Archiv

Frauen

Clinton warnt vor Gefahren für Demokratie und Frauenrechte

05. Dezember 2011 09:04
  • Artikelbild: Hillary Clionton auf einem Bild aus der vergangenen Woche. Damals hatte die Außenministerin der USA Burma besucht. - Foto: REUTERS/Saul Loeb/Pool

    Hillary Clionton auf einem Bild aus der vergangenen Woche. Damals hatte die Außenministerin der USA Burma besucht.


Israelische Minister reagieren verärgert auf Kritik

Jerusalem – US-Außenministerin Hillary Clinton hat Medienberichten zufolge Kritik an politischen Entwicklungen in Israel geäußert, die sie als Gefahr für die Demokratie und die Frauenrechte bezeichnete. Wie israelische Medien am Sonntag berichteten, äußerte Clinton am Samstag auf dem nicht-öffentlichen Saban Forum in Washington Sorge über eine Reihe von „anti-demokratischen“ Gesetzesinitiativen der Regierung von Benjamin Netanyahu.

Wie die Zeitung „Yediot Ahronot“ berichtete, äußerte sich Clinton auf der Veranstaltung zudem schockiert, dass es in einigen Bussen in Jerusalem Geschlechtertrennung gibt und dass sich jüdisch-orthodoxe Soldaten weigerten, an Veranstaltungen teilzunehmen, auf denen Frauen singen. Ein hochrangiger Vertreter des US-Außenministeriums bestätigte auf Nachfrage, dass Clinton besorgt über die Gesetze und die „konservativen Kommentare zu Frauen“ sei.

Gesetz, das Finanzierung von NGOs einschränkt

Rechte Minister haben insbesondere ein Gesetz eingebracht, das erlauben würde, die Finanzierung von Nichtregierungsorganisationen aus dem Ausland einzuschränken. Menschenrechtsgruppen sehen darin einen Versuch, kritische Organisationen von ihren Geldquellen abzuschneiden. Das Gesetz ist auch international auf Kritik gestoßen. Der liberalen Zeitung „Haaretz“ zufolge äußerte auch der deutsche Botschafter in Israel Bedenken gegen die Initiative.

Israelische Minister reagierten auf einer Kabinettssitzung am Sonntag empört auf Clintons Kritik. Finanzminister Juval Steinitz nannte die Kommentare „völlig überzogen“. „Israel ist eine lebende, atmende liberale Demokratie“, sagte er gemäß israelischen Medien. Demnach gab Steinitz zu, dass die zunehmenden Rufe der ultra-orthodoxen Juden nach Geschlechtertrennung ein Problem seien. Eine Gefahr für die Demokratie stellten sie aber nicht dar.

Umweltminister Gilad Erdan forderte Clinton auf, sich zunächst mit ihren eigenen Problemen zu Hause zu beschäftigen. Innenminister Eli Yishai von der ultra-orthodoxen Shas-Partei sagte, Israel bleibe „die einzige Demokratie im Mittleren Osten“. „Ich nehme an, was auch immer getan wird, wird im Rahmen des Gesetzes bleiben“, sagte er. (APA)

 

Advertisements

 

Frauen standen bei der Revolution in Ägypten in vorderster Linie. Aber welche Rolle werden sie nun im neuen Ägypten spielen? Werden sie gehört, oder von einer nach wie vor konservativen und patriarchalischen Gesellschaft ignoriert werden?

Die Revolution in Ägypten hat seit Januar viele Menschen auf dem berühmten Tahrir-Platz in der Hauptstadt Kairo zusammengebracht. Ganz vorne und immer mit dabei: Frauen jeglichen Alters und aus sämtlichen Gesellschaftsschichten des Landes. Auch sie entschlossen, ihre Rolle beim Aufbau eines neuen Ägypten einzunehmen. Doch ob sich ihre Erwartungen erfüllen, ist alles andere als gewiss.

Fernab vom Trubel und der lärmenden Geschäftigkeit Kairos liegt im Gouvernement al-Dschiza das Dorf Werdan. Hier soll sich die landesweit erste Gewerkschaft von Landarbeiterinnen und Bäuerinnen gebildet haben. Unter Mubarak wäre solche eine Organisation verboten gewesen. Doch im Dorf hat niemand von dieser Gewerkschaft etwas gehört. Dabei werde sie dringend gebraucht, meint die Bäuerin Ftouh Mahmoud Ktab. Werkzeuge, Dünger, Saatgut, soziale Dienste, Schulen, Gesundheitswesen – es fehle einfach an allem, sagt sie. Und die Revolution habe daran bisher nichts geändert.

“Die Frauen haben bisher nichts von alldem, sie sind Opfer”, sagt Ftouh Mahmoud Ktab. Es gibt hier Frauen mit zwei, drei Kindern, die bekommen Unterstützung, die aber praktisch nichts wert ist. Eine Witwe erhält zum Beispiel 90 ägyptische Pfund, das ist nichts! Was kann eine alleinstehende Frau damit machen? Sich einen Kuchen kaufen? Was kann sie damit auf ihrem Land anrichten? Nichts. Wir kommen hier langsam um. Ich habe nicht genug Geld, um Dünger zu kaufen oder auch irgendetwas anderes, um ein normales Leben zu führen. Die Bauern sind am Ende ihrer Kräfte. Ich hab nicht einmal ein anständiges Kleid, das ich an den Eid-Feiern anziehen könnte.”

Bürokratie und Korruption, Arbeitslosigkeit und ein miserables Gesundheits- und Bildungssystem machen den Menschen wie unter Mubarak weiterhin das Leben schwer. Und jenen, die sich am meisten um Veränderungen in den ländlichen Regionen kümmern, ist die Partei für Freiheit und Gerechtigkeit, die bei den Parlamentswahlen für die Muslimbruderschaft ins Rennen ging.

Azza al-Garf ist eine ihrer Kandidaten im Gouvernement al-Dschiza. Bei einer Versammlung von Frauen wenige Tage vor den Wahlen sprach sie über Themen wie Arbeit und Erziehung – und die Beibehaltung herkömmlicher Familienstrukturen. Dass Frauen sich etwa leichter scheiden lassen können, hält sie für den falschen Weg zu mehr Frauenrechten.

Azza al-Garf sagt: “Es wäre Frauen gegenüber unfair, wenn sie zwar zur Wahl gehen können, danach aber wieder zu Hause bleiben müssen. Sie müssen voll teilhaben und eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen. Es gibt Gesetze der vorherigen Regierung, die Frauen diskriminieren und gegen die Scharia, gegen islamische Gesetze sind. Zum Beispiel gegen das Gesetz, wonach Frauen und nicht Männer für die Erziehung der Kinder verantwortlich sind. Oder das, nach dem nur Frauen das Sorgerecht für Kinder haben. Diese Leute haben sich in so viele Familienangelegenheiten eingemischt, und immer war es gegen die Scharia. Ich glaube, um eine ausgeglichene Gesellschaft zu haben, darf es keine Diskriminierung geben. Weder gegen Frauen noch gegen Männer.

Es gibt aber auch Anhänger der Partei für Freiheit und Gerechtigkeit, die die radikalen Ansichten strenger Islamisten nicht teilen. Sie wollen das schlechte Image ändern, das ihnen in den Mubarak-Zeiten angehängt wurde.

Om Ayman, eine vollverschleierte Lehrerin, meint: “Das frühere Regime war korrupt. Jetzt, in Zeiten der Freiheit und des Wandels, wollen wir das wahre Ägypten zeigen. Wie werden zeigen, dass das ägyptische Volk zivilisiert und aufgeschlossen ist. Unsere Schleier hindern uns nicht daran, am politischen Leben teilzunehmen. Sie hindern uns nicht daran, das Haus zu verlassen, und beim Wiederaufbau unseres Landes mitzumachen.”

Und die Bibliothekarin Amal Ibrahim setzt hinzu: “Wir wurden auf dem Tahrir-Platz befreit. Und Frauen wie wir waren dort dabei. Die Islamisten waren dort, zusammen mit Frauen, die kein Kopftuch tragen. Glücklicherweise haben wir diese Frauen getroffen und mit ihnen gesprochen. Wir sahen: sie entsprachen gar nicht dem Bild, das wir alle die Jahre über von ihnen hatten.”

http://de.euronews.net/2011/12/02/aegypten-die-front-frauen-der-revolution/

Nach wie vor sind für viele Frauen die Hürden der Diskriminierung nicht komplett eingerissen. Im weltweiten Vergleich rangiert das Land in Sachen Frauenrechten und Geschlechtergleichheit auf einem der hinteren Plätze. Die Journalistin Bothaina Kamel ist bekannt für ihren Widerstand gegen die ehemalige Mubarak-Regierung. Jetzt kämpft sie an vorderster Front gegen die Militärregierung. Als erste Frau in der Geschichte des Landes kandidierte bei den Präsidentschaftswahlen um das höchste Staatsamt. Sie sagt: “Wir müssen den ersten Schritt machen. Wie müssen die Ägypter über Gleichheit unterrichten. Jeden einzelnen Tag. Am Anfang hielten sie mich alle für durchgedreht, aber jetzt ist es Realität, es ist eine Tatsache. Und wir werden weiter daran arbeiten.”

Es gibt viele Schwierigkeiten für Frauen, etwa häusliche Gewalt oder sexuelle Übergriffe. Gerade Polizei und Militär stehen im Verdacht, häufig Frauen zu belästigen oder sogar zu missbrauchen. Unter den jüngsten Anschuldigungen sind jene von Demonstrantinnen, die sich – so sagten sie – nach ihrer Verhaftung einem Jungfräulichkeitstest unterziehen mussten.

Im Tumult der November-Proteste haben viele der Frauenrechtlerinnen, mit denen wir sprechen wollten, ihre Interviewtermine abgesagt. Schließlich aber fanden wir eine, spät nachts, auf dem Tahrir-Platz: Jamila Ismail, die sich als unabhängige Kandidatin – erfolglos – um einen Sitz im Parlament bewarb. Gerade ist sie dabei, sich über Todesopfer der Zusammenstöße zu informieren, hier in einem provisorischen Krankenstation, die in einer Moschee eingerichtet wurde. Jamila Ismail erzählt: “In meinem Wahlkreis sagen die Frauen nicht zu mir: ‘Wir wollen unsere Rechte’, das habe ich noch nie gehört. Statt dessen sagen sie: ‘ich will eine besser Ausbildung für meine Kinder, ich brauche ein Haus, Medizin, Gesundheitsversorgung.’ Frauen und Männer haben sich so lange versteckt gehalten. Sie wurden verprügelt, überfallen und verhaftet. In den vergangenen 60 Jahren wurden ihnen viele Rechte genommen, und sie wurden zum Schweigen gebracht. Heute spüren Frauen und Männer die Freiheit, sie wissen, dass sie etwas verändern können, und sie haben den Wunsch dazu und den Willen. Gemeinsam kämpfen sie für ein besseres Leben.”

Viele fürchten nun, dass Frauenrechten in den Moment, das die Revolutionäre Euphorie verebbt, wieder missachtet werden. Und auch Sorgen vor einer erstarkenden islamistischen Strömung sind da. Andere sind optimistischer, denn auf dem Tahrir-Platz wurden auch viele Stereotype zerstört, sagt die Menschenrechtsaktivistin und Bloggerin Sally Sami. Sie hat im Augenblick aber anderes als dem Kampf um Frauenrechte vor Augen:

“Wenn ich wählen müsste, ob ich für Frauenrechte kämpfe oder gegen die Militärgerichte, dann würde ich klar gegen die Militärgerichte ankämpfen. Denn die betreffen alle, sowohl Männer als auch Frauen. Und das muss bekämpft werden, das hat absolut Vorrang, denn wir sprechen hier von Tausenden Menschen, die ungerechterweise im Gefängnis sitzen.”

Andere wiederum sagen, Frauen dürfen die neuen Freiheiten nicht wieder verschwinden lassen. Sie müssten aktiv um ihre Rolle in der Gesellschaft kämpfen. Heba Morayef von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch beklagt, dass Frauen in praktisch allen öffentlichen Bereichen unterrepräsentiert seien, ob in der Politik, der Wirtschaft oder in den Gerichten.

Heba Morayef macht klar: “Während der Proteste im Januar gingen Tausende Frauen auf die Straßen, sie fühlten sich sicher. Und sie spürten, dass sie an den Protesten und am Aufbau eines neuen Ägyptens teilnehmen konnten. Doch dann wurden Frauen in vielen Fällen wieder von den wichtigsten Entscheidungsprozessen ausgeschlossen. Eine echte Beteiligung von Frauen ist dringend nötig, und nicht nur die üblichen Posten für Soziales oder Frauenangelegenheiten, mit denen Frauen gerne abgespeist werden. Aber es braucht auch eine landesweite Agenda zur Verbesserung der politischen Teilhabe von Frauen.”

Ägyptisches Folteropfer
Samiras Feldzug gegen die Generäle

Samira Ibrahim: „Sie ist eine echte Kriegerin und liebt ihr Land“

Samira Ibrahim demonstriert gegen Ägyptens Militärrat, sie wird verhaftet und erniedrigt: Ein Offizier führt unter dem Gejohle Umstehender einen „Jungfrauentest“ durch. Doch statt beschämt zu schweigen, wie viele andere Opfer, wehrt sich Samira – und erzwingt ein Verbot dieser Foltermethode.

Samira Ibrahim als streitbar zu beschreiben, ist eine Untertreibung. Die 25-jährige Ägypterin erzählt ihre Geschichte voller Zorn, sie strotzt vor Kampfeslust. Wer immer die Idee hatte, sie zu demütigen, hätte sich das besser überlegen sollen. Denn nun hat das ägyptische Militär Samira am Hals, und sie denkt nicht daran, die Generäle ungeschoren davonkommen zu lassen.

„Sie sollen zahlen“, sagt Samira.

Am 9. März wurde Samira zusammen mit 172 anderen jungen Ägyptern in der Innenstadt von Kairo verhaftet. Sie hatten dort gegen den Militärrat demonstriert, der seit dem Sturz des Dauerpräsidenten Husni Mubarak regiert: So lange eine Junta von Generälen das Land regiert, so lange Militärgerichtshöfe über Zivilisten urteilen dürfen, habe die ägyptische Revolution ihr Ziel nicht erreicht, so die jungen Leute.

Samira und die anderen – unter ihnen 17 Frauen – wurden zu einem Kasernengelände gefahren, dort mit Wasser übergossen, mit Elektroschockern traktiert. „Essen gab es keines, nur Schläge.“

„Am zweiten Tag haben sie uns Frauen dann in zwei Gruppen geteilt, nach verheiratet und unverheiratet“, erzählt Samira in einem Café in der Kairoer Innenstadt. Die Unverheirateten wurden ins Erdgeschoss der Kaserne geführt. „In einen Raum mit deckenhohen Fenstern, richtigen Panoramascheiben.“

Während sich draußen immer mehr Soldaten einfanden, um zu gaffen, befahl ein Militärarzt Samira, sich auszuziehen. Er wolle prüfen, ob sie noch Jungfrau sei. Samira protestierte, das sei illegal, doch der Arzt ließ nicht mit sich reden. Samira bat darum, doch wenigstens von einer Frau und ohne Zuschauer untersucht zu werden. Der Arzt in Uniform befahl ihr, sich auf eine Liege zu legen, und hatte dann „seine Hände fünf Minuten lang da unten“.

Vor dem Fenster zückten lachende Soldaten ihre Handys, sie filmten und fotografierten das Spektakel. „Ich wollte sterben“, sagt Samira. „Es war wie eine Vergewaltigung.“

Samira kontaktiert Menschrechtsgruppen

Nach weiteren zwei Tagen in Haft wird Samira von einem Militärgericht wegen Angriffs auf Sicherheitskräfte, Teilnahme an einer nicht genehmigten Demonstration und Bruch der Sperrstunde zu einem Jahr Haft auf Bewährung verurteilt und entlassen.

Ihr erster Anruf gilt ihrer Familie im oberägyptischen Suhadsch: Ihr Vater saß unter Mubarak wegen seiner politischen Überzeugungen mehrfach im Gefängnis. „Er sagt immer, ich habe meine große Klappe von ihm geerbt“, erzählt Samira. Die 25-Jährige, die in Suhadsch einen Kosmetikladen führte, bevor sie im Januar nach Kairo kam, um Vollzeit Revolution zu machen, berichtet, was ihr widerfahren ist. Bestärkt von ihren Eltern beschließt sie, sich zu wehren. Sie kontaktiert ägyptische Menschenrechtsgruppen, gleich fünf nehmen sich ihres Falls an, beraten die junge Frau, stellen ihr Anwälte.

Der Arzt, die Gaffer, diejenigen, welche die Erniedrigung der Demonstrantinnen anordneten: Sie alle gingen wie selbstverständlich davon aus, dass die Frauen schweigen würden. „Die wollten uns mundtot machen, uns Angst machen, damit wir nie wieder für die Freiheit auf die Straße gehen“, sagt Samira. In sexuellen Dingen ist Ägypten zutiefst konservativ, zudem frauenfeindlich: Sexuelle Belästigung ist im Alltag gang und gäbe, und wer sich wehrt, wird schnell bezichtigt, selbst schuld zu sein an der Attacke. Das Mädchen habe sich doch sicher aufreizend benommen, heißt es dann. Also schweigen die meisten Opfer sexueller Gewalt.

Sie geht in die Talkshows, gibt Interviews – und zieht vor Gericht

Samira ist zwar beschämt, schweigt aber nicht. Sie zieht durch Talkshows, gibt Interviews. Und sie klagt vor dem Militärgerichtshof darauf, dass der Arzt zur Rechenschaft gezogen wird. Und beim Obersten Verwaltungsgericht dagegen, dass in Militäreinrichtungen „Jungfrauentests“ durchgeführt werden dürfen. Sogenannte „Jungfrauentests“, bei denen per Hand überprüft wird, ob die Frau auch blutet, sind medizinisch wertlos und werden von Amnesty International als Folter angeprangert. Außerdem verlangt Samira die Aufhebung ihrer Bewährungsstrafe: Sie und viele Oppositionsgruppen in Ägypten sprechen den Militärgerichtshöfen das Recht ab, über Zivilisten zu urteilen.

„Sie ist eine echte Kriegerin und liebt ihr Land“, sagt Rascha Abdelrahman über Samira. Sie war zusammen mit ihrer Freundin verhaftet worden, auch sie musste den Test über sich ergehen lassen. Die Schneiderin bewundert Samira, nachtun will sie es ihr aber nicht. Sie habe seit dem Vorfall emotionale Probleme und würde einen Prozess nicht durchstehen, sagte Rascha bei einer Pressekonferenz gegen die Militärjustiz.

Samira ist gegen einen mächtigen Gegner ins Feld gezogen: Selbst ihre Anwälte halten es für unwahrscheinlich, dass die Armee einen der ihren eines Übergriffs für schuldig befinden werde. „Samiras Chancen, vor Gericht zu gewinnen, sind sehr, sehr klein“, sagt Adel Ramadan von der Ägyptischen Initiative für Bürgerrechte. Die Justiz setze darauf, dass Samira keine Zeugen findet, vor allem aber verschleppe sie den Fall. Samira sieht das gelassen. „Ich komme gerade vom Gericht, sie haben die Anhörung wieder vertagt, auf Ende Dezember“, sagt sie. „Macht nichts. Ich habe Zeit.“

Der Militärrat lenkt ein

Trotz aller Widerstände werde sich der Kampf auszahlen, sagt Samira. Tatsächlich hat der an ihr und ihren 16 Leidensgenossinnen durchgeführte „Jungfrauentest“ im prüden Ägypten einen ausgewachsenen Skandal ausgelöst. Auf keiner Demo gegen den SCAF genannten Militärrat fehlen fortan die Plakate, auf denen „Keine ‚Jungfrauentests‘ für Ägypterinnen“ gefordert wird. Unterstützer twittern „Wir sind alle Samira“.

Doch nicht allen gefällt deren aufgeschlossene Art. Auf Internetseiten ziehen vor allem Männer über die junge Frau her. Das grell pinkfarbene Kopftuch, der knallblaue Lidschatten sage doch alles: Samira sei eine „Nutte“, habe die Untersuchung „genossen“. Feinde Ägyptens hätten sie rekrutiert, um mit ihrer Klage dem Ansehen der Armee zu schaden, heißt es auf Anti-Samira-Blogs.

Tatsächlich hat Samira das Militär in die Bredouille gebracht. Denn dessen erste Reaktion, alles abzustreiten, schlug fehl. Je länger Samira für ihre Sache trommelte, desto mehr wuchs auch bei unpolitischen Ägyptern die Empörung. Schließlich musste der SCAF klein beigeben. Einer der 18 im Rat sitzenden Generäle räumte gegenüber CNN ein, es habe die Tests gegeben – jedoch nur, damit keine der Verhafteten später behaupten könne, sie sei vergewaltigt worden.

Im Juni dann sagte der Chef des ägyptischen Militärgeheimdiensts, Abdel Fattah al-Sisi, Amnesty International zu, die Jungferntests an Gefangenen einzustellen: ein kleiner Sieg für Samira, zumindest auf dem Papier. Denn ob Frauen in Haft seitdem tatsächlich in Ruhe gelassen werden, ist unklar.

Vielleicht schweigen die Opfer auch nur – so wie es alle taten, bis Samira kam.

Saudisches Gutachten

„Wenn Frauen Auto fahren, gibt es mehr Homosexualität“

Azza al-Shmasani hinterm Steuer: Riskantes Vergnügen in Riad

Zur Großansicht
REUTERS

Azza al-Shmasani hinterm Steuer: Riskantes Vergnügen in Riad

Zehn Peitschenhiebe für eine Autofahrt – in Saudi-Arabien werden Frauen hart bestraft, wenn sie sich ans Steuer setzen. In einem Gutachten liefert ein Geistlicher dafür nun die Begründung: Fahrende Frauen verlieren angeblich ihre Jungfräulichkeit, außerdem könnten sie in die Prostitution abrutschen.

Riad – Saudi-Arabien ist das einzige Land der Welt, in dem Frauen nicht Auto fahren dürfen – und das soll auch bitte schön so bleiben. Das zumindest fordert Kamal Subhi, ehemaliger Professor an der King Fahd University in Dhahran. In einem Gutachten, das er kürzlich dem gesetzgebenden Shura-Rat vorlegte, warnt er, es würde in zehn Jahren keine Jungfrauen mehr geben, wenn man das weibliche Geschlecht auf den Straßenverkehr loslasse.

 

ANZEIGE

Damit nicht genug der absurden Prophezeiungen: „Frauen das Autofahren zu erlauben würde einen Anstieg von Prostitution, Pornografie, Homosexualität und Scheidungsraten provozieren“, konkretisierte Subhi seine schlimmsten Befürchtungen laut dem britischen „Telegraph“. Er begründet diese Prognose mit dem Sittenverfall, den er in anderen islamischen Ländern beobachtet haben will, wo Frauen das Autofahren erlaubt ist.Untermauern will der in Saudi-Arabien anerkannte Fachmann die angeblich schwindende Moral mit einem persönlichen Erlebnis: Als Subhi einmal in einem anderen arabischen Staat – dessen Namen er nicht nennt – ein Café besucht habe, hätte ihm eine Frau mit einer Geste zu verstehen gegeben, dass sie „verfügbar“ wäre. „Das passiert, wenn Frauen Autofahren dürfen“, schlussfolgerte der Gelehrte aus dieser Szene.

„Der Bericht ist total geisteskrank“

Seit Monaten wird international eine große Debatte über das Frauenfahrverbot in Saudi-Arabien geführt. Im September war die 34-jährige Shaima Jastaniya zu zehn Peitschenhieben verurteilt worden, nachdem man sie in Jeddah am Steuer erwischt hatte. Das Urteil hatte großen Protest entfacht – bei Frauenrechtlern im Land sowie bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. König Abdullah hatte die Strafe schließlich aufgrund des öffentlichen Drucks ausgesetzt.

„Es ist ja gut und schön, dass Frauen in Saudi-Arabien ab 2015 wählen dürfen“, sagte Philip Luther von Amnesty International kürzlich dem „Telegraph“. „Aber was sind die Reformen von König Abdullah wert, wenn Frauen ausgepeitscht werden, wenn sie von ihrem Recht auf freie Bewegung Gebrauch machen?“ Um die Rechte von Frauen ist es in Saudi-Arabien extrem schlecht bestellt: Sie benötigen die Erlaubnis ihres Ehemannes, wenn sie arbeiten oder verreisen wollen – und sogar vor einer medizinischen Operation.

Eine saudi-arabische Aktivistin sagte der britischen „BBC“, Kamal Subhis aktuelles Gutachten sei „total geisteskrank“.

Am Internationalen Tag gegen Gewalt gegenüber Frauen stellte sich die Türkei an die Spitze der Gewaltgegner – und ratifizierte als erstes Land eine Konvention des Europarates, die diese Gewalt bekämpfen will. Da müssen mindestens 200 männliche Abgeordnete mitgestimmt haben, denn im türkischen Parlament sitzen nur neun Prozent Frauen.

Metin Uca, Fernsehmoderator, auf einer Männerdemo in Istanbul:

“In einer Zeit, in der Gewalt gegen Frauen als normal gilt und legitim, ist es gut, wenn Männer zeigen, dass da nicht jeder dahintersteht. Ich meine, das ist entscheidend.”

Findet eine Passantin gut:Leben

“Ich bin stolz auf diese Männer. Nicht auf alle Männer. Ich bin stolz auf die, die so denken.”

Gewalt gegen Frauen ist noch immer die häufigste Menschenrechtsverletzung – und jene, die am wenigsten verfolgt wird. In der Türkei zum Beispiel wurden seit Anfang des Jahres mehr als 100 Frauen im Kreise ihrer Familie umgebracht.

Nach UNO-Schätzung erlebt mehr als die Hälfte aller Frauen weltweit mindestens einmal in ihrem Leben sexuelle oder physische Gewalt. In Europa passiert das jeder sechsten Frau über 16, und zwar zuhause.

mit todayszaman

22. November 2011, 18:01, NZZ Online

Ungenutzte weibliche Wirtschaftskraft

Bericht der Weltbank deckt Folgen der Geschlechterungleichheit auf

Frauen verkaufen in Monrovia, Liberia, getrockneten Fisch. (Bild: Reuters)ZoomFrauen verkaufen in Monrovia, Liberia, getrockneten Fisch. (Bild: Reuters)

Die Gleichstellung der Geschlechter könnte in vielen Ländern zur volkswirtschaftlichen Produktivität und zur Verbesserung der Lebensbedingungen der nächsten Generation beitragen. Zu diesem Schluss kommt der Weltentwicklungsbericht 2012.

zas. Könnten Frauen in sämtlichen Bereichen arbeiten und alle Berufe ausüben, liesse sich die Produktivität in manchen Ländern um 25 Prozent steigern. So heisst es in einem Bericht der Weltbank, der dem Thema «Gleichstellung der Geschlechter und Entwicklung» gewidmet ist.

In Malawi und Ghana zum Beispiel könnten die Maiserträge um ein Sechstel gesteigert werden, wenn die Bäuerinnen den gleichen Zugang zu Düngemitteln hätten wie die Männer. Das schreibt die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) in einer Mitteilung.

Lebensbedingungen von Frauen haben sich geändert

Laut dem im September in Washington lancierten Entwicklungsbericht haben sich die Lebensbedingungen von Frauen und Mädchen in den letzten 25 Jahren stark geändert. Fortschritte wurden bei der Schulbildung, der Lebenserwartung und der Teilhabe am Erwerbsleben erzielt.

Weltweit stellen Frauen laut der Deza über 40 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung, 43 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte und über 50 Prozent der Studierenden an den Universitäten.

Die Rolle der Weltbank

zas. Die Weltbank wurde im Juli 1944 gleichzeitig mit dem Internationalen Währungsfonds (IMF) in Bretton Woods gegründet. Ihr ursprüngliches Mandat, den Wiederaufbau Europas zu unterstützen, hat sich seither stark ausgeweitet. Die Finanzinstitution übernimmt heute eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Armut. Jährlich fliessen den Entwicklungsländern zwischen 20 – 30 Mrd. Dollar zu. Die Weltbank erntet aber auch Kritik: Nichtstaatliche Organisationen, wie zum Beispiel Greenpeace, werfen ihr vor, die treibende Kraft der Globalisierung zu sein, indem sie die Öffnung der Märkte und die Privatisierungen in Entwicklungsländern seit Jahrzehnten fördert – ohne Rücksicht auf allfällige soziale oder ökologische Folgen. Die Schweiz ist seit 1992 Mitglied der Weltbank.

Diskriminierung von Frauen meistverbreitete Form der Ausgrenzung

Trotzdem bestehen nach wie vor Ungleichheiten: So haben Frauen und Mädchen in vielen Ländern eine deutlich höhere Sterblichkeitsrate. Und bei der Entlöhnung und der Vertretung in höheren Ämtern der Politik und Wirtschaft gibt es sowohl in den Entwicklungsländern als auch in den Industrieländern markante Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Die Deza ist überzeugt, dass die Diskriminierung von Frauen weltweit die am meisten verbreitete Form der Ausgrenzung darstellt und dass ungleiche Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern zu den Ursachen von Armut und politischer Instabilität gehören.