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Energiewende

Von Markus Balser und Cerstin Gammelin

Atomkraft? Ja, bitte! Die EU-Kommission scheint sich um die deutschen Ausstiegspläne nicht viel zu kümmern: Sie will die Kernkraft forcieren und plant 40 neue Kraftwerke allein bis 2030. Und ausgerechnet der deutsche Kommissar Günther Oettinger treibt das Projekt voran.

Zwischen der Bundesregierung und der Europäischen Kommission bahnt sich in der Energiepolitik eine harte Auseinandersetzung an. Denn ungeachtet des beschleunigten deutschen Atomausstiegs nach der Katastrophe von Fukushima will der deutsche EU-Energiekommissar Günther Oettinger an der Kernkraft festhalten und macht sich sogar für den Neubau von Atomkraftwerken stark. Im Entwurf für den „Energiefahrplan 2050“ der EU, der der Süddeutschen Zeitung vorliegt, bezeichnet die Kommission die Atomkraft als „wichtigen Faktor“. Unterhändlern zufolge sehen die Details der Szenarien den Neubau von 40 Kernkraftwerken allein bis 2030 vor. Das Papier soll in der kommenden Woche in Brüssel vorgestellt werden.
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Kernkraftwerk Temelin: Der deutsche EU-Energiekommissar Günther Oettinger will an der Kernkraft festhalten. (© Getty Images)

Diese sogenannte Road-Map wird der Kommission zufolge ein europäisches Gerüst für die nationale Energiepolitik der nächsten Jahrzehnte liefern. Doch Brüssel und Berlin haben offenbar grundlegend unterschiedliche Vorstellungen darüber, wie sich die Energielandschaft verändern soll. Während die Bundesregierung den beschleunigten Atomausstieg Mitte des Jahres als Meilenstein für den grünen Umbau feierte, will die EU weiter in großem Stil auf die Kernkraft setzen. Oettingers Papier ignoriere die Energiewende und legitimiere die Atomkraft neu, heißt es aus Berlin.

Die Atomenergie stehe heute für den größten Anteil CO2-freier Energie, heißt es etwa in der Vorlage aus Brüssel, die Oettinger nach Angaben aus EU-Kreisen bereits seinen Kommissionskollegen präsentiert hat. Und sie bleibe ein wichtiger Lieferant klimafreundlichen Stroms zu vergleichsweise niedrigen Kosten. Oettinger macht damit klar, dass Brüssel auch nach Fukushima langfristig eine Zukunft für die Kernkraft in der Europäischen Union sieht.
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Zweifel vieler Europäer an der Atomkraft nach der Katastrophe in Japan erwähnt die Road-Map zwar, hält sie aber dank neuer Technologien für überwindbar. Große Teile der europäischen Öffentlichkeit hielten die Risiken der Nukleartechnik für nicht akzeptabel und die Probleme um die Endlagerung für ungelöst, schreibt Oettingers Behörde. „Eine neue Generation der Atomtechnik könnte helfen, die Abfall- und Sicherheitsbedenken zu adressieren.“ Schließlich könne Atomstrom zu „niedrigeren Systemkosten und Strompreisen beitragen“, heißt es weiter. Im Rahmen einer groß angelegten „Low-Carbon-Option“ werde die Nuklearenergie daher im europäischen Stromerzeugungsmix erhalten bleiben.
Subventionen für Neuinvestitionen in Atomkraftwerke

Auch eine finanzielle Förderung der Atomenergie in Mitgliedsstaaten ähnlich dem Erneuerbare-Energien-Gesetz für grünen Strom in Deutschland hält die Kommission Unterhändlern zufolge für möglich. Sie könnte demnach Subventionen für Neuinvestitionen in Atomkraftwerke, zum Beispiel in Großbritannien, erlauben. Natürlich gebe es für die Wahl des Energiemixes nationale Grenzen, heißt es in dem Papier weiter. Die EU müsse aber darauf achten, dass nationale Entscheidungen auch die Ziele der EU unterstützten, und negative Auswirkungen auf andere Länder verhindern. Dabei wünscht sich die Brüssel offenbar deutlich mehr Einfluss auf den Umbau der Energiewirtschaft in Europa: Mehr denn je sei eine Koordination nötig, urteilt der Fahrplan 2050. Denn Zusammenarbeit bedeute mehr Sicherheit und sinkende Kosten.

Dabei zieht Brüssel im Kampf gegen die Erderwärmung und trotz erwarteter Rückschläge beim laufenden Gipfel im südafrikanischen Durban in der Klimapolitik die Zügel an. Strom werde seine Bedeutung am Energieverbrauch in Europa bis 2050 verdoppeln, sagt die Kommission voraus. Um die Klimaziele Europas dennoch nicht zu gefährden, müsse sich der Kraftwerkspark in der EU einem radikalen Wandel unterziehen. Der CO2-Ausstoß müsse um mindestens 57 Prozent bis 2030 und um mindestens 96 Prozent bis 2050 sinken. Langfristig nutze ein solcher grüner Umbau aber auch den Verbrauchern. Ab 2030 könnten die Preise spürbar sinken.

http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/eu-setzt-weiter-auf-atomkraft-bruessel-ignoriert-deutsche-energiewende-1.1230255

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Studie

Energiesparen macht zehn AKW überflüssig

E.on-Kraftwerk im niedersächsischen Grohnde: Schon 2020 überflüssig?

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AP

E.on-Kraftwerk im niedersächsischen Grohnde: Schon 2020 überflüssig?

Ist der Komplettausstieg aus der Kernkraft wirklich so einfach? Laut einer Studie könnte Deutschland bis 2020 auf zehn Atommeiler verzichten, wenn es seine Energie effizienter nutzt – die Bürger würden dabei viel Geld sparen.

Hamburg – Undichte Fenster, veraltete Motoren, ungenutzte Abwärme – das alles verschwendet unnötig Energie. Sogar so viel, dass man in Deutschland mit geeigneten Gegenmaßnahmen ganze zehn Atomkraftwerke abschalten könnte – und damit bis 2020 den Komplettausstieg aus der Kernkraft schaffen würde. Das ist zumindest das Ergebnis einer Studie der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz (Deneff). Die Deneff besteht aus Firmen, die sich auf Angebote im Energiesparsektor spezialisiert haben.

 

In ihrem Zehn-Punkte Sofortprogramm schlägt die Initiative verschiedene Maßnahmen vor, mit denen die Bundesregierung den Verbrauch in Deutschland deutlich senken könnte. Die Kosten für die Maßnahmen belaufen sich laut der Studie auf 11,64 Milliarden Euro, mehr als die Hälfte davon trägt der Staat, der Rest soll von Unternehmen und Bürgern kommen. Die eingesparten Energiekosten sollen diese Ausgaben aber mehr als ausgleichen: 19,3 Milliarden Euro spare Deutschland durch das Programm – jährlich.

Allein im Stromsektor könnten etwa durch den Austausch alter Pumpen, bessere Gebäudedämmung und effizientere Beleuchtung jährlich 68,3 Milliarden Kilowattstunden (kWh) Strom bis 2020 eingespart werden. Das entspreche in etwa der Jahresproduktion der besagten zehn Atomkraftwerke.

 

Das größte Potential sieht die Initiative allerdings in der Gründung eines Energieeffizienzfonds. Er soll Anreize für Unternehmen bieten und über Maßnahmen zur Energieeinsparung informieren. Außerdem sollen in Deutschland sogenannte weiße Zertifikate eingeführt werden, die ähnlich funktionieren wie der Handel mit Emissionspapieren. Sprich: Sind Firmen besonders sparsam, können sie bei der Bundesregierung Zertifikate beantragen, die sie dann an nicht sparsame Unternehmen weiterverkaufen können. Laut der Initiative soll es auch eine Art Rating geben, das die Energieeffizienz verschiedener Unternehmen vergleichbar machen soll.

Neben den Einsparungen in der elektrischen Energie unterbreitet die Deneff auch Vorschläge, wie man den Wärmeverbrauch in Deutschland senken könnte: So soll die Abwärme von Kraftwerken und Fabriken besser genutzt, Gebäude saniert und Gesetze verschärft werden. Die dadurch eingesparte Wärmeenergie reiche theoretisch aus, um mit Erdgaskraftwerken so viel Strom wie mit neun weiteren Atomkraftwerken zu produzieren.

Banken investieren massiv in den Klimakiller Kohle PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Redaktion
Mittwoch, den 30. November 2011 um 12:06 Uhr
bankrolling_100Berlin. – Die Deutsche Bank zählt zu den weltweit sechs Banken, die am stärksten in die klimaschädliche Kohle investieren. Auch die UniCredit/HVB, die Commerzbank, die Allianz sowie die beiden Landesbanken WestLB und LBBW sind jeweils mit Milliardensummen im Abbau oder bei der Verbrennung von Kohle engagiert. Dies geht aus der am Mittwoch in Durban, Berlin und Nijmegen veröffentlichten Studie „Bankrolling Climate Change“ hervor.

Kern der Studie, die von „urgewald“ und weiteren Umweltorganisationen veröffentlicht wurde, ist ein Ranking von 93 Banken, die weltweit mit den größten Beträgen an der Finanzierung von Kohleprojekten beteiligt sind. Mit einem Kohleportfolio von 16,5 Milliarden Euro führt die US-Bank JP Morgan Chase das Ranking an. Die Deutsche Bank folgt laut Studie mit einem Engagement von 11,5 Milliarden Euro an weltweit sechster Stelle. Betrachte man nur das Engagement im Kohlebergbau, stehe die Deutsche Bank weltweit sogar an zweiter Stelle, so urgewald. Insgesamt fallen in dem Ranking 20 deutsche Banken als Klimasünder auf.

„Wir haben die Kohlefinanzierung untersucht, weil Kohlekraftwerke die größte Quelle für CO2-Emissionen sind“, erklärte Heffa Schücking von urgewald, Hauptautorin der Studie. „Erschreckenderweise zeigt unsere Untersuchung, dass sich die Kohlefinanzierung seit Inkrafttreten des Kyoto-Protokolls fast verdoppelt hat, obwohl die katastrophalen Folgen des Klimawandels immer offensichtlicher werden.“

Neben den drei großen Privatbanken Deutsche Bank, Unicredit/HVB und Commerzbank sind in dem Ranking von Kohleinvestoren auch Landesbanken und die bundeseigene Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) sowie zahlreiche Kreditinstitute aus dem Sparkassen- und Genossenschaftssektor prominent vertreten. Allein die Landesbanken hätten seit 2005 rund 4,4 Milliarden Euro in den Kohlesektor investiert, heißt es in der Studie.

„Wir haben ganz bewusst die Investitionstätigkeit der Banken seit dem Inkrafttreten des Kyoto-Protokolls im Jahr 2005 untersucht: Seitdem kann es keinerlei Entschuldigung mehr geben, noch weiter in Kohle zu investieren. Unsere Zahlen belegen, dass die Nachhaltigkeitserklärungen deutscher Banken zum Thema Klima nur heiße Luft sind“, sagte Schücking. So bezeichne sich die Deutsche Bank als „Klimabotschafter“, die Unicredit/HVB „bekräftigt ihr Engagement zur Erreichung der im Kyoto-Protokoll erreichten Ziele“, und die Commerzbank schreibe auf ihrer Website: „Klimawandel erfordert entschlossenes Handeln.“

Besonders absurd erscheine das Geschäftsgebaren der KfW, kritisierte urgewald. Die staatliche Bank, die aus Klimaschutzgründen beispielsweise Solaranlagen oder Wärmedämmungen fördert, sei mit insgesamt rund 540 Millionen Euro im Kohlesektor engagiert. Dabei heiße es auf der Internetseite der KfW: „Dem Klimawandel nichts entgegenzusetzen und weiterzumachen wie bisher (…) würde fundamental gegen Menschheitsinteressen verstoßen. Nur grundlegendes, schnelles und gemeinsames Umsteuern kann die schlimmsten Folgen verhindern.“

Die KfW und andere staatliche Förderbanken verteidigten ihr Engagement im Kohlesektor häufig mit der Begründung, sie investierten in Kraftwerke mit besonders hohem Wirkungsgrad, berichtete urgewald. Unterschlagen werde dabei jedoch, dass es sich häufig um gigantisch dimensionierte Kraftwerke handele und dass selbst das modernste Kohlekraftwerk in seinem Lebenszyklus Hunderte Millionen Tonnen CO2 freisetze. So werde allein das von der KfW unterstützte 4.800 MW Kohlekraftwerk Kusile in Südafrika den CO2 Ausstoß des südafrikanischen Energiesektors um fast 13 Prozent steigern.

Mit der Studie liege erstmals eine umfassende Untersuchung darüber vor, wie international führende Banken zum Klimaproblem beitragen, so urgewald. „Nun können sich die Banken nicht mehr hinter schönen Klimaworten euerbare ergien und Energieeffiziens!Enverstecken, sondern ihre Kohle-Portfolios sind erstmals vergleichbar“, sagte Schücking. Die Studie wurde gemeinsam von der deutschen NGO urgewald, den beiden NGOs groundWork und Earthlife Africa aus Südafrika und dem internationalen NGO-Netzwerk BankTrack mit Sitz in Nijmegen veröffentlicht.

Mit der Studie wollen die Organisationen nun Druck auf die Banken ausüben. „Pläne für neue Kohlekraftwerke und Kohleminen treffen weltweit auf entschlossenen Widerstand. Dieser Widerstand richtet sich zunehmend auch gegen Banken. Wer also neue Kohlekraftwerke finanziert, holt sich den Protest vor die eigene Bankzentrale“, sagte Mona Bricke von der Anti-Kohlekampagne der klima-allianz deutschland, einem Netzwerk von mehr als 110 deutschen Verbänden, Kirchen und NGOs. „Wenn Banken verantwortliche Klimaakteure werden wollen, müssen sie aufhören, Kohle zu finanzieren und ihr Portfolio hin zu Erneuerbaren Energien und Energieeffizienz ändern.“

Die Studie ist auf der urgewald-Website www.urgewald.orgverfügbar.

Tags: Banken :: Klima

20. November 2011, 18:40, NZZ Online

Frankreichs Grüne und Sozialisten spannen zusammen

Wahlbündnis und Ausstieg aus der Atompolitik zum Zweck

In Frankreich haben sich die Sozialisten und die Grünen auf ein Wahlbündnis für die anstehenden Parlamentswahlen geeinigt. Zuvor hatte die sozialistische Partei (PS) zugestimmt, Frankreichs Atompolitik im Falle eines Sieges deutlich zurückzufahren.

(sda/dpa) Im Juni nächsten Jahres werden die Abgeordneten für die Nationalversammlung gewählt. Der Schulterschluss der beiden Parteien gilt nicht für die Präsidentenwahl im Frühjahr 2012. Zu dieser Wahl stellen sie jeweils eigene Kandidaten auf – Francois Hollande für die Sozialisten, Eva Joly für die Grünen.

Auf einem Parteikongress der Grünen stimmten 74 Prozent der Delegierten am Samstag für die Allianz. Die Sozialisten hatten für den Deal zugesagt, 24 der 58 Reaktoren im Land bis 2025 abzuschalten und die Herstellung von Plutonium-Uran-Mischoxid (MOX) zu stoppen.

Ausserdem werden sie in 60 von 577 Wahlkreisen nicht mit den Grünen konkurrieren. Auf diesem Wege solle die Partei ihre Präsens in der Nationalversammlung stärken. Heute haben die Grünen vier Sitze.

Ihre Forderung nach einem Baustopp für den ersten europäischen Druckwasserreaktors (EPR) in Flamanville im Norden Frankreichs gaben die Grünen auf. Spitzenkandidatin Joly hatte die Schliessung zuvor gefordert. Weil sie nicht an dem Kongress teilnahm, heizte sie Gerüchte über ein Zerwürfnis zwischen ihr und den Grünen ein.

Frankreichs Atommeiler produzieren 75 Prozent des Stroms im Land. Generell geniesst die Atomenergie grosse Zustimmung in Frankreich. Nach Fukushima ist die Zahl der Gegner aber gestiegen. Hollande will den Anteil von Atomstrom bis 2025 um 50 Prozent reduzieren – Präsident Nicolas Sarkozy sieht darin eine Gefahr für die Industrie.

Die Präsidentschaftskandidatin der rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, stellte indes am Wochenende ihr Programm vor. Sie wolle Frankreich aus der «Versklavung» Europas und des Euros befreien, das Schuldenproblem angehen, die Einwanderung stoppen und strenger gegen Kriminelle vorgehen. Über Kosten sprach sie nicht.