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Diskriminierung

„Bis wir nicht mehr Bürger zweiter Klasse sind“

REPORTAGE | 08. Dezember 2011 17:48

Die Unzufriedenheit der schiitischen Minderheit wächst

Was als lokaler Protest begann, ist zu einer Kampagne gegen die Diskriminierung der ganzen Bevölkerungsgruppe geworden.

Die Bilder sind schrecklich. Ali Al Filfils Augen starren ins Leere. Während ein Nothilfeteam im Spital verzweifelt versucht, den leblosen Körper des 24-Jährigen wiederzubeleben, quillt Blut aus einem Loch in seiner Brust. Al Filfil wird der Zweite von insgesamt vier Toten und neun Verletzten, die Proteste im saudi-arabischen Qatif jüngst gefordert haben.

Diese Bilanz ist das Ergebnis einer Eskalation, die von friedlichen Protesten zu Straßenschlachten geführt hat. Obwohl Geistliche und politische Vertreter der Schiiten die jungen Demonstranten zur Zurückhaltung aufgefordert haben, scheint die Aussicht gering, dass der Konflikt zwischen der schiitschen Minderheit und dem sunnitisch-wahhabitisch geprägten Königreich Saudi-Arabien eine friedliche Lösung finden wird.

Das Video von Al Filfils letzten Augenblicken ist eines von dutzenden, die auf Youtube und Facebook tausende Male aufgerufen und weitergeschickt wurden.

Untermalt von Musik mit Texten über Folter und Erschießungen, erzählen sie die Geschichte der letzten Novemberwoche: die Proteste von manchmal nicht mehr als fünfzig jungen Demonstranten. Das Trommelfeuer, das sie begleitete. Die Getroffenen auf dem Boden, gefolgt von den Be-erdigungen, bei denen die Toten nach Brauch mehr als eine Stunde auf Händen durch die Stadt gereicht wurden und an denen bis zu 50.000 Trauernde teilgenommen haben. Und schließlich die Demonstration nach der ersten Beerdigung, als ein Zug von rund 3000 Demonstranten aller Altersgruppen „Tod den Al Saud“ -rufend durch die Stadt gezogen ist.

Qatif, die Hochburg der Schiiten Saudi-Arabiens am Persischen Golf, hat bis zu einer Million Einwohner. Um sie und die sich im Süden anschließenden drei Städte Dammam, Al Khobar und Dahran sind die gesamten saudischen Erdöllagerstätten gruppiert. Wie viele Schiiten genau in Saudi-Arabiens Ostprovinz leben, ist ein Politikum im Königreich. Nach manchen Schätzungen sind es bis zu drei Millionen – was einem Bevölkerungsanteil von etwas mehr als zehn Prozent entspräche.

Die Proteste von oft nicht mehr als einhundert Demonstranten in Qatif und Al Ahsa, rund 100 km im Landesinneren, begannen Anfang März. An der Oberfläche war der Auslöser die bereits 15 Jahre dauernde Haft von neun Schiiten, denen die Regierung den Bombenanschlag auf eine US-Kaserne in Al Khobar vorwirft. Bald richteten sich die Proteste jedoch gegen die Benachteiligung der Minderheit in Politik und Wirtschaft. In einem Bericht nannte Human Rights Watch die Situation der saudischen Schiiten „systematische staatliche Diskriminierung“ .

Schweres Gewehrfeuer

Am 20. November wurde der 19-jährige Student Nasser Al Muheischi an einer Straßensperre erschossen. Seitdem ist die Gewalt eskaliert. Auch Leute in Qatif, die nichts mit den Demonstrationen zu tun haben, sagen, seitdem sei fast jede Nacht schweres Gewehrfeuer durch die Straßen gehallt.

Auf die Frage, warum er trotz der Gewalt bei den Protesten dennoch demonstrieren gehe, sagte Mohammed Al Ali (Name von der Red. geändert): „Wenn man es im Blut hat, kann man nicht aufhören, selbst wenn man es wollte.“

Er räumt ein, dass Demonstranten bei Protesten geschossen haben, sagte jedoch: „Die sind nicht von uns. Das sind Provokateure, die uns schaden wollen.“ Er und andere wollten auf jeden Fall weiter demonstrieren – „so lange, bis die Schuldigen am Tod der vier Märtyrer bestraft sind. Und bis wir endlich nicht mehr Bürger zweiter Klasse sind.“ (Peter Böhm aus Qatif/DER STANDARD, Printausgabe, 9.12.2011)

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Weiße Straftäter werden öfter begnadigt als andere

 


Studie: Von 189 Begnadigungen unter Präsident Bush nur 13 für Nicht-Weiße

Washington – Weiße Straftäter in den USA haben einer Studie zufolge in den vergangenen Jahren eine deutlich höhere Chance auf eine Begnadigung durch den Präsidenten als Nicht-Weiße gehabt. Die Zeitung „Washington Post“ zitierte am Samstagabend aus der Studie der Redaktion „ProPublica“, welche die Amtszeit von Ex-Präsident George W. Bush untersuchte. Bush hatte bei seinem Amtsantritt entschieden, sich in dieser Frage fast ausschließlich auf die Empfehlungen eines Anwaltsbüros zu verlassen, das die Gnadengesuche prüfte.Der Studie zufolge erhielt Bush zwischen 2001 und 2008 mehr als 1900 Begnadigungsanträge, meist in Fällen von Drogen- und Finanzdelikten. Er begnadigte in 189 Fällen, nur in 13 Fällen waren die Antragsteller nicht weiß. Sieben Schwarze, vier Hispanics, ein Asiate und ein amerikanischer Ureinwohner wurden demnach begnadigt.

Fred Fielding, ehemaliger Mitarbeiter Bushs im Weißen Haus, sagte der Zeitung, die Untersuchungsergebnisse seien sehr beunruhigend. „Wir hatten keine Ahnung von der Rasse der Antragsteller“, sagte er. (APA)

4. Dezember 2011, 11:27, NZZ Online

Aids-Konferenz in Addis Abeba hat begonnen

Bangen um finanzielle Mittel zur Aidsbekämpfung

Fast genau 30 Jahre nach der Entdeckung der HI-Viren hat am Sonntag in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba die 16. Internationale Konferenz zu Aids und sexuell übertragbaren Infektionen in Afrika (ICASA) begonnen.

Die Veranstaltung steht im Zeichen der europäischen Finanzkrise und der Befürchtung, dass die Geberländer ihre Mittel für die HIV/Aids-Bekämpfung weiter zurückschrauben könnten. Der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria (GF) hatte kürzlich angekündigt, die nächste Projektfinanzierungsrunde zu streichen.

Nun geht in vielen afrikanischen Ländern die Angst um, dass es künftig nicht mehr genügend Medikamente für HIV-Patienten geben könnte. Der Fonds, der zuletzt 70 Prozent der in Afrika verteilten antiretroviralen Medikamente bezahlt hatte, steckt wegen ausbleibender Mittel der Industriestaaten in grossen finanziellen Schwierigkeiten.

Zu der fünftägigen Konferenz wurden mindestens 5000 Delegierte erwartet. Es ist die grösste internationale Veranstaltung, die das Land am Horn von Afrika je organisiert hat. Insgesamt sind mehr als 1000 verschiedene Sitzungen geplant. Etwa 68 Prozent der weltweit 34 Millionen HIV-Infizierten leben in Subsahara-Afrika.

Bilderstrecke: Welt-Aids-Tag

Knapp 30 Millionen Menschen sind bisher weltweit an den Folgen von Aids gestorben. Die ersten Fälle wurden vor 30 Jahren in den USA identifiziert. Seit dem 1. Dezember 1981 gilt die Immunschwäche offiziell als Krankheit. Aids ist bis heute unheilbar, kann jedoch, im Gegensatz zu früher, mit (teuren) Medikamenten in Schach gehalten werden.

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1. Dezember 2011, 11:50, NZZ Online

Aids ist noch lange nicht besiegt

Am Welt-Aids-Tag wird an die weiter bestehende Pandemie erinnert

Krankenschwestern formieren sich mit roten Bannern zu einer gigantischen Aids-Schleife. Yangzhou, China, 29. November 2011. (Bild: Reuters)ZoomKrankenschwestern formieren sich mit roten Bannern zu einer gigantischen Aids-Schleife. Yangzhou, China, 29. November 2011. (Bild: Reuters)

An Aids erkrankte Menschen haben heute gute Möglichkeiten, ihre Lebenserwartung zu verlängern. Trotzdem stecken sich weltweit noch jedes Jahr 2,7 Millionen Menschen mit der gefährlichen Immunschwächekrankheit an. In der Schweiz hat die Diskrimierung von HIV-Positiven zugenommen.

Von Alexandra Kohler

Die Zahl der Neuinfizierten mit dem HI-Virus ist weltweit zurückgegangen. Das teilt Unaids, eine Unterorganisation der Vereinten Nationen (Uno), mit. Trotzdem haben sich im Jahr 2010 immer noch 2,7 Millionen Menschen neu mit dem Virus angesteckt. 34 Millionen Menschen tragen heute das HI-Virus in ihrem Körper, so eine Schätzung der Uno.

Am 1. Dezember rufen Organisationen auf der ganzen Welt zur Solidarität gegenüber HIV-Infizierten, Aids-Kranken und deren Angehörigen auf. In diesem Jahr wird unter dem Motto «Positiv zusammen leben – Aber sicher!» daran erinnert, dass die Pandemie des gefährlichen Immunschwächevirus weiter besteht.

47 Prozent haben Zugang zur Therapie

Wer am gefährlichen HI-Virus erkrankt ist, ist heute zwar nicht mehr dem Tode geweiht. Von den weltweit 14,2 Millionen Aids-Kranken, die für eine Therapie berechtigt sind, hatten im Jahr 2010 6,6 Millionen Menschen Zugang zur Behandlung, wie Unaids mitteilt. Dies ist laut Unaids ein Anstieg von über einer Millionen Menschen seit 2009. Es sei ein Fortschritt, aber Ziel sei, Prävention und Heilung der Krankheit noch weiter voranzutreiben.

Bilderstrecke: Welt-Aids-Tag

Knapp 30 Millionen Menschen sind bisher weltweit an den Folgen von Aids gestorben. Die ersten Fälle wurden vor 30 Jahren in den USA identifiziert. Seit dem 1. Dezember 1981 gilt die Immunschwäche offiziell als Krankheit. Aids ist bis heute unheilbar, kann jedoch, im Gegensatz zu früher, mit (teuren) Medikamenten in Schach gehalten werden.

Die Zahl der Neuerkrankungen ist seit einem Jahrzehnt rückläufig. Seit dem Jahr 1999, das als Höhepunkt der Pandemie verstanden wird, sind die Neuinfektionen um 19 Prozent gesunken.

Am 1. Dezember 1981 wurde Aids offiziell als Immunschwächekrankheit anerkannt. Die World Health Organization (WHO) führte 1988 am 1. Dezember den Welt-Aids-Tag ein. Seit 1996 wird der Tag von Unaids organisiert.

Südliches Afrika immer noch am meisten betroffen

Zwei Drittel aller HIV-Infizierten oder Aids-Kranken leben im südlichen Afrika. In 22 südafrikanischen Ländern aber ist die Zahl der Neuinfizierten aber um ein Viertel gesunken. Auch in Asien sind die Neuinfektionen zurückgegangen. Dafür steigt die Zahl der Infizierten in einigen osteuropäischen Ländern und in Zentralasien dramatisch an. Vorallem zu Osteuropa gibt die Unaids alarmierende Zahlen bekannt: In Ungarn, Tschechien, Litauen, Solwenien und der Slowakei hat sich die Zahl der Neuinfizierten zwischen 2000 und 2009 verdoppelt.

In Osteuropa und Zentralasien begann sich die Krankheit erst in den 90er Jahren auszubreiten. Ende 2009 lebten 1,4 Millionen Menschen dort mit dem Virus – die Zahl hat sich seit 2000 verdreifacht. Laut Unaids stecken sich immer mehr Menschen über den heterosexuellen Weg an: 42 Prozent waren es im Jahr 2007. In den 90er Jahren hatte die Drogeninjektion als Übertragungsgrund überwogen.

Im südlichen Afrika liegt die Rate der HIV-Infizierten in vielen Ländern bei 15 bis 50 Prozent.  (Bild: Stepmap)Zoom

Im südlichen Afrika liegt die Rate der HIV-Infizierten in vielen Ländern bei 15 bis 50 Prozent.(Bild: Stepmap)

600 bis 700 Neuansteckungen jährlich in der Schweiz

Auch in den westeuropäischen Ländern steigt die Zahl der HIV-Infizierten, dies liege aber vor allem – genau wie in Osteuropa – an lebensverlägernden Effekten der neuen antiretroviralen Therapien, so Unaids. Vermutet wird , dass sich die Menschen wieder weniger vor Aids schützen, weil Aids kein Todesurteil mehr ist, seit es die antiretroviralen Therapien gibt.

In der Schweiz leben heute ungefähr 25’000 Menschen mit HIV oder Aids, wie die Aids Hilfe Schweiz mitteilt. Dank der erhältlichen Medikamente haben die Menschen eine gute Lebenserwartung. Seit 2000 war die Zahl der Neuinfizierten stabil, stieg Anfang der 2000er Jahre an und hat sich seit 2 Jahren auf 600 bis 700 eingependelt.

Nach Angaben von Bettina Maeschli von der Aids-Hilfe Schweiz ist es beunruhigend, dass die Zahl der Neuinfektionen in der Schweiz trotz grosser medizinischer und präventiver Fortschritte nicht sinkt. Seit ein paar Jahren habe der Anteil der derer, die sich auf dem heterosexuellen Weg anstecken, zwar abgenommen. Dafür steige die Zahl der homosexuellen Männer, die sich neu infizieren.

Die Immunschwächekrankheit Aids

koa./(ddp) 1981 sterben in den USA immer mehr Männer an einer mysteriösen Krankheit, die das Immunsystem ausschaltet. 1982 wird die Krankheit Acquired Immunce Deficiency (Aids) genannt. 1983 finden französische Forscher das gefährliche Virus, das später den Namen Human Immundeficiency Virus (HIV) erhält. Auch in Europa treten häufiger Aidsfälle auf. Der erste HIV-Antikörpertest wird 1984 vorgestellt und drei Jahre später erhält das erste Aids-Medikament die Zulassung. Erstmals kann der Verlauf der tödlichen Krankheit verlangsamt werden. 1988 führt die WHO den Welt-Aids-Tag ein. Von 1996 bis 2003 werden immer mehr Aids-Medikamente entwickelt. 2003 kommen sogenannte Fusionshemmer auf den Markt. Heute werden Aids-Kranke mit einer Kombinationstherapie aus verschieden antiretroviralen – Virus hemmenden – Wirkstoffen behandelt. Eine Heilung der Krankheit ist jedoch nicht möglich, da die HI-Viren nie vollständig aus dem Körper entfernt werden können. 2011 ist laut Unaids die Zahl der Neuinfektionen zurückgegangen. Trotzdem leben heute 34 Millionen Menschen mit dem Virus, über sieben Millionen Infizierte haben keinen Zugang zu Therapien.

HIV-Positive werden diskriminiert

Besorgniserregend findet Maeschli vor allem den Anstieg der Diskriminierungen von HIV-Infizierten oder Aids-Kranken in der Schweiz. In den letzten 12 Monaten seien 84 Meldungen über Diskriminierungen bei der Aids-Hilfe eingetroffen. «Das ist nur die Spitze des Eisbergs», sagt Maeschli. Die Diskriminierungen finden vermehrt am Arbeitsplatz statt. HIV-Positive laufen Gefahr, gemobbt zu werden oder sogar ihren Arbeitsplatz zu verlieren, wenn ihre Krankheit ans Licht kommt.

Deshalb hat die Aids-Hilfe Schweiz eine Kampagne zum Thema HIV und Arbeitlanciert. Am diesjährigen Welt-Aids-Tag gehe es darum, so Maeschli, auf die Ausgrenzungen von HIV-Positiven am Arbeitsplatz aufmerksam zu machen. Problem sei vor allem, dass der Rechtsschutz in der Schweiz nicht zur Bekämfung des Problems reiche. Die Einführung eines Antidiskriminierungsgesetzes nach Vorbild der EU-Länder würde hier Abhilfe schaffen.

Video zum Weltaidstag

http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/aids_ist_noch_lange_nicht_bekaempft_1.13477234.html

Rassistische Schoko-Bananen-Drink-Affäre

Bis heute wird die Werbung für den französischen Schoko-Banane-Drink „Banania“ persifliert – im Bild mit Präsident Nicolas Sarkozy.

Wie man in Frankreich und den USA die Lebensmittelwerbung entrümpelte

In der beliebten, unregelmäßigen Reihe von Berichten über Rassismus in der Sprache oder in der Werbung geht es diese Woche um Beispiele aus dem Ausland. Dort macht sich, wie inzwischen auch in Österreich, so manche/r Gedanken über die gesellschaftliche Wirkung, die von Ausdrücken, Logos oder Bildern ausgeht, welche rassistische Klischees von früher wiedergeben.

Zum Beispiel in Frankreich, wo seit 1914 ganze Kinder-Generationen mit dem Schoko-Banane-Drink „Banania“ aufgewachsen sind, auf dessen Verpackung ein lächelnder Schwarzer zu sehen war, mit einem Löffel in der Hand. Von dem Getränk ist er laut Logo ganz offensichtlich angetan, denn es wurde ihm der Satz „Y‘ a bon“ in dem Mund gelegt, der in ganz Frankreich als Werbeslogan wohl bekannt war.

Pidgin-Französisch

„Y’a bon“ heißt „Das ist gut“ – in Pidgin-Französisch, einer Sprache, die Schwarze früher in Regionen (vor allem) Afrikas und Südamerikas, die von Frankreich kolonisiert waren, sprachen. Als Zitat, das weiße Rassisten gern als Beleg für die angeblich größere Dummheit Schwarzer im Vergleich zu ihnen, den Weißen, heranziehen, hat sich dieser Duktus erhalten. Spätestens seit den 1990er-Jahren war der Slogan den vielen schwarzen Franzosen und in Frankreich lebenden schwarzen Nicht-Franzosen ein Dorn im Auge. Er wird bis heute persifliert – wie man an der Illustration links sieht, bis in die Sarkozy-Ära hinein.

2006 traf das „collectif des Antillais, Guyanais et Réunionnais“ (Collectif Dom, das Einwanderer von den Antillen, aus Guyana und Reunion zusammenfasst) mit der „Banania“-Anbieterfirma, Nutrimaine, eine Vereinbarung. Das Unternehmen verpflichtete sich, eine neue, nicht rassistische Marketinglinie zu entwickeln. Das geschah auch – doch so ganz wollte die Firma auf den offenbar immer noch verkaufsfördernden Effekt des eingeführten „Y’a bon“- Logos nicht verzichten. Häferln, Tabletts, ja ein Thermometer mit dem grinsenden, schwarzen Schokoladedrinkgenießer wurden produziert und im Internet vertrieben.

Bis 2011 das „mouvement contre le racisme et pour l’amitié entre des peuples“ (Wrap, Bewegung gegen den Rassismus und für Freundschaft unter den Völkern) vor einem Versailler Gericht einen Verkaufsstopp für diese Produkte erwirkte. Der Rechtsstreit ist derzeit noch am Laufen.

Kein Rechtsstreit um „Unlce Ben“

Ohne gerichtliche Auseinandersetzung wiederum ging in den USA der Rollentausch einer Werbemarken-Ikone im Nahrungsmittelsektor von statten. „Uncle Ben“, jener freundlich-geduldig lächelnde Schwarze in Diener-Outfit, dessen Abbildung seit 1946 Reispackungen der Marke „Uncle Ben’s“ dekorierte, wurde vom Produktvertreiber, der Firma Mars, bewusst verändert: Aus dem Butler-Bild, das an den amerikanischen Süden mit seiner Sklaven-Vergangenheit erinnerte, wurde Ben, der Unternehmensvorsitzende, ein Mascherl-Träger. Auf einer eigenen Homepage wird er in ganzer Gestalt gezeigt, in einem luxuriösen US-Vorstandsvorsitzendenbüro

„Uncle Ben“ sei ein derart starker Markenträger, dass man auf ihn, trotz zunehmender Kritik der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, nicht habe verzichten wollen, erklärte dies Vincent Howell, Präsident der Nahrungsmittelsabteilung des Mars-Konzerns, Masterfood USA. Derlei Änderungsprozesse sind in einem Land, das inzwischen einen schwarzen Präsidenten hat, eben machbar. Während in Österreich, wo es bisher noch kein einziger dunkelhäutiger Mensch in den Nationalrat geschafft hat, der Meinl-Mohr, Logo der gleichnamigen Supermärkte, Meinl-Mohr geblieben ist: in den vergangenen Jahren wurde er lediglich grafisch reduziert, also abstrakter und etwas unkenntlicher gemacht. (Irene Brickner, derStandard.at, 3.12.2011)

Die Mär von den faulen Ausländern

Viele Menschen sind überzeugt: Zuwanderer wollen nur den Sozialstaat ausnutzen. Eine neue Studie widerspricht der Stammtischeparole deutlich. Migranten wollen arbeiten.

London. Für fast jeden dritten Deutschen besteht kein Zweifel: „Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen“. In einer repräsentativen Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung stimmten im vergangenen Jahr 31,4 Prozent der Befragten dieser Aussage zu.

Thilo Sarrazin spricht diesen Menschen in seinem umstrittenen Buch „Deutschland schafft sich ab“ aus der Seele: „Wer vor allem an den Segnungen des deutschen Sozialstaats interessiert ist, der ist bei uns schon gar nicht willkommen.“ Aber gibt es diese sogenannte Sozialmigration überhaupt? Ziehen die westlichen Wohlfahrtsstaaten arme Menschen aus anderen Ländern wirklich magnetisch an?

Ein vierköpfiges Forscherteam um Klaus Zimmermann, Direktor des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), ist dieser Frage jetzt wissenschaftlich auf den Grund gegangen – und gibt Entwarnung: „Alle Schätzungen für Migranten innerhalb der EU signalisieren, dass die Wanderungsbewegungen in der EU nicht davon abhängen, wie großzügig die Arbeitslosenversicherung in einem Land ist“, lautet das Fazit der Studie. „Die Migranten wollen sich nicht in die soziale Hängematte legen“, sagt Zimmermann. „Sie wollen arbeiten.“

Dass die Arbeitslosenquote von Ausländern höher ist als die von Deutschen, lässt der IZA-Chef als Gegenargument nicht gelten. Der Grund ist ein anderer: das im Durchschnitt schlechtere Qualifikationsniveau. Unter Deutschen und Ausländern mit vergleichbarer Ausbildung sind ähnlich viele arbeitslos.

Die IZA-Studie stützt die Ergebnisse von Studien aus den vergangenen Jahren, ist aber methodisch anspruchsvoller. Die Ökonomen Giacomo De Giorgi (Stanford University) und Michele Pellizzari (Universität Bocconi) haben die Migrationsströme nach der EU-Osterweiterung untersucht. Sie stießen nur auf einen sehr schwachen Zusammenhang zwischen Zuwanderung und Sozialleistungen – die von manchen Ökonomen prophezeite millionenfache „Migration in den Sozialstaat“ ist ausgeblieben.

„Weltweit sprechen viele Argumente gegen die These, dass Sozialleistungen ein Magnet für Migranten sind“, lautet auch das Fazit eines Forschertrios um den dänischen Ökonomen Peder Pedersen (Universität Aarhus), das 2008 im renommierten „European Economic Review“ die Zuwanderung in 27 Industrieländern unter die Lupe nahm.

Keine Belege für Stammtischparolen

„Es gibt bislang nicht viel empirische Forschung zu diesem Thema – aber die Arbeiten, die existieren, zeichnen alle ein ähnliches Bild“, fasst Thomas Bauer, Vize-Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), den Forschungsstand zusammen.„Das Phänomen der Migration in die Sozialsysteme wird in der öffentlichen Diskussion und der allgemeinen Wahrnehmung weit überschätzt“, sagt der RWI-Forscher. Die ökonomische Forschung zeige: Große Wanderungsbewegungen kommen nur in Gang bei gewaltigen Lohn- und Einkommensunterschieden zwischen Ländern.

Viele Menschen scheuen den Umzug in ein anderes Land aus Gründen, die wenig mit wirtschaftlichen Faktoren zu tun haben: Das Lernen einer neuen Sprache ist mühsam, das gewohnte soziale Umfeld aufzugeben, fällt schwer. „Diese psychologischen Kosten von Migration werden in der öffentlichen Diskussion stark unterschätzt“, betont Bauer.

Selbst innerhalb eines Landes, in dem es keine sprachlichen und kulturellen Barrieren gibt, sind unterschiedlich generöse Sozialleistungen kein Faktor, der Menschen im großen Stil zum Umzug bewegt, zeigt eine Studie der US-Ökonomen Phillip Levine und David Zimmerman. Sie stellten fest: Arme, alleinerziehende Mütter in den Vereinigten Staaten ziehen nicht systematisch in Bundesstaaten, in denen sie mehr Geld vom Staat bekommen.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt das Forscherteam um Klaus Zimmermann für 19 europäische Staaten und die Jahre 1993 bis 2008. Die Ökonomen trugen aus zahlreichen Quellen detaillierte Daten über die staatlichen Leistungen für Arbeitslose, die Konjunktur- und Arbeitsmarktlage sowie die Migrationsströme zusammen. Sie fanden keinerlei Indizien dafür, dass generösere Sozialleistungen EU-Bürger dazu bringen, von einem Land in ein anderes zu ziehen.

Bei Zuwanderern aus Nicht-EU-Staaten sieht es auf den ersten Blick etwas anders aus: Hier beobachteten Zimmermann und seine Koautoren in den Rohdaten einen moderaten Zusammenhang zwischen Sozialstaat und Zuwanderung.
Allerdings können sie zeigen, dass der Grund dafür ein anderer ist, als an vielen Stammtischen vermutet wird. Nicht hohe Sozialleistungen ziehen mehr Zuwanderer an, sondern die Regierungen reagieren auf höhere Zuwanderung, indem sie Sozialleistungen ausbauen. „Die Debatte über die Sozial-Migration geht in die Irre“, lautet daher das Fazit der Studie. „Sie beruht nicht auf empirischen Belegen.“

Nigerianer in Moskau erstochen

22. November 2011 16:10

Behörden gehen von rassistischem Tatmotiv aus – Bereits 18 Personen im Jahr 2011 wegen ihrer Hautfarbe ermordet

Moskau – Mit mehreren Messerstichen ist mitten in Moskau ein Mann aus Nigeria am helllichten Tag von Unbekannten ermordet worden. Die Ermittler gehen von einem rassistischen Hintergrund aus. Dafür spreche die immense Brutalität der Bluttat, sagte eine Sprecherin der Ermittlungsbehörde am Dienstag nach Angaben der Agentur Interfax. Passanten hatten die Leiche des Mannes im Süden der russischen Hauptstadt entdeckt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Mordes. In diesem Jahr wurden nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Sowa bereits 18 Menschen in Russland wegen ihrer Hautfarbe ermordet. (APA)

Demonstrant erschossen

22. November 2011 18:02

Sicherheitskräfte lösen gewaltsam Kundgebung von Schiiten auf – 19-Jähriger tot, mehrere Verletzte

Riad – In Saudi-Arabien haben Sicherheitskräfte gewaltsam eine Demonstration von Schiiten aufgelöst und dabei nach Angaben von Ärzten einen Menschen getötet. Wie Rettungskräfte am Dienstag mitteilten, fand die Demonstration am Montagabend im schiitisch geprägten Katif im Osten des Landes statt. Der Mann wurde demnach durch einen Schuss in die Brust verletzt und starb im Krankenhaus. Mehrere Menschen wurden den Ärzten zufolge bei der Auflösung des Protests verletzt.

Der Protest richtete sich gegen den Tod eines jungen Schiiten, der am Sonntag nahe eines Polizeipostens in Katif aus noch ungeklärten Umständen ums Leben kam. Anwohnern zufolge wurde der 19-Jährige von Polizisten erschossen. In Saudi-Arabien leben rund zwei Millionen Schiiten, die sich häufig unterdrückt fühlen. (APA)