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Bibel, Koran, Thora – Diskussion möglich?

 

 

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Das islamische Opferfest: Eine tierische Angelegenheit
Blog | Reiner Wandler, 03. November 2011 13:11

Hammel, überall blöken die Hammel. Die Autobahnen und Landstraßen sind voller Pick Up Trucks auf deren Ladenflächen sich Dutzende Tiere quetschen. Auf den Plätzen vor den Städten sind sie zu Hunderten zu sehen. Männer laufen herum und suchen sich ein Tier aus. Bündel von Geldscheinen wechseln den Besitzer. Der Grund: Das Islamische Opferfest steht bevor. Am 7. November feiern die Muslime überall auf der Welt Aid al Adha oder Aid el Kebir, wie der Tag im Maghreb genannt wird. Jedes Familienoberhaupt ist angehalten ein Tier zu schlachten. In den meisten Länder sind es Hammel.
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Das Tier wird einige Tage zuvor gekauf, denn Last-Minute ist teuerer. Stellt sich vor allem in der Stadt die Frage: Wohin mit dem Vieh? In Algerien erlebte ich das Opferfest vor einigen Jahren mit und konnte mir vom Einfallsreichtum der Städter selbst ein Bild machen. Wer zu den wenigen gehört, die in einem Ein- oder Zweifamilienhaus leben, hält das Tier in der Garage oder im Innenhof. Wer unweit eines Parks lebt, markiert seinen Hammel und lagert ihn dort zwischen. Die Tiere fressen die Parkvegetation, während ein Wächter aufpasst, dass sie nicht gestohlen werden. Schwieriger wird es da schon in den monotonen Wohnblocks der Vororte mit ihren viel zu engen Wohnungen. Hier bevölkern die Hammel die Balkone und selbst die Absätze im Treppenhaus. Es riecht entsprechend.

Am Opferfest dann, werden die Tiere auf die Straße geführt, um ihnen – den Blick gen Mekka gerichtet – mit einem Messer die Gurgel durchzuschneiden. Überall in der Stadt fließt das Blut. Nicht jeder Mann in der Familie ist geeignet das Opfer darzubringen. Er muss ein guter Muslim sein. Viele meiner Freunde haben deshalb noch nie das Messer geführt und wollen das auch nicht. „Ich trinke doch Bier“, heißt die Entschuldigung, um sich vor dieser Aufgabe zu drücken.

Es ist kein billiges Fest. Dieses Jahr kosten die Tiere in Algerien um die 450 Euro. Das ist das dreifache des Mindestlohnes. Viele Tiere müssen importiert werden, da Algeriens Viehwirtschaft nicht ausreicht, das gesamte Land zu versorgen. Wer sich einen Hammel leisten kann, und einem Armen Nachbarn hat, ist angehalten, ein Stück Fleisch abzugeben.

Das Opferfest geht übrigens auf das Alte Testament zurück. Der Koran hat die Geschichte des Propheten Ibrahim (Abraham) übernommen. Das Hammelopfer gedenkt der Bereitschaft Ibrahims seinen Sohn Ismael (Isaak) aus Furcht vor Gott, soll heißen Allah, zu opfern. Als Allah – Gott – seine Bereitschaft und sein Gottvertrauen sah, gebot er ihm Einhalt und Ibrahim und Ismail opferten daraufhin voller Dankbarkeit im Kreis von Freunden und Bedürftigen einen Widder. Die Geschichte wird im Koran in Sure 37,99-113 erzählt. Ihr biblisches Pendant ist die Erzählung von der Opferung Isaaks (Gen 22,1-19 EU).

Am Festtag selbst, werden die Innereien zubereitet. Sie verderben am schnellsten und das Hammelfleisch an sich muss einige Zeit abhängen, um genießbar zu sein. Wer an so einem Opfertag eingeladen wird, bekommt das beste Stück aufgetischt. In meinem Falle waren es die Hoden. Unter dem aufmerksamen Blicken meiner Gastfamilie verzehrte ich den Leckerbissen und spülte mit Coca Cola nach. Probe bestanden! (Reiner Wanlder, derStandard.at, 3.11.2011)

von Michael Bünker. „Rosen statt Getreide“ – vom Hunger in der Welt

„Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet“, stellt der Schweizer Soziologe Jean Ziegler fest. Während mehr als fünf Millionen Menschen in Äthiopien hungern, züchtet eine indische Firma dort auf riesigen Plantagen Rosen für Europa.

Das ist kein Einzelfall: Agrarunternehmen aus Industrie- und Schwellenländern weichen wegen der hohen Bodenpreise in ihrer Heimat zunehmend in Entwicklungsländer aus, auch ans Horn von Afrika. Derweil leidet die Bevölkerung dort unter einer Hungersnot epochalen Ausmaßes. Diese Ernährungskrise geht auf Dürre und Krieg zurück. Hunger gehört am Horn von Afrika zum Alltag, während er in Europa seine Schrecken verloren hat.

Der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker spricht anlässlich des evangelischen Reformationstages über den Hunger in der Welt als Herausforderung und Anfrage an all jene, die von diesen ungerechten Strukturen profitieren.
Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer.

Reformationstag. Als Martin Luther vor dem Kaiser gefragt wurde, ob er widerruft, sagt er nein, sein Gewissen sei im Wort Gottes gefangen. Stark und mutig, sich so allein hinzustellen und aller Welt standzuhalten. Eine Haltung, die auch heute dringend gebraucht würde. An die Nachrichten, dass am Horn von Afrika mehr als 11 Millionen Menschen akut unter Hunger leiden und unzählige Kinder sterben, hat man sich fast schon gewöhnt. Das Gewissen ist ruhig. Nur langsam sind die internationalen Hilfsaktionen angelaufen, obwohl diese Katastrophe bereits seit Langem vorausgesehen wurde. Die notwendigen Maßnahmen, von allen Fachleuten seit Jahren gefordert, sind über zwanzig Jahre nur halbherzig angegangen worden. Dazu gehört die nachhaltige Stärkung der lokalen kleinbäuerlichen Strukturen, verbessertes einheimisches Saatgut, Bodenschutz durch Aufforstung, Regenwassersammelbecken und vieles mehr. Die Dürrekatastrophe mag ein Schicksal sein – der Hunger ist es nicht.

Jean Ziegler fordert einen „Aufstand des Gewissens“. Er berichtet immer wieder von einem Erlebnis, das ihn in den frühen 1960er Jahren auf einen neuen Weg geführt hat. Er war als Mitglied einer internationalen Delegation im Kongo. Am Abend gab es in einem der wenigen noblen Hotels einen Empfang. Man stand beisammen und hatte gut zu Essen und zu Trinken. Jean Ziegler berichtet, dass er ans Fenster trat um in den Abend hinauszusehen und da die Gestalten sah, die von allen Seiten auf das Hotel zukamen. Es waren die Hungerleider der Stadt, die an die Abfälle wollten. Darunter viele Kinder. Trotz aller verzweifelten Anstrengung gelang es ihnen nicht, die Barrieren, die das Hotel abschirmten, zu überwinden. „Da beschloss ich“ – so Jean Ziegler – „nie wieder auf der Seite der Henker zu stehen“. Die Verantwortung lässt sich nicht abschieben. Es kommt auf jeden und jede an, da ist niemand, der nicht einen entscheidenden Beitrag leisten könnte.

Weltfriedenstreffen in Assisi
Religiöse Führer aus aller Welt rufen zum Frieden auf

25 Jahre nach dem ersten Weltfriedenstreffen von Assisi kommen Religionen und Kirchen erneut dort zusammen. Religiöse Führer aus aller Welt sprachen gemeinsam mit Papst Benedikt XVI. einen Friedensappell aus. Glaube dürfe niemals als Vorwand für Krieg missbraucht werden, erklärten sie.

http://www.tagesschau.de/ausland/papst1318.html

Scharia als Basis des Rechts: Nahost-Experte Udo Steinbach glaubt nicht an einen politischen Rückfall ins finstere Mittelalter

Bei der offiziellen Feier der Befreiung Libyens von Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi kündigte der Vorsitzende des Übergangsrates an, dass die Scharia künftig als Basis des Rechtssystems gelten wird und alle Gesetze, die diesen Grundsätzen widersprechen, annulliert werden. derStandard.at hat beim deutschen Nahost-Experten Udo Steinbach nachgefragt, was das für das neue Libyen bedeuten könnte.

derStandard.at: Mustafa Abdul Jalil, der Vorsitzende des libyschen Übergangsrates, hat die Scharia als Basis des Rechtsystems angekündigt. Was bedeutet das?

Udo Steinbach: Das können wir noch nicht sagen, selbst Jalil kann das nicht. Das kann eine unendliche Bandbreite haben. Der Islam, die Scharia, als führende Quelle der Rechtssetzung, wie das ja in vielen islamischen Ländern der Fall ist, das allein würde noch nicht viel bedeuten. Es könnte aber auch darauf hinauslaufen, dass nun das gesamte Recht auf konservative Standards der Scharia ausgerichtet sein wird. Das wäre ein Weg in einen Gottesstaat.

derStandard.at: Man weiß also noch nichts Genaues?

Steinbach: In welcher Weise nun dieses Diktum des Vorsitzenden interpretiert wird, ist völlig offen. Ich glaube eines ist klar: Die libysche Gesellschaft – zumal jene im Osten des Landes – ist sehr islamisch geprägt. Was der Vorsitzende hier wollte ist dem Übergangsrat und dem politischen Prozess, der nun kommen muss, durch die Erwähnung der Scharia eine Legitimation zu geben.

derStandard.at: Das bedeutet, Jalil will damit die Menschen im Osten – von wo die Revolution ausging – mit der Erwähnung der Scharia ruhig stellen?

Steinbach: Ja, und er will überhaupt eine gemeinsame Identität der Libyer schaffen. Nach dem Tod Gaddafis, der mit seinem politischen System der Volkskongresse ein Vakuum hinterlassen hat, brauchen die Libyer etwas, womit sie sich identifizieren können. Die klassischen Strukturen der Stämme – das wirkt nicht mehr. Es ist eine Verwerfung aufgetaucht zwischen dem Osten und dem Westen. Die Frage ist: Worauf wird sich das neue Libyen nun gründen? Da will der Vorsitzende  signalisieren, dass dies der Islam sein wird.

Es ist aber wie gesagt noch völlig offen, ob der Islam konservativ oder liberal verstanden werden wird. Nach allem, was aber geschehen ist, lässt sich ein Rückfall in ein mittelalterliches Scharia-Verständnis gar nicht bewerkstelligen. Sehr viele Schichten der Gesellschaft würden das gar nicht mehr akzeptieren. Was akzeptabel ist, ist ein Prozess der Diskussion über die Frage: Was bedeutet der Islam in Libyen und wie weit kann man bei der Implementierung des Scharia-Rechts gehen? Der Ausgang dieses Vorgangs ist noch völlig offen.

derStandard.at: Welche Rolle spielte die Scharia unter Gaddafis Herrschaft?

Steinbach: Gaddafi hatte ein eigenes Scharia-Verständnis, welches jenseits des Scharia-Verständnisses der Theologen war. Gaddafi hat von der Scharia gesprochen und auch ihre Einführung propagiert; er hat aber gesagt, dass die Scharia jenes sei, was jeder im Koran lesen und verstehen könne. Am Ende hat er als Revolutionsführer auch befohlen, was unter Scharia zu verstehen sei. Die Geistlichkeit wurde nicht mehr gebraucht, Theologen wurden so marginalisiert. Libyen wurde auch kein Scharia-Staat.

In den 90er und den frühen 2000er-Jahren gab es aber einen religiös begründeten Widerstand aus einer militant-islamistischen Ecke, ein Widerstand, der genau angesichts Gaddafis Religionsverständnisses das Regime als illegitim propagiert hat.

derStandard.at: War die Hoffnung von Anfang an falsch, dass in Libyen ein säkularer Staat entstehen könnte?

Steinbach: Ja, das war von Anfang an klar. Der Widerstand ging vom Osten aus. Wenn wir die Bewegung sehen, die von Osten nach Westen gegangen ist, so war das eine stark religiös geprägte. Wenn man geglaubt hat, dass hier eine total säkulare Demokratie – etwa nach türkischem Muster – eingeführt wird, so war das immer wenig realistisch, zumal wir etliche religiöse Gestalten im Führungsrat sehen. Seit einigen Wochen lässt sich auch eine gewisse Frustration beobachten bei jenen Kräften innerhalb der neuen libyschen Führung, welche dezidiert säkular sind.

derStandard.at: Nach Jalils Rede sollen auch islamische Banken gegründet werden, die keine Zinsen verlangen sollen.

Steinbach: Das Islamic Banking beruht auf dem zinslosen Modus Operandi. Aber auch das wird am Ende nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Auch hier versucht der Vorsitzende des Übergangsrates zunächst einmal, den Faktor Islam als neue Legitimation der libyschen Gesellschaft zu profilieren. Wo immer wir das Islamic Banking finden – selbst in Saudi-Arabien -, bedeutet das immer nur ein Segment des Bankwesens. Ein Land wie Libyen, welches über viele Öl- und Gasexporte in die globale Wirtschaft eingebunden ist, kann sich ein zinsloses Banking gar nicht leisten.

derStandard.at: Kann man sich das so vorstellen, dass es möglich wäre, dass im Inland das Islamic Banking kommen wird, im Handel mit dem Ausland jedoch weiterhin normal gewirtschaftet wird?

Steinbach: Ja, das ist richtig. Zum Beispiel gibt es in Ägypten seit vielen Jahren ein Segment des Bankwesens, welches vom zinslosen Bankwesen geprägt ist. Aber selbst im Inneren Ägyptens haben wir durchaus normal finanzierte Geschäftsbanken. Nehmen wir den Bankplatz London: Selbst hier haben westliche Banken Fenster des islamischen Bankings geöffnet, um dem in einer gewissen Weise entgegenzukommen.

derStandard.at: Eine andere große Angst betrifft den Stellenwert der Frau. Welchen Status gibt die Scharia der Frau? Muss man sich in Libyen vor Steinigungen fürchten?

Steinbach: Nein, ganz gewiss nicht. Es wird wie vorhin bereits erwähnt davon abhängen, wie die Scharia interpretiert wird. Es gibt heute bereits eine starke islamische – wenn Sie so wollen: islamistische – Frauenbewegung, die ausgehend vom Islam und vom Koran die Gleichstellung von Mann und Frau fordert. Auch dies ist ein Teil dieses Diskussionsprozesses, der jetzt geführt werden muss.

derStandard.at: Die Scharia wird ja in vielen verschiedenen Ländern angewendet, etwa im Iran und in Saudi-Arabien. Welche Unterschiede gibt es da?

Steinbach: Das sind andere Arten der Scharia. Wenn Sie beide Länder nebeneinander stellen, so ist das Rechtswesen, das Scharia-Verständnis, im Iran ein gänzlich anderes als in Saudi-Arabien. Wenn wir von der Steinigung absehen, hat der Iran sogar ein liberaleres Scharia-Verständnis als Saudi-Arabien. Viele iranische Theologen unterstreichen, dass die Steinigung mit der Scharia nichts zu tun hat und eine Praxis wider die Scharia sei. Man sieht an einem ganz plastischen Punkt, wie weit die Auslegung der Scharia gehen kann: Im Iran fahren die Frauen Autos wie die Teufel, in Saudi-Arabien wird mit Rückgriff auf den Koran, die Scharia, den Frauen das Autofahren verboten.

derStandard.at: Ist die Scharia mit einem demokratischen System überhaupt vereinbar?

Steinbach: Ja, das lässt sich vereinbaren. Es gibt eine Reihe von Ländern, in denen die Scharia als eine wichtige Regel der Rechtsetzung in der Verfassung verankert ist, wo man aber versucht, dies kompatibel mit einem demokratischen System zu machen, etwa im Irak. Dort wird in der Präambel der Verfassung auf die Scharia Bezug genommen. Die irakische Gesellschaft ist – mit allen Schwierigkeiten, die wir kennen – dabei, eine echte Demokratie zu schaffen. Aber auch hier ist die Frage, in wie weit man die Scharia auslegt.

Auch aus den jüngsten Wahlen in Tunesien wird wahrscheinlich eine moderate islamische Partei als Sieger hervorgehen, welche die Scharia in den Vordergrund stellt, aber eine Scharia, die mit den modernen Werten von Menschenrechten und Demokratie vereinbar ist. Anders kann man eine Scharia in einer künftigen tunesischen Demokratie gar nicht verstehen. (flog, derStandard.at, 24.10.2011)

http://derstandard.at/1319181055332/Libyen-nach-Gaddafi-Scharia-und-Demokratie-sind-vereinbar


UDO STEINBACH ist Experte für den Nahen Osten. Er war Leiter des Nahostreferates bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, Leiter des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg und Direktor des GIGA-Instituts für Nahoststudien.