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Menschenrecht auf Ernährung

Etwa eine Milliarde Menschen auf der Welt hungern und sind unterernährt, mit bleibenden Schäden für ihre Gesundheit, ohne Perspektive für ihr Leben. Allein im Jahr 2010 stiegen die Nahrungsmittelpreise um ein Drittel und nur dadurch wurden mehr als 40 Millionen Menschen zusätzlich in absolute Armut gestürzt. Es gab aber auch einen anderen Rekord: Bis Ende März 2011 haben Kapitalanleger wie Versicherungen und Pensionsfonds 600 Milliarden Dollar in die von den Investmentbanken und Hedgefonds aufgelegten Papiere für Wetten mit Rohstoffen, darunter Mais und Weizen, investiert. Gibt es hier einen belegbaren Zusammenhang? Schädigt eine außer Rand und Band geratene Finanzindustrie auch das Leben und die Gesundheit der Ärmsten, indem sie die Nahrungsmittelpreise treibt? foodwatch wollte genau wissen, inwieweit diese Vorwürfe begründet sind und durch eine ausführliche Dokumentation der Situation und der Argumente größere Klarheit in diese Debatte bringen. Wir haben deshalb den Journalisten und ausgewiesenen Finanzexperten Harald Schumann beauftragt, die wichtigsten Analysen zu sichten, mit den beteiligten Akteuren zu sprechen, Wissenschaftler zu interviewen und den bisherigen Stand der Debatte zusammenzufassen. Auf dieser Basis hat foodwatch konkrete politische Forderungen aufgestellt. Der Report „Die Hungermacher: Wie Deutsche Bank, Goldman Sachs & Co. auf Kosten der Ärmsten mit Lebensmitteln spekulieren“ liefert erdrückende Belege dafür, dass die Nahrungsmittelspekulationen an den Rohstoffbörsen die Preise treiben und Hunger verursachen. Sie reichen vor allem aus, um unverzügliches Handeln der Politik einzufordern. Zuvorderst die Europäische Union muss den Handel an den Rohstoffbörsen streng regulieren, damit von ihm keine negativen Auswirkungen mehr auf die Nahrungsmittelversorgung der Menschen ausgehen können. Diese Regulierung ist ein wichtiger Bestandteil der Regulierung des gesamten Finanzsektors, die ohnehin überfällig ist

http://foodwatch.de/foodwatch/content/e10/e45260/e45263/e45318/foodwatch-Report_Die_Hungermacher_Okt-2011_ger.pdf?nwlid=1408&nwlti=Newsletter+8%2F2011+vom+10.11.2011+&idw=20119814

 

Die „Hungermacher“ Banken und ihre unmoralischen Lebensmittel-spekulationen

Sie gelten als „Hungermacher“ – Banken, die mit Spekulationsgeschäften die Preise für Nahrungsmittel hochtreiben und dadurch den Hunger in der Welt verschärfen. Den Volksbanken, Raiffeisenbanken, Sparkassen oder Landesbanken traut man solch fragwürdige Zockerei mit Lebensmitteln kaum zu. Doch ausgerechnet sie mischen über Tochtergesellschaften im Geschäft mit Nahrungsmitteln mit.

Autor: Hendrik Loven, Josef Streule Stand: 08.11.2011

Protest gegen die Macht der Banken. Empörung über Spekulanten. Die Occupy-Bewegung macht auch gegen spekulative Geschäfte mit Nahrung mobil.

In einer Werbeanzeige stellen sich die Volks- und Raiffeisenbanken auf die Seite der Demonstranten – und erwecken den Eindruck, zu den „guten“ Banken zu gehören.

Doch ausgerechnet auch die Genossenschaftsbanken zocken mit Nahrungsmitteln, wie uns der Finanzexperte Alexander Berger zeigt: So haben die Volks- und Raiffeisenbanken gleich Dutzende Zertifikate für Weizen im Angebot. Damit lässt sich spekulieren.

Alexander Berger, Fondsmanager: “Wenn ich davon ausgehe, dass der Weizenpreis weiter auch steigt, dann kaufe ich hier ein Weizenzertifikat, dann setze ich als Anleger darauf, dass der Weizenpreis auch steigt, der Weizenpreis teuerer wird, also die Lebensmittel in dem Bereich sich verteuern.“

Wetten auf höhere Nahrungsmittelpreise: Der unabhängige Fondsmanager Alexander Berger lehnt solche Spekulationsgeschäfte grundsätzlich ab.

Alexander Berger, Fondsmanager: “Ich möchte nicht beteiligt sein an der Verknappung der Lebensmittel, dass einfach auch Leute auf der Welt aufgrund der teureren Preise, die dadurch auch stattfinden, Hunger leiden.“

Die Weltbank schätzt: Wegen steigender Nahrungsmittelpreise mussten allein 2010 zusätzlich 40 Millionen Menschen Hunger leiden. Schuld daran sind oft Ernteausfälle, zunehmend aber auch Spekulanten.

Denn Finanzanleger überschwemmen mit immer mehr Geld die Rohstoffbörsen. Dabei wollen sie Agrarrohstoffe aber nicht wirklich kaufen. Die Spekulanten setzen einfach darauf, dass die Preise in Zukunft steigen. Das Problem dabei ist: Wenn viele solche Wetten auf den Terminmärkten laufen, treibt das die Preise offensichtlich nach oben.

Daten der amerikanischen Aufsichtsbehörde über die Warenterminmärkte zeigen: Gehen die Investitionen der Spekulanten in Agrarrohstoffe in die Höhe, dann ziehen die Nahrungsmittelpreise ebenfalls an.

Wir wollen wissen, wie stark ist dieser Effekt?

Der Bremer Professor Hans Bass hat eine aktuelle Studie über die Verschärfung des Hungers durch Spekulanten verfasst. Dabei hat er errechnet: Finanzinvestoren sind für 15 Prozent der Preissprünge von Nahrungsmitteln verantwortlich. Die Auswirkungen sind dramatisch.

Prof. Hans-Heinrich Bass, Hochschule Bremen: “Bei den Wetten auf dem Nahrungsmittelmarkt geht es nicht um Hunderte von Betroffenen, da geht es um Tausende, wenn nicht sogar um Hunderttausende von Betroffenen. Wenn sich also eine Familie statt der zwei Mahlzeiten am Tag, weil auf die Tatsache gewettet wurde, dass der Preis für Lebensmittel doppelt so hoch ist wie vor einem Jahr – wenn sich eine Familie also dann nur noch eine Mahlzeit am Tag leisten kann, dann denke ich, ist das ein unethischer Wettgegenstand.“

Zocken mit dem Hunger. Hinweise für Spekulation mit Nahrungsmitteln finden wir auch bei den Sparkassen.

So bietet die Deka-Bank, der Fondsanbieter der Sparkassen, einen Rohstofffonds an, der kräftig in landwirtschaftliche Produkte investiert.

Die Deka-Bank will sich vor der Kamera dazu nicht äußern. Schriftlich teilt sie uns mit:

“Der Fonds kopiert die Preisbewegung eines breit gestreuten Index (…) mehr oder weniger passiv. Er spekuliert nicht auf steigende oder fallende Preise.“ Was soll das heißen?

Auch die Landesbank Baden-Württemberg argumentiert ähnlich.

Sie hat ebenfalls einen Rohstofffonds im Angebot. Hier können Anleger nicht nur auf Getreide setzen – sondern auch auf Lebendrinder und Magerschweine.

Trotzdem teilt die Bank schriftlich mit: “Der Fonds ‘LBBW Rohstoffe 1‘ (…) investiert nicht direkt in Rohstoffe.“ Stimmt das?

Bankeninsider Thomas Heidorn erklärt uns: die vermeintlich indirekten Geschäfte sind in Wahrheit direkte Nahrungsmittel-Zockerei. Denn ein raffiniertes Konstrukt mit sogenannten Tausch-Partnern führt letztlich dazu, dass Rohstoffe wirklich gekauft werden.

Prof. Thomas Heidorn, Frankfurt School of Finance & Management: “Am Ende der Kette ist vermutlich jemand, der sich absichert, und der kauft dann eben physischen Weizen, das heißt irgendwo, wenn ich jetzt Weizen kaufe, sehr viel später irgendwo im System wird einer auf die Idee kommen, sich gerne abzusichern, und der würde tatsächlich dann den Rohstoff Weizen kaufen und einlagern.“

Die Banken nehmen somit billigend in Kauf, dass Nahrungsmittel zeitweilig verknappt – und somit teurer werden.

Die Volks- und Raiffeisenbanken mischen auch mit Fonds der Tochter Union Investment mit: Hier finden wir Rohstoffspekulationen, die auf steigende Preise bei Nahrungsmitteln laufen.

Wir haken nach und bekommen zur Antwort, die Volksbanken-Tochter gehe verantwortlich mit möglichen Problemen um: “Gerade in Zeiten ‘überschießender‘ Preise halten wir uns mit Investitionen zurück bzw. bauen Positionen tendenziell ab.“

Doch die Fondsmanager von Union Investment selbst schreiben in einem aktuellen Bericht: “In den letzten Wochen setzte das Fondsmanagement bei Mais und Zuchtvieh mit Erfolg auf steigende Notierungen und konnte in diesen beiden Sektoren von den Wetterkapriolen in den USA profitieren.“

Profit aus Missernten schlagen, Spekulationsgewinne auf Kosten der Armen: Was hält die deutsche Welthungerhilfe davon?

Wolfgang Jamann, Generalsekretär Deutsche Welthungerhilfe e.V.: “Es wäre schon wünschenswert, dass die Bundesregierung, die ja Anteile hält an diesen Banken, oder auch die Kommunen und Länder, dass die ihren Einfluss ausüben darauf, dass diese Banken auf die Spekulation mit Nahrungsmitteln verzichten, oder dass sie sie zumindest zurückschrauben und nicht mehr aggressiv bewerben.“

Der Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly sitzt für die deutschen Städte im Vorstand des Sparkassen- und Giroverbandes. Nach Beratung mit der Deka-Bank räumt er ein:

Ulrich Maly, Oberbürgermeister Nürnberg, Vorstand Deutscher Sparkassen und Giroverband: “Das hat die Deka-Bank von sich aus angekündigt, und sie sagt, wenn sich herausstellen sollte, dass wir hier unwissentlich Kollateralschäden verursacht haben, etwa in Form von Nahrungsmittelverknappung, dann werden wir sofort unsere Konsequenzen ziehen, und die können nur heißen, solche Geschäfte werden nicht mehr gemacht.“

Hoffentlich. Denn eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass Banken keine Geschäfte zu Lasten Hungernder machen.

http://www.br.de/fernsehen/das-erste/sendungen/report-muenchen/lebensmittelspekulationen100.html

EU unterminiert Bericht zufolge ihre eigene Entwicklungspolitik

07. November 2011 17:50

Concord: Milliardenhilfen könnten viel besser wirken

Brüssel – Die EU unterminiert einem Bericht zufolge ihre eigene milliardenschwere Hilfe für Entwicklungsländer, weil sie beispielsweise in der Handels- und Landwirtschaftspolitik denselben Ländern schadet. Die Europäische Union verfehle damit eine Vorgabe des Lissabon-Vertrages für eine stimmige Entwicklungspolitik, erklärte Concord, der Spitzenverband der europäischen Hilfsorganisationen, am Montag in Brüssel. Die EU könne die Wirkung ihrer 53 Milliarden Euro Entwicklungshilfe pro Jahr beträchtlich verstärken, wenn sie die Kohärenzvorgaben von Lissabon einhalte, hieß es in einer Mitteilung zum Concord-Jahresbericht 2011.

Entwicklung vor Ort wird behindert

Dem Bericht zufolge hat die EU in bestimmten Bereichen sogar Rückschritte gemacht. So seien die Ausfuhren von Milchpulver nach Schwarzafrika im vergangenen Jahr um 62 Prozent gestiegen, auch wegen Exportsubventionen, beklagt der Bericht. Der Export billigen Milchpulvers nach Afrika ist ein Beispiel, das Entwicklungsorganisationen bei ihrer Kritik an der EU-Politik seit vielen Jahren anführen. Die Organisationen machen geltend, dass die Einfuhren die Entwicklung der afrikanischen Landwirtschaft behindern, weil die einheimischen Produkte nicht mit ihnen konkurrieren können.

Weiteres Problem: Landraub durch ausländische Firmen

Die auf Umweltschutz zielende EU-Energie- und Verkehrspolitik führt zu einem weiteren Problem, wie der Bericht zeigt. So nähmen europäische Unternehmen, die beispielsweise Biosprit produzieren, am sogenannten Landraub teil; dabei werden fruchtbare Flächen in Entwicklungsländern teils zu Spottpreisen an ausländische Firmen verpachtet. Solche Projekte könnten „massive Verletzungen der Rechte“ der einheimischen Bevölkerung bedeuten, weil ihr wertvolle Anbauflächen verlorengehen, zitiert der Bericht eine Entwicklungshilfe-Expertin.

Die EU-Kommission verwies in einer ersten Reaktion darauf, dass ein Teil der angesprochenen Probleme nur im weltweiten Einvernehmen lösbar sei. Wenn etwa die Billigimporte von Geflügel aus der EU nach Westafrika eingestellt würden, würden die Einfuhren aus Asien und Südamerika dennoch weitergehen, sagte ein für die Landwirtschaft zuständiger Kommissionsmitarbeiter. Nichtsdestoweniger wolle die Kommission den negativen Einfluss der Agrar- auf die Entwicklungspolitik verringern.

Doch Ethanol und Biodiesel werden fast ausschließlich aus Nahrungsmitteln hergestellt: Mais, Weizen, Zuckerrohr, Ölpalme, Raps oder Soja. Die Nahrungsmittel werden knapp und die Preise steigen massiv. Agrosprit verschärft damit weltweit Unterernährung und Hunger. Agrospritkonzerne reißen sich riesige Landflächen unter den Nagel und vertreiben die Bevölkerung. Da Ackerland weltweit knapp ist, werden Regenwälder und andere wertvolle Ökosysteme für Anbauflächen zerstört.

UNO, Weltbank und OECD empfehlen: Schluss mit sogenanntem Biosprit

An der Protestaktion haben sich seit dem 02.11.2011 8486 Menschen beteiligt

Nahrungsmittel sind kein Spritersatz 
Nahrungsmittel sind kein Spritersatz

Die Regierungen der G20-Länder sollten „in ihren nationalen Richtlinien die Bestimmungen streichen, die die Produktion und den Verbrauch von Biosprit subventionieren oder vorschreiben“, so schreiben die Autoren der Studie wörtlich. Zu diesen gehören das Welternährungsprogramm (WFP) und die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) der Vereinten Nationen, die Weltbank, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Europa (OECD) sowie sechs weitere internationale Institutionen.

Die G20-Länder wollen mit der angeblich grünen Energie vor allem das Klima schonen. Zu ihnen gehören die großen Industrienationen wie USA, Japan und Deutschland sowie die EU, aber auch aufstrebende Länder wie China, Indien und Brasilien.

Die EU hat bereits 2009 beschlossen, dass bis 2020 mindestens 10 Prozent des Kraftstoffs aus „erneuerbaren Quellen“, d.h. hauptsächlich Agrarsprit stammen müssen. In Deutschland hat die Bundesregierung Anfang des Jahres die Einführung von E10-Kraftstoff vorgeschrieben. Dem fossilen Benzin werden dabei 10 Prozent Ethanol beigemischt. Allein in der EU wird die Herstellung von Agrosprit mit jährlich etwa 3 Milliarden Euro Steuergeldern finanziert.

Doch Ethanol und Biodiesel werden fast ausschließlich aus Nahrungsmitteln hergestellt: Mais, Weizen, Zuckerrohr, Ölpalme, Raps oder Soja. Die Nahrungsmittel werden knapp und die Preise steigen massiv. Agrosprit verschärft damit weltweit Unterernährung und Hunger. Der UN-Sonderbotschafter für das Recht auf Nahrung, Olivier de Schutterer, fordert in einer Stellungnahme an die G20: „Die Staatschefs müssen jetzt beweisen, dass sie die gemeinsame Erklärung der internationalen Organisationen vor fünf Monaten gehört haben; sie drängen die G20-Länder dazu, die Subventionierung von Biosprit zu beenden. Es reicht nicht aus, das Thema zu erwähnen, die G20 müssen das Menschenrecht auf Ernährung vor die Interessen der Industrie stellen.“ Schon 2007 bezeichnete sein Amtsvorgänger Jean Ziegler „Biokraftstoff als ein Verbrechen gegen die Menschheit“.

Agrospritkonzerne reißen sich riesige Landflächen unter den Nagel und vertreiben die Bevölkerung. Da Ackerland weltweit knapp ist, werden Regenwälder und andere wertvolle Ökosysteme für Anbauflächen zerstört. Die Rodungen vernichten die Artenvielfalt und setzt gewaltige Mengen des in Vegetation und Böden gebundenen Kohlenstoffs frei.

Bitte schreiben Sie an die Staatschefs der G20-Länder und setzen Sie sich für ein Ende des Agrospritwahns ein. Die Welternährung einschließlich der Preisschwankungen von Nahrungsmitteln und Agrarprodukten stehen auf der Tagesordnung des G20-Gipfels. Wir sammeln die Unterschriften und werden sie demnächst übergeben.

Die Studie „Price Volatility in Food and Agricultural Markets: Policy Responses“ der zehn internationalen Organisationen wurde im Auftrag der G20-Staaten erstellt.

https://www.regenwald.org/aktion/791/uno-weltbank-und-oecd-empfehlen-schluss-mit-sogenanntem-biosprit#.TrLiKlr4_WU.facebook

von Michael Bünker. „Rosen statt Getreide“ – vom Hunger in der Welt

„Ein Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet“, stellt der Schweizer Soziologe Jean Ziegler fest. Während mehr als fünf Millionen Menschen in Äthiopien hungern, züchtet eine indische Firma dort auf riesigen Plantagen Rosen für Europa.

Das ist kein Einzelfall: Agrarunternehmen aus Industrie- und Schwellenländern weichen wegen der hohen Bodenpreise in ihrer Heimat zunehmend in Entwicklungsländer aus, auch ans Horn von Afrika. Derweil leidet die Bevölkerung dort unter einer Hungersnot epochalen Ausmaßes. Diese Ernährungskrise geht auf Dürre und Krieg zurück. Hunger gehört am Horn von Afrika zum Alltag, während er in Europa seine Schrecken verloren hat.

Der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker spricht anlässlich des evangelischen Reformationstages über den Hunger in der Welt als Herausforderung und Anfrage an all jene, die von diesen ungerechten Strukturen profitieren.
Gestaltung: Alexandra Mantler-Felnhofer.

Reformationstag. Als Martin Luther vor dem Kaiser gefragt wurde, ob er widerruft, sagt er nein, sein Gewissen sei im Wort Gottes gefangen. Stark und mutig, sich so allein hinzustellen und aller Welt standzuhalten. Eine Haltung, die auch heute dringend gebraucht würde. An die Nachrichten, dass am Horn von Afrika mehr als 11 Millionen Menschen akut unter Hunger leiden und unzählige Kinder sterben, hat man sich fast schon gewöhnt. Das Gewissen ist ruhig. Nur langsam sind die internationalen Hilfsaktionen angelaufen, obwohl diese Katastrophe bereits seit Langem vorausgesehen wurde. Die notwendigen Maßnahmen, von allen Fachleuten seit Jahren gefordert, sind über zwanzig Jahre nur halbherzig angegangen worden. Dazu gehört die nachhaltige Stärkung der lokalen kleinbäuerlichen Strukturen, verbessertes einheimisches Saatgut, Bodenschutz durch Aufforstung, Regenwassersammelbecken und vieles mehr. Die Dürrekatastrophe mag ein Schicksal sein – der Hunger ist es nicht.

Jean Ziegler fordert einen „Aufstand des Gewissens“. Er berichtet immer wieder von einem Erlebnis, das ihn in den frühen 1960er Jahren auf einen neuen Weg geführt hat. Er war als Mitglied einer internationalen Delegation im Kongo. Am Abend gab es in einem der wenigen noblen Hotels einen Empfang. Man stand beisammen und hatte gut zu Essen und zu Trinken. Jean Ziegler berichtet, dass er ans Fenster trat um in den Abend hinauszusehen und da die Gestalten sah, die von allen Seiten auf das Hotel zukamen. Es waren die Hungerleider der Stadt, die an die Abfälle wollten. Darunter viele Kinder. Trotz aller verzweifelten Anstrengung gelang es ihnen nicht, die Barrieren, die das Hotel abschirmten, zu überwinden. „Da beschloss ich“ – so Jean Ziegler – „nie wieder auf der Seite der Henker zu stehen“. Die Verantwortung lässt sich nicht abschieben. Es kommt auf jeden und jede an, da ist niemand, der nicht einen entscheidenden Beitrag leisten könnte.

Die schleichende Katastrophe: Jeder siebte Mensch hungert
VON MAXIMILIAN PLÜCK – zuletzt aktualisiert: 31.10.2011 – 02:30

Düsseldorf (RP). Im April 2008 brennen auf den Straßen von Port au Prince die Barrikaden. Nachdem die Nahrungsmittelpreise auf Haiti innerhalb von nur einem Monat um mehr als 50 Prozent angestiegen sind, bricht in der Hauptstadt und in anderen Orten auf der Karibikinsel eine Revolte aus. Autoreifen brennen, marodierende Banden ziehen plündernd durch die Straßen. Nur mit Mühe gelingt es den Sicherheitskräften nach Tagen, die Ordnung wiederherzustellen. Haiti ist nur ein Beispiel von rund 40 Ländern, die das Frühjahr 2008 in einen Gewaltstrudel stürzt: Im Zuge der damaligen Nahrungsmittel-Preisexplosionen kommt es zu Aufständen etwa in Guinea, Mauretanien, Marokko, Usbekistan, und Jemen. Der Hunger ist längst sicherheitspolitischer Faktor, Auslöser sozialer Unruhen und gewaltsamer Konflikte geworden.

Begreifen, wie brisant die Lage ist, lässt sich in einer Wohlstandsgesellschaft wie der unseren nur schwer. Aufgerüttelt wird die westliche Öffentlichkeit höchstens, wenn es zu Gewaltausbrüchen kommt oder aber zu akuten Hungerkatastrophen wie derzeit am Horn von Afrika. Der ununterbrochene, schleichende Tod dagegen, der sich überwiegend auf der südlichen Erdkugel abspielt, bleibt weitestgehend unbeachtet.

Deshalb bemüht die Autorin Tanja Busse in ihrem Buch „Die Ernährungsdiktatur“ ein Beispiel: den globalen Mittagstisch. Die gesamte Welt nimmt an diesem Tisch Platz, um für eine Stunde zu Mittag zu essen. Von den sieben Milliarden Menschen, die sich um den Tisch scharen, würden zwei Milliarden zu viele Kilos auf die Waage bringen, vier Milliarden Menschen könnten als normal ernährt angesehen werden. Dem gegenüber säße eine Milliarde Menschen, die hungern – jeder Siebte am Tisch. Dauert das Essen nur eine Stunde, würden 4000 Unterernährte tot von ihren Stühlen sinken. Denn nach Angaben des World Food Programme der Vereinten Nationen (WFP) rafft der Hunger jährlich mehr Menschen dahin als Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen. Das Paradoxe: Niemals zuvor wurde so viel Nahrung produziert, gab es so viele dicke Menschen – und so viele hungernde.

Bei dieser Katastrophe handelt es sich nicht ausschließlich um eine Folge von Naturgewalten wie Dürren oder Überschwemmungen. Das WFP konstatiert: „Es gibt genügend Nahrung auf der Welt, um jedem ausreichend Nahrung zur Verfügung zu stellen.“ Es handelt sich um ein Versagen der Marktkräfte. Während der Norden insgesamt zu viel produziert, stellt der Süden zu wenig her. Zudem macht der Autor Wilfried Bommert in seinem Buch „Kein Brot für die Welt“ „ein unglückliches Zusammenspiel mehrerer Triebkräfte“ als Ursache aus, darunter die hohen Ölpreise, den ansteigenden Fleischkonsum in China und Indien sowie Spekulationen.

Ein zentrales Problem bleibt dennoch der Klimawandel. Nach Schätzungen des WFP werden 2050 durch ihn zusätzlich 24 Millionen Menschen von Hunger betroffen sein. Dürren, Überschwemmungen, Zyklone – sie sorgen schon heute dafür, dass die Landwirtschaft in den betroffenen Regionen immer schwieriger, teils sogar unmöglich wird. Nach einer Prognose des UN-Weltklimarats werden ausgerechnet die Länder von extremer Witterung betroffen sein, die zu den Entwicklungsländern zählen und ohnehin durch ihre wachsende Bevölkerung Schwierigkeiten bei der Versorgung haben. Das betrifft insbesondere die Gebiete südlich der Sahara.

Doch auch indirekt sorgt der Klimawandel dafür, dass sich der Hunger verschärft – und zwar von Menschenhand. Die Rede ist von der immer stärkeren Fokussierung auf regenerative Energien. Ethanol und Biodiesel, einst als klimafreundliche Alternative zur endlichen Ressource Erdöl gepriesen, geraten zunehmend in Verruf. Die einfache Gleichung der Kritiker wie Wilfried Bommert: Klimafreundlicher Sprit wird durch leere Teller erkauft. Denn auch die Anbaufläche ist eine begrenzte Ressource. Jedes Stück Land, das für Mais, Raps, Soja, Palmöl und Zuckerrohr zur Herstellung von Biosprit genutzt wird, fehlt zur Produktion von Nahrungsmitteln. „Ackerland wird zum Spekulationsobjekt des 21. Jahrhunderts“, meint Bommert. Noch beschränkt sich der Anbau überwiegend auf Europa und die USA. Allerdings sind die Biosprit-Ziele der Industrienationen so ehrgeizig, dass sie die Rohstoffe für ihren Sprit bald importieren müssen. Das Nachsehen haben die Kleinbauern. 85 Prozent der heute 525 Millionen Bauernhöfe weltweit haben weniger als zwei Hektar Land. Die Welthungerhilfe warnte jüngst bei einer Anhörung im Bundestag vor dem sogenannten „Landgrabbing“. Der Begriff bedeutet nichts anderes, als dass die Kleinbauern enteignet werden. Problem nur: Derzeit sind die Kleinbauern laut UN für 70 Prozent der Nahrungsmittelproduktion verantwortlich.

Und es droht noch von anderer Seite eine Verschärfung: durch die wachsende Fleischnachfrage. Aufstrebende Nationen wie China und Indien passen sich den westlichen Gebräuchen an: Fleischverzehr als Statussymbol. Konnten die Landwirte bis zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts fast gänzlich auf das Füttern von Getreide verzichten, hat sich dies mit der Hochleistungstierzucht geändert. Nahrungskonkurrenz zwischen Tier und Mensch.

Trotz all dieser Probleme reißen die Bemühungen im Kampf gegen den Hunger nicht ab. 2000 folgten zahlreiche Delegationen der Einladung des damaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan, um mit den „Millenniumszielen“ die Welt zu verbessern. Die Delegierten versprachen, bis 2015 den Anteil der Unterernährten an der Weltbevölkerung auf zehn Prozent zu drücken. Kaum jemand glaubt heute angesichts von 14,3 Prozent noch daran, dass sich dieser Wert erreichen lässt. Erst im Februar kletterten die Nahrungsmittelpreise nach Angaben der Welternährungsorganisation über den Höchstwert der Lebensmittelkrise von 2008.

http://nachrichten.rp-online.de/politik/die-schleichende-katastrophe-jeder-siebte-mensch-hungert-1.2534716

Der „Erfolg“ des Nato (US, Deutschen…) krieges in Afganistan zur Befreiung der Frau: Vergewaltigung in der Ehe ist im neuen Afghanistan legal, eine von 11 Frau stirbt während der Schwangerschaft oder Geburt, 39 % der afghanischen Kinder sind unterernährt und dafür wurden Milliarden in den Sand gesetzt, verloren Unzählige ihr Leben, vor allem Afghanen, aber auch Amerikaner, Deutsche, Soldaten aus vielen Ländern: Der Kriegskurs führt zwar zu Aufträgen in der Rüstungsindustrie und schüchtert Länder der Dritten Welt ein, wenn sie sich gegen die Interessen der großen Mächte stellen wollen, aber für die Menschen bringt er nur Leid! Suchen wir endlich andere Weg und erlauben wir unseren (auchrotgrünen)Eliten diesen Wahnsinn nicht mehr!!!http://stopwar.org.uk/index.php/afghanistan-and-pakistan/864-how-america-liberated-the-women-and-children-of-afghanistan

How America liberated the women and children of Afghanistan

19 October 2011
Johnny Barber
Afghanistan and Pakistan

Is the legalisation of rape in marriage, the death of one in 11 women in pregnancy or childbirth, and the malnourishment of 39% of Afghan children what liberation in Afghanistan is meant to look like?


By Johnny Barber
warisacrime.org
16 November 2011


In Kabul, the children are everywhere. You see them scrounging through trash. You see them doing manual labor in the auto body shops, the butchers, and the construction sites. They carry teapots and glasses from shop to shop.

You see them moving through the snarled traffic swirling small pots of pungent incense, warding off evil spirits and trying to collect small change. They can be found sleeping in doorways or in the rubble of destroyed buildings. It is estimated that 70,000 children live on the streets of Kabul.

The big news story on CNN this morning is the excitement generated as hundreds of people line up to buy the newest iphone. I can’t stop thinking of the children sitting in the dirt of the refugee camp, or running down the path pushing old bicycle tires, or the young boy sitting next to his overflowing sacks of collected detritus. He has a deep infection on the corner of his mouth that looks terribly infected.

These images contrast with an image of an old grandfather, dressed in a spotless all white shalwar kameez squatting on the sidewalk outside a huge iron gate, embracing his beautiful young grand daughter in a huge hug, each smiling broadly, one of the few moments of joy I have witnessed on the streets of Kabul.

In Afghanistan, one in five children die before their 5th birthday, (41% of the deaths occur in the first month of life). For the children who make it past the first month, many perish due to preventable and highly treatable conditions including diarrhea and pneumonia. Malnourishment affects 39% of the children, compared to 25% at the start of the U.S. invasion. 52% don’t have access to clean water. 94% of births are not registered.

The children are afforded very little legal protection, especially girls, who are stilled banned from schools in many regions, used as collateral to settle debts, and married through arranged marriages as young as 10 years old.

Though not currently an issue, HIV/AIDS looms as a catastrophic possibility as drug addiction increases significantly, even among women and children. Only 16% of women use modern contraception, and children on the streets are vulnerable to sexual exploitation. This is why the “State of the World’s Mothers” report issued in May 2011 by Save the Children ranked Afghanistan last, with only Somalia providing worse outcomes for their children.

Retired Army Col. John Agoglia said, “A key to America’s long-term national security and one of the best ways for our nation to make friends around the world is by promoting the health of women and children in fragile and emerging nations”–in Afghanistan, this strategy is failing. Not a single public hospital has been built since the invasion. It is not an impossibility; it is a matter of will. Emergency, an Italian NGO, runs 3 hospitals and 30 clinics throughout Afghanistan on a budget of 7 million dollars per year. This is ISAF’s (NATO’s International Security Assistance Force) monthly budget for air-conditioning.

Polls have consistently shown that over 90 percent of Americans believe saving children should be a national priority. Children comprise 65% of the Afghan population. Afghanistan was named the worst place on earth to be a child. In Afghanistan children have been sacrificed by the United States, collateral damage in our “war on terror”.

The mothers of these at risk children are not faring any better. Most are illiterate. Most are chronically malnourished. 1 woman in 11 dies in pregnancy or childbirth, this compares to 1 in 2,100 in the US (the highest of any industrialized nation). In Italy and Ireland, the risk of maternal death is less than 1 in 15,000 and in Greece it’s 1 in 31,800. Skilled health professionals attend only 14% of childbirths. A woman’s life expectancy is barely 45 years of age.

Women are still viewed as property. A law has been passed by the Karzai regime that legalizes marital rape, and requires a woman to get the permission of her husband to leave the house. Domestic violence is a chronic problem. A women who runs away from home (even if escaping violence) is imprisoned. Upon completion of her sentence she is returned to the husband. Self-immolation is still common as desperate women try to get out of impossible situations.

Shortly after the U.S. invasion, Laura Bush said, “The plight of women and children in Afghanistan is a matter of deliberate human cruelty, carried out by those who seek to intimidate and control.”

President Bush said, “Our coalition has liberated Afghanistan and restored fundamental human rights and freedoms to Afghan women, and all the people of Afghanistan.” Actually, the former warlords responsible for the destruction, pillage, and rape of Afghanistan were ushered back into power  by the United States. In 2007, these very same warlords, now Parliamentarians, passed a bill that granted amnesty for any killings during the civil war. A local journalist said, “The killers are the ones holding the pens, writing the law and continuing their crimes.”

When Malalai Joya addressed the Peace Loya Jirga convened in December, 2003, she boldly asked, “Why are we allowing criminals to be present here?” She was thrown out of the assembly. Undeterred, she ran for Parliament, winning in a landslide. She began her maiden speech in Parliament by saying, „My condolences to the people of Afghanistan…“ As she continued speaking, the warlord sitting behind her threatened to rape and kill her.

The MPs voted her out of Parliament and Karzai upheld her ouster. In hiding, she continues to champion women’s rights. She has stated that the only people who can liberate Afghan women are the women themselves. When we spoke briefly to her by phone, she stated that she was surprised to still be alive, and needed to cancel our meeting, as it was too dangerous in the current security situation.

The Red Cross states that the security situation is the worst it has been in 30 years.

In America, as our total defense budget balloons to 667 billion dollars per year, women and children are faring worse as well. In the “State of the World’s Mothers” report, America has dropped from 11th in 2003 to 31st of the developed countries today. We currently rank behind such luminaries as Estonia, Croatia, and Slovakia.

We fall even farther in regards to our children, going from the 4th ranked country to the 34th. Poverty is on the increase with an estimated 1 child in 5 living in poverty. More than 20 million children rely on school lunch programs to keep from going hungry. The number of people living in poverty in America has grown by 2.6 million in just the last 12 months.

Dear reader, I hesitate to bother you with so many statistics, I eliminated the pie charts and graphs, and this report is still dull. After all, the new iphone has Siri, a personal assistant that understands you when you speak. You can verbally instruct it to send a text message, and it does! Now that’s excitement! CNN states there is no need to panic; the Atlanta store has plenty of phones to fill the demand.

Looking only at numbers it is easy to avoid the truth of the enormous amount of human suffering they envelop. Drive through the streets of any American city and these statistics come alive in the swollen ranks of the homeless. Drive through the streets of Kabul and these statistics come alive in the forms of hungry children begging for change.

It is difficult to ascertain what benefit America is deriving from our continued military presence in Afghanistan, though exploitation of natural resources certainly plays a role. Hundreds of billions of dollars are being spent in a military strategy that is failing by all indicators. Yet the politicians in this country continue to back this strategy.

Arms dealers and contractors, like G.E. and Boeing, all with lobbyists on Capitol Hill, continue to reap big financial rewards and in turn reward politicians with financial support. Our politicians claim to be “tough on terror” and profess we are “winning”. But by what measure do they ascertain this?

The only Afghan people benefiting from our presence are the people supporting the occupation forces, the warlords, and the drug lords. As the poppy fields produce record yields “poppy palaces” are springing up all over Kabul, ostentatious signs that someone is benefiting from our interference.

One measure to judge the success of a nation is its ability to protect its most vulnerable populations. America is not succeeding. The plight of women and children in Afghanistan is still a matter of deliberate human cruelty, carried out by those who seek to intimidate and control. When will our politicians hear the desperate cry of the street children of Afghanistan, who, with all the incense in the world, simply can’t ward off the evil of our occupation?

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