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Geschichte

BND vernichtet Unterlagen

250 Akten mit NS-Bezug sind weg

Der Bundesnachrichtendienst hat 2007 zahlreiche Dokumente vernichtet, die nach Einschätzung von Experten von großer historischer Bedeutung waren. Insgesamt 250 Personalakten mit Bezug zur NS-Zeit seien dem Reißwolf übergeben worden, kritisieren Historiker der unabhängigen Kommission zur Erforschung der Geschichte des Dienstes und zu den mutmaßlichen Verwicklungen seiner Mitarbeiter in NS-Verbrechen.

„Schlimmer Fall von Geschichtsvergessenheit“

Eingang zum BND-Standort in Pullach (Foto: AP)Großansicht des BildesDer Bundesnachrichtendienst gerät immer wieder in die Negativschlagzeilen.Der BND selbst bestätigte den Vorfall. Es sei „bedauerlich und ärgerlich“, auch wenn die zerstörten Akten nur etwa zwei Prozent des für das Geschichtsprojekt relevanten Bestandes ausmachten. Anders sieht das Thomas Oppermann, Vorsitzender des für die Kontrolle des Geheimdienstes zuständigen Bundestagsgremiums: Hier scheine „ein schlimmer Fall von Geschichtsvergessenheit“ vorzuliegen, so der SPD-Politiker. Dafür habe er kein Verständnis. Der Vorfall müsse jetzt schnell aufgeklärt werden.

Zwar hatte der BND selbst die Akten als „nicht archivwürdig“ eingestuft – das aber könnte nach Einschätzung der Kommission ein fataler Fehler gewesen sein: Denn unter den Dokumenten befanden sich auch Unterlagen von Personen, die in der NS-Zeit „signifikante geheimdienstliche Positionen“ innehatten, darunter in der SS, dem Sicherheitsdienst SD oder der Gestapo. „Darunter befinden sich auch BND-Mitarbeiter, gegen die der BND in den sechziger Jahren selbst Ermittlungen wegen schwerer NS-Belastung durchgeführt hatte“, sagte Kommissionssprecher Klaus-Dietmar Henke. Allerdings sei es nicht der Fall, „dass der BND etwa gezielt alle Akten von NS-Belasteten vernichtet hätte“, so Henke weiter. Die Kommission erwarte, künftig informiert zu werden, bevor potenziell bedeutende Dokumente dem Reißwolf übergeben werden.

Netzwerk der „alten Kameraden“

Die Historiker untersuchen vor allem den Zeitraum zwischen 1945 und 1968 und den damaligen BND-Vorläufer „Organisation Gehlen“. Gehlen selbst gilt als „Gründervater“ des BND. Er war Weltkriegsgeneral, der für Adolf Hitler mit der Wehrmachtsabteilung „Fremde Heere Ost“ Informationen über die sowjetische Armee sammelte. Nach Kriegsende hatte Gehlen „alte Kameraden“ in der „Organisation Gehlen“ – bis 1956 Vorläufer des BND – um sich gesammelt. Viele von ihnen waren vorher in der SS oder bei dem berüchtigten Reichssicherheitshauptamt, der Zentrale des organisierten Völkermordes an den Juden Europas, im Einsatz.

Pariser Polizeimassaker

Gewalt gegen Algerier vor 50 Jahren

Allerheiligen. In Frankreich ist es Tradition, der Toten – etwa mit Kerzen und Chrysanthemen auf den Gräbern – bereits an diesem gesetzlichen Feiertag zu gedenken. Statt am Folgetag, Allerseelen, der im römisch-katholischen Kirchenkalender das eigentliche Totenfest ist (aber hierzulande ein Werktag). Ich möchte am heutigen Tag in meinem Blog der Toten erinnern, die vor fünfzig Jahren in und um Paris einem Polizeimassaker zum Opfer gefallen sind. Nicht irgendeinem Massaker, sondern «der in der modernen Geschichte Westeuropas gewalttätigsten staatlichen Repression, die je eine Strassendemonstration hervorgerufen hat» – so die britischen Historiker Jim House und Neil MacMaster in ihrer massgebenden Studie «Paris 1961: Algerians, State Terror, and Memory», auf deren französischer Übersetzung der vorliegende Beitrag basiert.

Eines der Verdienste dieses 540-seitigen Buches ist es, den «schwarzen Oktober» 1961 in seinen historischen Kontext zu stellen. Ohne diesen sind die damaligen Geschehnisse schwerlich zu verstehen. 1830 beginnt Frankreich, Algerien militärisch zu besetzen; vier Jahre später annektiert es das Land. Am 8. Mai 1945 veranstalten die «Eingeborenen» («indigènes») anlässlich der Feiern zum Ende des Zweiten Weltkriegs friedliche Märsche, um für Rechtsgleichheit und gegen den Kolonialismus zu demonstrieren. In Guelma und Sétif schiesst die Polizei auf Demonstranten, woraufhin es dort und in umgebenden Dörfern zu blutigen Aufständen kommt. Deren Repression durch die Armee ist von einer Brutalität sondergleichen – Historiker schätzen, dass auf jeden der 102 ermordeten Europäer Dutzende, wo nicht gar Hunderte von niedergemetzelten «Eingeborenen» kommen. Es ist im Mai 1945, dass sich die Fronten definitiv verhärten. Knapp zehn Jahre später, am 1. November 1954, beginnt dann der eigentliche Algerienkrieg.

Es ist hier nicht der Ort, die Geschichte dieses ausserordentlich langen und «schmutzigen» Konflikts auch bloss zu skizzieren. Im Vergleich zu den Unabhängigkeitskriegen, in welche die Kolonialmächte Belgien, Holland, Grossbritannien und Portugal verwickelt waren, hatte der Algerienkrieg die Besonderheit, dass die Gewalt sich bis ins Herz des Imperiums hinein ausbreitete: bis in die Hauptstadt. Im Oktober 1961 dauerte der Konflikt schon seit fast sieben Jahren an. In dieser Zeit war ein grosse Zahl von Pariser Staatsbeamten und Wehrpflichtigen zeitweilig in Algerien gewesen und mit dem dortigen Zweiklassensystem vertraut geworden. Umgekehrt hatten nach Paris übergesiedelte «pieds-noirs» (wörtlich: «Schwarzfüsse», europäische Algerienfranzosen) die Umgangsmethoden der Kolonialherren mit den «Eingeborenen» in die Hauptstadt importiert – unter ihnen auch wegen ihrer besonderen Brutalität gegenüber Algeriern zwangsversetzte Polizisten. Der Titel eines Buches gegen die weitverbreitete Folterpraxis der Ordnungskräfte brachte 1958 das Problem der Kontaminierung der Metropole durch die Praxis der systematischen Menschenrechtsverletzungen in der Kolonie auf den Punkt: «La gangrène», der Wundbrand.

Auch der Pariser Polizeipräfekt, Maurice Papon, war vor seinem Amtsantritt 1958 insgesamt vier Jahre lang Präfekt von Constantine gewesen, dem Département von Guelma und Sétif. Das Repressionssystem gegen die hauptstädtischen Algerier im Allgemeinen und gegen die Führer der Unabhängigkeitsbewegung im Besonderen, das bereits 1949 – also lang vor dem eigentlichen Kriegsbeginn – eingerichtet worden war, erweiterte Papon sogleich um «diskriminierende und der Rechtsstaatlichkeit zuwiderlaufende Praktiken», so House und MacMaster. Abgekupfert war das «System Papon» der engen Einrahmung der Algerier durch den Front de libération nationale (FLN), die puncto Menschenrechte durch ähnlich wenig Skrupeln belastete wichtigste algerische Befreiungsbewegung. Laut den Historikern beruhte Papons Repressionssystem auf psychologischem Terror, genährt durch «die permanente Unsicherheit, die tägliche Angst vor Verhaftungen, die drohende Ausschaffung nach Algerien, durch materielle Zerstörungen, den Verlust des Arbeitsplatzes, nächtliche Hausdurchsuchungen, Zwangsumsiedlungen in weit entfernte Hotels»…

Hauptpfeiler des psychologischen Polizeiterrors waren allerdings die Strassenkontrollen und Verhaftungen zwecks Identitätsprüfung. In Papons zwei ersten Amtsjahren mussten sich je über 120 000 Algerier gegenüber Ordnungshütern ausweisen (die algerische Gesamtbevölkerung in und um Paris betrug damals rund 130 000 Menschen und stieg bis 1961 sprunghaft auf 180 000 an). Die Hälfte der aufgegriffenen Algerier wurden in ein spezielles Lager eingewiesen, ab 1959 das Centre d’identification de Vincennes (CIV). Dort wurden sie fotografiert und befragt und entweder nach zwei Tagen freigelassen oder aber als Verdächtige fünfzehn weitere Tage dabehalten. In letzterem Fall landeten sie dann entweder im Gefängnis, um durch ein Militärgericht verurteilt zu werden, oder aber mangels Beweisen in einem Internierungslager in der Provinz.

Metrostation Madeleine, 17.10.1961 (PD)

Die Polizeikontrollen waren der Vorwand für ein brutales Ritual. House und MacMaster beschreiben die Standardprozedur wie folgt: «Auf der Strasse, in einem Café oder zu Hause aufgegriffen, oft mit vorgehaltener Waffe, musste der Betroffene verbale und hernach physische Gewalt über sich ergehen lassen. Sein Ausweis und andere Papiere wurden zu Boden geworfen, beschlagnahmt oder vor seinen Augen zerrissen… Die Aggression war oft mit Raub verbunden, systematische Kontrollen am Ausgang von Fabriken fanden vermehrt am Zahltag statt. Polizeigewalt auf der Strasse ereignete sich häufiger in der Nacht oder früh am Morgen und in Algeriervierteln, wo weniger Gefahr bestand, dass europäische Zeugen protestieren würden. Im Allgemeinen wurden die aufgegriffenen Personen per Auto oder Lastwagen auf die nächste Wache gebracht, bevor sie zwecks Identifizierung und Befragung ins CIV weitergeschickt wurden.»

«Während des Transports konnte sich die Polizei in aller Diskretion noch ungleich sadistischeren Ritualen der rassistischen Gewalt hingeben. Die häufigste Vorgehensweise bestand darin, eine Demütigung mit einer pekuniären Strafe zu verbinden, indem etwa die Kleider der Verhafteten mit einer Rasierklinge zerfetzt oder mit Tinte befleckt und ihre Armbanduhren zertrümmert wurden… Die Schläge – vorzugsweise in den Bauch oder in die Geschlechtsteile, Körperteile, welche die Spuren von Gewalt weniger lang tragen – waren oft so heftig, dass viele Algerier wochenlang ins Spital mussten, mit gebrochenen Rippen, Armen oder Beinen, mit Kopfwunden und schweren inneren Prellungen.»

Das abscheulichste jedoch war die Existenz von richtiggehenden Folterkellern in den Hauptquartieren der Force de police auxiliaire, einer quasi militärischen Polizeibrigade, die Papon Ende 1959 aus «importierten» algerischen Hilfskräften zusammengestellt hatte. Importiert waren nicht nur die Männer, sondern auch ihre Methoden. Spätestens ab 1960 wurden «Verdächtige» in der Pariser Innenstadt genauso grässlich geschunden wie in Algier. Der Wundbrand hatte voll und ganz auf die Metropole übergegriffen.

Der Übergang von diesem brutalen «Courant normal» – der alles nur nicht normal war – zur mörderischen Rage beziehungsweise zur kaltblütigen Killer-Wut lässt sich exakt datieren. Ende August 1961 brach der FLN den Waffenstillstand, den er anlässlich zweier Verhandlungsrunden mit der französischen Regierung ausgerufen hatte. Innert fünf Wochen ermordeten seine Agenten in Paris 13 Ordnungshüter, in der Mehrzahl isolierte Polizisten auf dem Weg zur oder von der Arbeit. Die Gründe für diese Wiederaufnahme der Terrorattentate gegen Vertreter der verhassten Kolonialmacht sind partiell noch ungeklärt. Es scheint, dass die Entscheidung auf lokaler Ebene getroffen wurde – gegen den ausdrücklichen Befehl der algerischen Exilregierung. Meinungsverschiedenheiten und Machtkämpfe waren auf der algerischen Seite ebenso verbreitet wie auf der französischen.

Auf die für die hauptstädtischen Polizisten ausserordentlich demoralisierenden Attentate reagierte Papon mit einer Reihe von Repressionsmassnahmen, die Kollektivstrafen gleichkamen. So liess der Polizeipräfekt für jeden ermordeten Ordnungshüter eine gewisse Anzahl von Algeriern in ihr Heimatland ausschaffen. Zudem verlegte er zwei Einheiten der Force auxiliaire de police in von Algeriern bewohnte Vorstädte, von wo aus sie täglich die Umgebung terrorisierten. Ein Chefchirurg des Hôpital franco-musulman von Bobigny schrieb am 11. Oktober an Papon, seit Wochen würden Algerier mit schrecklichen Verletzungen eingeliefert, darunter «mehrfache Prellungen… Rippenbrüche, schwere Prellungen der Geschlechtsteile. Einer von ihnen wurde mit einem geplatzten Darm auf der Strasse aufgelesen.»

In der Vorstadt Puteaux, 17.10.1961 (PD)

Am 5. Oktober verordnete Papon eine Sperrstunde zwischen 20 Uhr 30 und 5 Uhr 30. Die diskriminatorische Massnahme betraf allein Algerier, auf dem Papier französische Staatsbürger mit den gleichen Rechten wie alle anderen. Da sie verfassungswidrig – und also ohne jede Rechtskraft – war, wurde sie als eine «äusserst dringende Empfehlung» ausgegeben. 14 000 Nachtarbeiter erhielten Passierscheine, die freilich keinerlei Garantie vor Festnahmen und Verprügelungen bildeten. Die Proklamation der Sperrstunde stiess im Justizministerium nicht auf den geringsten Widerstand, war der liberale, auf Rechtsstaatlichkeit und Respektierung der Menschenrechte bedachte Minister Edmond Michelet doch Ende August zugunsten eines ungleich «flexibleren» Kollegen entlassen worden. Und dies durch de Gaulles damaligen Premierminister, Michel Debré, der – wie Papon – ein erbitterter Gegner der algerischen Unabhängigkeit war. So hatte der Polizeipräfekt freie Hand für die Umsetzung einer Repressionspolitik, die – so seine Überzeugung – der Kriegssituation entsprechend die Menschen- und Grundrechte zeitweilig ausser Kraft setzen sollte.

Ab Anfang Oktober stellte Papon seinen Untergebenen gleichsam Blankochecks zum Töten aus. Bei der Beerdigung eines vom FLN ermordeten Polizisten gelobte er: «Für jeden empfangenen Schlag werden wir deren zehn austeilen». Als Vertreter der wichtigsten Polizeigewerkschaft ihn warnten, die Beamten an der Basis seien zunehmend schwer zu bändigen und drohten, zum Mittel der Selbstjustiz zu greifen, antwortete Papon unverblümt, er werde alle Übergriffe decken; im Übrigen sei es gang und gäbe, auf dem Körper eines unschuldig erschossenen Algeriers eine Waffe zu hinterlassen, um diesen so flugs zum Terroristen zu stempeln. Papon war freilich nicht allein schuld an der mörderischen Stimmung dieses Spätsommers, in dem die franko-algerischen Rechtsextremisten  – und namentlich die Mitglieder der Organisation armée secrète (OAS) – anfingen, aus Verbitterung über die zunehmend unabwendbar scheinende Unabhängigkeit Algeriens ihre Politik der verbrannten Erde und der Mordanschläge auf all ihre Gegner in blutige Taten umzusetzen. Nicht wenige Polizisten standen der OAS nahe, auch in der Hauptstadt.

Ab dem 1. September wurden aus der Seine und aus den Flüssen und Kanälen in und um Paris eine grosse Zahl von Algerier-Leichen gefischt, viele von ihnen unidentifizierbar. Papon und die Vertreter der Polizeipräfektur behaupteten, es handle sich um die Opfer inneralgerischer Abrechnungen. Solche hatte es vordem tatsächlich gegeben, aber zu jener Zeit hatte der FLN seinen Rivalen, den Mouvement national algérien, in der Hauptstadt völlig ausgeschaltet. Zudem war die Menge der Toten viel zu gross, als dass es sich um die üblichen durch den FLN ermordeten «Verräter» hätte handeln können.

Die Mär von den inneralgerischen Abrechnungen war auch deshalb unhaltbar, weil in sehr vielen Fällen Zeugen gesehen hatten, wie Algerier von Polizisten aufgegriffen worden waren, kurz bevor man ihre Leichen fand. Zudem überlebten manche Opfer von Mordversuchen und konnten so den Tathergang schildern. Dutzende von Algeriern wurden auf offener Strasse oder in ihren ärmlichen Hotels erschossen, ohne triftigen Grund – «Notwehr» hiess das im Polizeijargon. Noch zahlreichere wurden aufgegriffen, an einen abgelegenen Ort verschleppt und dort zu Tode geprügelt, erwürgt oder erschossen. Die Leichen warfen die Polizisten oft ins Wasser. In den acht Wochen von Anfang September bis kurz nach der Demonstration vom 17. Oktober waren regelrechte Todesschwadronen auf der Suche nach algerischen Opfern unterwegs.

In einer westlichen Vorstadt, 17.10.1961 (PD)

Seinen Höhepunkt erreichte das Morden bei der brutalen Niederschlagung der Massenumzüge, die der FLN aus Protest gegen Papons Sperrstunde organisiert hatte. Zwischen 20 000 und 30 000 Algerier nahmen an dieser Demonstration teil. Fotos zeigen Arbeiter im Sonntagsstaat, die sich mit ihren herausgeputzten Frauen und Kindern zu Fuss, per Bus, Metro oder Taxi nach dem Stadtzentrum aufmachen. Eine erste, grosse Gruppe wird am Pont de Neuilly abgefangen. Die Polizei drischt mit Knüppeln und Gewehrkolben, aber auch mit «nichtoffiziellen» Waffen wie Eisenstangen auf die Demonstranten ein. Etliche «Ordnungshüter» feuern sogar Schüsse auf die wehrlosen Algerier ab – der Ordnungsdienst des FLN hatte die Marschierenden vorab nach Waffen durchsucht. Die Fliehenden werden bis in die Innenstadt von Colombes hinein verfolgt: «Und wir schossen auf alles, was sich bewegt», erinnerte sich ein Polizist, «es war der Horror, zwei Stunden lang, zwei Stunden, es war eine Menschenjagd». Eine zweite Gruppe schafft es bis auf die Boulevards Saint-Germain und Saint-Michel. Nach ihrer Massakrierung schwimmen Schuhe, Mützen und Schals in Blutlachen. Eine dritte und letzte Gruppe wird bei den Metrostationen Opéra, Madeleine und Concorde abgefangen, wo sie über Stunden hinweg bestialische Misshandlungen erleiden muss.

Insgesamt 14 000 algerische Männer werden in dieser Nacht und in den beiden folgenden verhaftet und grossteils in das CIV sowie in zwei Sportstadien eingewiesen. Während der Fahrt in requirierten Linienbussen dreschen die Polizisten weiter auf sie ein; Gewerkschaften der Pariser Transportgesellschaft klagen später über den blutverschmierten Zustand, in dem die Busse ins Depot zurückgekommen sind. Beim Aussteigen vor den Stadien erwartet die Algerier ein «Empfangskomitee»: zwei Reihen von Polizisten, die sie zu einem sadistischen Spiessrutenlauf zwingen. Ein Wehrpflichtiger erinnert sich: «[Die Algerier] müssen 15 bis 20 Meter zurücklegen, die Hände auf dem Kopf, unter einem Hagel von Knüppel-, Ochsenziemer- und Gewehrkolben-Schlägen. Wer erschöpft auf den Zementboden fällt, wird mit Fusstritten in den Bauch, in die Geschlechtsteile und ins Gesicht traktiert. Um den Schlägen zu entkommen, beginnen die Algerier zu rennen; ein gestelltes Bein stoppt sie. Andere, auf den Zement geworfen, stehen nicht mehr auf; sie werden nachlässig zur Seite geschoben.»

In den Stadien darben Abertausende – unter ihnen Hunderte von zum Teil Schwerverletzten – mehrere Tage lang fast ohne Nahrung und medizinische Versorgung. Wer tollkühn genug ist, auf die Toilette gehen zu wollen, läuft Gefahr, dort erschossen zu werden – «Fluchtversuch» heisst das im Polizeijargon. Bis heute ungeklärt (und umstritten) ist die Frage, ob im Innenhof der Polizeipräfektur tatsächlich fünfzig Algerier zu Tode geprügelt wurden, wie drei oder vier uniformierte Ordnungshüter, noch sichtlich unter Schock, in der Nacht vom 17. Oktober Journalisten berichteten. Ein Algerier, der infolge der brutalen Prügel dort ein Auge und einen Hoden verlor, lag am Boden, als er Papon sagen hörte: «Liquidiert mir dieses Ungeziefer, diese dreckigen kleinen Ratten! Los! Macht eure Arbeit!»

Nichts veranschaulicht schlagender den Wundbrand, der Frankreich und seine Hauptstadt 1961 kontaminiert hat, als der Umstand, dass die Mordtaten des «schwarzen Oktobers» unbestraft und, was das Gros der Franzosen betrifft, lange Zeit unbekannt geblieben sind. Protest regt sich in den Tagen nach dem 17. Oktober zwar überall: Im Pariser Gemeinderat, in den beiden Kammern des Parlaments, seitens von Gewerkschaften, Studentenvereinigungen, einfachen Bürgern… Sogar in der Polizei rumort es ganz erheblich. Doch schon Mitte November ist der «schwarze Oktober» fast völlig von der Bildfläche verschwunden. Was ist da geschehen?

Erstens hat Papon mit der für ihn charakteristischen Mischung aus Lüge, Zynismus und Einschüchterung glänzend manövriert, um sich aus allen Schlingen zu ziehen. Zweitens hat de Gaulle die Machenschaften des Polizeipräfekten – den sowohl der Premierminister als auch der Innenminister schützten – zumindest schweigend gedeckt. Es gab damals gute «realpolitische» Gründe, der Pariser Polizei einen Skandal und die möglicherweise daraus erwachsende Spaltung zu ersparen: Das Land war am Rande des Bürgerkriegs, de Gaulle hatte gerade ein Attentat der OAS überlebt und wenige Monate zuvor einen Putschversuch algerischer Generäle. Drittens unterstanden die audiovisuellen Medien damals noch einer wirksamen Zensur und verfügten die Oppositionszeitungen nur über wenig Mittel, um die Wahrheit hinter der Staatspropaganda zu recherchieren. Viertens tat sich die Linke schwer, sich mit der Demonstration und also dem FLN zu solidarisieren – mit dem «kleinen» Polizeimassaker an der Metrostation Charonne, dem am 8. Februar 1962 acht antifaschistische «französische» (d. h. europäische) Demonstranten zum Opfer fielen, fand sie bald ein ideologisch ungleich konformeres Gedenk-Objekt. Endlich erschien es der Regierung des unabhängigen Algeriens ab 1962 opportun, die Rolle und Bedeutung des Widerstands in Frankreich zugunsten von jenem in Algerien zu minimieren. Damit Greueltaten wie jene des «schwarzen Oktobers» ins öffentliche Bewusstsein dringen, muss nicht nur die Faktenlage etabliert sein, sondern auch eine Bereitschaft zum Zuhören bestehen. Beides war damals nicht der Fall. So versanken die Überlebenden und Augenzeugen für lange Jahrzehnte in Schweigen.

Ein Graffiti am Pariser Pont des Arts erinnert an das Massaker, 17.10.2011 (Reuters)

Gegen 1980 tauchte das Massaker dann peu à peu aus der Versenkung auf. Die Linkszeitungen «L’Humanité» und «Libération» leisteten Pionierarbeit. Am 17. Oktober 1981 erwähnte das Staatsfernsehen erstmals die Mordtaten. 1984 erschien mit «Meurtres pour mémoire» von Didier Daeninckx der erste Roman zum Thema. Zum 30. Jahrestag des Massakers veröffentlichte der Historiker Jean-Luc Einaudi seine bahnbrechende Studie «La Bataille de Paris, 17 octobre 1961», der alle folgenden auf die eine oder andere Art und Weise verpflichtet sind.

Für das breite Publikum noch wichtiger war freilich der Prozess, der 1997 wegen seiner Rolle bei der Deportation der Juden im Département Gironde 1942 bis 1944 gegen Maurice Papon angestrengt wurde (und der mit seiner Verurteilung zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe endete). Ein «Prozess im Prozess» thematisierte da den «schwarzen Oktober». Amnestiegesetze hatten seit 1962 jede strafrechtliche Verfolgung der Täter verunmöglicht. Entsprechend ging es den Vereinigungen, die das Thema vor Gericht zur Sprache brachten, nicht um Recht, sondern um Wahrheit. Eine Konfrontation zwischen Papon und Einaudi brachte den ehemaligen Polizeipräfekten immerhin dazu, seine Einschätzung der Zahl der Todesopfer von 2 (sic) auf 15 zu revidieren, blieb sonst aber unergiebig. Dafür endete eine Verleumdungsklage von Papon gegen den Historiker 1999 mit der Feststellung des Gerichts, Letzterer habe aufgrund der hohen Opferzahl zu Recht den Begriff «Massaker» verwendet. Wie hoch genau diese Zahl war, wird vermutlich nie eruiert werden können. House und MacMaster schätzen sie – für die gesamte, achtwöchige Zeitspanne des «schwarzen Oktobers» – auf «weit über 120», Einaudi auf gut 200. Längerfristig führten diese beiden Prozesse zu einer Öffnung der Staatsarchive, die bis dahin nicht für Forscher zugänglich waren.

Bleibt die Frage nach einer offiziellen Anerkennung des Massakers durch die höchsten Staatsinstanzen. Eine Anerkennung, wie sie etwa Jacques Chirac 1995 für die Mitschuld des französischen Staats an der Judenverfolgung geleistet hat. Die fünf Jahre unter Nicolas Sarkozy werden auch in dieser Hinsicht eine verlorene Zeit gewesen sein. Aber ein Appell anlässlich des 50. Jahrestags des 17. Oktobers 1961 forderte jüngst «weder Rache noch Reue, aber Recht durch Wahrheit». Unter den Unterschriften findet sich auch jene des sozialistischen Präsidentschaftsanwärters, François Hollande. Mindestens ein Kapitel der Geschichte des «schwarzen Oktobers» bleibt noch zu schreiben – durch Hollande?

Marc Zitzmann

 

Aber die tagtäglichengrausamen Berichte über Krieg und Gewalt geben trotzdem keinen Grund zur Zufriedenheit

Gewalt

Steven Pinkers neue Geschichte der Menschheit

Beim Hören der Weltnachrichten will man nicht so recht glauben, was Steven Pinker in seinem neuen Buch, „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“ behauptet: dass es heute viel friedlicher zugeht als früher. Dem Kognitionsforscher der Universität Harvard in den USA ist freilich bewusst, dass die meisten Leute vom Gegenteil überzeugt sind.
Rückgang der Gewalttätigkeit

„Menschen kalkulieren Risiko auf der Basis von leicht abrufbaren Beispielen“, meint Steven Pinker. „Diese werden von einer immer effizienteren Medienmaschinerie in Form von Videos über Terrorangriffe, Kriege und Genozide aus aller Welt geliefert. Diese Bilder brennen sich also ins Gedächtnis ein und beeinflussen unsere Einschätzung.“

Doch tatsächlich gehe Gewalt und Gewalttätigkeit seit Jahrhunderten stetig zurück: „Ich hörte von historischen Kriminologen, dass Mordraten in jedem europäischen Land, wo es Statistiken gibt, massiv zurückgegangen sind. Ich hörte von Politikwissenschaftlern, die meinten: Den Leuten sei kaum bewusst, dass westeuropäische Staaten einander nicht mehr bekriegen. Früher brachen durchschnittlich drei neue Kriege pro Jahr aus. Jetzt ist die Zahl in Europa Null.“ Steven Pinkers gewichtiges Buch steckt voll solcher Zahlen.
Zahlen in Relation zur Bevölkerung

Der Kognitionsforscher weiß, dass ihm einiges an Überzeugungsarbeit bevorsteht, um einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln, was vielen Historikern klar ist: Gewalt nimmt ab. In Dutzenden Grafiken versucht er den Trend von den frühesten Gesellschaften der Jäger und Sammler bis heute zu belegen. Die Kurve beginnt links oben und fällt – mit gelegentlichen, teils recht steilen Zacken – nach rechts unten ab. Seien es nun Morde in Westeuropa vom späten Mittelalter bis heute, die Zahl der Kriege zwischen Großmächten ab 1500, oder Tote auf dem Schlachtfeld in zwischenstaatlichen Kriegen von 1946 bis 2008.

Steven Pinker vergleicht dabei nicht absolute, sondern relative Zahlen. Er stellt sie also ins Verhältnis zur jeweiligen Weltbevölkerung. „Absolute Zahlen sind bedeutungslos, weil die Weltbevölkerung ja zugenommen hat“, sagt er. „Das bedeutet: Für die höhere Zahl von Todesopfern gibt es auch mehr Leute, die an Unfällen oder an Krankheit sterben. Es gibt auch mehr Leute als früher, die sich ihres Lebens freuen. Man muss also die Lebenden mit den Toten gegenrechnen, und das erfordert, dass man Gewaltopfer anteilig berechnet.“
Genozide quer durch die Geschichte

Auf Basis seiner Kalkulationen präsentiert Steven Pinker beispielsweise eine Liste der 20 schlimmsten Taten, die Menschen je einander angetan haben. Der Holocaust taucht – in relativen Zahlen gerechnet – nicht in den Top 20 auf.

„Genozide ziehen sich durch die Geschichte“, so Pinker. „Während der Kreuzzüge wurden eine Million Juden und Muslime getötet. Die Weltbevölkerung betrug damals ein Sechstel der heutigen. Wenn man das multipliziert, kommt man auf 6 Millionen. Die Invasion von Dschingis Khan, der afrikanische Sklavenhandel, der Fall des Römischen Reiches – all diese Ereignisse kosteten ungeheuer viele Todesopfer. Damit will ich keineswegs den Holocaust verniedlichen, aber es wäre irreführend zu behaupten, dass Menschen nie zuvor in Massen getötet wurden.“
Wenig Empathie im Mittelalter

Die meisten Rezensenten akzeptieren Steven Pinkers etwas makaber anmutende Berechnungen. Eine der wenigen Ausnahmen: Ein Psychologe im Magazin „Scientific American“, der meint, relativer Rückgang sei wohl kein Grund zum Jubeln. Andere Kritik richtete sich dagegen, dass der Autor wirtschaftliche Faktoren als Ursache von Gewalt unterbewertet.

Doch Steven Pinker geht es nicht nur um reine Zahlen, sondern auch um das ehemals akzeptierte Ausmaß von Grausamkeit: „Man muss den Leuten bewusst machen, dass die gute alte Zeit so gut auch wieder nicht war. Die Aufklärung schaffte mittelalterliche Strafpraktiken ab, wie beispielsweise Rädern, bei lebendigem Leib die Gedärme herausreißen, am Scheiterhaufen verbrennen oder ein siebenjähriges Mädchen zu hängen, weil es ein Kleid gestohlen hatte.“

Diese, nach heutigen Begriffen, beispiellosen Grausamkeiten amüsierten die mittelalterlichen Bürger kolossal. Die Frage ist nun: Was verdarb den Menschen schließlich den Spaß an solchen Spektakeln? Den Menschen wuchs keineswegs aus dem Nichts ein Empathie-Modul im Gehirn, meint Pinker, Mitgefühl hatten sie immer empfunden. Doch die Frage ist: Für wen? Ursprünglich war Empathie nur für Freunde und Familie reserviert.
Steigende Empathie dank Zivilisierungsprozess

In der Aufklärung passierte, was der australische Philosoph Peter Singer als die Ausweitung des Kreises bezeichnet. Dieser ist nämlich elastisch und lässt sich beliebig auf mehr Menschen als den allerengsten Klan ausdehnen. Die logische Fortsetzung heute sind etwa UNO-Konventionen, wie beispielsweise jene gegen Kinderarbeit, die für alle Kinder auf der ganzen Welt gilt.

Und noch etwas hat sich ausgedehnt: was als Grausamkeit gilt. Noch vor zehn Jahren hätte beispielsweise kaum jemand Mobbing als Gewaltakt betrachtet.

Dieser Prozess, immer mehr Menschen quasi als Empathie-würdige Brüder zu betrachten, ist für Steven Pinker eine Folge des Zivilisierungsprozesses. Dieser verlief in Europa im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit grob beschrieben so: Aus dem Flickenteppich von Fürstentümern entstanden Königreiche – mit Infrastruktur, einem zentralen Justizsystem und regem Handelswesen. Diese institutionellen Veränderungen zogen psychologische nach sich.

„Die Menschen entwickelten mehr Selbstbeherrschung“, findet Pinker. „Sie ließen sich gewalttätige Impulse weniger oft durchgehen, weil sich die Gesellschaft verändert hatte. Ansehen war nicht mehr daran geknüpft, dass man sich als der brutalste, unerbittlichste Macho-Ritter gebärdete. Koopartives Verhalten lohnte sich viel mehr. Denn dann florierte das Geschäft mit den Nachbarn, und der König war einem wohlgesonnen.“

Komplexität in der staatlichen Organisation ging also mit einem Rückgang von Gewalt einher.
Ein Grund zur Hoffnung

Krieg galt bis ins frühe 20.Jahrhundert für viele Zeitgenossen als wünschenswert, sagt Steven Pinker. Der romantische Militarismus ist erst in den Senfgasschwaden des Ersten Weltkrieges zugrunde gegangen, und Friede – als erstrebenswerter Wert – hat sich erst nach 1945 etabliert.

Dass Gewalt und Gewalttätigkeit natürlich noch längst nicht abgeschafft sind, vermitteln die täglichen aktuellen Nachrichten. Der rückläufige Trend, über viele Jahrhunderte betrachtet, ist jedoch für Steven Pinker ein Grund zur Hoffnung.

Im nachfolgendem Text möchte ich Ihnen eine Geschichte ans Herz legen, die Sie mit Sicherheit ebenso faszinieren wird wie mich. Die Diabetes, den heimlichen Täter, seine Ursachen und seine Gehilfen und auch seine Auswirkungen auf unsere Füße (s. Foto).

DIE ZUCKER-STORY!

Unterhalten wir uns doch über die Rolle des Zuckers in der Geschichte. Zucker war Jahrtausende lang unbekannt. Fast ein Rätsel, wie unsere Vorfahren überleben konnten. Brauchten die Menschen der Frühgeschichte keinen Zucker? Oder doch?? Wichtige historische Schriften erwähnten Zucker nicht!! z. B. Der Koran oder das Neue Testament. Auch die alten Griechen kannten kein Wort für Zucker. Merkwürdig oder nicht?

Erst der griechische Arzt ARETEUS, der um 200 v. Chr. Lebte, kreierte das Wort DIABETES, das soviel wie Harnuhr bedeutet. Das Attribut MELLITUS kam erst später dazu.

Es ist sehr lehrreich, sich mit der Historie des Zuckers auseinander zusetzten. Zucker kommt wahrscheinlich aus Indien. Zucker war anno dazumal sehr teuer, ein Luxusgut, zunächst als Medizin verwendet.

Der Zucker war allerdings schon einige Zeit vor Christus im Gebrauch. Im PAPYRUS EBERS, einer frühen medizinischen Schrift aus Ägypten (ca. 1550 v. Chr.) wird schon das Symptom beschrieben, bei dem zuviel Urin ausgeschieden wird. Man kannte damals jedoch nicht die Ursache.

NEARCHOS, ein Admiral Alexander des Großen, beschrieb auf seiner Kreuzfahrt auf dem Fluss Indus 325 v. Chr. eine „Art Honig“, die in der Rohrpflanze (Zuckerrohr) wächst.

HERODOT nannte Zucker: „Fabrikhonig“.

PLINUS bezeichnete Zucker als „Honig aus der Rohrpflanze“.

Erst zu NERO`S Zeiten wurde Zucker als „saccarum“ aktenkundig: DIOSCORIDES beschreibt „erhärteten“ Honig, der saccarum genannt wird und in Indien und Arabien aus ‚Rohrpflanzen gewonnen wird. „Er ist hart wie Salz und zerschmilzt zwischen den Zähnen“.

Ab 600 v. Chr. gelingt den Persern an der Universität von Djondisapour die Zuckerraffinierung, womit dieser transport- und handelsfähig wird. 1306 zwingt sich bereits die Politisierung und Kommerzialisierung des Produkts Zucker: PAPST CLEMENT V. erhält in seinem Exil in Avignon den Rat, die Kreuzzüge in das Morgenland wieder aufzunehmen, „weil im Land der Sultane der Zucker in großen Mengen wächst und die Sultane daraus großen finanziellen Nutzen ziehen.“ Die Christenheit sollte diesem Ratschlag zu Folge diese Länder besetzten.

Der Zuckeranbau wurde insbesondere in Zypern Malta und Sizilien forciert.

Um 1400 waren die Portugiesen in Europa führend in der Zuckerindustrie, ein kommerzielles Erbe der Sarazenen. Die Sarazenen hatten während ihrer Besatzung der Iberischen Halbinsel den Anbau von Zuckerrohr eingeführt. Die Portugiesen verfolgten diesen landwirtschaftlichen Erwerbszweig dann weiterhin.

Der Portugiese HEINRICH DER SEEFAHRER suchte an der Westküste von Afrika Zuckeranbaufelder außerhalb des arabischen Einflussgebietes und entdeckte billige Arbeiter, die der Hitze auf den Zuckerplantagen gewachsen sind. Er bringt 235 Schwarze als Sklaven von Lagos nach Sevilla und verkauft diese dort. Geld und Sklaverei waren nun fortan die Merkmale des Zuckergeschäftes.

1456: Portugal beherrscht den europäischen Zuckerhandel. Aber auch Spanien betreibt das Zuckergeschäft mit großen Plantagen bei Sevilla, Granada und Andalusien. 1493: CHRISTOPHER COLUMBUS, der Entdecker Amerikas, schickt zwei Schiffsladungen von Bewohnern aus „Westindien“ (Karibik) nach Spanien zur Arbeit auf den Zuckerplantagen. Die humane Königen ISABELLA lässt sie jedoch zurückbringen. Ihr Nachfolger König FERDINAND überwindet ein paar Jahre später seine Skrupel und steigt in das Geschäft mit Sklaven im Zuckeranbau ein.

Bei seiner zweiten Reise nach Amerika nimmt COLUMBUS Zuckerrohr, das bis dahin auf den Kanarischen Inseln angebaut wurde, mit nach Hispaniola (heute Grenada/Haiti). Der Anbau war zunächst kein Erfolg, bis von den Kanaren aus Spezialisten in die Karibik geschickt wurden. Nachdem dort ein reicher Arzt um 1517 eine neue Technik der Zuckermühle entwickelte, wurde die Produktion rentabler. So schrieb man das Jahr 1522, als man den Export von Zucker nach Europa von Santo Domingo aus begann.

Doch auch in der östlichen Hemisphäre war die Produktion und der Gebrauch des Zuckers in vollem Gang. 1573 beschreibt der deutsche Botanist RAUWLFIA auf seinen Orientreisen die verweichlichende Wirkung des Zuckers als Konsumgift auf die arabischen Krieger.

Zwischen 1530 und 1570 bringen die Spanier für den Zuckeranbau Sklaven in ihre Mittelmeerplantagen und auf die Kanarischen Inseln. Um1560 baute KARL der V. von SPANIEN die pompösen Paläste von Madrid und Toledo aus den Erlösen des Zuckerhandels.

In der Zwischenzeit hatten die Spanier die einheimischen Awaraks der Westindischen Inseln in die Karibik durch körperliche Ausbeutung fast völlig ausgerottet und brachten nun Sklaven aus Afrika in ihre karibischen Zuckerrohrfelder.

Als die Spanier von den Engländern aus der Karibik vertrieben wurden, übernahmen diese den Sklavenhandel. Fortan blühte auch ein neues Geschäft mit dem Nebenprodukt der Zuckerproduktion: Aus der Zuckergärung wurde Rum gewonnen, den man mit schnellen Schiffen als Feuerwasser nach Nordamerika brachte, um es dort bei den Indianern gegen Felle einzutauschen.

Um 1500: Auch Holländer beteiligten sich am Zucker- und Sklavenhandel und bauen eine Raffinerie in Antwerpen. Die Holländer waren keine Unschuldengel, versorgten sie doch die britischen Inseln mit Sklaven und forcierten den Zuckeranbau in er Karibik.

1637 kontrollierten überwiegend die Holländer den Sklavenhandel von Afrika aus und den internationalen Zuckerhandel. Sie besaßen im 17ten Jahrhundert die Hälfte aller Tonnage an verfügbaren Schiffkapazitäten. Die so genannten ABC-Inseln der Holländer vor der Küste Venezuelas waren Kern des Sklavenhandels um ca. 1700. Cuacao war Hauptumschlagplatz für Sklaven, die von holländischen Händlern in die Virgin Islands (Jungferninsel) geschafft wurden, nicht wenige auch als Schmuggelware in die britischen und französischen Kolonien.

Die Dänen spielten in der Karibik keine große Rolle. Sie besiedelten ST. THOMAS (heute USA). König CHRISTIAN V. gründete eine Westindische Company und vergab Handelsrechte. Allerdings brachte der Zuckeranbau in der Karibik auch den Dänen Reichtum. Um 1835 zählte man in St. Thomas 1.892 Weiße (davon nur ein paar hundert Plantagenbesitzer), die 19.876!!! Sklaven ausbeuteten.

1588 erlässt die englische Königin ELISABETH ein amtliches Dekret und monopolisiert den westafrikanischen Sklavenhandel an die Company of Royal Adventurers of England.

Um 1600 war der Zuckerhandel bereits so lukrativ, dass die Engländer bereit waren, dafür Krieg zu führen. Mit dem Seefahrtsgesetz von 1660 schützten sie ihr Handelsmonopol auf Zucker, Tabak und andere Produkte aus den Kolonien.

Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ist auch Frankreich mitten im Zuckerhandel, der weiterhin von der brutalen Ausbeutung der Sklaven profitiert. Der französische Philosoph CLAUDE ADRIEN HELVETIUS  schreibt in seinem Buch: „Es erreicht keine Packung Zucker Europa, an der nicht Blut klebt“ und empfiehlt, keine Zuckerprodukte mehr zu kaufen. Dafür wird er von der Sorbonne (Universität in Paris) verdammt und der Klerus überzeugt die Gerichte, dass er von einem bösen Geist befallen ist. Unter Druck widerruft er seine These über den Zucker; sein Buch wird vom Henker verbrannt.

1792: Das erste Anti-Zucker-Komitee wird in England gegründet. Die nach Asien orientierte Britische Ost-Indien-Gesellschaft macht Reklame für ihren Zucker mit dem Slogan: „nicht von Sklaven hergestellt“. Die Aufdrucke ihrer Zuckerdosen enthielten außerdem den Hinweis: Eine Familie, die fünf Pfund ostindischen (nicht amerikanisch-karibischen) Zucker in der Woche verbraucht, verhindert die Versklavung oder den Mord an einem Mitmenschen.

Trotzdem wurde England zum Mittelpunkt des Zuckerhandels und damit auch lange Zeit der Garant der Sklaverei. 1662 importierte England 16 Millionen Pfund Zucker pro Jahr.

Um 1800 waren es bereits 160 Millionen Pfund Zucker. In einem einzigen Jahrhundert stieg also der Zuckerverbrauch (72 Pfund pro Person und Jahr) um das 8-fache und die Engländergaben damals für Zucker ebenso viel Geld aus wie für Brot!!!

1674: Der ‚Anatom und Arzt THOMAS WILLIS betreibt in der Londoner St. Martins Lane eine Praxis und befasst sich in seiner lateinischen Schrift Parmaceutic Rotuinalis mit einem bis dahin unbeschriebenen „süßlichen Geruch“ in der Harnflut seiner reichen und angesehenen Patienten. Er nennt diese ‚Symptome DIABETES MELLITUS. Dabei kombiniert er das griechische ‚Wort „Diabetes“ (Harnflut), das man lateinisch wegen der vermehrten Urinausscheidung als polyuria bezeichnen müsste, mit dem lateinischen Wort „Melitus“ zusammengesetzt aus Mel (Honig) und itis (Entzündung). Kommentatoren wie der Amerikaner ‚William Dufty meinen, Willis habe mit dieser „gemischten“ Namensgebung die eigentliche Ursache, den Zucker, des Übels Kern, mit Rücksicht auf die Zuckerprofite seines Klientels nicht mit dem üblichen lateinischen genannt, um keine Schwierigkeiten mit dem Establishment zu bekommen. Er war gewarnt – zumal GALILEUS GALILEI ein Jahr zuvor die Inquisition am Halse hatte.

Auch die Franzosen verdienten gut mit dem Zuckerhandel. Um 1700 war Zucker der wichtigste Exportfaktor. Der Zuckeranbau der Franzosen in der Karibik bleibt jedoch ab 1713 hinter dem der Briten zurück. Letztere hatten mehr Arbeitskräfte: Vertragslöhner und Sklaven. Noch um 1664 hatten die Franzosen auf Martinique 2681 Weiße und 12.704 schwarze Sklaven.

Als die Engländer während der Napoleonischen Kriege die Zufuhr der Rohstoffe, insbesondere Rohrzucker blockierten, wurde Zucker in Frankreich Mangelware. Der Preis stieg ins Uferlose. Nachdem der deutsche Wissenschaftler FRANZ KARL ACHARD mit Erfolg in Berlin mit der Zuckerproduktion aus einer Rübe experimentierte, die man aus Italien importierte, begannen auch die Franzosen unter dem Zwang der englischen Blockade mit der Entwicklung der Zuckergewinnung aus Rüben.

1812 erfand der Franzose BENJAMIN DELESSERT eine Methode, Zucker aus der „Baylonischen Rübe“ zu gewinnen. Napoleon ehrte ihn dafür mit Aufnahe in die Ehrenlegion. Damit war Frankreich unabhängig vom Zuckerohrimport. Napoleon ist was wenige wissen, aus der Historie des Zuckers und der Zuckerraffinierung nicht wegzudenken. Ein ganz ungewohnter Aspekt des Kaisers. Er ließ überall in Frankreich Zuckerrohrfelder anlegen und seine Industrie produzierte innerhalb kurzer Zeit 8 Millionen Pfund Zucker aus Rüben. Die Zuckerrationen für seine Russlandarmee waren somit gesichert. Die erbärmliche Arbeit und Sklaverei auf den Zuckerrohrfeldern neigte sich jedoch damit allmählich zu Ende.

Die Franzosen verboten 1807 den Sklavenhandel.

1833 folgten als erste die Engländer und ruinierten ihre Zuckerfarmer in der Karibik, speziell auf Barbados und Jamaika, indem sie eine Steuer zwischen 75 und 399 Pfund auf jeden gehalten Sklaven erhoben.

Wie sehr das mächtige Zuckerestablishment skrupellos um seine Monopole kämpfte, zeigt das Schicksal der Quäker in England. Sie propagierten die Kultivierung der Zuckerrübe. Als religiösen Gruppierungen wollten sie ein Zeichen gegen die Zuckersklaverei setzten, die ja nicht nur schwarze Sklaven betraf. In jenen Tagen waren auch so genannte Vertrags Löhner aus England zur Zwangsarbeit auf den Plantagen eingesetzt. Sie hatten sich eigentlich wenig von ihrem Schicksal ahnend, in die Karibik zur Plantagenarbeit verpflichtet. Der Plantagenbesitzer zahlte die Überfahrt Und kam für Nahrung und Unterkunft während der Vertragszeit auf, die in der Regel 3 – 4 Jahre betrug. Danach mussten sie ausbezahlt werden und waren frei. Diese Vertrags Löhner waren bis zum Ablauf ihres Arbeitsvertrages quasi Eigentum ihrer Arbeitgeber, in diesem Zeitraum fast so rechtlos wie die indianischen und schwarzen Sklaven. Sie konnten nicht weglaufen, konnten aber persönliches Eigentum behalten und vor Gericht klagen.

Kein Wunder, dass sich unter den Christen Europas Unmut über solche unchristlichen Praktiken breit machte und die Quäker den Ersatz des Zuckerrohrs durch die einheimische Rübe forderten. Die Zuckerindustrie machte daraufhin gegen die Kampagne der Quäker eine Gegenkampagne und bezeichnete die Zuckerrohrübenkultivierung als subversive Tätigkeit. Auf Befehl von „oben“ mussten die Zuckerrüben an die Kühe verfüttert werden. Die Entwicklung der Zuckerrübengewinnung war damit in England auf Jahrzehnte zurückgeworfen. Parallel dazu war auch leider der Sklavenhandel weiterhin rentabel.

Wie war es nun mit den AMERIKANERN? Nach Gründung der USA stiegen die Amerikaner in das Zuckergeschäft gleich in großem Stil ein, betrieben sie doch die Zuckerveredelung zunehmend industriell mit ihren Dampfmaschinen und der zur rechten Zeit neu erfundenen Vakuumsverpackung etc. Allerdings dauerte es lange, bis auch die USA von der Zuckersklaverei ließen. Kuba war jenes gequälte Land, das die Amerikaner lange ausbeuteten und ihren Rohzucker von dort bezogen. Als zynische Fügung der Geschichte waren diese Inselbewohner zur Belohnung bis heute von den USA boykottiert.

Und welche Rolle spielte DEUTSCHLAND und sein Zuckerestablishment in der Historie des Zuckers? Wer die Weltgeschichte studiert, findet wenig.

Die Deutschen stiegen als Nation erst später in das Geschäft mit Zucker und Sklaven ein, was nicht heißt, sie waren völlig unbefleckt. Immerhin gestattete die dänische Westindischengesellschaft dem Preußisch – Brandenburger Herzog mit seiner Afrika-Gesellschaft von 1685 bis 1718 St. Thomas, dort Sklaven zu verkaufen. Die 565 weißen Siedler auf St. Tomas, die auf dieser Insel um 1720 Zucker anbauten, ließen 4.187 Sklaven für sich arbeiten.

In Deutschland wurde Zuckerproduktion aus Rüben hauptsächlich während des Krieges vorangetrieben. Zentren in Bayern waren Zuckerfabriken in der Nähe von Regensburg und Plattling, die heute noch arbeiten.

Zucker in schlechten Zeiten fast ein Grundnahrungsmittel und rationiert, ist heute der klassische Überzug, für fast alles. 1976 entdeckte die amerikanische Industrie, dass es billiger ist Zucker aus Korn anstatt aus Zuckerrohr oder Rüben zu machen.

Seitdem wird HFCS (High Fruktose Corn Syrup) als Getreidesirup zunehmend auch bei uns als Süßungsmittel für Getränke, Backwaren und Fertignahrungsmittel verwendet. Dabei ist auch Fruktose in hohen Dosen nicht ungefährlich: Sie begünstigt Herzerkrankungen, Bluthochdruck und schwächt das Immunsystem.

Diskussionen darüber mit dem Diabetes-Patienten sind erlaubt – noch. Das Lauschangriffgesetz wurde nicht wegen kritischer Diskussionen über das Zuckerestablishment in Deutschland geschaffen. Es ist nur bei schweren Verbrechen gestattetet.

Also plaudern wir – über Diabetes, den heimlichen Täter, der seine Ursachen und seine Gehilfen, – mit seinen Opfern (den an Diabetes mellitus erkrankten)

entdeckt in: „Der Zuckerfuß“
Dr. med. Gerhard Fleischer, FA f. Orthopädie,
Schliersee/Oberbayern
Radikale Antwort auf die Krise
Vor 80 Jahren wurde die Sozialistische Arbeiterpartei gegründet. Florian Wilde über die Linksabspaltung von der SPD, die auch die politische Heimat Willy Brandts war

In der Geschichte der deutschen Sozialdemokratie kam es bisher drei Mal zu signifikanten Linksabspaltungen. Am bekanntesten dürften die größte – die der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands) 1917 – und die jüngste – WASG (Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit) – sein. Weit weniger bekannt ist die vor 80 Jahren am 4. Oktober 1931 gegründete Sozialistische Arbeiterpartei (SAP), die es in kurzer Zeit auf 25 000 Mitglieder brachte.

Ihre Wurzeln liegen im linken Flügel der Weimarer SPD. Um eine Debatte unter den bisher zersplitterten Linken zu organisieren, begann eine Gruppe um den Reichstagsabgeordneten Max Seydewitz 1927 mit der Herausgabe der Zeitschrift »Klassenkampf«. Zu ihr stieß bald der unumstrittene theoretische Kopf der SPD-Linken: der Reichstagsabgeordnete, ehemalige KPD-Vorsitzende und Schüler Rosa Luxemburgs Paul Levi.

Kritik an Regierungsbeteiligung

Im Zentrum der Kritik dieser »Klassenkampf«-Gruppe stand die Regierungsbeteiligung der SPD in einer Großen Koalition ab 1928. Sie sah in dieser einen Verrat an den sozialistischen Zielen der Partei. So hatte die SPD den Wahlkampf 1928 unter der Parole »Kinderspeisung statt Panzerkreuzer« geführt, um nach Regierungseintritt dem Bau jenes Kriegsschiffes zuzustimmen.

Mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 radikalisierte sich die Kritik der linken Opposition. Vehement forderte sie einen Austritt aus der Koalition und einen konsequenten Kampf gegen Sozial- und Lohnabbau. Doch das Gegenteil geschah: Nachdem die Große Koalition scheiterte, unterstütze die SPD die mit Hilfe von Notverordnungen am Parlament vorbei regierende autoritäre Rechtsregierung des Reichskanzlers Heinrich Brüning. Dessen Antwort auf die Krise war ein verschärfter Sozialabbau, der die Notlage der Proletarier weiter verschlechterte. Durch die Unterstützung dieser Politik diskreditierte sich die SPD in den Augen vieler ihrer Anhänger. Immer mehr Menschen wandten sich nun einer Kraft zu, die scheinbar radikale Antworten auf die Krise zu bieten hatten: der NSDAP.

Konkrete Tagesforderungen

1931 schrieb Max Seydewitz, im Angesicht der Krise dürfe sich die Sozialdemokratie nicht länger um die »Rettung der gegenwärtigen Wirtschaft, um die Erhaltung der bürgerlichen Gesellschaft« bemühen, sondern müsse die Massen mobilisieren »zum Kampf um den Sturz und die Beseitigung dieser kapitalistischen Gesellschaftsordnung«. Dafür seien konkrete Tagesforderungen »zur Milderung der Wirkung dieser Krise auf die Arbeiterklasse« notwendig.

Um diese durchzusetzen, bedürfe es »außerparlamentarischer Aktionen, deren Notwendigkeiten den parlamentarischen Kampf diktieren müssen«. Weiter schrieb Seydewitz: »Die Tagesforderungen, für die die Sozialdemokratie die Massen auf dem Wege zum sozialistischen Endziel mobilisieren und revolutionieren muss, müssen starken sozialistischen Einschlag haben, sie müssen den Massen als Rettung aus der hoffnungslosen Situation erscheinen.«

Ausschlüsse der Linken

Je radikaler die Linke den Kurs des SPD-Parteivorstandes kritisierte, desto schärfer ging dieser mit administrativen Maßnahmen gegen sie vor. Nachdem neun linke Abgeordnete im Reichstag gegen die Bewilligung weiterer Gelder für den Bau von Panzerkreuzern stimmten, begannen die Ausschlüsse der Linken. Da diese wohl zurecht davon ausgingen, dass für ihre kritischen Stimmen in der stalinisierten KPD kein Raum sein würde, nahmen sie die Gründung einer eigenen Partei, der SAP, in Angriff. Diese wurde vor allem von jungen Sozialisten und linkssozialistischen Intellektuellen wie Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky, Käthe Kollwitz, Albert Einstein und Lion Feuchtwanger begeistert begrüßt. Eine Reihe linkssozialistischer und oppositioneller kommunistischer Gruppen schloss sich der neuen Partei an.

Einheitsfront gegen Faschismus

Ihre Hauptaufgabe erblickte die SAP darin, eine Einheitsfront der verfeindeten Arbeiterorganisationen gegen die tödliche Gefahr des Faschismus zu erreichen. Doch SPD und KPD weigerten sich. Und je stärker die Nazis wurden, desto weniger waren Arbeiter bereit, mit ihren traditionellen Organisationen zu brechen und eine neue Partei aufzubauen. Die SAP blieb zu schwach, um die großen linken Parteien zu einer Kurskorrektur zu zwingen. Ihre geringe Größe verdammte sie dazu, der Geschichte Weimars keine entscheidende Wendung mehr geben zu können. So blieb die SAP dazu verurteilt, den Sieg des Faschismus weitgehend ohnmächtig erleben zu müssen.

Sofort nach der Machtergreifung durch die Nazis stellte sich die SAP auf illegale Widerstandstätigkeit um. Gemessen an ihrer Größe war sie vermutlich die Organisation, die den intensivsten Widerstand leistete. Noch im Januar 1934 hatte sie bis zu 14 000 illegal arbeitende Mitglieder. Mitte der 1930er wurden die meisten ihrer Strukturen zerschlagen, aber noch 1937 dürfte die Partei etwa 1000 aktive Mitglieder in Deutschland gehabt haben. An einigen Orten arbeiteten Organisationskerne der SAP bis Kriegsende weiter. Hunderte SAPler mussten ins Exil gehen. Etliche schlossen sich im Spanienkrieg den Milizen der marxistischen POUM an. Im Widerstand wie im Exil setzte sich die Partei weiter für eine Einheitsfront ein.

Zwischen SPD und SED

Nach Kriegsende schlossen sich einige Mitglieder der SED an, andere bildeten einen neuen linken Flügel in der SPD um die Zeitschrift »Funken«. Einstige SAPler wie der spätere SPD-Vorsitzende und Bundeskanzler Willy Brandt oder der langjährige IG-Metall-Vorsitzende Otto Brenner spielten nach 1945 eine wichtige Rolle im politischen Leben der Bundesrepublik. Max Seydewitz hingegen, der antifaschistischen Widerstand im schwedischen Exil leistete (während seine beiden Söhne in Stalins Straflagern in der Sowjetunion interniert waren), geriet Anfang der 50er Jahre in der DDR in die Mühlen einer Kampagne gegen ehemalige SAP-Mitglieder, musste »Selbstkritik« üben und wurde als sächsischer Ministerpräsident (seit 1947) abgelöst.