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Krise

DüsseldorfFührende Ökonomen in Deutschland bezweifeln, dass die Beschlüsse des EU-Gipfels zu einer Stabilisierung der Märkte beitragen. Ob Schuldenbremsen überhaupt funktionieren sei mehr als zweifelhaft, in jedem Fall bedürfe es Zeit, sie zu implementieren, sagte der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, Handelsblatt Online. „Zugleich wird die hiermit verbundene restriktive Fiskalpolitik die zu erwartende Rezession im Euro-Raum verschärfen.“ Horn hält zudem den politischen Schaden durch die Nicht-Einbeziehung Großbritanniens für immens. „Alles zusammen weckt kein Vertrauen, sondern Zweifel“, sagte Horn und fügte hinzu: „Kurzfristig kann ohnehin nur eine Intervention der EZB helfen.“

Auch der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Ferdinand Fichtner, reagierte enttäuscht. „In der Bekämpfung der akuten Krise ist die Politik keinen Schritt weitergekommen“, sagte Fichtner Handelsblatt Online. „So wurde weder eine Vergrößerung des Rettungsschirms noch eine verstärkte Intervention der Europäischen Zentralbank signalisiert. Nur so könnten aber die akuten Liquiditätsprobleme der südeuropäischen Volkswirtschaften überzeugend gelöst werden.“

Der Konjunkturchef des Münchner Ifo-Instituts, Kai Carstensen, wies auf die zahlreichen Risiken hin. Die Gipfel-Ergebnisse seien „nicht viel mehr als Absichtserklärungen“, die zudem noch von den beteiligten Ländern ratifiziert werden müssten, während die finanziellen Zusagen der EU-Staaten an den IWF über weitere 200 Milliarden Euro innerhalb von 10 Tagen umgesetzt würden. „Dieses Missverhältnis stimmt sehr nachdenklich“, sagte Carstensen Handelsblatt Online.

Darüber hinaus hätten die Staats- und Regierungschefs angekündigt, dass zum einen die Obergrenze für die Rettungskapazität des Rettungsfonds EFSF und des Dauer-Rettungsschirms ESM überprüft werden solle. Zum anderen solle die im ESM zumindest prinzipiell vorgesehene Möglichkeit, private Investoren an Verlusten von Staatsanleihen zu beteiligen, deutlich reduziert werden. „Es soll also die Haftung durch die Steuerzahler erhöht und die Haftung durch die Investoren beschränkt werden. Damit wird das Haftungsprinzip, ein Grundpfeiler der Marktwirtschaft, verletzt“, kritisierte der Ifo-Ökonom. Deutschland habe damit einmal mehr zusätzliche finanzielle Risiken übernommen.

 

 

http://www.handelsblatt.com/politik/international/oekonomen-zerpfluecken-merkozys-rettungsplan/5941280.html

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In Portugal werden jetzt ganze Dörfer meistbietend versteigert. Pereiro zum Beispiel, zweihundert Jahre alt, nahe der spanischen Grenze. Katalogpreis: sieben Millionen Euro.

Die Wirtschaftskrise trifft die ländlichen Regionen Portugals hart. Die Menschen wandern in die Städte ab. Und von dort weiter nach Übersee. Pereiro steht leer. Völlig leer.

Francisca und ihre Freundin Maria blieben in der Gegend. Gelegentlich unternehmen sie einen Spaziergang in die Vergangenheit, schlendern vorbei am Herrenhaus, vor dem einst Tanzveranstaltungen und Stierkämpfe stattfanden, werfen einen Blick auf die nun stille Schule, das Backhaus, die leeren Heuschober und Bauernkaten mit den eingefallenen Dächern. Hier brachte Maria ihre drei Kinder zur Welt. Francisca ist sogar achtfache Mutter, sie sagt: “Es ist so traurig, ich möchte am liebsten weinen. Wir hatten unser Leben hier, unsere Kinder sind hier geboren. Deshalb hoffe ich sehr, dass der Käufer unseres Dorfes die Häuser repariert. Ich hoffe, dass das geplante Touristenresort Arbeit für meine Kinder und die anderen jungen Menschen aus der Gegend schaffen wird. Denn sie sind stark und wollen arbeiten.”

Maria Joana Pereira stimmt ihr zu: “Es wäre schön, wenn die jungen Leute hier bleiben könnten, darum brauchen wir Arbeit. Aber wenn es keine Beschäftigung gibt, müssen sie natürlich versuchen, im Ausland einen Job zu finden. Von meinen drei Kindern ist nur der Älteste hier geblieben, aber er hat auch nur eine Arbeit weit weg gefunden.

Franciscas Kinder überlegen, nach Brasilien auszuwandern. Doch es fehlt an Geld für das Flugticket. Einer von Marias Söhnen hat den Sprung nach Übersee bereits geschafft: er arbeitet als Flugzeugmechaniker in Angola. Der Zustand ihres Dorfes macht der Mutter zu schaffen: “Das macht mich sehr traurig, ich bin hier aufgewachsen. Unser Dorf in diesem verlassenen Zustand zu sehen, tut weh.

Portugal ist ein klassisches Auswanderer-Land. Zwischen 1886 und 1966 verließen fast drei Millionen Menschen ihre Heimat, im westeuropäischen Vergleich kann hier nur noch Irland mithalten. Eines jedoch ist neu: Früher verließen Arbeiter und Arme das Land. Heute sind es die Universitätsabgänger und Fachkräfte.

In Lissabon werden mit jedem Krisentag die Warteschlangen vor den Konsulaten Angolas und Brasiliens länger. Gut ausgebildete Portugiesen, ganze Familien, die Elite des Landes, sieht keine Zukunft mehr im krisengeschüttelten Europa. Die junge Generation blickt nach Übersee.

Wir sind verabredet mit einem Mann, der hin- und hergerissen ist zwischen Heimatliebe und Arbeitsplatzsuche. Wir treffen ihn am Belem-Turm, von hier aus stachen schon vor Jahrhunderten Entdecker und Auswanderer in See. Im März wird Felipe Pathé Duarte seinen Doktortitel in der Tasche haben. Was dann? Bleiben oder auswandern? Felipe kämpft mit sich: “Leider ist die Abwanderung von Fachkräften in Portugal eine Tatsache. Doch eigentlich wollen die Menschen bleiben. Aber sie haben hier keine Möglichkeiten. Sie können im Ausland weitaus mehr erreichen. Es gibt allerdings noch dieses Gefühl von Anstand, in Portugal bleiben zu müssen, um etwas für sein Land zu tun.”

Viele Portugiesen zieht es nach Brasilien und Angola, denn dort wird portugiesisch gesprochen und die Wirtschaft boomt. In Evora treffen wir Sergio Silva, der im Januar nach Angola geht. Ein Karrieresprung: dort, in der Hauptstadt Luanda, wird er Team-Chef, verantwortlich für Anlage und Pflege der öffentlichen Gärten und Parkanlagen. Er sagt: “Angola ist ein Land mit einer starken wirtschaftlichen Entwicklung. Aktuell arbeiten in Angola bereits viele gut ausgebildeten Portugiesen, vor allem gut ausgebildete Techniker. Da ich selbst einen akademischen Hintergrund und Erfahrungen mit der Blumenzucht habe, bin ich sehr zuversichtlich, was meine beruflichen Chancen in Angola betrifft.”

Die Aussichten für Portugals Wirtschaft sind düster. Und die Schlangen vor den Arbeitsagenturen werden ebenfalls länger. In den vergangenen Jahrzehnten investierte Portugal massiv in Hochschulen und Erziehung. Doch aufgrund der Krise kann das Land die begabten Nachwuchskräfte nicht mehr halten. Wissenschaftler warnen: Portugal ist auf dem Weg ins wirtschaftliche Abseits. Professor Joao Peixoto von der Technischen Universität Lissabons meint dazu: “Die größten Probleme aus meiner Sicht betreffen die Wirtschaft und die Innovation. Portugal lässt so viele kompetente und gut ausgebildete Menschen ins Ausland gehen. Und dabei hat das Land so viel in die Bildung dieser Menschen – einschließlich der Promovierten – investiert. Sie ziehen zu lassen, ist eine gewaltige Verschwendung von Ressourcen.

Dieser Mann ist ein Pionier: Joao Francisco Charneca ist ein Brückenbauer quer über den Atlantik, ein Türöffner für junge Portugiesen, die nach Brasilien auswandern wollen, um dort zu arbeiten. Als Bildhauer hat er sich einen Namen auf beiden Kontinenten gemacht. Wir treffen ihn in seinem portugiesischen Heimatdorf Azaruja, beim Schweißen einer Regenwaldblume aus Stahl. Francisco, im Zweitberuf Landschaftsarchitekt, wird bald auswandern in die Dschungelregion Mato Grosso, um dort den urbanistischen Wildwuchs mit europäischem Know-how in nachhaltige Bahnen zu lenken. Die Idee: Portugal produziert zu viele Landschaftsarchitekten. Brasilien braucht Tausende. Eine Jahrhundert-Chance für junge Universitätsabgänger, meint Francisco:

“Brasilien ist ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Das neue Masterstudium der Landschaftsarchitektur schafft neue Möglichkeiten, um das Land nachhaltig und organisiert aufzubauen. Und natürlich ist das auch eine Chance für junge portugiesische Landschafts-Architekten, die Lust auf das große Abenteuer oder ihre erste berufliche Chance haben. Der große Unterschied zwischen Europa und Brasilien bzw. ganz Lateinamerika ist doch: Dort in Übersee, da haben Sie noch Platz für ihre Träume und den Raum, Neues zu schaffen, während hier in Europa doch bereits alles getan ist.

In Lissabon sind die Kopfjäger unterwegs. Seit Jahresbeginn steht das Telefon nicht mehr still, bei den internationalen Arbeitsvermittlungs-Agenturen für Führungs- und Fachkräfte. Wer hat die besten Chancen in Brasilien und Angola? Eine Antwort kann der Rekrutierungsmanager Antonio Fernandes Costa geben: “Meistens hoch qualifizierte Profile und vor allem technische Ingenieure, Ingenieure aller Art wie zum Beispiel für den Elektrobereich. Aber jetzt fängt auch die Suche nach Finanz-Direktoren und Geschäftsführern an. Wir sehen einen Bedarf vor allem für die Industrie, das Handwerk und den Bau.”

Aber nicht alle Auswanderer-Träume werden wahr. Fernando Castro zog in den siebziger Jahren nach Brasilien, gründete eine kleine Möbelfirma. Doch das Abenteuer scheiterte: Als Brasiliens Wirtschaft in den neunziger Jahren im Währungs-Chaos zu versinken drohte, holte Fernando die versteckten Dollars aus der Matratze und kehrte zurück nach Portugal. Heute steckt Europa im Sumpf der Währungskrise und Fernando schickte seinen Sohn nach Brasilien. Als Familienvater mit Migrations-Erfahrung, welchen Rat hat er für die jungen Portugiesen? Bleiben oder auswandern?

Fernando Castro sagt: “Wenn sie die Möglichkeit haben, Portugal für was auch immer für ein Land zu verlassen, für Brasilien, Angola oder die USA, würde ich den jungen Leuten raten, diese Möglichkeit zu nutzen. Denn hier in Portugal gibt es für die Jugend keine Zukunft mehr.”

Antonio ist Tierpfleger. Doch auch im Veterinärbereich ist Portugals Arbeitsmarkt gesättigt. Antonio träumt von Raubkatzen und Rinderherden. Weltweit verschickte er Bewerbungen an Wildparks und Freilandfarmer. Er will weg, egal wohin: “Das Hauptproblem ist die große Anzahl von Tierärzten, die von den portugiesischen Unis abgehen und keinen Job finden. Auch ich habe keine Arbeit gefunden. Die Lösung könnte sein, sich in Ländern nach Arbeit umzusehen, die Veterinäre suchen und bessere Bedingungen in der Viehproduktion und im Tierschutz bieten.”

Die letzten verlässlichen Daten zur Fachkräftemigration Europas stammen aus dem Jahr 2000. Bereits damals verließ jeder fünfte gut-ausgebildete Portugiese sein Land. Vergleichbar nur noch mit Irland und Polen. Seitdem hat sich die Lage dramatisch verschlechtert. Der Fachkräfte-Verlust nimmt horrende Ausmaße an. Wird Portugal diesen Verlust verkraften?

http://de.euronews.net/2011/12/08/portugal-laesst-seine-zukunft-ziehen/

http://www.youtube.com/watch?v=265vI5r4eYg&feature=youtu.be

http://www.youtube.com/watch?v=Vn6p4z-Vwa4&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=J8-FYKKne0s&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=8GKgCZjuyqc&feature=related

http://www.youtube.com/watch?v=a0ucCto75_Q&feature=related

Immer stärkere Spaltung der Gesellschaften in Arm und Reich: Schon 2008 standen wir nur wenige Tage vor dem Zusammenbruch des Finanzsystems. Das Massenabheben der Bankguthaben hatte schon begonnen. Dann retteten die Staaten die kollabierende Privatwirtschaft mit Billionenkonjungturpaketen: Die Wirtschaft sprang wieder an, aber die Staaten waren nun über die Maßen verschuldet. Jetzt folgen die Spar-/Kürzungspakete, die wahrscheinlich  in die große Wirtschaftskrise führen werden, weil sie die Kaufkraft und darüber die Wirtschaftskraft zu zerstören drohen!

http://www.youtube.com/watch?v=OYA59QTiVCs

 

Italien erwartet mit Spannung die für morgen angekündigte Vorstellung des Super-Sparpaketes von Mario Monti.

Noch bleibt offen, ob es ein Sparpaket von 20, 25 oder mehr Milliarden ist – auch: wo und wie Monti die Summe einsparen möchte.

Klar indes ist, der neue Ministerpräsident will Italien aus der Schuldenkrise holen.

Doch die Italiener bleiben skeptisch, diese Frau meint:“Uns wurde gesagt, wir bräuchten mehr Wachstum – das kann aber kaum steigen, wegen der Steuern!”

Ein älterer Herr:“Er sollte Italien retten: aber nicht, indem immer nur die Gleichen den Preis zahlen müssen.”

Ein Student:“Einsparungen gern! Aber nur wenn die Politiker auch bei sich damit anfangen.”

Montis Spar- und Sanierungspaket muss in Italien akzeptiert werden und die skeptischen Finanzmärkte wie auch Brüssel überzeugen.

Morgen dann soll das Kabinett die Reformen per Gesetzesdekret auf den Weg bringen.

http://de.euronews.net/2011/12/04/sparbeschluesse-mit-spannung-erwartet/

Ein Kommentar von Sven Böll

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Merkel zockt am Abgrund

Ein Kommentar von Sven Böll

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Foto: AFP

Das Vertrauen der Märkte in die Euro-Staaten schwindet, sogar zahlungsfähige Länder bekommen kaum noch Geld. Setzt sich die Abwärtsspirale fort, ist die Währungsunion bald Geschichte. Doch die Bundesregierung verweigert sich weiter allen Lösungen – und wird damit zum größten Risiko des Euro.

Info

Es gibt eine extrem riskante Verhandlungsstrategie. Sie wird in der Spieltheorie Brinkmanship genannt. Frei übersetzt bedeutet das so viel wie „Zocken am Rande des Abgrunds“. Der ehemalige US-Außenminister John Foster Dulles prägte den Begriff in den fünfziger Jahren. Damals versuchten die USA, den Expansionsdrang der Sowjetunion mit der Androhung eines Atomschlags zu bremsen. „Die notwendige Kunst besteht darin, bis zur äußersten Grenze zu gehen, ohne in einen Krieg verwickelt zu werden. Wer sie nicht beherrscht, schlittert in den Krieg. Wer versucht, davor davonzulaufen (…), der ist verloren“, sagte Dulles.

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Damit die Strategie erfolgreich sein kann, muss der Zocker genau wissen, wo der Abgrund verläuft. Er sollte sich außerdem im Klaren darüber sein, was passiert, wenn das Prinzip „Gestern standen wir noch am Abgrund, heute sind wir schon einen Schritt weiter“ Realität wird.So, wie die Bundesregierung derzeit agiert, sind Zweifel angebracht, ob Angela Merkel und ihre Mitstreiter genau wissen, wann der „point of no return“ erreicht ist, der Euro also wirklich nicht mehr zu retten ist.

Wer Geld hat, legt es besser nicht in der Euro-Zone an

Das Vertrauen der Märkte in die Mitglieder der europäischen Währungsunion und die Banken, die deren Schulden finanziert haben, schwindet zusehends. Die jüngste Geldschwemme der Notenbanken ist nur ein weiteres Indiz dafür, wie groß die Verunsicherung ist. Regierungen und Unternehmen weltweit bereiten sich auf den Euro-Notfall vor, selbst wenn die dramatischen Folgen eines Auseinanderbrechens der gemeinsamen Währung kaum zu überblicken sind.

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Um zu verstehen, warum die Euro-Zone am Abgrund wandelt, muss man sich nur ein paar naheliegende Fragen stellen:

  • Warum sollte ein privater Investor einem kriselnden Euro-Land noch Geld leihen, wenn Staaten – siehe Griechenland – allen anfänglichen Bekenntnissen zum Trotz doch pleitegehen können? Oder ihnen von finanzkräftigen Ländern mit dem Rauswurf aus der Währungsunion gedroht wird, wie es Angela Merkel und Nicolas Sarkozy getan haben?
  • Weshalb sollten China, Indien oder andere aufstrebende Wirtschaftsmächte Milliarden in europäische Staatsanleihen investieren, wenn sie damit rechnen müssen, für ihre bestehenden Euro-Devisenreserven bald Pesetas, Lire oder vielleicht auch gar nichts mehr zurückzubekommen?
  • Wieso sollte eine Bank einer anderen noch einen Kredit zugestehen, wenn sie fürchten muss, dass sich die Staatsanleihen in deren Portfolio vom Vermögenswert zum Verlustbringer entwickeln?
  • Und wieso sollten Kleinsparer angesichts dieser Unsicherheit ihr Geld weiter einem Finanzinstitut anvertrauen?

Niemand kann diese berechtigten Zweifel im Moment ausräumen. Wer Geld hat, legt es deshalb besser nicht in der Euro-Zone an. Und wer dort investiert hat, sieht zu, dass er seine Anlagen möglichst abzieht. Setzt sich diese Abwärtsspirale fort, ist der Kollaps von Staaten und Banken bestenfalls noch eine Frage von Monaten.

Eher von Wochen.

Foto: AFP

2. Teil: Disziplin und Kontrolle allein werden nicht reichen

Die Bundesregierung, auf der alle Hoffnungen ruhen, wird der dramatischen Lage nicht gerecht. Sie macht einfach das, was sie seit Ausbruch der Krise immer getan hat: brav sagen, man werde alles tun, um den Euro zu retten. Und dieses Bekenntnis sogleich ad absurdum führen, indem alles, was wirklich helfen könnte, ausgeschlossen wird. Mehr Spielraum für die Europäische Zentralbank (EZB), Anleihen aufzukaufen? Himmel hilf! Gemeinsame Schuldverschreibungen aller Euro-Länder? Gott bewahre!

Deutschland hat die anderen Länder der Euro-Zone seit Ausbruch der Schuldenkrise zu immensen Anpassungen gezwungen. Sie müssen sparen und reformieren und sollen nun im Rahmen einer Reform der EU-Verträge Souveränität nach Brüssel abgeben. Die Sanierungsprogramme sind zweifellos berechtigt. Unstrittig ist auch, dass die Staaten der Euro-Zone wichtige Kompetenzen in derHaushaltspolitik an eine europäische Anti-Schlendrian-Stelle abtreten müssen.

Nur werden mehr Disziplin und Kontrolle allein nicht reichen. Die meisten Länder (Deutschland eingeschlossen) werden noch Jahre brauchen, bis sie ihren Haushalt ausgeglichen haben. Und selbst dann sind sie auf einen vernünftigen Zugang zu den Finanzmärkten angewiesen. Jedes Jahr müssen die Mitglieder der Euro-Zone zusammen Hunderte Milliarden Euro alter Schulden durch neue ablösen.

Einspringen der Notenbank nur eine Übergangslösung

Was die aktuelle Situation so gefährlich macht, ist nicht der mangelnde Sparwille der Regierungen. Es ist vielmehr die Tatsache, dass die Finanzmärkte mit dem Schlimmsten rechnen. Weil sie den Euro-Kollaps inzwischen als realistische Gefahr einstufen, geben sie selbst den Staaten, die ihre Schulden normalerweise bedienen können, kein Geld mehr – zumindest nicht zu erträglichen Konditionen. Irland ist auf einem guten Weg, müsste Anlegern die Kredite aber mit zehn Prozent verzinsen. In Spanien stiegen die Renditen auf die Schuldpapiere nach dem überwältigenden Sieg der Volkspartei, die im Wahlkampf weitere Reformen angekündigt hatte.

Die Krise lässt sich nur entschärfen, wenn die Euro-Zone – zusätzlich zu einem wirksamen System der Haushaltskontrolle – sicherstellt, dass alle im Prinzip zahlungsfähigen Staaten auch liquide bleiben. Diese Aufgabe könnte die EZB übernehmen. Sie ist in der Lage, so viel Geld zu drucken, wie es braucht, um die aktuelle Marktdynamik zu stoppen. Aber das Einspringen der Notenbank kann nur eine Übergangslösung sein. Die negativen Folgen sind zu groß – vom Verlust der Unabhängigkeit über eine höhere Inflation bis zum Problem, dass die EZB nicht die Haushaltspolitik der Staaten kontrollieren kann.

Vielversprechender ist die Einführung von gemeinsamen Anleihen aller Staaten der Währungsunion. Die sogenannten Euro-Bonds lassen sich – anders als viele Deutsche meinen – durchaus so gestalten, dass die Haushaltsdisziplin nicht geschwächt, sondern im besten Fall sogar weiter gestärkt wird.

So hat etwa Arnaud Marès von der Investmentbank Morgan Stanleyvorgeschlagen, dass ein Land jedes Jahr nur so viele neue Euro-Bonds herausgegeben kann, wie es das von Brüssel abgesegnete Konsolidierungsprogramm vorsieht. Wer sich nicht an die europäischen Vorgaben hält und mehr Geld braucht, muss es sich mit nationalen Staatsanleihen besorgen. Weil diese nachrangigen Gläubigerschutz haben, im Fall einer Umschuldung also erst bedient werden, wenn die Käufer der Euro-Bonds versorgt sind, sind die Zinsen der nationalen Anleihen zwangsläufig höher. So etwas nennt man gemeinhin einen ökonomischen Anreiz.

Wer überreizt, riskiert den Absturz ins Chaos

Natürlich bedeuten auch intelligent gestaltete Euro-Bonds nicht das Ende der Krise. Aber sie können immerhin zwei Probleme gleichzeitig lösen: die derzeitige Abwärtsspirale stoppen, in der selbst zahlungsfähige Staaten kaum noch Geld bekommen; und starke (weil finanzielle) Anreize für alle Mitglieder der Währungsunion schaffen, in Zukunft solide zu wirtschaften.

Verweigert sich die Bundesregierung weiter der Einführung von Euro-Bonds, riskiert sie, dass die Euro-Zone dem Abgrund immer näher kommt. Es war richtig, die anderen Länder zunächst zu zwingen, ihre Haushalte in Ordnung zu bringen und Reformen anzustoßen. Doch wer überreizt – offenbar, weil er die Brisanz der Lage unterschätzt – riskiert den Absturz ins Chaos. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,801233,00.html

http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,801233,00.html