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Hunger

Ein Grund für die Aufstände im arabischen Raum: Bei durchschnittlich 1,44 Euro Tageslohn in Ägypten etwa  haben sich die Brotpreise vervierfacht! Aufgrund des billigen Geldes derzeit lohnt es sich Geld aufzunehmen und damit zu spekulieren, auch mit Lebenmitteln, was dann massiv zu Hunger führt. Das billige Geld, das unsere Krise bisher eingedämmt hat, führt in anderen Ländern zu massiver Verarmung durch die Spekulation.  Im Jemen zahlen die Menschen ein Viertel ihres Lohnes für ein Brot.

Brasiliens würdevolles Wachstum
Hungerbekämpfung als Basis für den sozialen Wandel in Brasilien

Brasiliens Bevölkerung wächst heute kaum noch. Dafür sind Millionen der Armut entflohen. Das einstige Entwicklungsland gilt als Beispiel für die Hunger- und Armutsbekämpfung.

Tjerk Brühwiller, Salvador da Bahia

Leben mit sieben Milliarden Menschen

Verschwunden sind die um Essen bettelnden Mütter und Kinder am Rande der Nationalstrasse BR-116 im Hinterland des Gliedstaates Bahia. Zehn Jahre ist es her, dass sich ihre verzweifelten Blicke in die Erinnerung des Durchreisenden gebrannt haben. In der Zeit dazwischen hat sich vieles verändert in Brasilien. Die Armut ist zurückgegangen und mit ihr der Hunger, die Unterernährung und die Kindersterblichkeit.

Laut den Statistiken sind 28 Millionen Brasilianer seit 2003 der Armut entflohen. Der Anteil Kleinkinder mit einem für Unterernährte typischen Wachstumsrückstand hat sich zwischen 1996 und 2009 von 13,4 auf 6 Prozent reduziert. Und die Kindersterblichkeit ist zwischen 1990 und 2008 von 53,7 auf 22,8 Promille gesunken.
Kampf dem Hunger

Brasilien gehört zu den wenigen Schwellenländern, die das erste Millennium-Entwicklungsziel erreichen werden: den Anteil der Hungernden an der Bevölkerung und der in extremer Armut lebenden Menschen zwischen 1990 und 2015 zu halbieren. Brasiliens Fortschritte gehen mit dem wirtschaftlichen Aufschwung einher. Sie sind aber vor allem auch auf den politischen Willen zurückzuführen – allen voran jenen des früheren Präsidenten Lula da Silva. Dem aus armen Verhältnissen stammenden Lula, der als Kind selbst Hunger gelitten hatte, ging die Halbierung von Hunger und Armut zu wenig weit. Kein Brasilianer solle hungern, versprach er vor seiner Wahl. Kaum im Amt, lancierte er 2003 das Programm Fome Zero («Null Hunger»). Ein Jahr später schuf er das Ministerium für soziale Entwicklung und Hungerbekämpfung, das eine Reihe von Sozialprogrammen koordiniert und dessen Budget sich in acht Jahren von 11,4 auf 38,6 Milliarden Reais (19,8 Milliarden Franken) erhöht hat.

Schon vor Lula existierten Programme zur Hungerbekämpfung auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene. Fome Zero übernahm die funktionierenden Projekte, kombinierte sie und weitete sie aus. Das Resultat war ein Paket aus über 30 nationalen Programmen, die den Zugang zu Nahrungsmitteln verbesserten und Produktionsanreize für Kleinbauern schufen. Ein Beispiel zeigt, wie die Programme ineinandergreifen: In etlichen Städten hat die Regierung öffentliche Kantinen für Einkommensschwache eingerichtet. Versorgt werden sie von Kleinbauern, was diesen dank Abnahmegarantien und fairen Preisen eine würdige Existenz ermöglicht. Von 2003 bis 2009 hat die Regierung 2,7 Milliarden Reais für den Kauf von rund 2,6 Millionen Tonnen Lebensmitteln in über 2300 Gemeinden ausgegeben.
Aufstieg der Armen

Das Flaggschiff von Fome Zero ist inzwischen allerdings ein wesentlich einfacher gestricktes Programm namens Bolsa Família, was sinngemäss übersetzt «Familien-Stipendium» bedeutet. Das Programm garantiert armen Familien ein minimales Einkommen und damit den Zugang zu Lebensmitteln. Über die Bolsa Família erhalten Mütter Direktzahlungen von 22 bis 200 Reais pro Monat, abhängig von der Anzahl Kinder und dem Monatseinkommen der Familie, das 140 Reais (72 Franken) nicht übersteigen darf. Im Gegenzug müssen sich die Mütter dazu verpflichten, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Heute profitieren 12,8 Millionen Familien in Brasilien von der Bolsa Família, die den Staat 2010 rund 13,4 Milliarden Reais (6,8 Milliarden Franken) gekostet hat. Laut Studien hat die Bolsa Família wesentlich zur Reduktion der Armut und der Unterernährung beigetragen. Gleichzeitig hat sich die Schulzeit erhöht. Konnten vor 10 Jahren 11,4 Prozent der 10-Jährigen nicht lesen, so sind es heute 6,5 Prozent.

Der Effekt der Bolsa Família geht jedoch weiter. Vom Programm profitieren nämlich nicht nur die Begünstigten. Das Geld, das der Staat umverteilt, gelangt unverzüglich wieder in den Umlauf. Das kommt nicht nur dem lokalen Gewerbe zugute, sondern der ganzen Wirtschaft. Wenngleich die Bolsa Família umstritten ist, beschweren sich in Wirtschaftskreisen die wenigsten darüber.

Zusammen mit den steigenden Minimallöhnen und vielen neuen Arbeitsplätzen hat die wirtschaftliche Einbindung der Armen dem Land nicht nur durch die Krise geholfen, sondern eine regelrechte soziale Umschichtung ausgelöst. 2003 gehörten noch rund 55 Prozent der Bevölkerung den zwei untersten Einkommensschichten an. Heute machen diese noch 37 Prozent aus. Mehr als 50 Prozent der Brasilianer zählen sich heute zum unteren Mittelstand, dem 2003 rund ein Drittel der Bevölkerung angehörte.

Der zunehmende Wohlstand hat auch dazu geführt, dass die Brasilianerinnen immer weniger Kinder gebären. 2010 hat die Fertilitätsrate mit einem Wert von 1,86 ein historisches Tief erreicht. Das Wachstum der brasilianischen Bevölkerung, die heute mit 191 Millionen die fünftgrösste der Welt ist, wird in geraumer Zeit stagnieren.
Unvollendeter Prozess

Brasilien gilt heute als Vorzeigemodell der Hunger- und Armutsbekämpfung. Zum zweiten Mal in Folge hat die Hilfsorganisation Action Aid das Land an die Spitze ihres Rankings gesetzt, das den Erfolg der Hungerbekämpfung bewertet. Mit José Graziano da Silva wurde ein Brasilianer an die Spitze der Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft gewählt. Und das Welternährungsprogramm der Uno hat soeben zusammen mit der brasilianischen Regierung ein weltweites Kompetenzzentrum zur Hunger- und Armutsbekämpfung eingeweiht.

Trotz allem Lob ist die Nahrungsmittelsicherheit in Brasilien ein Problem geblieben, über dessen Beseitigung eifrig diskutiert wird. Einer der wichtigsten Anlässe in dieser Frage, die 4. Nationale Konferenz zur Nahrungsmittelsicherheit und Ernährung, fand im November in Salvador da Bahia statt. Behördenvertreter, verschiedene Organisationen sowie auffällig viele internationale Teilnehmer waren gekommen, um über die Errungenschaften und die Herausforderungen in der Hungerbekämpfung zu diskutieren: Themen wie Nahrungsmittelpreise, Landrechte oder Klimaerwärmung wurden diskutiert. Im Zentrum stand allerdings die Debatte um die Nationale Politik für Nahrungsmittelsicherheit. Diese soll das Recht auf Nahrung gesetzlich verankern und die Grundlage für ein landesweites Versorgungssystem schaffen.

Der Plan, der 19 Ministerien involviert und damit weit über Fome Zero hinausgeht, ist eine der letzten Initiativen des ehemaligen Präsidentin Lula da Silva, der sich die Besiegung des Hungers auf die Fahnen geschrieben hatte. Auch seine Nachfolgerin Dilma Rousseff hat sich hohe Ziele gesetzt: Sie will bis zum Ende ihrer Amtszeit 2014 die letzten 16 Millionen in extremer Armut lebenden Brasilianer aus der Misere befreien. Ein Programm zur Ausweitung der Sozialhilfe ist bereits verabschiedet. Die Weltbank wird es mit 8 Milliarden Dollar unterstützen. Ob Brasilien damit der Sieg gegen die Armut gelingt, bleibt abzuwarten. Doch allein schon der politische Wille, es ernsthaft zu versuchen, hebt Brasilien von vielen anderen Ländern dieser Welt ab.

Weisse Minderheit

tjb. ⋅ Die Brasilianer weisser Hautfarbe sind erstmals nicht mehr in der Mehrheit. Laut der neusten Erhebung leben in Brasilien rund 91 Millionen Menschen mit weisser Hautfarbe, was einem Bevölkerungsanteil von 47,7 Prozent entspricht. Im Jahr 2000 betrug er noch 53,7 Prozent. 42,9 Prozent der Brasilianer bezeichnen sich als Mestizen, 7,9 Prozent als schwarz. Kleine Minderheiten bilden die Asiaten mit 2 Millionen und die Indigenen mit 800 000 Angehörigen.

Im Kongress zu Brasilia sind die Verhältnisse allerdings alles andere als proportional. Von den 513 Abgeordneten bezeichnen sich nur 43 als Schwarze oder Mestizen.

Mehrere Metropolen Brasiliens gehören zu den Städten mit der weltweit grössten dunkelhäutigen Bevölkerung. Als «schwarze Hauptstadt Lateinamerikas» gilt Salvador da Bahia, dessen Bevölkerung zu 80 Prozent aus Schwarzen und Mischlingen besteht.

Unicef schlägt Alarm

Hunderttausende Kinder in Afrika vom Tod bedroht

Die Hungersnot in Ostafrika ist offenbar weiter dramatisch. In Kenia, Somalia, Äthiopien und Dschibuti sind nach Unicef-Angaben immer noch schätzungsweise 320.000 Kinder so stark ausgezehrt, dass sie die kommenden Monate ohne internationale Hilfe nicht überstehen können.

Die Katastrophe sei nicht vorbei, sagte der Leiter der Unicef-Nothilfe in Ostafrika, Elhadj As Sy, in Berlin. Das UN-Kinderhilfswerk warb für seine Weihnachtsaktion unter dem Motto „Zeit zu teilen“ und um Spenden.

Schlimmste Lage seit 20 Jahren

Nothilfe-Leiter As Sy erklärte, die Situation in Somalia sei seit 1991/1992 nicht mehr so dramatisch gewesen wie jetzt. Die Aussichten für die kommende Ernte seien nicht gut. Anfang der 1990er-Jahre waren bei einer Hungerkatastrophe hunderttausende Menschen gestorben.

Im kenianischen Flüchtlingslager Dadaab leben 460.000 Menschen – das Lager sei zur drittgrößten Stadt des Landes geworden, berichtete As Sy. Ein Auslöser der Katastrophe war der fehlende Regen. Im von Krieg und Gewalt zerrütteten Somalia wird die Hilfe zudem durch die unruhige politische Lage erschwert.

„Die Hilfe kommt an“

In Deutschland sammelte Unicef bislang 16,1 Millionen Euro Spenden, was die Organisation als „sehr großzügig“ wertet. „Bitte lassen Sie nicht nach in Ihrer Hilfsbereitschaft“, sagte As Sy. Mehr als 100.000 akut bedrohte Jungen und Mädchen wurden laut Unicef bereits wieder aufgepäppelt. Die Hilfe komme an, versicherte die Organisation.

Bis Ende des Jahres würden für die Nothilfe zusätzlich rund 30 Millionen Euro gebraucht, darunter zur Behandlung von lebensgefährlichem Durchfall und Cholera, für Hygieneartikel, Ernährungsprogramme und Essensgutscheine.

http://www.tagesschau.de/ausland/hungersnotostafrika100.html