Archiv

Türkei

Angreifer von Istanbul wollte „Massaker wie in Norwegen“
02. Dezember 2011 16:21
Amateur-Video hielt Szenen der Schießerei an Topkapi-Palast fest

Istanbul – Der Angreifer, der am Mittwoch in der Altstadt von Istanbul auf das Gelände des Topkapi-Palastes vorgedrungen war, wollte laut Fernsehberichten ein Massaker wie der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik verüben. Das gehe aus Videoaufnahmen des Schusswechsels zwischen dem Angreifer und der Polizei hervor, berichtete der türkische Nachrichtensender NTV am Freitag. Die Aufnahmen stammen von einem Touristen.

„Ich richte hier ein Blutbad an wie in Norwegen“, rief der Angreifer, der 36-jährige Libyer Samir Salem Ali Elmadhavri, laut NTV auf Englisch. Auf dem Video ist zu sehen, wie ein hinter einem Baum im Palastgarten verschanzter Soldat sich einen Schusswechsel mit dem Angreifer liefert, der aus einem Raum in der dicken Außenmauer des Palastes heraus feuert.

Nach Medienberichten fand auf dem Gelände des Palasts zur Zeit des Angriffes ein Lehrgang für Sicherheitskräfte statt; deshalb sei der Soldat sofort zur Stelle gewesen. Er hinderte den Angreifer mit ständigem Beschuss daran, von der Außenmauer weiter auf das Palastgelände vorzudringen. Am Eingang zu dem Gelände hatte der Libyer zwei Wachleute mit Schüssen verletzt. Später trafen Sondereinheiten der Sicherheitskräfte ein, die Elmadhavri töteten.

Die Istanbuler Behörden gehen davon aus, dass Elmadhavri möglicherweise viele Menschen getötet hätte, wenn er nicht am Eingang zum Palastgelände gestoppt worden wäre. Nach türkischen Medienberichten hielten sich rund 300 Besucher in der Nähe der Schießerei auf. Die Behörden hätten einigen Touristen auf dem weitläufigen Palastgelände gesagt, die Schüsse stammten von Filmaufnahmen. (APA)

Am Internationalen Tag gegen Gewalt gegenüber Frauen stellte sich die Türkei an die Spitze der Gewaltgegner – und ratifizierte als erstes Land eine Konvention des Europarates, die diese Gewalt bekämpfen will. Da müssen mindestens 200 männliche Abgeordnete mitgestimmt haben, denn im türkischen Parlament sitzen nur neun Prozent Frauen.

Metin Uca, Fernsehmoderator, auf einer Männerdemo in Istanbul:

“In einer Zeit, in der Gewalt gegen Frauen als normal gilt und legitim, ist es gut, wenn Männer zeigen, dass da nicht jeder dahintersteht. Ich meine, das ist entscheidend.”

Findet eine Passantin gut:Leben

“Ich bin stolz auf diese Männer. Nicht auf alle Männer. Ich bin stolz auf die, die so denken.”

Gewalt gegen Frauen ist noch immer die häufigste Menschenrechtsverletzung – und jene, die am wenigsten verfolgt wird. In der Türkei zum Beispiel wurden seit Anfang des Jahres mehr als 100 Frauen im Kreise ihrer Familie umgebracht.

Nach UNO-Schätzung erlebt mehr als die Hälfte aller Frauen weltweit mindestens einmal in ihrem Leben sexuelle oder physische Gewalt. In Europa passiert das jeder sechsten Frau über 16, und zwar zuhause.

mit todayszaman

Türkischer Ministerpräsident bricht mit Tabu
Erdogan entschuldigt sich für Massaker an Kurden

Der türkische Ministerpräsident Erdogan hat sich offiziell für die Tötung von knapp 14.000 alevitischen Kurden durch türkische Regierungstruppen in den 30er-Jahren entschuldigt. Es ist das erste Mal, dass sich die Türkei für vom Staat begangene Verbrechen an ethnischen Minderheiten entschuldigt.

Von Reinhard Baumgarten, ARD-Hörfunkstudio Istanbul

Entschuldigt sich für die Tötung alevitischer Kurden in den 30er-Jahren: Der türkische Ministerpräsident Erdogan.
Der türkische Regierungschef und AKP-Vorsitzende Recep Tayyip Erdogan hat sich für die Tötung von etwa 14.000 alevitischen Kurden in den 30er-Jahren entschuldigt. Damals hatten in der ostanatolischen Stadt Tunceli Regierungstruppen Aufstände kurdischer Stämme brutal niedergeschlagen. Erdogan sagte heute in Ankara: „Wenn es notwendig ist, sich im Namen des Staates zu entschuldigen, dann tue ich dies hiermit – ich entschuldige mich!“ Die Gewalttaten, so Erdogan, gehörten zu den „tragischsten und schmerzhaftesten Ereignissen“ der neueren türkischen Geschichte.
13.806 Kurden getötet

Bei Luft- und Bodengriffen sowie anschließenden Exekutionen waren in den Jahren 1937 und 1938 in der damaligen Provinz Dersim im Osten der Türkei nach offiziellen Angaben 13.806 Menschen getötet worden. Die Provinz ist von alevitischen Kurden bewohnt und wurde nach der Niederschlagung der Rebellion in Tunceli umbenannt. An den damaligen Luftangriffen war mit Sabiha Gökcen auch die erste Kampfpilotin der Welt und Adoptivtochter von Republikgründer Mustafa Kemal Atatürk beteiligt. Nach ihr ist der zweite internationale Flughafen Istanbuls benannt.
Appell an Opposition

Erdogan appellierte an den Parteivorsitzenden der oppositionellen Republikanische Volkspartei, Kemal Kilicdaroglu, sich ebenfalls im Namen seiner Partei zu entschuldigen. Die Republikanische Volkspartei war von Atatürk ins Leben gerufen worden und war bis 1946 in einem Einparteienstaat in alleiniger Regierungsverantwortung und somit auch verantwortlich für den Feldzug gegen die Kurden Ostanatoliens. Mit der heutigen Entschuldigung durch Regierungschef Erdogan bricht die Türkei mit einem Tabu und entschuldigt sich erstmals für vom Staat begangene Verbrechen an einer ethnischen Minderheit.
Kein Wort zum Völkermord an Armeniern

Zu Verbrechen, die während der Endphase des Osmanischen Reiches an Armeniern begangenen worden sind, sagte Erdogan dagegen nichts. Seit Jahrzehnten fordern Armenier innerhalb und außerhalb der Türkei, dass das Land als Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reiches die Verantwortung für den Tod mehrerer Hunderttausend Armenier im Jahr 1915 übernimmt. Armenische Verbände vor allem in den USA und Frankreich werfen den Osmanen vor, einen Genozid an ihrem Volk begangen zu haben. Die Regierung weist diese Anschuldigung entschieden zurück.

 

http://www.tagesschau.de/ausland/erdogan210.html

Keine Freiheit für Palästina, donnert Washington

von Eric Margolis

17.09.2011 — ericmargolis.com / Antikrieg.com

Können wir in den kommenden Tagen einen großen Fortschritt für das langjährige Streben der Palästinenser nach einem eigenen Staat erwarten? Eher nicht. Die Palästinenserbehörde (PA) sagt, sie will bei der UNO-Generalversammlung den Antrag stellen, von einer „Beobachtergruppe“ zu einem „Beobachterstaat“ aufgewertet zu werden. Diese bürokratisch klingende Änderung scheint kaum weltbewegend zu sein. Der Vatikan ist ein “Beobachterstaat.”

Die Erde bebt aber doch. Die Mehrheit der Staaten der Erde hat die Nase voll vom endlosen Leiden der staatslosen Palästinenser und unterstützt die Schaffung eines Palästinenserstaates in der West Bank und Gaza.

Der immer einflussreichere türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan reiste in der vergangenen Woche nach Kairo und sprach für die Welt: „Lasst uns die palästinensische Fahne erheben und soll diese Fahne das Symbol für Frieden und Gerechtigkeit im Mittleren Osten sein.“

Die Vereinigten Staaten von Amerika zappeln verzweifelt, um ein zustimmendes Ergebnis bei der Abstimmung in der UNO abzuwenden. Washington droht, gegen jedes propalästinensische Ergebnis sein Veto im UN-Sicherheitsrat einzulegen – der allein einem neuen Staat den Status eines Staats verleihen kann. Die Vereinigten Staaten von Amerika setzen ihre Alliierten und die von ihnen abhängigen Staaten massiv unter Druck, gegen eine Resolution in der Generalversammlung zu stimmen.

Abgesehen von Drohungen und Erpressung sind die Vereinigten Staaten von Amerika, Israel und das neuerdings proisraelische Kanada weitgehend isoliert in dieser Angelegenheit. Israel ist ganz panisch und setzt seinen ganzen mächtigen Einfluss ein, um eine Abstimmung abzuwenden. Seine erzrechte Regierung bedroht das palästinensische Territorium mit nicht näher bezeichneten „schwerwiegenden Konsequenzen.“

Eine außertourliche Kongresswahl in New York City in der vergangenen Woche gab Israel und seinen amerikanischen Unterstützern mächtige neue Munition. Ein demokratischer Kandidat in einem traditionell demokratischen Bezirk fuhr eine massive Niederlage ein, nachdem ihm und Präsident Barack Obama vorgeworfen worden war, „Israel unter einen Bus zu stoßen.“

Außenministerin Hillary Clinton führt das antipalästinensische diplomatische Treiben an. Sie hat eindeutig politische Ambitionen für die Zukunft und schmiert den Unterstützern Israels Honig ums Maul. Ihr Ziel ist es, die schwache palästinensische Führung, welche Kritiker als Handlanger Israels und der Vereinigten Staaten von Amerika bezeichnen, dazu zu zwingen, eine Art verwässerten Kompromiss zu akzeptieren, der Israel nicht auf die Palme bringt.

Die rechtsgerichtete israelische Regierung Benjamin Netanyahus kontrolliert eindeutig Washingtons Mittelostpolitik durch ihre Lobby in den Vereinigten Staaten von Amerika. Das hat die Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika in der muslimischen Welt in einer Zeit vergiftet, in der die amerikanische Herrschaft über die turbulente Region schwächer wird.

Der Türke Erdogan bezeichnete Israel als „Amerikas verdorbenes Kind,” eine Ansicht, die von vielen geteilt wird. Die Flugzeugentführer vom 9/11, die New York und Washington angegriffen haben, machten klar, dass sie damit Amerika für seine unbestrittene Unterstützung der Unterdrückung Palästinas durch Israel bestrafen wollten. Weitere Attacken werden wahrscheinlich folgen.

In einer schwarzen Komödie werden die Bemühungen der Vereinigten Staaten von Amerika, den Anführer der PA Mahmoud Abbas in die Knie zu zwingen, von Dennis Ross, einem der zuverlässigsten Parteigänger Israels in der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika geleitet. Der Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika, immer aufgeschlossen für die Anliegen Israels, droht alle Zahlungen für palästinensische Flüchtlinge und alle Abteilungen der UNO einzustellen, die diese unterstützen.

Israel, das nicht mehr länger mit der stillschweigenden Unterstützung von Ägyptens früherem Herrscher Hosni Mubarak oder den rechtsstehenden türkischen Generälen rechnen kann, fühlt sich zunehmend isoliert. Noch immer kann es aber mit der bedingungslosen Unterstützung durch die Vereinigten Staaten von Amerika rechnen.

Viele Außenstehende glauben, dass eine Zwei-Staaten-Lösung zwischen Israel und den Palästinensern möglich ist unter der Voraussetzung, dass einige ärgerliche Details gelöst werden können. Ich habe vor kurzem ein Buch über dieses Thema herausgegeben und teile diese rosige Ansicht nicht.

Israels erzrechte Likud-Partei und ihre semifaschistischen Koalitionspartner sind entschlossen, die gesamte West Bank und die Golanhöhen zu behalten. Laut demjenigen, den Israel noch am ehesten als Weisen aufzuweisen hat, Uri Avnery, weigert sich Likud nicht nur, die Grenzen Israels zu definieren, es gibt eine mächtige Fraktion, die eine weitere territoriale Expansion nach Syrien und in den Libanon anstrebt.

Israels Strategie war es, endlose, faule „Friedensgespräche” zu führen, während es schnell die Siedlungen in der West Bank und am Golan ausweitete. Wie ein Palästinenser treffend bemerkte, verhandeln sein Volk und Israel über eine Pizza, während Israel diese isst.

Während jetzt Präsident Obama ständig schwächer wird, blickt Israel einem Sieg der Republikaner im Jahr 2012 entgegen, der einen neuen Präsidenten und Kongress bringen wird, die sogar noch proisraelischer sein werden als Israels eigene Knesset.

Eine Aufwertung des UNO-Status des Waisenkindes Palästina wird nichts dazu beitragen, um diese grundlegenden Probleme anzugehen. Immerhin wird sie aber bewirken, dass die Misere der Palästinenser im Blickfeld der Weltöffentlichkeit bleibt. Sie wird ganz sicher aufzeigen, dass die Vereinigten Staaten von Amerika und Israel auf der falschen Seite von Geschichte und Gerechtigkeit stehen.

Anmerkungen

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von www.antikrieg.com.

Eric Margolis Eric Margolis ist ein albanisch-amerikanischer Journalist. Seine Artikel erscheinen in der New York Times, dem International Herald Tribune, der Los Angeles Times und

http://www.bpb.de/publikationen/Y7LXTQ

50 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei

 

Seiten 56
Erscheinungsdatum 24.10.2011
Erscheinungsort Bonn
Bestellnummer 7143
Bereitstellungs-
pauschale
0,00 EUR

 

Inhalt
  • PDF-Version (2.730 KB)

    Das „Wirtschaftswunder“ in den 1950er und frühen 1960er Jahren veränderte die Bundesrepublik Deutschland nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich. Mit dem Wachstum und der Abriegelung der innerdeutschen Grenze entstand ein derart starker Arbeitskräftebedarf, dass Arbeitskräfte aus dem Ausland angeworben werden mussten. Die damals gebräuchliche Bezeichnung „Gastarbeiter“ drückte die Vorstellung aus, dass die Arbeitskräfte eines Tages wieder in ihre Heimatländer zurückkehren würden, weshalb weder sie noch staatliche Stellen Integrationsstrategien entwickelten.

    Die Spätfolgen des damaligen Versäumnisses, Arbeitskräfte nicht als Mitbürgerinnen und Mitbürger „mitgedacht“ zu haben, treten mittlerweile offener zutage: Der Ausbau und die Anpassung öffentlicher Einrichtungen wie der kommunalen Infrastruktur oder auch die Neufassung des „gesellschaftlichen Wir“ wurden lange Jahre vernachlässigt. Die gesellschaftlichen Strukturen in Deutschland waren auf Verschiedenheit nicht ausgelegt. Das belastet bis heute das soziale Klima. Diese Versäumnisse gilt es, nachzuholen, um die Potenziale einer Einwanderungsgesellschaft freizusetzen.

 

Inhalt
Editorial (Asiye Öztürk)
Wie fremd sind uns „die Türken“? – Essay (Haci-Halil Uslucan)
Skandal und Konflikt: Deutsch-türkische Themen (Stefan Luft)
Vielfalt der türkeistämmigen Bevölkerung in Deutschland (Jan Hanrath)
Zur Lage der Türkeistämmigen auf dem sich wandelnden Arbeitsmarkt (Aysel Yollu-Tok)
Fachkräftebedarf und Zuwanderung: Geschichte und Perspektiven (Sven Rahner)
Verwundbarkeit des Alterns in der Migration. Lebensrealitäten der türkeistämmigen älteren Bevölkerung (Christoph Reinprecht)
Eltern-Kind-Beziehungen in Einwandererfamilien aus der Türkei (Helen Baykara-Krumme / Daniela Klaus / Anja Steinbach)
Wirklichkeit schaffen: Integration als Dispositiv – Essay (Paul Mecheril)

50 Jahre türkische Einwanderung

Programmschwerpunkt im Radiofeuilleton

Als vor 50 Jahren die ersten türkischen „Gastarbeiter“ nach Deutschland kamen, glaubte niemand, dass dies eine Langzeitbeziehung werden würde. Doch die Türkinnen und Türken kamen, und viele von ihnen blieben. Sie haben das Gesicht dieses Landes verändert. Sie brachten nicht nur den Döner und das Kopftuch ins deutsche Straßenbild, Mesut Özil in die Bundesliga und Fatih Akin in die deutschen Kinos, sondern auch Diskussionen um die deutsche „Leitkultur“ und Integrationsdebatten in die Feuilletons.

Die Themen im Überblick:

Samstag, 22.10.2011

9.00 bis 11.00 Uhr:
Vom Gastarbeiterland zum Einwanderungsland
50 Jahre Türken in Deutschland

Radiofeuilleton – Im Gespräch mit der Journalistin und Autorin Hatice Akyün und unseren Hörerinnen und Hörern

Montag, 24.10.2011:
9.07 Uhr:
Wie Deutschland ein Einwanderungsland wurde – 50 Jahre „Anwerbeabkommen“ – Beitrag von Dorothea Jung

Der lange Weg zum Einwanderungsland – Wie die türkischen Einwanderer Deutschland veränderten
Gespräch mit Zafer Senocak, Schriftsteller

14.07 Uhr
Großstadtrap auf deutsch-türkisch – in Berlin hat sich eine eigene Musikszene gegründet
Gespräch mit Ünal Yüksel, Musikproduzent