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Drohnen

Sie sind schnell und günstig, bergen aber einige Gefahren: Das internationale Wettrüsten am Drohnenmarkt geht weiter

Lange Zeit war sie nur ein Mythos. Es gab keine offiziellen Bestätigungen, lediglich Spekulationen. Dass das „Biest von Kandahar“ exisitiert, bestätigte die US Air Force erst vor knapp zwei Jahren – damals gab man den Einsatz der Drohne vom Typ RQ-170 „Sentinel“ zu. Nun will der Iran am vergangenen Sonntag eine dieser von Lockheed Martin nur in geringer Stückzahl produzierten Drohnen in seinen Besitz gebracht haben. Erst hatte es noch geheißen, die Drohne wäre „abgeschossen“ geworden; mittlerweile kann man jedoch davon ausgehen, dass eine auf elektronische Kriegsführung spezialisierte Einheit der iranischen Armee die Drohne zu Boden gebracht hat. Dies würde auch erklären, warum der Iran die Drohne als „leicht beschädigt“ bezeichnete. Hätte ein Geschoss die Drohne getroffen und aus dieser großen Höhe zum Absturz gebracht, wäre sie wohl kaum „leicht beschädigt“.

Dutzende Staaten verwenden Drohnen

Der Drohnenzwischenfall zwischen dem Iran und den USA ist aber nur ein Fall von vielen, der diese relativ kleinen, unbemannten Luftfahrzeuge ins Licht der Öffentlichkeit rückt. Vor allem die USA unter Präsident Barack Obama haben ihr Drohnenprogramm verstärkt. Amerikanische Drohnen werden über Somalia eingesetzt, beim Tod Gaddafis in Libyen war ebenso eine Drohne beteiligt wie beim Tod des Hasspredigers Anwar al-Awlakis im Jemen. Dabei sind die USA nicht die einzige Nation, die Drohnen nützt. Mindestens 40 Staaten haben im Moment Drohnen im Einsatz, berichtete die UNO im vergangenen Jahr (pdf), die genaue Zahl kann jedoch nur geschätzt werden. Bewaffnete Angriffe sollen aber erst von Großbritannien, Israel und natürlich den USA durchgeführt worden sein.

„Predator“, „Global Hawk“ und „Heron“

Die fortschrittlichsten Drohnen werden in den USA und in Israel hergestellt; diese beiden Länder sind auch die Hauptexportländer. Vor allem die USAart beschränken aber den Export. Man will seinen technologischen Vorsprung gegenüber Feinden und Konkurrenten nicht so ohne weiteres hergeben. Das führt in der Industrie zu schwerem Unmut, Hersteller wie General Atomics („Predator“, „Reaper“, „Grey Eagle“), Northrop Grumman (Modelle „Hunter“, „Global Hawk“) oder Lockheed Martin („Sentinel“) würden gern verstärkt exportieren – denn die Nachfrage steigt. So zeigt etwa die Türkei Interesse an „Reaper“-Modellen, was vom Kongress mit Verweis auf die diplomatischen Unstimmigkeiten zwischen der Türkei und Israel abgelehnt wurde. Pikant: Die einzigen Drohnen, die für die Türkei im Einsatz sind, wurden von den Israel Aerospace Industries (IAI) gekauft. Das Modell „Heron“ gilt als israelischer Exportschlager und ist unter anderem für Deutschland, Frankreich und Israel selbst im Einsatz. Deutschlands Verteidigungsminister Thomas de Maiziere hat im Sommer eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen der deutschen Bundeswehr und IAI ausverhandelt.

Iranische und chinesische Drohnen

Doch auch andere Länder arbeiten mit Hochdruck an ihren Drohnenprogrammen, zum Beispiel der Iran. Unter anderem werden die Modelle „Karrar“, „Ababil“ und „Mohajer“ verwendet. Für die Hisbollah sollen „Ababil“ und „Mohajer“-Drohnen fliegen, nach Venezuela sollen Modelle vom Typ „Ababil“ verkauft worden sein. Umtriebig ist auch China, „Dark Sword“ und „Soaring Dragon“ heißen die bekanntesten Drohnen. (Eine Auswahl bekannter Drohnen findet sich bei den Kollegen vom Dangerroom.)

Pakistan: 20 Prozent zivile Opfer

Obwohl der Krieg per Joystick günstig und ohne Gefährdung eigener Soldaten erfolgt, hat die militärische Anwendung dieser Technologie viele Schattenseiten. Drohnen können lediglich für gezielte Luftschläge eingesetzt werden. Oft genug kommen aber auch bei den so genannten „gezielten“ Angriffen Zivilisten ums Leben. Peter Bergen, der Leiter des Forschungsprogramms Nationale Sicherheit bei der New America Foundation, hat den US-Drohneneinsatz in Pakistan analysiert; er kam zum Schluss, dass etwa 20 Prozent aller Opfer keine militanten Islamisten, sondern Zivilisten sind.

Fragwürdige Legitimation

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die mangelnde juristische Legitimation des Drohneneinsatzes. Als Anwar al-Awliki – ein amerikanischer Staatsbürger – im Jemen getötet wurde, wurde eigens ein Dokument angefertigt, welches die Tötung genehmigte. Die Obama-Regierung vertritt weiterhin die Rechtsauffassung, dass die Drohnenschläge durch das vom UNO-Sicherheitsrat nach den 9/11-Anschlägen zugesprochene Recht auf Selbstverteidigung legitimiert seien. Die Kritik an diesen Einsätzen (bzw. an der rasant gestiegenen Zahl der Einsätze) wird jedoch immer größer.

Internationale Abkommen in weiter Ferne

Es gilt jedoch als wenig wahrscheinlich, dass die USA ihr Drohnenprogramm zurückfahren werden. Das zeigt sich schon an den involvierten Führungskräften: Präsident Barack Obama und vor allem sein Vizepräsident Joe Biden sind vehemente Verfechter des Drohneneinsatzes, da damit die Entsendung von eigenen Truppen in die Region nicht mehr notwendig ist; diese Ansicht teilen sie mit Verteidigungsminister Leon Panetta und CIA-Direktor David Petraeus. Das ist aber nicht verwunderlich, denn die Drohneneinsätze werden von der CIA durchgeführt. Panetta war vor seinem Posten als Verteidigungsminister der Chef des CIA, während Petraeus den ISAF-Einsatz in Afghanistan kommandierte.

Das einzige, was die immer häufigeren Drohneneinsätze stoppen könnte, wäre wohl ein internationaler Vertrag, der den Einsatz juristisch regelt und gegebenenfalls auch sanktioniert. Doch solange die USA den technischen Fortschritt ausnützen können, scheint ein solcher Vertrag in weiter Ferne. (flog, derStandard.at, 06.12.2011)

Drohnenkrieg in Afghanistan

Nato stationiert leise Killer im Bundeswehrgebiet

Von Matthias Gebauer

Drohne "Gray Eagle": Tödlich präzise

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General Atomics

Drohne „Gray Eagle“: Tödlich präzise

Sie sind unbemannt, leise und tödlich präzise: Erstmals stationiert die Nato im Gebiet der Bundeswehr in Afghanistan vier Kampfdrohnen vom Typ „Gray Eagle“. Von Masar-i-Scharif aus sollen sie mit Live-Bildern und „Hellfire“-Raketen bei der Jagd auf Taliban-Kämpfer eingesetzt werden.

Info

Berlin – Zur Unterstützung der meist von US-Spezialeinheiten geführten Jagd auf Taliban und andere Terrorgruppen im Einsatzgebiet der Bundeswehr können in Zukunft verstärkt bewaffnete Drohnen eingesetzt werden. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE werden ab Ende des Jahres vier unbemannte Drohnen vom Typ „Gray Eagle“ auf dem Flughafen des deutschen Camps in Masar-i-Scharif in Nordafghanistan stationiert. Sie sollen nach einer Testphase von einigen Monaten im Jahr 2012 die ersten Missionen fliegen.

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Grundsätzlich sind die unbemannten Drohnen, die mit vier Raketen vom Typ „Hellfire“ oder acht „Stingers“ bestückt werden können, in ganzAfghanistan einsetzbar. Mit rund 250 Kilometern pro Stunde können sie innerhalb von kurzer Zeit jeden Ort im Land am Hindukusch erreichen.

Aus dem Isaf-Hauptquartier war allerdings zu hören, dass die Drohnen vor allem bei den in den letzten Monaten verstärkten Operationen gegen Taliban-Kommandeure und andere Terror-Gruppen wie das Haqqani-Netzwerk im Einsatzgebiet der Bundeswehr verwendet werden sollen.

Die in Nordafghanistan eingesetzten US-Spezialkräfte haben ihre Jagd auf solche Ziele im laufenden Jahr immer mehr intensiviert. Fast jede Nacht gibt es solche Operationen. Dabei wurden in den vergangenen Monaten Dutzende mutmaßliche Taliban-Führer getötet und Hunderte festgenommen. Bei ihren Missionen werden die Special Forces fast immer durch Drohnen oder andere Aufklärungsflugzeuge unterstützt – sowohl bei der Vorbereitung als auch bei der Ausführungen der Operationen sind die „fliegenden Augen“ unerlässlich.

Die „Gray Eagle “ ist eine Weiterentwicklung der für ihre tödliche Präzision bekannten „Predator“-Drohne, mit der die US-Armee militärische Ziele in Häusern oder auch in fahrenden Autos angreift. Insgesamt 36 Stunden kann das unbemannte Flugzeug mit einer Spannweite von 17 Metern in der Luft bleiben. Durch die Flughöhe von bis zu 7600 Metern bleibt die knapp anderthalb Tonnen schwere Drohne am Boden fast immer unbemerkt. Meist hört man dort nur ein leichtes Surren des mit Kerosin angetriebenen Flugkörpers.

Die Hightech-Waffe ist in den letzten Jahren zu einem unersetzlichen Instrument der US-Armee geworden. Mit empfindlichen Sensoren und hochauflösenden Kameras, die Live-Bilder senden, kann sie die Spezialkräfte sowohl bei Operationen mit Luftbildern versorgen als auch direkt Raketen abfeuern. Per Joystick können Piloten am Boden jede Bewegung verfolgen, selbst in der Dunkelheit liefern Nachtsichtlinsen und Wärmesensoren gestochen scharfe Bilder aus dem Operationsgebiet.

Die Bundeswehr selbst hat mehrere Typen von unbemannten Drohnen, diese dienen allerdings nur der Überwachung und sind unbewaffnet. Die „Gray Eagle“, die nun im Camp Marmal in Masar-i-Scharif stationiert werden sollen, werden allerdings von der Kommandozentrale der Nato in Kabul geführt. Die Deutschen können über den Kommandostrang nach Kabul auch Drohnen für laufende Operationen anfordern. Dies ist vor allem bei Operationen im Raum Kunduz in der Vergangenheit mehrmals passiert. Die gezielte Jagd auf die Taliban überlässt die Bundeswehr im Norden jedoch den US-Kräften.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,801336,00.html

‚To me and my family, Barack Obama is nothing more than a child killer‘

28 October 2011
Tom Finn & Norah Browning
USA and the War on Terror

„I have one question,“ says a young friend of Abdulrahman al-Awlaki, the 16-year-old American killed by a US drone attack, „Who can’t America kill?“


By Tom Finn & Norah Browning
Time
27 October 2011


Abdulrahman al-Awlaki, 16, the third American killed in as many weeks by CIA drone attack

A wave of CIA drone strikes targeting al-Qaeda figures in Yemen is stoking widespread anger there that U.S. policy is cruel and misguided, prioritizing counterterrorism over a genuine solution to the country’s raging political crisis.

Politics has never been a concern to Sam al-Homiganyi and his fellow teenagers. This month, though, they were shocked by the sudden death of a friend and are struggling to understand why.

Fighting back tears, his gaze fixed downward, al-Homiganyi, a lean-looking 15-year-old from the outskirts of Sana’a, told TIME, „He was my best friend, we played football together everyday.“ Another of his friends spoke up, gesturing to the gloomy group of jeans-clad boys around him: „He was the same as us. He liked swimming, playing computer games, watching movies … you know, normal stuff.“

The dead friend was Abdulrahman al-Awlaki, a 16-year-old born in Denver, the third American killed in as many weeks by suspected CIA drone strikes in Yemen. His father, the radical cleric Anwar al-Awlaki, also an American citizen, was killed earlier this month, along with alleged al-Qaeda propagandist Samir Khan, who was from New York.

When Abdulrahman’s death was first reported in the Western press, his age was given as 21 by local Yemeni officials. Afterward, however, the Awlaki family put out a copy of Abdulrahman’s birth certificate.

According to his relatives, Abdulrahman left the family home in the Sana’a area on Sept. 30 in search of his fugitive father who was hiding out with his tribe, the Awalak, in the remote, rugged southern province of Shabwa. Days after the teenager began his quest, however, his father was killed in a U.S. drone strike. Then, just two weeks later, the Yemeni government claimed another air strike killed a senior al-Qaeda militant.

Abdulrahman, his teenage cousin and six others died in the attack as well. A U.S. official said the young man „was in the wrong place at the wrong time,“ and that the U.S. was trying to kill a legitimate terrorist — al-Qaeda leader Ibrahim al-Banna, who also died — in the strike that apparently killed the American teenager.

Abdulrahman’s distraught grandfather is not buying the explanation. Nasser al-Awlaki, who received a university degree in the U.S., had for years sought an injunction in American courts to prevent the Obama Administration from targeting and killing his son, Anwar. He told TIME,

„I really feel disappointed that this crime is going to be forgotten. I think the American people ought to know what really happened and how the power of their government is being abused by this Administration. Americans should start asking why a boy was targeted for killing.“

He continued, „In addition to my grandson’s killing, the missile killed my brother’s grandson, who was a 17-year-old kid, who was not an American citizen but is a human being, killed in cold blood. I cannot comprehend how my teenage grandson was killed by a Hellfire missile, how nothing was left of him except small pieces of flesh. Why? Is America safer now that a boy was killed?“

As for Abdulrahman’s father, Nasser says that the U.S. „killed my son Anwar without a trial for any crime he committed … They killed him just for his freedom of speech.“ He levels the charges directly at the U.S. President. „I urge the American people to bring the killers to justice. I urge them to expose the hypocrisy of the 2009 Nobel Prize laureate. To some, he may be that. To me and my family, he is nothing more than a child killer.“

Meanwhile, the U.S. is caught between prosecuting the campaign, which depends in part on intelligence provided by security forces loyal to Yemen’s embattled government, and encouraging political change. Inspired by the Arab Spring, Yemen has been convulsed by nine months of antigovernment demonstrations that are now verging dangerously on civil war. U.S. diplomats have tried to manage a transition that will see President Ali Abdullah Saleh step down but keep the Yemeni state focused on counterterrorism.

„America’s view of our country is wrong, and motivated only by its own cynical interests,“ says Hassan Luqman, a demonstrator camped out in the indefatigable sit-in colony known as Change Square in Yemen’s capital. „Its support for the regime is a dishonor to all the youths who have fallen as martyrs struggling against it.“

Western diplomats contend that while terrorism figures prominently in their concerns on Yemen, they are refusing to let the recent killing of several prominent al-Qaeda leaders distract them from the task of seeking a constructive political solution. „I’m sure the government hoped recent successes against al-Qaeda in the Arabian Peninsula would diminish pressure on them, but we maintain our line,“ a Sana’a-based Western diplomat said. „This hasn’t changed the course on Yemen’s long-term issues.“

But the campaign of aerial bombardments in Yemen, accelerated by the Obama Administration, has all too often missed its intended targets and killed innocents, aggravating the country’s already dire humanitarian and security situation.

In December 2009, a U.S. cruise missile crashed into a caravan of tents in the rural south, killing dozens, among them 14 women and 21 children. Despite an uproar by Yemeni rights groups and a detailed investigation by Amnesty International, U.S. officials refused to take responsibility for the bombing.

More disastrously, an American warplane wiped out the deputy governor of the oil-rich Marib province along with his entire retinue last summer. They had gathered to accept the surrender of a wanted al-Qaeda militant who, finding the appointed site in flames, retraced his steps unscathed. A massive rebellion by the official’s tribal kinsmen lingers to this day, and disturbances to the area’s oil infrastructure have undercut the country’s only lucrative export and severed the supply of electricity and fuel to millions of Yemenis every day.

Yemen’s restive southern province of Abyan has also been a focus of drone attacks and has been at the center of a ferocious, months-long battle between army units — supplied with essential provisions by the U.S. — and al-Qaeda-linked militants.

Refugees from the fighting angrily recall seeing and hearing drones, and believe the government is deliberately exploiting the chaos to garner political capital from foreign powers. Her eyes aflame beneath a full black veil, Maryam, one of the refugees, noted, „I swear some of these bombs were American.“

Packed into a makeshift shelter in the port city of Aden along with dozens of other families, she insisted, „We saw aircraft — small planes — we had never seen before, zooming above us 24 hours a day and terrifying our children.“

Thousands of activists throughout southern Yemen, which had been an independent state until a bloody civil war imposed unification with the north two decades ago, see the al-Qaeda issue as a distraction from their legitimate grievances and calls for autonomy. „The south is rich in oil and sits along one of the world’s biggest shipping lanes,“ says Hassan al-Bishi, a general in the former South Yemen and antigovernment activist. „If the United States continues to ignore our interests and focus only on one silly issue, we must seek other allies … China or Iran, for instance.“

Cutting deeply into the country’s political conflicts and across its broad expanse, the U.S. bombing offensive risks alienating the youth who will inevitably inherit Yemen’s future. „I have one question for you,“ said one of Abdulrahman’s young friends, his gloom turning to anger. „Who can’t America kill?“