnen immer weniger Kinder gebären. 2010 hat die Fertilitätsrate mit einem Wert von 1,86 ein historisches Tief erreicht. Das Wachstum der brasilianischen Bevölkerung, die heute mit 191 Millionen die fünftgrösste der Welt ist, wird in geraumer Zeit stagnieren.
Unvollendeter Prozess

Brasilien gilt heute als Vorzeigemodell der Hunger- und Armutsbekämpfung. Zum zweiten Mal in Folge hat die Hilfsorganisation Action Aid das Land an die Spitze ihres Rankings gesetzt, das den Erfolg der Hungerbekämpfung bewertet. Mit José Graziano da Silva wurde ein Brasilianer an die Spitze der Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft gewählt. Und das Welternährungsprogramm der Uno hat soeben zusammen mit der brasilianischen Regierung ein weltweites Kompetenzzentrum zur Hunger- und Armutsbekämpfung eingeweiht.

Trotz allem Lob ist die Nahrungsmittelsicherheit in Brasilien ein Problem geblieben, über dessen Beseitigung eifrig diskutiert wird. Einer der wichtigsten Anlässe in dieser Frage, die 4. Nationale Konferenz zur Nahrungsmittelsicherheit und Ernährung, fand im November in Salvador da Bahia statt. Behördenvertreter, verschiedene Organisationen sowie auffällig viele internationale Teilnehmer waren gekommen, um über die Errungenschaften und die Herausforderungen in der Hungerbekämpfung zu diskutieren: Themen wie Nahrungsmittelpreise, Landrechte oder Klimaerwärmung wurden diskutiert. Im Zentrum stand allerdings die Debatte um die Nationale Politik für Nahrungsmittelsicherheit. Diese soll das Recht auf Nahrung gesetzlich verankern und die Grundlage für ein landesweites Versorgungssystem schaffen.

Der Plan, der 19 Ministerien involviert und damit weit über Fome Zero hinausgeht, ist eine der letzten Initiativen des ehemaligen Präsidentin Lula da Silva, der sich die Besiegung des Hungers auf die Fahnen geschrieben hatte. Auch seine Nachfolgerin Dilma Rousseff hat sich hohe Ziele gesetzt: Sie will bis zum Ende ihrer Amtszeit 2014 die letzten 16 Millionen in extremer Armut lebenden Brasilianer aus der Misere befreien. Ein Programm zur Ausweitung der Sozialhilfe ist bereits verabschiedet. Die Weltbank wird es mit 8 Milliarden Dollar unterstützen. Ob Brasilien damit der Sieg gegen die Armut gelingt, bleibt abzuwarten. Doch allein schon der politische Wille, es ernsthaft zu versuchen, hebt Brasilien von vielen anderen Ländern dieser Welt ab.

Weisse Minderheit

tjb. ⋅ Die Brasilianer weisser Hautfarbe sind erstmals nicht mehr in der Mehrheit. Laut der neusten Erhebung leben in Brasilien rund 91 Millionen Menschen mit weisser Hautfarbe, was einem Bevölkerungsanteil von 47,7 Prozent entspricht. Im Jahr 2000 betrug er noch 53,7 Prozent. 42,9 Prozent der Brasilianer bezeichnen sich als Mestizen, 7,9 Prozent als schwarz. Kleine Minderheiten bilden die Asiaten mit 2 Millionen und die Indigenen mit 800 000 Angehörigen.

Im Kongress zu Brasilia sind die Verhältnisse allerdings alles andere als proportional. Von den 513 Abgeordneten bezeichnen sich nur 43 als Schwarze oder Mestizen.

Mehrere Metropolen Brasiliens gehören zu den Städten mit der weltweit grössten dunkelhäutigen Bevölkerung. Als «schwarze Hauptstadt Lateinamerikas» gilt Salvador da Bahia, dessen Bevölkerung zu 80 Prozent aus Schwarzen und Mischlingen besteht.