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Pressefreiheit

OCCUPY WALL STREET UND US-MEDIEN

Die große Verweigerung

Die Occupy-Bewegung misstraut der Mainstream-Presse und den TV-Sendern in den USA. Deshalb lesen, schauen und produzieren die Aktivisten ihre eigenen Medien.VON DOROTHEA HAHN

Auch er ist besetzt und will mit den Mainstream-Medien nichts zu tun haben. Demonstrant in New York. Bild:  rtr

WASHINGTON taz | Auf der Liberty Plaza in Manhattan – die im Stadtplan von New York den Namen des Spekulanten Zuccotti trägt – gibt es keine Presseschau. Die ausgeschnittenen Artikel aus großen Zeitungen, mit denen sich Protestbewegungen früherer Generationen schmückten, sucht die Reporterin vergeblich. Auch der Verweis auf Fernseh- und Radiosendungen fehlt. Die „99 Prozent“ machen alles selbst. Und alles anders: Ihr Essen. Ihre Teach-ins. Ihre Gesundheitsversorgung. Und ihre Medien.

Sie sind mehrheitlich jung, gebildet und hoch motiviert. Eine künftige Elite, die zu einem schwierigen Zeitpunkt erwachsen wird. Ihr Horizont reicht weiter als jener der meisten US-Amerikaner: Auffallend viele Besetzer haben Reisen ins Ausland gemacht. Beherrschen so exotische Fremdsprachen wie Deutsch. Und fast alle können über politische und ökonomische Verhältnisse diskutieren. Aber die bekannten US-Medien benutzen sie nicht.

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„Die Mainstreammedien verfolgen ihre eigenen politischen Ziele“, sagt Corryn Freeman, „sie sind tendenziös. Und sie veröffentlichen nur, was ihnen in den Kram passt.“ Die zweiundzwanzigjährige Afroamerikanerin besetzt den McPherson Square in Washington. Sie studiert Politik und ist gut informiert. Ihre Quellen sind Blogs, Facebook und Twitter; manchmal ist es auch die Gratiszeitung Express. Aber nie eine gekaufte Tageszeitung. Und nur ganz selten einer der großen US-Fernsehsender.

Das hat nicht nur mit den für eine Studentin hohen Kosten zu tun. Sondern vor allem mit grundsätzlicher Kritik. „Der Sender Fox News, der zum Rupert-Murdoch-Imperium gehört, ist extrem konservativ. CNN, der Ted Turner gehört, ist ein bisschen links. Und MSNBC, der dem General-Electric-Konzern gehört, ist ziemlich links“, sagt sie, „aber ich brauche Informationen. Keine Indoktrination. Eine Meinung kann ich mir selbst bilden.“

Teil des „1 Prozents“

Die „Mainstream Media“ sind Teil des Problems, gegen das die Occupy-Bewegung kämpft: Sie sind Teil des „1 Prozents“, deren Einkommen steigt, während das der anderen sinkt, und bei denen die Fäden der wirtschaftlichen und politischen Macht zusammenlaufen.

Die meisten US-Medien verschweigen die Besetzung in New York wochenlang. Sie reagieren erst, als die Polizei 80 Personen festnimmt und mehrere eingekesselte junge Frauen aus unmittelbarer Nähe mit Pfefferspray traktiert.

„Wenn zwei Leute von der rechten Tea Party in George-Washington-Kostümen über einen Platz paradieren, ist das eine Schlagzeile“, sagt der Anthropologiestudent Michael Oman-Reagan, der sich auf der Liberty Plaza um die Bücherei kümmert, „aber wenn wir hier zu Hunderten wochenlang besetzen und Gesellschaftskritik üben, kommen sie nicht einmal vorbei.“

Statt über US-Medien informieren sich die Besetzer online und über ausländische Medien. Ihre Quellen reichen von dem britischenGuardian bis zur Times of India, von der Deutschen Welle über France 24 und RT, einen russischen Sender in englischer Sprache, bis hin zu dem täglichen einstündigen Online-Nachrichtenprogramm: „Democracy Now„. Auch die US-amerikanische WochenzeitschriftNation ist eine Quelle. Vor allen Dingen aber lesen die Besetzer Blogs und Online-Foren.

Interviews werden mitgefilmt

Auf der Mitte der Liberty Plaza in Manhattan – hinter ein paar im Viereck aufgestellten Tischen, auf denen das Schild „Media“ steht – arbeitet das Hirn der Bewegung. Die Medienleute der Besetzer verstehen sich in erster Linie als Nachrichtenmacher. Sie arbeiten rund um die Uhr. Sie veröffentlichen eine Zeitung auf Englisch und Spanisch: Das großformatige und gratis verteilte Occupied Wall Street Journal. Sie strahlen per Lifestream ihre Vollversammlungen und Demonstrationen in den Rest der Welt aus. Sie produzieren eigene Filme und Radiobeiträge. Und sie twittern.

Zahlreiche Besetzer haben Kameras oder Aufnahmegeräte. Kaum beginnt eine Reporterin ein Interview, wird sie selbst von Besetzern gefilmt und fotografiert. Im Notfall können sie so das Originalinterview neben das von den „Mainstreammedien“ bearbeitete Resultat stellen. Als ein erzkonservativer „Enthüllungsblogger“ auf dem Platz erscheint, läuft er live übers Internet.

Die Liberty Plaza in New York ist – am Anfang der fünften Woche der Besetzung – technisch am besten ausgestattet. Die Aktivisten haben eigene Anlagen für drahtloses Internet und greifen auf einen Pool erfahrener Leute zurück. Auch an den anderen Orten eröffnen die Besetzer als Erstes ein Medienzentrum. Unter Namen wieoccupydc.org, occupyoakland.org und october2011.org strahlen sie Informationen und Debatten aus.

Neuer Zulauf für Blogs

In Washington sitzt eine junge Köchin auf einer Parkbank auf dem McPherson Square. Sie ist 21, hat bereits mehrere Feierabende bei den Besetzern verbracht, ist aber noch unentschlossen, ob sie ganz bleiben soll. Ihren Namen will sie vorerst nicht veröffentlicht sehen. Ihre Annäherung verlief wie die von fast allen Besetzern übers Internet. Die Köchin besitzt keinen eigenen Computer und auch kein eigenes Handy.

Sie hat auf dem Gerät ihres Freundes eine Facebook-Seite angelegt. Sie enthält nichts Persönliches. Stattdessen stehen dort Artikel aus englischsprachigen Medien aus aller Welt über die Federal Reserve, über den Euro und über Mindestlöhne. „Eine Zeitung kaufe ich nicht“, sagt die Köchin, „aber wenn irgendwo etwas Interessantes steht, schickt mir das jemand zu.“ Deshalb weiß sie von Dingen wie dem wochenlangen Hungerstreik von Tausenden Gefängnisinsassen in Kalifornien, von denen die Abonnenten der Washington Post nichts erfahren haben.

Lange vor Beginn der Occupy-Bewegung haben sich Blogs im Web etabliert, die Papierzeitungen ersetzen wollen. Die erhalten nun neuen Zulauf. Manche dieser Blogs bekommen genügend Werbung, um sich einige bezahlte Beschäftigte zu leisten. Darunter SalonFiredoglakeund Daily Kos. Die große Huffington Post hat bereits ins Ausland – nach Großbritannien und Frankreich – expandiert. Politisch stärker engagiert sind Seiten wie Truth Out und Michael Moores Online-Auftritt.

Rob Kall, der in Philadelphia den Blog opednews.com betreibt, veröffentlicht mindestens einen Text pro Tag über die Occupy-Bewegung und ruft auch zu Demonstrationen auf. Er spürt seit dem Beginn der Bewegung eine „neue Intensität in der politischen Debatte“. Und erhält mehr Kommentare als zuvor. Den Erfolg erklärt er so: „Die Mainstreammedien stehen im Dienst der großen Konzerne. Bei uns kommt die Bewegung von unten.“

Auch der Blogger David Swanson aus Virginia macht die Mainstreammedien selbst verantwortlich: „Die Zeitungen sind schlecht. Bringen Celebrity-Klatsch und Tratsch, verhalten sich wie Regierungssprecher und lassen die wichtigsten Themen – das Leben des realen Amerikas – außer Acht.“ Swanson, der nicht nur bloggt, sondern auch besetzt, hat eine Hoffnung: Dass aus der Bewegung nicht nur neue Medien hervorgehen, sondern „dass sie die ganze Kultur ändert“.

http://taz.de/Occupy-Wall-Street-und-US-Medien/!80819/

A series of global protests against economic inequality and corporate greed calling for the “occupation” of different cities, banks, and public squares began in September 2011 with “Occupy Wall Street” in New York City. Soon after, similar demonstrations were organized across the United States and also around the world. It’s a decentralized and leaderless movement, inspired by uprisings in Egypt and Spain, and organized by citizens who use online media avidly. The primary slogan – “We are the 99%” – refers to the 1% of the U.S. population who control nearly a quarter of the wealth.

http://globalvoicesonline.org/specialcoverage/occupy-worldwide/

Afrikas Blogosphäre
Bürgerjournalismus zwischen Kairo und Kapstadt

von Geraldine de Bastion

Der Beitrag politischer Weblogs zur Meinungsbildung und Mobilisierung von gesellschaftlichen Protesten ist ein international viel diskutiertes Thema – jüngst vor allem mit Blick auf den Iran. Der afrikanische Kontinent erscheint auf der Karte des Web 2.0 hingegen zumeist als ein weißer Fleck. Dabei wächst auch zwischen Kairo und Kapstadt die Zahl der politischen Blogs und damit deren Bedeutung für die öffentliche Sphäre und den gesellschaftlichen Diskurs. Welches Potential birgt diese Form der Internetkommunikation, um demokratisches Denken und Handeln – gerade in Ländern mit fragilen partizipativen Strukturen – zu unterstützen und zu fördern?

Ein Internetanschluss stellt die technische Voraussetzung dar, um an den elektronischen Informationsangeboten und Diskussionen teilnehmen zu können. Zwar liegt der Durchschnitt der Internetanbindungen – auch aufgrund der damit verbundenen Kosten – in Afrika mit elf Prozent der Haushalte gegenwärtig immer noch weit unter dem globalen Mittel von 23 Prozent. 1 Dennoch haben der Ausbau der Infrastruktur, unterschiedliche Regulierungsreformen und kreative Geschäftsmodelle in den letzten Jahren zu einem signifikanten Anstieg der Internetnutzung in den meisten Teilen Afrikas geführt. Vor allem durch die rasante Verbreitung von Mobilfunk und gemeinschaftlich genutzter Internetanschlüsse haben sich Nutzungsmodelle entwickelt, die immer mehr Menschen Zugang zum Internet bieten. 2 Dementsprechend finden auch in Afrika sogenannte Web-2.0-Anwendungen zunehmend Verbreitung – für persönliche und kommerzielle, aber auch für politische Zwecke. Dazu gehören soziale Netzwerkdienste wie Facebook oder SMS-Dienste wie Twitter, in erster Linie aber Weblogs.

Einen Überblick zum Stand der afrikanischen Blogger-Community bietet der Aggregator „Afrigator“, der im Juli 2009 über 10 500 afrikanische Blogs aufführte. 3 Südafrika nimmt mit 62 Prozent (rund 6400) der Blogs den weitaus größten Anteil ein, es folgen Nigeria (1094 Blogs), Kenia (555 Blogs) und Ägypten (325 Blogs). Sieben Prozent (etwa 780) der aufgeführten Blogs lassen sich inhaltlich nicht einem Land zuordnen, sondern thematisieren Afrika im Allgemeinen und werden als überregional klassifiziert.
Afrikanische Blogger – Eine wachsende bunte Community

Die Themen der afrikanischen Blogosphäre sind ebenso bunt gestreut wie anderswo: Es wird über Liebe und Sex, Technologie und Geschäftsmodelle, Musik und Tiere wie auch über Entwicklung und Politik geschrieben. Afrikanische Bloggerinnen und Blogger greifen dabei auch Themen auf, die von den Regierungen zensiert werden oder als Tabu gelten, wie beispielsweise Korruption oder Homosexualität. Als wichtigste Themen identifiziert Afrigator Religion, Tourismus, Robert Mugabe, Soziale Netzwerke und die Fußballweltmeisterschaft 2010. 4 Oft steht einfach der Alltag im Vordergrund, wie in dem Blog „Cape Town Daily Photo“. 5 Während es in Südafrika die größte Zahl von Blogs gibt, finden sich die jüngsten, eindrucksvollen Beispiele für deren Nutzung als Mittel des politischen Bürgerjournalismus vorrangig in afrikanischen Staaten mit fragilen Regierungs- und Medienstrukturen.

Im Allgemeinen werden drei Blog-Typen unterschieden: persönliche OnlineJournale, Corporate Blogs und laien- bzw. bürgerjournalistische Blogs. Während sich persönliche Online-Journale eher an einen kleineren Leserkreis richten, adressieren die beiden anderen Typen „politisch relevante Teilöffentlichkeiten“. 6 Bürgerjournalismus, der oftmals mit Laienjournalismus oder partizipativem Journalismus gleichgesetzt wird, beschreibt eine Tätigkeit, wo der Leser, vorzugsweise im Internet, selbst zum Produzenten von Inhalten und damit zum Berichterstatter wird – unabhängig von traditionellen Medienstrukturen. 7 Er beschreibt somit eine Art von nichtprofessionellem Journalismus, der sich durchaus, auch in Vernetzung mit anderen Schreibern, als Instrument der politischen Beteiligung im Sinne partizipatorischer Demokratietheorien versteht.

Afrikas sprachliche Vielfalt, die unterschiedlichen Kulturräume, aber auch die Größe des Kontinents erschweren nicht nur allgemeine Aussagen über die dortige Blogosphäre, auch die Vernetzung unter den afrikanischen Bürgerjournalisten wird dadurch erschwert. Dennoch betrachten sich afrikanische Netzaktivisten unterschiedlicher Regionen wie die Bloggerinnen Sokari Ekine aus Nigeria oder Ory Okolloh aus Kenia bereits seit langem als Teil einer dynamisch wachsenden afrikanischen Online-Community. So betont Ekine, dass es „eine wachsende Anzahl von Leuten mit einem Zugang zum Internet gibt, die mit Blogs und sozialen Medien vertraut sind. Verglichen mit der Gesamtbevölkerung mag dies noch eine Minderheit sein, aber ihre Zuwachsrate ist durchaus bemerkenswert.“ 8

Als Sokari Ekine 2004 zu bloggen begann, war diese Art der Kommunikation noch neu und wenig verbreitet. Da es bis dahin kaum Blogs über Afrika gab, beschäftigte Ekine sich vorrangig mit der Berichterstattung über Länder, die in internationalen Massenmedien kaum Erwähnung finden, bevor sie sich zunehmend auf die Themen Frauenrechte, Homosexualität und soziale Gerechtigkeit spezialisierte.

Auch aus Ory Okollohs Perspektive war die Zusammenarbeit der Blogger für die Entstehung einer lebhaften Blogger-Community entscheidend: „Gerade am Anfang, als wir noch nicht so zahlreich waren, stellten wir sicher, dass wir gegenseitig unsere Blogeinträge kommentierten, damit wir uns auf diese Weise kennenlernten.“ 9
Die vernetzten „Produser“

Die Bloggerinnen und Blogger verstehen die neuen Technologien zudem als Möglichkeit zur Herstellung einer größeren Öffentlichkeit und nutzen sie daher auch als Instrument der politischen Mobilisierung. Durch die einfache Bedienbarkeit von Web-2.0-Angeboten haben mehr Nutzer die Möglichkeit, vom „User“ zum „Produser“ zu werden, Inhalte also nicht nur zu konsumieren, sondern auch selbst zu produzieren. So entstehen neue Formen der medialen Darstellung und Kommunikation, und zwar gerade in den Ländern, in denen eine pluralistische Medienlandschaft fehlt oder marginalisierte Bevölkerungsgruppen in den nationalen und internationalen Massenmedien unterrepräsentiert sind.

Ein Beispiel hierfür ist der „Nata Village Blog“, wo die Einwohner eines kleinen Dorfes in Botswana über die konkreten Auswirkungen der Aids-Pandemie berichten. Statt jedoch ein hoffnungsloses Bild zu zeichnen, ist der Blog überschrieben mit „Nata – Ein Dorf der Hoffnung“. Er berichtet über unterschiedliche Behandlungs- und Selbsthilfemöglichkeiten und gewährt den Austausch zwischen Betroffenen. 10 Ein anderes Beispiel bietet der Blog „Voices of Africa“. Hier bloggen Afrikanerinnen und Afrikaner über ihre Visionen ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung. 11 Auf diese Weise tragen neue Medien durch ihre globale Erreichbarkeit maßgeblich auch dazu bei, stereotype Bilder des afrikanischen Kontinents durch differenziertere Eindrücke zu ersetzen.

In Zeiten von Web-2.0-Technologien geht es aber nicht nur um die Verbreitung von Informationen, sondern vor allem um Austausch mit den Leserinnen und Lesern. Generell gilt auch in Afrika: Nur ein Blog, der regelmäßig aktualisiert, gelesen und kommentiert wird, gilt als „lebendig“. Viele Blogger verstehen sich daher zugleich als schreibende Aktivisten, die andere Menschen aktiv in Diskussionen, beispielsweise über soziale Gerechtigkeit, einbeziehen wollen.

In wachsendem Maße nehmen sich auch die traditionellen Medien ein Beispiel an den Blogs und nutzen deren Kommunikationswerkzeuge. So sucht die nigerianische Tageszeitung „The Vanguard“ gezielt den Dialog mit ihren Leserinnen und Lesern, indem sie dazu einlädt, Online-Artikel zu kommentieren, sogenannte crossmediale Video- und Audioangebote unterbreitet und die Verlinkung ihrer Inhalte innerhalb sozialer Netzwerke zulässt. 12

Inzwischen beginnen auch internationale Medien, auf die wachsende Blog-Landschaft in Afrika zu reagieren. Im Jahr 2007 entschied sich die Nachrichtenagentur Reuters, mit „Global Voices“, einem nicht-kommerziellen, internationalen Netzwerk von Bloggern und Bürgerjournalisten, zusammenzuarbeiten und afrikanische Weblogs in ihr Internetangebot aufzunehmen.
Das Mobilisierungspotential der neuen Medien: Das Beispiel Kenia

Die zunehmende Verbreitung von Weblogs strahlt somit auch auf andere Medien aus. Durch die Verzahnung unterschiedlicher Medien und insbesondere durch die Nutzung von Mobilfunkdiensten erreichen die Bloggerinnen und Blogger auch Menschen, die keinen Zugang zum Internet haben. Eine herausgehobene Rolle spielt aufgrund der hohen Verbreitung von Mobiltelefonen die Verknüpfung von SMS-Nachrichten mit Blogs. So werden beispielsweise über das Telefon verschickte Kurzmitteilungen dafür genutzt, in einem Bottom-up-Prozess Informationen zu sammeln, die anschließend über Internet und Radio verbreitet werden.

Ein anschauliches Beispiel für diese Form der Vernetzung bot Kenia während der Präsidentschaftswahl im Dezember 2007. Zwar hatte sich hier seit den frühen 90er Jahren eine vergleichsweise vielseitige und liberale Medienlandschaft herausgebildet. Im Vorfeld der Wahl nahm die direkte staatliche Einflussnahme auf die Medien jedoch dramatisch zu. Nachdem es unmittelbar im Anschluss an die Wahl zu gewalttätigen Ausschreitungen kam, beschuldigten die Machthaber die Medien, in der politisch aufgeheizten Atmosphäre ihre neutrale, kritische Haltung aufgegeben und die ethnischen Konflikte gefördert zu haben. Daraufhin wurde eine komplette Nachrichtensperre verhängt und schließlich gar ein Verbot von Live-Berichterstattung im Radio ausgesprochen. Weil die Pressefreiheit auf diese Weise mehr und mehr unter Druck geriet, kam den politischen Bloggern in Kenia plötzlich eine besondere Rolle zu: Sie versuchten mittels Internet Informationslücken zu füllen und Licht in die chaotischen Zustände zu bringen.

Daudi Were gilt als Pionier unter den kenianischen Bloggern. Ab dem Tag der Wahl wurden er und weitere politische Blogger per Mobilfunk über aktuelle Entwicklungen in den verschiedenen Regionen und vor allem auch ländlichen Gebieten detailliert informiert. Daudi Were und auch Ory Okolloh nutzten ihre Blogs, um während der Nachrichtensperre aktuelle Informationen aus den Provinzen ebenso wie Neuigkeiten aus Nairobi zu verbreiten und mit ihren Lesern zu diskutieren. Bereits am Nachmittag des ersten Wahltags gelang es ihnen, Diskrepanzen zwischen den Aussagen der Regierung, der Berichterstattung der Massenmedien und den Informationen der Blogger-Community aufzuzeigen.

Die Reichweite der kenianischen Blogs stieg sogar noch, als Radiostationen nach Aufhebung der Rundfunksperren begannen, Blogbeiträge in ihren Sendungen vorzulesen. Statt nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung zu erreichen, erhöhte sich der Radius der sonst nur im Internet verfügbaren Informationen mit Hilfe des Rundfunks auf potentiell 95 Prozent der Kenianer.

Die neuen Medien wurden jedoch von anderen Akteuren zeitgleich dazu genutzt, SMS-Nachrichten zu verschicken, die zur Gewaltanwendung gegen andere ethnische Gruppen aufriefen. Die Verbreitung von Gewaltaufrufen über die Medien, insbesondere das Radio, hatte in Afrika bereits Jahre zuvor in Uganda und Ruanda katastrophale Folgen gezeitigt.

Allerdings erlauben die neuen Medien, im Unterschied zum Radio, eine mehrdirektionale Kommunikation. Diese Tatsache machte sich Michael Joseph, Geschäftsführer des größten kenianischen Mobilfunkanbieters Safaricom, zunutze. Er überzeugte die Regierung, das SMS-System trotz der drohenden Eskalation nicht abzuschalten. Stattdessen versandte der Anbieter an alle seine neun Millionen Kunden Nachrichten, die zu friedlichem Verhalten aufriefen.
„Ushahidi“ und „Crowdsourcing“

Das kenianische Beispiel veranschaulicht, dass die neuen Technologien unterschiedlich genutzt werden können. Letztendlich kommt es auf die Intentionen der User an: So können elektronische wie analoge Medien beispielsweise dazu dienen, sowohl für als auch gegen Gewaltangriffe zu mobilisieren.

Das Mobilisierungspotential der SMS wurde zeitgleich auch von politischen Bloggern erkannt. Binnen einer Woche nach Ausbruch der Gewalt entwickelten kenianische Blogger eine Technologie, die es ermöglicht, per SMS oder Internet übermittelte Informationen mit Hilfe von GoogleMaps zu kartographieren. Sie nutzten diese Technologie, um die Gewaltausbrüche zu lokalisieren, zu dokumentieren und vor ihnen zu warnen. Die Open-Source-Software wurde Ushahidi genannt, nach dem Swahili-Wort für Bericht oder Zeugnis. 13

Ushahidi ist eine Innovation made in Africa. Mittlerweile arbeitet ein Team internationaler Programmierer an der Weiterentwicklung der Crowdsourcing-Software, die bereits in unterschiedlichen Kontexten eingesetzt wurde. 14 So nutzt das Online-Projekt „United for Africa“ Ushahidi, um fremdenfeindliche Übergriffe in Südafrika zu dokumentieren und die Nutzer dabei zu unterstützen, sich gegenseitig zu informieren und Hilfe für Verfolgte zu leisten. 15 Die Website „Stop Stock-Out“ hingegen zeigt mit Hilfe von Ushahidi, wo Lieferengpässe wichtiger Medikamente in Malawi, Kenia, Uganda und Sambia bestehen. 16

Eine weitere in Afrika entwickelte Anwendung zur Förderung politischer Teilhabe ist das nigerianische Network of Mobile Election Monitors (NMEM), das von der lokalen Nichtregierungsorganisation Help Foundation gemeinsam mit den Betreibern von FrontlineSMS entwickelt wurde. Diese Technologie ermöglicht Wahlbeobachtung mit Mobiltelefonen und somit, wie Ushahidi, die Einbindung von Nutzern bei der Erhebung aktueller Daten und lokaler Informationen. Nach einem ersten Testlauf bei einer Regionalwahl wurde das System erfolgreich bei den landesweiten Wahlen am 21. April 2007 eingesetzt. Insgesamt erhielt NMEM über 10 000 Nachrichten von Bürgern, die direkt und dezentral per Handy über die Wahllokale berichteten. Dazu gehörten Meldungen über geregelte Abläufe in Wahllokalen, aber auch über Unregelmäßigkeiten und Zwischenfälle am Wahltag. Widersprüchliche Aussagen aus den gleichen Wahllokalen wurden sorgsam verglichen und überprüft.

Die Auswertung der Informationen ergab, dass die Wahl trotz des positiven Verlaufs in vielen Wahlstationen von Verstößen überschattet wurde – eine Einschätzung, die andere nationale und internationale Wahlbeobachter später teilten. 17
Bloggen im Namen der Freiheit

Die wachsende mediale Vernetzung wird aber nicht nur zur Aggregation von Informationen genutzt, sondern auch, um politischen Widerstand und Protestaktionen zu organisieren.

Zu einer zentralen Vernetzungsplattform für politische Kampagnen ist das soziale Netzwerk Facebook geworden. Als der nigerianische Blogger Jonathan Elendu im Oktober 2008 in der Hauptstadt Abuja festgenommen wurde, verbreitete der Blog „Nigerian Curiosity“ die Meldung über seine Verhaftung. Die Facebook-Gruppe „Free Nigerian Blogger Jonathan Elendu“ informierte zeitgleich über aktuelle Ereignisse und rief zur Unterstützung auf. Wenige Wochen später wurde Elendu, auch dank des im Internet erzeugten öffentlichen Drucks, freigelassen.

Ein anderes Beispiel dafür, wie die Blogger-Community sich dagegen wehrt, dass die Pressefreiheit weiter eingeschränkt und die Internetnutzung stärker reglementiert und kontrolliert wird, bietet Ägypten. Dort werden insbesondere die Blogs, aber auch Facebook und Twitter überwacht. Zugleich häufen sich die Meldungen über Repressionen gegen aktive Blogger: Die Verhaftungen des US-amerikanischen Bloggers Jeff Buck im Jahr 2007, des ägyptischen Bloggers Malek Mustafa im Jahr 2008 und die vier Tage dauernde Inhaftierung des deutsch-ägyptischen Bloggers Philip Rizk Anfang 2009 belegen das harte Vorgehen des Staates. 18 In allen drei Fällen spielten Online-Proteste eine wichtige Rolle für die Freilassung der Blogger. Vor allem der Mikroblogging-Dienst Twitter kam als Informations- und Protestmedium zum Einsatz. Im Fall Rizk schlossen sich mehr als 6500 Unterstützer binnen Tagen einer Gruppe bei Facebook an, die gegen die Inhaftierung protestierte. Über Twitter hielt Rizks Schwester die Community über neueste Entwicklungen auf dem Laufenden.

Aber nicht nur in Ägypten ist die Wachsamkeit der Regierungsbehörden gegenüber Blogs in den letzten Monaten deutlich gestiegen. Auch die Regierungen zahlreicher anderer afrikanischer Staaten versuchen, die in ihren Augen unberechenbaren und daher bedrohlichen Informations- und Protestkanäle wieder zum Schweigen zu bringen – vor allem durch Einschüchterungsversuche sowie technische Zensur- und Überwachungsmaßnahmen, aber auch durch inhaltliche Gegenangebote. So baut Nigeria verstärkt auf eigene „Angebote“ und gezielte inhaltliche Beeinflussung, um gegen die zunehmende regierungskritische Berichterstattung im Netz vorzugehen. Im Rahmen einer staatlichen Informationskampagne sollen mehr als 700 Nigerianer im In- und Ausland rekrutiert werden, um der kritischen Bloggerkultur zu begegnen. 19

Gerade das Vorgehen gegen die neuen Medien und die afrikanischen Bloggerinnen und Blogger zeigen deren gewachsene Bedeutung für Demokratie und Meinungsfreiheit in den jeweiligen Staaten auf. Den unabhängigen Bloggern kommt nicht nur eine wichtige Funktion bei der Verbreitung aktueller lokaler Informationen zu. Mit Hilfe der neuen Medien schaffen sie auch einen Raum für gesellschaftliche Debatten und politische Mobilisierung. Der Kampf der afrikanischen Blogger-Community steht dabei erst am Anfang. Aber die Anfänge lassen hoffen, dass gerade die politische Bedeutung der noch jungen und aktiven Blogger-Community weiter wachsen wird.

1 Vgl. Information Society Statistical Profiles 2009 – Africa, http://www.itu.int/dms_pub/itu-d/opb/ind/D-IND-RPM.AF-2009-PDF-E.pdf, S. 14.
2 Dabei spielt gerade das Mobiltelefon eine wichtige Rolle, dessen Nutzung in Afrika rasant ansteigt: Dort hat bereits jeder Dritte die Möglichkeit, mobil zu telefonieren. Allerdings sind die größten Hindernisse bei der Verbreitung moderner Technologien in Afrika weiterhin mangelnde Versorgung mit Basisinfrastrukturen wie Elektrizität. Dabei haben erfolgreiche Konzepte zum Vertrieb von Mobilfunktechnologie, wie der „Village Phone“-Ansatz, gezeigt, dass auch arme Bevölkerungsschichten neue Technologien nutzen und von ihnen profitieren können.
3 Ein „Aggregator“ ist ein Online-Dienst, der Medientypen und -inhalte bündelt und verfügbar macht.
4 Vgl. http://afrigator.com/topics/summary.
5 Vgl. http://www.capetowndailyphoto.com/
6 Vgl. Klaus Beck, Neue Medien – alte Probleme? Blogs aus medien- und kommunikationsethischer Sicht, in: Kommunikation, Partizpation und Wirkungen im Social Web, Band 1, Deutsche Schriften zur Online-Forschung 2, Köln 2008, S. 63.
7 Vgl. Sven Engesser, Partizpativer Journalismus: Eine Begriffsanalyse, in: Kommunikation, Partizpation und Wirkungen im Social Web, Band 2, DGOF – Deutsche Schriften zur Online-Forschung 2, Köln 2008, S. 64-66.
8 Interview der Autorin mit Sokari Ekine vom 20.7.2009; ihr Blog: http://www.blacklooks.org.
9 Interview der Autorin mit Ory Okolloh vom 7.4.2009; ihr Blog: http://www.kenyanpundit.com.
10 http://natavillage.typepad.com.
11 http://voicesofafrica.info; vgl. auch Christian Kreutz, Exploring the potentials of blogging for development, in: Participatory Learning and Action, 59/2009, S. 28-33.
12 Vgl. http://www.vanguardngr.com.
13 Vgl. http://www.ushahidi.com.
14 „Crowdsourcing“ beschreibt die kollektive, öffentliche Sammlung von Informationen bei gleichzeitiger Plausibilitätskontrolle durch alle Beteiligten.
15 Vgl. http://www.unitedforafrica.co.za.
16 Vgl. stopstockouts.org/ushahidi.
17 Vgl. Rebekah Heacock, Africa: The arrival of Seacom cable sparks debate, Global Voices, 24.07.2009, http://globalvoicesonline.org/2009/07/24/africa-the-arrival-of-seacom-ca…, sowie den Election Monitoring Report des NMEM, http://www.kiwanja.net/miscellaneous/NMEM_Election_Report.pdf.
18 Vgl. hierzu Deutsche Welle, Egyptian activists use Twitter to bust censorship, 2.6.2009; Oliver Trenkamp, Ägypten lässt deutschen Gaza-Blogger frei, in: „Spiegel Online, 11.2.2009. Weitere Beispiele für Verhaftungen von Bloggern unter http://advocacy.globalvoicesonline.org.
19 Vgl. Sahara Reporters, Umaru Yar’adua Regime Launches $5 Million Online War, http://www.saharareporters.com, 16.6.2009.

(aus: »Blätter« 10/2009, Seite 109-115)
Themen: Medien, Afrika und Demokratie

 

http://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2009/oktober/afrikas-blogosphaere

 

 

Julian Assange extradition judgment due on Wednesday

The Wikileaks founder will hear if he’s to become a free man after an 11-month bail or removed to Sweden within 14 days

Wikileaks founder Julian Assange

Wikileaks founder Julian Assange will hear on Wednesday if he is to be extradited to Sweden. Photograph: Dominic Lipinski/PA

Wikileaks founder Julian Assange will find out on Wednesday if he is to be extradited to Sweden to face rape allegations.

Lord Justice Thomas and Mr Justice Ouseley in the high court are due to hand down their judgment in the 40-year-old Australian’s appeal against a European arrest warrant. The warrant was issued by Swedish prosecutors after rape and sexual assault accusations made by two Swedish women following his visit to Stockholm in August 2010.

The high court said the verdict would be issued at 9.45am at the royal courts of justice in what is expected to be another media circus surrounding the hacker turned freedom-of-information activist.

The July extradition appeal hearings were packed with Assange supporters including John Pilger and legal onlookers such as Helena Kennedy QC, as well as a battalion of international journalists and Assange supporters.

If the court finds in Assange’s favour he could become a free man after 11 months living under strict bail conditions in the Norfolk home of Frontline Club owner, Vaughan Smith.

Conversely, he could be removed to Sweden within 14 days of the judgement.

The status of the warrant means that he would have no recourse to the Home Office, according to Julian Knowles, a barrister at Matrix Chambers who has been following the case.

Legal observers believe it is likely that whatever the verdict, either side will seek permission to appeal to the supreme court in London on the grounds that a wider legal principle is at stake. That could see Assange continue on bail into next year, possibly under relaxed conditions, which is the earliest his case is likely to reach the highest court in Britain.

For either Assange or the Swedish prosecutor to take the case to the supreme court, the high court must first be convinced there is a wider issue of „public importance“ at stake in the decision. If the case is won or lost on the basis of fact rather than legal opinion, this is less likely to be granted, Knowles said.

The verdict comes amid growing uncertainty for Assange’s whistleblowing website which in the past 18 months has published hundreds of thousands of classified US government documents relating to the conflicts in Iraq and Afghanistan, as well as 250,000 classified diplomatic cables from US embassies around the world.

This week it said it could be forced to close in the new year thanks to a crippling funding blockade by major banks and credit card companies, which has seen its income plummet.

Assange said donations towards Wikileaks‘ work have never gone to the Swedish extradition case, nor would they in future if the organisation succeeded in a number of legal challenges to the blockade.

The Australian is facing enormous personal legal bills as a result of his extradition case, and is actively soliciting donations towards those costs. While PayPal has blocked donations to Wikileaks, it will still process payments towards Assange’s own legal bills.

Assange’s relationship with his former solicitors, led by Mark Stephens, ended in acrimony; he accused them of withholding the £412,000 advance for his autobiography to cover legal fees which he said arose from „extreme overcharging“. The solicitors, Finers Stephens Innocent, deny the accusation.

Assange is now represented by the prominent human rights lawyerGareth Peirce, who represented the Guildford Four, the Birmingham Six and Guantánamo detainee Moazzam Begg.

http://www.guardian.co.uk/media/2011/oct/28/julian-assange-extradition-judgment

 

Die «Adbusters»-Bewegung wird von Aktivisten, Studenten, Künstlern, Autoren und Unternehmern weltweit unterstützt, die das bestehende Machtsystem torpedieren wollen. Ziel der Bewegung sei es, den heutigen Informationsfluss zugunsten der kleinen Leute zu verändern und gegen die Machtverteilung in der heutigen Welt vorzugehen.

28. Oktober 2011, 12:06, NZZ Online

«Werbeknacker» kämpfen gegen das System

In der Redaktion eines kanadischen Magazins wurde die «Occupy-Bewegung» geboren

Ein Cover des kanadischen «Adbusters»-Magazins. (Bild: cc 2.0 / ClintJCL )ZoomEin Cover des kanadischen «Adbusters»-Magazins. (Bild: cc 2.0 / ClintJCL )

Mit dem Aufruf «Occupy Wall Street» begann eine weltweite Protestbewegung gegen das Bankensystem. Urheber war das konsumkritische kanadische Magazin «Adbusters». Jetzt steht die Einführung der «Robin-Hood-Steuer» auf dem Plan.

Von Alexandra Kohler

Am 17. September begann mit der Besetzung des Zuccotti Parks in Manhattan die «Occupy-Bewegung». Hinter der Protestaktion, die sich inzwischen über den ganzen Globus ausgebreitet hat, steht das kanadische Magazin «Adbusters». Am 13. Juli veröffentlichte das konsumkritische Magazin auf Twitter und auf ihrer Homepage die nun schon berühmt gewordene Parole «Occupy Wall Street» und rief damit zur friedlichen Besetzung des New Yorker Bankenviertels auf.

Jetzt hat «Adbusters» eine neue Aktion geplant. Aktivisten werden aufgerufen, am Samstag, 29. Oktober, für eine Finanztransaktionssteuer auf die Strasse zu gehen. «Robin Hood» heisst die Steuer: Auf alle Transaktionen, die im spekulationsfähigen Bereich –beispielsweise bei Währungen, Aktien oder Nahrungsmitteln – getätigt werden, soll weltweit eine Steuer von 1 Prozent gezahlt werden. Das Vorhaben findet im Hinblick auf den G-20-Gipfel in Cannes in der nächsten Woche statt, wo sich die Weltmächte zur Beratung über internationale Fragen treffen.

Die Aktion «Robin Hood» wird von einer Reihe von Organisationen wie Unicef, Greenpeace und Friends of the Earth, aber auch von bekannten Personen wie Nobelpreisträger Paul Krugman getragen. Die Steuer soll Geld für die öffentlichen Haushalte generieren, das dann im Kampf gegen Armut und den Klimawandel eingesetzt werden kann. Laut der Homepage von «Adbusters» sind schon zahlreiche Demonstrationen in Städten wie Montreal, Sydney und Berlin geplant.

Kritik am Konsumterror

«Adbusters» ist ein künstlerisches und rebellisches Magazin aus Kanada mit einer Auflage von 120’000 Exemplaren. Der Name – übersetzt etwa «Werbeknacker» – zeigt schon, dass es darum geht, Reklame ins Lächerliche zu ziehen und den Konsumterror in der modernen Gesellschaft anzuprangern. Ausdrücklich wird «Adbusters» nicht durch Anzeigen finanziert sondern von Lesern und Mitgliedern der gemeinnützigen Dach-Organisation «Adbusters Media Foundation».

Das Magazin thematisiert Politik, Wirtschaft und aktuelles Weltgeschehen, ist kreativ und oft auch schockierend gestaltet. So bildet die kanadische Zeitschrift zum Beispiel Gewaltszenen und unterernährte Kinder ab. Barack Obama bekommt eine Clownsnase aufgesetzt, Britney Spears «wirbt» zynisch für den Massenkonsum: «Keep shopping, everything is fine».

Brainstorming in der «Adbusters»-Redaktion

Bei einem Brainstorming in der «Adbusters»-Redaktion in Vancouver entstand die Initialzündung für die «Occupy»-Bewegung. Kalle Lasn – der Gründer der Organisation und Herausgeber des dazugehörigen Magazins – grübelte mit seinen Kollegen über Themen für die Juli-Ausgabe, sagte er in einem Interview mit dem Forbes Magazine.

Die Redaktoren, Fotografen und freien Mitarbeiter von «Adbusters» seien von der Bewegung in Tunesien inspririert gewesen und waren der Meinung, Amerika sei reif für eine solche Auflehnung, so Lasn. In der Juli-Ausgabe erschien dann der Slogan «Occupy Wall Street» – übersetzt etwa «besetzt den Finanzplatz» – und der Hashtag wurde auf Twitter publiziert.

Der Aufruf zur Besetzung der Wall Street von «Adbusters». (Bild: cc 2.0 / MichAndrWest)ZoomDer Aufruf zur Besetzung der Wall Street von «Adbusters». (Bild: cc 2.0 / MichAndrWest)

Es dauerte zwei Monate, bis die Bewegung ins Rollen kam. In New York wurde im September der Zuccotti Park in der Nähe der Wall Street besetzt, den Banken der Kampf angesagt. Die Bewegung schwappte auf über achtzig Länder über. In Städten wie Hong Kong, Paris, Rom und auch Zürich campierten wütende Massen auf grossen Plätzen, um gegen den Kapitalismus und soziale Ungerechtigkeit zu demonstrieren – und für den Frieden.

Der stille Anführer der «Occupy»-Bewegung

«Occupy Wall Street» ist nach eigenen Angaben eine Bewegung ohne Anführer. Aber ihr Anführer im Stillen ist Kalle Lasn. Der Chefredaktor von «Adbusters» stammt aus Estland. In seinen 30ern ging er nach Kanada – und blieb. Seine politische Einstellung sei in der Hippie-Bewegung der 60er Jahre in den USA verwurzelt, sagt der 69-Jährige im Interview mit dem Forbes Magazine.

Das berühmte Konzert von Jimi Hendrix beim Woodstockfestival 1969 habe ihn zu seinem Kampf gegen den Konsumterror inspiriert. Die Anhänger von «Occupy Wall Street» erinnern ihn sehr an die Bewegung von damals, so Lasn.

Am 26. November nichts kaufen

Die kanadische Organisation hat nicht nur die «Occupy-Bewegung» ins Leben gerufen, sondern lancierte beispielsweise auch den «Buy Nothing Day». An einem Tag im Jahr sollen die Menschen einfach mal nichts kaufen. In diesem Jahr am 26. November ist internationaler «Buy Nothing Day». Vor allem im Hinblick auf Weihnachten soll darauf aufmerksam gemacht werden, wie viel Unnützes gekauft wird. Laut Adbusters soll die ursprüngliche Bedeutung des Feiertags wieder ins Bewusstsein gerufen werden.

Lasns «Adbusters»-Bewegung wird von Aktivisten, Studenten, Künstlern, Autoren und Unternehmern weltweit unterstützt, die das bestehende Machtsystem torpedieren wollen, heisst es auf der Homepage. Ziel der Bewegung sei es, den heutigen Informationsfluss zugunsten der kleinen Leute zu verändern und gegen die Machtverteilung in der heutigen Welt vorzugehen. Die Bewegung zählt inzwischen knapp 95’000 Mitglieder.

http://www.nzz.ch/nachrichten/panorama/werbeknacker_kaempfen_gegen_das_system_1.13137308.html

Zwei Journalisten bei Angriff in Kasachstan verletzt
Astana/Moskau (dpa) – Im autoritären Kasachstan sind zwei TV-Journalisten mit Baseballschlägern und Gummigeschossen angegriffen und schwer verletzt worden. Vier Männer hätten der Crew aufgelauert, als diese über einen seit Monaten dauernden Ölarbeiterstreik in Aktau am Kaspischen Meer berichten wollte. Das teilte der Fernsehsender Stan-TV am Mittwoch auf seiner Internetseite mit. Bei der Attacke sei auch ein Laptop entwendet worden, hieß es. Die Staatsanwaltschaft der zentralasiatischen Ex-Sowjetrepublik ermittelt nach eigenen Angaben wegen Raubes. Wegen des Streiks sind bereits zahlreiche Arbeiter festgenommen worden.