Archiv

Revolution

Umbruch im Jemen
Eine Frau kämpft für die Demokratie
Von Marc Engelhardt

Jemens Präsident Ali Abdullah Saleh hat seinen Rückzug erklärt, der Weg ist frei für Reformen. Doch Tawakkul Karman, die nun den Friedensnobelpreis erhält, fordert die Revolution. Die Jugend steht hinter ihr.

Wenn es nach Jemens politischer Elite geht, ist die Revolution abgesagt. Schliesslich hat der seit 33 Jahren regierende Präsident Ali Abdullah Saleh gerade mit Brief und Siegel seinen Rücktritt erklärt, knapp neun Monate nachdem eine Gruppe von StudentInnen und jungen AktivistInnen zum ersten Mal gegen ihn auf die Strasse ging. Für Ende Februar sind Neuwahlen angekündigt, bis dahin soll der Oppositionspolitiker Muhammad Basindwa, einst Salehs Aussenminister, eine Übergangsregierung bilden. Die grösste Stammeskonföderation soll bereits eingebunden sein. In den Palästen und ihren Hinterzimmern stehen die Zeichen auf Kompromiss, allenfalls Reformen; nicht auf Umsturz, nicht auf Neuanfang. Genau so will es Saudi-Arabien, der mächtige Nachbar im Norden, der Salehs Abzug ausgehandelt hat.

Doch Jemens Jugend gibt ihre Revolution nicht auf. Diejenigen, die seit Anfang Februar vor der Universität der Hauptstadt Sanaa für den Wandel in ihrem Heimatland kämpfen, wollen sich diesmal nicht mit einer der üblichen Rochaden der Mächtigen zufriedengeben – erst recht nicht jetzt, wo der Präsident endlich gefallen ist.

Die Saleh zugestandene Straffreiheit sei eine Schande, sagt die Galionsfigur der Proteste, die 32-jährige Tawakkul Karman. «Es ist empörend, jemandem Immunität zuzusichern, der für den Tod von Hunderten Revolutionären verantwortlich ist.» Trotz Salehs Rückzug werden Demonstrierende weiterhin erschossen. Auf den Strassen Jemens herrscht weiter Krieg.

Niemand weiss derzeit, wer siegen wird. Denkbar, dass Tawakkul Karman bei der Entgegennahme des Friedensnobelpreises am 10. Dezember in Oslo bereits weitgehend das Scheitern ihres Engagements eingestehen muss – oder dass das Patt in Sanaa dann noch anhält. Mehrfach hat Karman seit der Bekanntgabe ihrer Ehrung an die internationale Gemeinschaft appelliert, die Anliegen der jemenitischen Demokratiebewegung ernst zu nehmen. In einem Kommentar für den britischen «Guardian» bezeichnete sie es als Grundfehler des Westens, im Fall Jemens nur von einer politischen Krise zu sprechen. «Wir Jemeniten bestehen darauf, dass es sich um eine Revolution handelt – nicht nur eine der Worte, sondern eine mit unserem Blut, das das Regime weiterhin vergiesst.» Ihr Volk sei genauso hungrig nach Freiheit und Menschenwürde, wie es die TunesierInnen beim Aufstand gegen Zine al-Abidine Ben Ali gewesen seien.

Über Nacht zur Revolutionärin

Seit Jahren schon legt sich die Menschenrechtlerin mit Salehs Regime an, fordert Pressefreiheit und grundlegende Menschenrechte. Dabei zeichnet sich die Mutter dreier Kinder durch eine beeindruckende Sturheit aus. Als die Regierung sich weigerte, den SMS-Infoservice ihrer Organisation «Journalistinnen ohne Ketten» zu genehmigen, stellte Karman kurzerhand einen Antrag auf Zulassung eines Radio- und Fernsehsenders. «Ein Blick ins jemenitische Fernsehen, und man sieht, wo die Wurzel allen Übels liegt», sagte Karman damals. «Die Verherrlichung des Präsidenten ist das Einzige, worauf es den Kontrolleuren des Ministeriums ankommt. Solange sich diese Mentalität nicht ändert, wird es keinen Fortschritt hin zu freien Medien im Jemen geben.» Auch ihre grossen Sprüche machten die charismatische Frau schnell berühmt.

Auf Transparenten kämpften Karman und ihre Mitstreiterinnen gegen die Zensur im Land. Sie prangerten an, wie korrumpiert das traditionelle Rechtssystem in den Dörfern sei, und forderten ein Ende von Zwangsverheiratungen und Jugendehen. Karman, die früh in die grösste Oppositionspartei al-Islah eintrat, war damals keine Revoluzzerin. Sie wollte Veränderungen innerhalb des Systems erreichen. Bis sie am 14. Januar im Autoradio von Ben Alis Rücktritt erfuhr. Mehr als 10 000  DemonstrantInnen hatten über Stunden vor dem Regierungspalast in Tunis seinen Rücktritt gefordert. Auf einmal befand sich der Präsident im Flugzeug in der Luft, auf der Flucht vor seinem Volk.

Nun schien alles möglich. Am folgenden Abend stellte sich Karman mit ein paar Freundinnen auf den Platz vor der Universität. Ein paar Dutzend kamen. Sie riefen «Geh Saleh, geh», oder: «Das Volk will den Sturz des Regimes.» Am Abend darauf kamen schon ein paar mehr. Gemeinsam liefen die Demonstrantinnen zur tunesischen Botschaft und forderten dort Salehs Rücktritt. Karman war aufgekratzt, konnte es kaum fassen. Aus der Reformerin war über Nacht eine Revolutionärin geworden.

Im Gefängnis

Salehs Sicherheitsapparat sah nicht lange zu. Am 22. Januar, eine Woche nach dem ersten Protest, wurde Karmans Auto an den Strassenrand gedrängt. Eine Gruppe von Männern in Zivil zerrte Karman aus dem Auto und fuhr sie direkt ins Gefängnis. «Ich habe nach einem Haftbefehl gefragt, aber es gab keinen», sagte sie MitdemonstrantInnen Stunden später durch das vergitterte Zellenfenster. «Sie waren brutal, und sie haben mir nicht gesagt, wer sie sind oder was sie wollen.» Das Gespräch mit Karman zeichneten ihre FreundInnen mit einem Handy auf, das Video stellten sie ins Internet. Gleichzeitig verkündeten sie bei der Demonstration, zu der sich wieder Hunderte vor der Universität zusammenfanden, was passiert war.

An diesem Abend zogen so viele DemonstrantInnen durch Sanaas Strassen wie nie zuvor. Ständig schlossen sich neue Leute dem Zug an. Sie riefen: «Freiheit für Tawakkul Karman», und trugen Transparente mit deren Foto durch die Strassen. Es war aussergewöhnlich, dass sich so viele Männer für die Freilassung einer Frau einsetzten – das hatte es im patriarchalischen Jemen noch nie gegeben. Am nächsten Morgen wurde Karman freigelassen. Kurze Zeit später war sie wieder auf der Strasse und führte einen neuen Protestzug an. «Wir werden weiterkämpfen, bis Ali Abdullah Saleh und sein Regime fallen», kündigte sie eine Woche nach ihrer Verhaftung an.

Tawakkul Karman ist eine ungewöhnliche Revolutionärin. So gut wie möglich versucht sie, Familie und Aktivismus miteinander zu vereinbaren. Während die Kinder im Wohnzimmer zu Abend essen, verfolgt sie die Fernsehnachrichten. Ein Team von al-Dschasira ist dabei, als sie die kleine Tochter mit einer Spider-Man-Bettdecke zudeckt und ihr einen Gutenachtkuss gibt. Das Regime hat unterdessen alles versucht, um die immer prominentere Karman zum Rückzug zu bewegen. «Mir wurde mit Gefängnis und dem Tod gedroht», sagt sie. «Man hat mir auch Geld angeboten und ein Regierungsamt.» Doch sie beugt sich nicht. Ihrem Bruder Tarek liess Saleh persönlich mitteilen: «Bring deine Schwester unter Kontrolle. Jeder, der mir nicht gehorcht, wird getötet werden.» Karmans ältere Tochter sagte in einem Fernsehinterview: «Ich bin stolz auf meine Mutter, aber ich mache mir auch Sorgen.» Ihrem Mann geht es ähnlich. «Ich musste ihr schon bei der Hochzeit versprechen, sie nie von ihrem politischen Engagement abzuhalten», sagt er. «Ich wünschte, ich wäre selbst in der Lage, das zu tun, was sie kann – aber weil dem nicht so ist, unterstütze ich sie bei allem, was sie tut.»

Eine Islamistin?

Was als politisches Machtspiel begann, ist schnell zu einem Kampf auf Leben und Tod geworden. Für Saleh ging es von Anfang an um alles. Die Jugendrevolte hatte ihm gerade noch gefehlt. Im Norden haben die Huthirebellen – eine Allianz schiitischer Stämme aus dem unwegsamen Grenzgebiet zu Saudi-Arabien, die die Errichtung eines Gottesstaats fordern – die Kontrolle über immer grössere Gebiete und auch die grösste Stadt der Region, Saada, übernommen. Im Süden Jemens, wo die wichtigen Ölreserven liegen, ist unterdessen die Unabhängigkeitsbewegung immer stärker geworden. Zudem ist der Staat beinahe pleite.

Umso aggressiver reagierte Saleh. Als sich am 18. März DemonstrantInnen zu einem Massenprotest vor der Universität zusammenfanden, liess er erstmals Scharfschützen auf den Dächern der umliegenden Häuser platzieren. Am Abend waren mindestens 53 DemonstrantInnen tot, mehr als hundert schwer verletzt. Ausländische Medien, die die Proteste im Jemen über den Entwicklungen in Ägypten, Libyen und Syrien fast vergessen hatten, sprachen von einem Blutbad.

Einstige Gefolgsleute Salehs spürten an diesem Tag dessen Schwäche und setzten sich ab. Formal haben sie ihre Unterstützung für die Demokratiebewegung erklärt, doch in Wirklichkeit verfolgen viele der bewaffneten Gruppen eigene Interessen. Karman kommt gelegentlich in Erklärungsnot, etwa als Abdul Madschid al-Sindani, der von den USA als Al-Kaida-Terrorist gebrandmarkte Führer des islamistischen Flügels der Islah, vor Demonstranten den Gottesstaat ausruft. «Wir hatten einen Streit darüber, ob wir al-Sindani sprechen lassen sollen», sagte Karman später. «Ich war dagegen. Wir sind eine Jugendbewegung, keine religiöse.»

Das neue Selbstbewusstsein

Immer wieder muss Karman sich vorwerfen lassen, den IslamistInnen nahezustehen. «Die Extremisten hassen mich», sagt sie dann. «Sie lassen in den Moscheen gegen mich hetzen und verdammen mich als unislamisch.» Zur Islah hat sie mit der Zeit ein gespaltenes Verhältnis entwickelt. Die Partei sei für sie als Frau die beste Möglichkeit gewesen, politisch Einfluss zu nehmen, sagt sie. «Ich spreche nicht für die Islah-Partei, und ich bin nicht an ihre Beschlüsse gebunden», sagt Karman, die anders als die meisten Jemenitinnen keinen Gesichtsschleier trägt. «Es sind alleine meine Überzeugungen, die meine Positionen prägen, und ich frage niemanden um Erlaubnis.»

Die Islamismus-Vorwürfe gegen Karman bedienen Ressentiments, die den Westen seit Beginn der Proteste von klaren Botschaften abgehalten haben. Der Jemen ist seit langem für die Terrorgefahr durch Al-Kaida-Zellen berüchtigt, die der jetzt abtretende Präsident Saleh immer wieder heraufbeschworen hat – nicht zuletzt, um Geld und Unterstützung aus den USA zu sichern. Eine Revolution mit ungewissem Ausgang scheint das Letzte, was der Westen riskieren will. Karmans eigener Vorschlag eines vom Volk bestimmten Übergangsrats klingt vielen in Washington und anderswo zu unberechenbar. Nicht wenige ihrer MitstreiterInnen befürchten deshalb, dass der Plan der alten Garde aus dem Ausland unterstützt werden wird.

Doch die junge Bevölkerungsmehrheit hat in den vergangenen Monaten ein ungekanntes Selbstbewusstsein entwickelt, das ihr niemand mehr nehmen kann. Die saudische Aktivistin Eman al-Nafdschan ist sich sicher, dass der Friedensnobelpreis für Tawakkul Karman die Rolle der Frauen in der arabischen Welt auf Dauer stärken wird. «Bisher hat man uns Frauen in der arabischen Welt nicht ernst genommen; aber das wird sich ändern, jetzt wo der Rest der Welt uns wahrnimmt.» Die Zukunft der Revolution im Jemen liegt auf den Schultern der Jugend – und vor allem der jungen Frauen.

Marc Engelhardts Biografien der Nobelpreisträgerinnen Tawakkul Karman, Ellen Johnson Sirleaf und Leymah Gbowee, «Starke Frauen für den Frieden», sind gerade im Herder-Verlag (Freiburg im Breisgau) erschienen.

http://www.woz.ch/artikel/2011/nr48/international/21478.html

„Die Leute werden wie Tiere behandelt“

Interview | Anna Giulia Fink, 24. November 2011 11:41
  • Artikelbild:  Am Mittwoch hätten mehrere Demonstranten von einer neuen Art von Gas erzählt, das stärker ist als das

 bisherige Tränengas, berichtet Wessam A. Farag Alieldin. - Foto: REUTERS/Ahmed Jadallah

    Am Mittwoch hätten mehrere Demonstranten von einer neuen Art von Gas erzählt, das stärker ist als das bisherige Tränengas, berichtet Wessam A. Farag Alieldin.

  • Artikelbild: Wessam A. Farag Alieldin ist Historiker an der Mansoura Universität. - Foto: Mansoura University

    Wessam A. Farag Alieldin ist Historiker an der Mansoura Universität.


Historiker Wessam Farag Alieldin über den verzweifelten Versuch der ägyptischen Jugend, aus dem „Aufstand“ eine „Revolution“ zu machen

Wenn Wessam A. Farag Alieldin von den ägyptischen Demonstranten, ihrem Frust und Ärger spricht, dann fällt oft das Wort „Wir“. Wessam Farag ist Historiker an der Mansoura Universität. Er lebt in Alexandria, der zweitgrößten Stadt Ägyptens und neben Kairo einer der Hauptschauplätze der Demonstrationen im ganzen Land. Wie er die Proteste erlebt hat, wie er den möglichen Wahlausgang einschätzt und welche Rolle Religion in der jetzigen Situation spielt, erklärt er im Interview mit derStandard.at.

  • MEHR ZUM THEMA
  • Druck:ALLES OKI. Top-Drucker hier günstiger!
  • Zentrum:Günstig reisen ab € 9,-! Jetzt auf oebb.at
  • Geld:Bank Austria – Partner in allen Geldfragen
  • weg:Fernweh? Jetzt buchen auf austrian.com
  • Werbung

****

derStandard.at: Welche Auswege gibt es jetzt in Ägypten? Wird der Militärrat dem Druck der Demonstranten nachgeben oder wird er mit noch mehr Gewalt reagieren?

Wessam A. Farag Alieldin: Prognosen sind im Moment sehr schwierig. Den Jungen am Tahrir-Platz in Kairo und auf den anderen Plätzen im ganzen Land reichen die Worte des Feldmarschalls Mohammed Hussein Tantawi nicht. Außerdem kommen sie zu spät. Sie sind sauer, dass sie von Samstag bis Dienstag komplett ignoriert wurden. Dabei hat sich bereits unter Mubarak gezeigt: Die Forderungen auf der Straße nehmen zu, je länger die Antwort auf der anderen Seite ausbleibt. Zu den Forderungen, dass die Armee die Macht abgeben soll, kommen jetzt die Beschwerde und das Entsetzen über das Vorgehen der Sicherheitskräfte hinzu.

derStandard.at: Was könnte dieser ungewisse Ausgang für die Wahlen bedeuten?

Wessam A. Farag Alieldin: Wir sind uns nicht sicher, wie diese Wahlen vonstattengehen sollen, weil wir nicht wissen, wer sie überwachen soll. Wenn die Sicherheitskräfte gegen die Leute vorgehen und das Militär sie beschützt, wer garantiert dann, dass wir frei wählen und anschließend sicher nach Hause kommen? Die Gesellschaft ist entzweit, viel mehr als bei den Protesten im Jänner. Damals war es eine Kraft gegen Mubaraks Regime. Die Leute, die vergangenen Samstag erstmals wieder auf die Straße gegangen sind, sind dieselben, die den Aufstand im Jänner angefangen haben. Sie haben sich betrogen gefühlt von der Armee, die die Ziele der Revolution nicht erfüllt hat und das alte Regime aufrechterhält. Die Demonstranten, die sich am Samstag auf den Tahrir Platz gestellt haben, wollten eine Entschädigung für die Verwundungen, die sie von den Jänner-Aufständen davongetragen haben. Der Militärrat hatte lange Zeit, ihnen zu helfen oder zumindest Hoffnung zu geben, hat ihnen aber nicht einmal Aufmerksamkeit geschenkt.

derStandard.at: Es gibt Medienberichte, laut denen das Vorgehen gegen die Demonstranten in Alexandria brutaler ist als in Kairo, weil in Alexandria die Medienaufmerksamkeit nicht in dem Maß vorhanden ist. Wie haben Sie das erlebt?

Wessam A. Farag Alieldin: Die Brutalität ist dieselbe, aber die „Bühnen“ sind anders. In Alexandria haben wir drei verschiedene Orte, wo Demonstrationen stattfinden. Angefangen haben sie im Zentrum, dann gingen sie über zum Hauptquartier des Militärs, dann zu jenem der Sicherheitskräfte. Dort ist man ein leichteres Ziel als am Tahrir Platz in Kairo, deswegen ist die Gewalt auch sichtbarer gewesen.

Aber die Demonstranten, die von den Sicherheitskräften festgenommen wurden, erzählen an beiden Orten dieselben Geschichten, etwa dass ihnen ihr Handy und Geld weggenommen wurde. Das ist die Taktik der Sicherheitskräfte, ihre Mentalität hat sich mit Mubaraks Sturz nicht automatisch geändert. Die Ägypter träumen von einem neuen Ägypten, dafür müssen aber auch die Sicherheitskräfte neu aufgestellt werden. Der erste Schritt wäre einmal, die Menschen mit Würde zu behandeln. Viele beklagen das und ich habe es selbst erlebt: Leichen werden einfach wie Müll an den Straßenrand geworfen. Im Fernsehen haben sie eine junge Demonstrantin gezeigt, die das beobachtet und geschrien hat: „Seit wann werden Tote wie Müll behandelt?“.

Um zu der Frage der Rolle der Medien zurückzukommen: Ohne sie würden sicher noch mehr Verbrechen passieren. Am Dienstag wurde etwa auf allen Kanälen, in allen Talkshows, auf Facebook und Twitter von dem jungen Soldaten gesprochen, der dabei gefilmt wurde, wie er seinem Offizier dazu gratulierte, einem Demonstranten ins Auge geschossen zu haben. Sein Foto war überall und kurz darauf wurde von den Demonstranten Geld angeboten für denjenigen, der seinen Namen ausfindig macht. Innerhalb einer halben Stunde wusste man seinen Namen, seine Dienstnummer und seine Privatadresse.

derStandard.at: Es gibt Berichte von Helikoptern, die aus der Luft Tränengas auf die Demonstranten in Alexandria abwerfen.

Wessam A. Farag Alieldin: Davon habe ich auch nur gehört, ebenso wie von den Berichten, dass das Tränengas von der U-Bahn-Station unter dem Tahrir Platz aus gekommen sein soll. Was mit Sicherheit stimmt ist, dass das Tränengas von den Sicherheitskräften abgefeuert wird. Nach der Rede von Feldmarschall Tantawi haben mehrere Demonstranten außerdem von einer neuen Art von Gas gesprochen, das stärker ist als das bisherige Tränengas. Auch in Alexandria ist davon die Rede. Derzeit wird es laut Berichten noch analysiert, da es erstmals in der Nacht auf Mittwoch aufgekommen ist.

derStandard.at: Was ist mit der schweigenden Masse Ägyptens? Wird sie sich mit den Versprechungen der Armee zufrieden geben?

Wessam A. Farag Alieldin: Die Leute werden verprügelt und wie Tiere behandelt, oder noch schlechter. Dieses brutale Vorgehen hat alles noch einmal verschärft. Leute, die eigentlich nicht an den Demonstrationen teilgenommen haben, haben sich doch angeschlossen, nachdem sie Bilder gesehen haben, etwa einer junge Frau, die an den Haaren die Straße entlang gezogen wurde. Das Vertrauen in die Armee ist weg. Eingebüßt hat sie den Respekt ohnehin schon davor, aber jetzt ist er endgültig weg. Ich selbst bin 65 Jahre alt, die meisten Politiker gehen auf die 60 zu. Die Zukunft gehört nicht uns, die Zukunft gehört den jungen Menschen auf der Straße. Die meisten von ihnen sind zwischen 18 und 40, die Zukunft Ägyptens gehört ihnen. Das versteht die Armee nicht. Sie ignoriert sie und behandelt sie wie Kinder.

derStandard.at: Was halten Sie von den Spekulationen, laut denen das Militär die Demonstrationen provoziert hat, um den Wahltermin nach hinten zu verschieben?

Wessam A. Farag Alieldin: Das glauben hier viele. Ich glaube nicht, dass die Armee mit dem Gewaltausbruch von Samstag zusammenhängt. Das Misstrauen gegen die Sicherheitskräfte sitzt ohnehin tief, man hat nicht vergessen, wie sie im Jänner gegen die Leute vorgegangen ist. Das Militär aber wurde zumindest bis zum 9. Oktober, mit der brutalen Niederschlagung der Kopten-Demonstration, weitgehend respektiert. Danach hat das Militär an Respekt verloren, nicht nur unter den Christen, sondern auch bei den Muslimen.

derStandard.at: Wie schätzen Sie die Rolle der Muslimbrüder ein?

Wessam A. Farag Alieldin: Die Muslimbrüder sind schon lange Teil der Gesellschaft, haben der Gewalt abgeschworen und sind schon lange eine politische, sehr gut organisierte Partei. Gleichzeitig ist die Geschichte der Muslimbrüder eine opportunistische. Sie wussten schon immer, wie sie Gelegenheiten zu ihrem Vorteil nutzen können. Sie sind im Jänner erst dann auf die Straße gegangen, als junge Studenten und Intellektuelle demonstriert haben.

Dieses Mal haben sie bis vergangenen Montag immer wieder erklärt, nicht an den Demonstrationen teilzunehmen und das damit begründet, die Lage nicht eskalieren lassen zu wollen. Nachdem sie am Montag mit anderen Oppositionsparteien zusammengekommen sind, wollten dann doch einige ihrer Mitglieder zu den Demonstrationen. Das war für die Demonstranten zu spät, die Leute haben sie zurückgedrängt. Als sie gemerkt haben, dass sie zurückgewiesen wurden von den Demonstranten, haben sie wieder deklariert, dass sie nicht teilnehmen werden. Der politische Verlierer in der ganzen Situation, sind in meinen Augen die Muslimbrüder. Sie haben ihre Glaubwürdigkeit verloren, viele junge Menschen, die sie zuvor unterstützt haben, wenden ihnen jetzt den Rücken zu.

derStandard.at: An einem Wahlsieg der Muslimbrüder zweifelt trotzdem keiner.

Wessam A. Farag Alieldin: Ich erwarte mir 20 bis 25 Prozent für die Muslimbrüder, also nicht mehr als ein Drittel der Parlamentssitze. Die Jungen haben verstanden, dass sie Freiheit nur durch Fortschritt und Weiterentwicklung erreichen können. Sie wollen Demokratie; der Trend geht weg von Radikalen und Fanatikern und hin zu Liberalen und Säkularen. Das sieht man bei vielen, ich bemerke dieses Umdenken auch bei meinen Freunden, Verwandten und an der Universität.

derStandard.at: Inwiefern spielt Religion eine Rolle in der jetzigen Situation?

Wessam A. Farag Alieldin: Sie spielt eine Rolle, aber natürlich kann man das nicht so schwarz-weiß sehen, denn Religion war in der ägyptischen Kultur schon immer tief verwurzelt. Aber das Religionsbekenntnis hat viel mehr Facetten und Kategorien als etwa in Europa. Die Menschen hier sind gläubig, niemand würde sich gegen Religion an sich aussprechen, Muslime genauso wenig wie Kopten. Gleichzeitig können aber genauso gut liberale Vorstellungen und Religion zusammenpassen. Und in diese Richtung geht der Trend.

derStandard.at: Im Westen scheint man sich dennoch vor einer Machtübernahme religiöser Parteien zu fürchten, wie auch der Umgang mit dem Wahlsieg in Tunesien gezeigt hat.

Wessam A. Farag Alieldin: Ich verstehe die Gründe für diese Angst prinzipiell. Sie haben schließlich auch einen historischen Hintergrund, der nicht einfach vergessen wird, angefangen bei den Ottomanen. Aber der Westen muss auch sehen, dass ein neuer religiöser Diskurs stattfindet in der muslimischen Welt. Ich selbst bin moderater Muslim. Europa muss realisieren, dass Muslim nicht gleich Muslim ist. Vor einem Wahlsieg der Muslimbrüder muss man keine Angst haben.

derStandard.at: Die radikalislamischen Salafisten hingegen fielen nach dem Umsturz mit ihren radikalen Forderungen auf. Etwa als sie vereinzelt Alkoholläden und Sufi-Schreine mit der Begründung, sie seien unislamisch, angriffen oder Frauen auf Wahlplakaten entfernten.

Wessam A. Farag Alieldin: Die stellen viel mehr ein Problem dar. Sie haben sich erst nach dem Umsturz organisiert, ihre Anführer sind – im Gegensatz zu den Muslimbrüdern – kaum gebildet, deswegen agieren sie chaotisch und reden zum Teil wirres Zeug. Sie könnten schon vereinzelt im Parlament sitzen, aber nicht in großer Anzahl. Ein Problem stellen sie eher dar, wenn die Muslimbrüder eine Allianz mit ihnen eingehen. Zusammen könnten Sie wohl 30 bis 35 Prozent erreichen.

derStandard.at: Was ist die größte Errungenschaft der Revolution?

Wessam A. Farag Alieldin: Bis vergangenen Freitag hätte ich „Aufstand“ dazu gesagt, nicht „Revolution“. Wer von einer Revolution spricht, der meint eine drastische Transformation in der Gesellschaft und den politischen Institutionen. Das wurde in Ägypten nicht erreicht. „Freiheit, Würde, soziale Gerechtigkeit“: Dieser Slogan aus den Protesten von Jänner blieb den Menschen bisher verwehrt, auch wenn Mubarak weg und seine Partei aufgelöst ist. Die jungen Leute versuchen jetzt aus dem „Aufstand“ eine „Revolution“ zu machen. (fin, derStandard.at, 23.11.2011)